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HERMANN SCHAFFSTEIN VERLAG

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Oüo Julius Bierbaum, Zäpfcl Kerns Abcnlcuer


Zäpfel Kerns Abenteuer

Eine deutsche Kasperlegeschichte in dreiundvierzig Kapiteln

Frei nach Collodis italienischer Puppenhistorie Pinocchio von

OTTO JULIUS BIERBAUM

Hermann Schaffstein Verlag in Köln

Federzeichnungen von Arpad Schmidhammer Einband von Prof. Fritz Loehr Bearbeitete Ausgabe vom Jahre 1949 94. bis 96. Tausend der Gesamtauflage

Printed in Germany Copyright 1905 by Hermann Schaffstein Verlag, Köln Alle Rechte, auch die des auszugsweisen Nachdrucks, der photomechanischen Wiedergabe und der Übersetzung, Vorbehalten

Der genaue Titel des ausgezeichneten Collodischen Buches, mit dem Zäpfel Kern die Grundlinie der Handlung gemeinsam hat (doch auch von ihr schon zuweilen wesentlich abweichend und im übrigen nach Form und Inhalt so ausgesprochen deutsch, wie jenes ausgesprochen italienisch ist), lautet: Le avventure di Pinocchio. Storia di un burattino. (Firenze. R. Bemporad & Figlio). Es hat in Italien eine beispiellose Verbreitung gewonnen und ist zum Grundstock einer ganzen Literatur geworden. Einer eigentlichen Übersetzung widerstrebt die streng nationale Eigenart des für Italien zu klassischer Bedeutung gelangten Werkes, doch reizte es gerade darum zu einer ganz freien, selbständig deutschen Behandlung seines aufs glücklichste erfundenen Stoffes.

Der guten und schönen FEE

FRAU DSCHEMMA

die ihrem ZÄPFEL KERN schon so vieles Gute getan hat und immer noch tut in großer Liebe und Verehrung gewidmet

am Wiwwi-Teiche beim Monte Ro'en im Sommer Eintausendneunhundertund fünf

Erstes Kapitel

Was dem Tischlermeister Gottlieb, genannt Pflaume, mit einem Stück Holz passierte

Der alte Meister Gottlieb, der in seinem Leben schon so viele Tische, Stühle, Schränke, Laden, Kommoden, Bettstellen gemacht hatte, daß man das ganze Schloß des Kaisers damit hätte vollstellen können, saß vor seiner Werkstatt und rauchte seine Pfeife. Denn es war Feierabend, und sein Tagewerk war getan.

Da klopfte es an die Türe, und ein kleines, buckliges Männchen trat herein, das einen langen weißen Bart und so hellblaue Augen hatte, daß man glauben konnte, es hätte zwei Stücke vom Himmel im Ge* sicht. Mit diesen Augen lachte das Männchen gar wunderlich, indem es sprach: „Du, Meister Pflaume, sieh mal, was ich da habe!“

„Was sollst du denn weiter haben“, antwortete Meister Gottlieb; — „ein Scheit Holz hast du in der Hand. Übrigens verbitte ich mir, daß du mich Pflaume nennst. Ich heiße Gottlieb —“

„Na ja doch“, kicherte das Männchen, „ist schon gut. Gottlieb heißt du, aber Meister Pflaume bist du, denn deine Nase ist blau wie eine reife Pflaume. Das kommt wohl vom vielen Hobeln? Hehel“

„Wovon ich meine rote Nase habe, denn sie ist bloß rot und noch lange nicht blau, geht dich so viel an, wie mich angeht, wovon du deinen Buckel hast“, antwortete der alte Gottlieb. „Aber was willst du denn mit dem Holz?“

„Aus dem sollst du mir ein Tischbein machen, Meister Pflaume. Das heißt: wenn du kannstl Aber ich glaube, du kannst es nicht“, erwiderte das Männchen.

„Was? Ich soll kein Tischbein aus dem Stück Tannenholz machen können?“ rief Meister Gottlieb ärgerlich aus; „als ob es das erste Tischbein wäre, das bei mir bestellt worden istl Das wäre noch schöner! Zeig mal her!“

Das Männchen schob ihm das Stück Holz mit einem sonderbaren Lächeln hin, und Meister Gottlieb betrachtete es aufmerksam. Es war ein armdickes Stück Tannenholz, etwa von der Höhe eines kleinen Jungen von fünf Jahren, und Meister Pflaume erkannte sofort, daß es von einem jungen Tannen-stämmchen herrührte. Wo es oben und unten abgesägt war, quoll gelbes Harz heraus, das frisch wie Wald roch, und rundherum saß feste braune Rinde.

„Aus dem Stück kann ein Lehrbub ein Tischbein machen“, murmelte der Meister.

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„Na, na“, sagte das Männchen, „wenn du dich nur nicht irrstl“

Da wurde aber Meister Pflaume wild und rief: „Potz Hobel und Sägespän’! In einer Viertelstunde ist das Tischbein fertig, und wenn’s gleich schon Feierabend ist. Du kannst darauf warten.“

Aber das Männchen zog seine langen grauen Brauen hoch, zwinkerte dann mit den Augen, wak-kelte mit seinem großen Kopf hin undherund sprach: „So viel Zeit habe ich nicht, Meister Pflaume! Ich muß heute abend noch in den Wald zurück. Meine Kinder erwarten mich. Das da heißt Zäpfel Kern.“

„Was heißt Zäpfel Kern?“ fragte erstaunt Meister Gottlieb.

„Das Kind da“, antwortete der Alte.

„Was für ein Kind?“

„Das hölzerne da, aus dem du dir einbildest, ein Tischbein machen zu können.“

Meister Pflaume sah den Alten groß an und schüttelte den Kopf; dann sprach er: „Ich glaube, du willst mich zum Narren haben!“

„Gott behüte“, sagte das Männchen.

„Oder bist du selber einer?“

„Ein Narr, meinst du?“

„Na ja! Was redst du auch von einem Kind, das gar nicht da ist.“

„Du siehst es bloß nicht.“

„Dummes Zeug. Ein Stück Holz, punktum. In einer Viertelstunde ist es ein Tischbein/'

„Oder auch nicht.“

„Wollen wir wetten?“

„Nein, denn du würdest doch verlieren. Ich will

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dir lieber sagen, warum das Kind Zapf el Kern heißt."

„Unsinn!“

„Wart ab, Meister Pflaume! Es heißt Zäpfel Kern, weil es aus einem Tannenzapfen oder genauer aus einem Kern in einem Tannenzapfen gekommen ist. Aus einem Kern voller Leben, Meister Pflaume! Paß nur auf! Du wirst es schon merken! — Und nun leb wohl! Und viel Glückl“

Sprach’s und war mit einem Mal verschwunden. Meister Gottlieb starrte auf den Fleck, wo er eben das bucklige Männchen noch hatte stehen sehen, und kratzte sich dann, wie er immer zu tun pflegte, wenn er erstaunt war, unter seiner Perücke, denn vom vielen Hobeln waren ihm die Haare ausgegangen. Dann murmelte er: „Ich glaube, der Alte hat zu viel Wacholderschnaps getrunken.“

Das brachte ihn auf eine Idee. Er ging zu einem Schrank, nahm eine Flasche heraus, setzte sie an den Mund und machte brr, nachdem er einen tüchtigen Schluck genommen hatte, brr! Wischte dann mit dem Handrücken den Mund und sagte zu sich selber: „Nun wollen wir aber doch mal sehen, ob wir noch ein Tischbein machen können!“

Und er nahm seine gut geschliffene Axt in die rechte Hand, hielt mit der linken das Stück Holz vor sich hin und holte aus. — Da, — was war das? Seine Hand blieb mit der Axt mitten im Hieb in der Luft stehen, denn er hatte deutlich ein dünnes Stimmchen vernommen, das sprach: „Nicht so derb, Meister Pflaume!“

„Nanu?“ murmelte er und ließ seine Blicke rings in der Werkstatt herumwandern, „wer hat sich denn hier versteckt?“

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Und er stand auf und revidierte. Sah unter die Hobelbank — nichts. Schaute in den Sägespänekorb — niemand. Guckte in den Schrank — keine Seele. Blickte zur Türe hinaus auf die Straße — kein Mensch.

„Aha!“ murmelte er und lachte dazu, „die Stimme kam aus der Wacholderflasche 1 Ich hab’ einen Schluck übern Durst genommen . . . Aber das Tischbein muß trotzdem heute abend noch fertig werden!“ Und er nahm die Axt und ließ sie auf das Iiolz niedersausen, daß ein großes Stück Rinde absplitterte.

Kaum daß dies geschehen war, schrie es laut auf: „Au, au! du tust mir aber wehl“

Meister Pflaume ließ Axt und Holz fallen und machte kein sehr gescheites Gesicht. Er fuhr sich mit beiden Händen unter die Perücke, kratzte sich den kahlen Kopf und rief mit bebenden Lippen:„Das .. . das .. . das ist doch . .. das geht doch nicht mit rechten Dingen zu! Wie kommt denn das Stück Holz dazu, au zu schreien? Holz kann zwar weinen, aber doch nur Harz! Hat man es je gehört, daß ein Stück Holz schreit?“

Und er sah das Stück Holz mit weit herausstehenden Augen an; aber das lag nicht anders da als sonst ein Stück Holz: steif, starr, stumm.

Meister Pflaume stieß es mit dem Fuß an und sprach: „He, du! du! Bist du’s gewesen? Na?“ Das Holz wackelte ein bißchen und lag dann still.

Meister Pflaume fuhr sich mit den Fingern in die Ohren und murmelte: „Schäm dich, alter Gottliebl So alt und noch so dumm! Aber das kommt davon, wenn man noch nach Feierabend arbeitet. Das beste

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wäre, ich schmisse das Stück in den Ofen und kochte mir eine Suppe davon. — Aber nein, da würde mich der Bucklige auslachen. Also her mit dem Hobel!“ Und er legte das Holz auf eine Hobelbank, setzte den Hobel an und führte ihn mit ruhigen Strichen hin und her. Erst kreischte es nur leise, wie das Holz immer tut, wenn die Hobelspäne sich wie Locken von ihm kräuseln, aber plötzlich klang’s wie halb unterdrücktes Kichern: „Nicht doch! Nicht doch! Du kitzelst mich ja am Bauch!“

Das war zuviel für Meister Pflaume. Er ließ den Hobel fallen und setzte sich breit auf die Erde. Sein zahnloser Mund öffnete sich weit, die Zunge streckte sich in höchstem Entsetzen hervor, und seine Nase wurde vor Grausen dunkel blau.

Zweites Kapitel

Meister Pflaume wird das gefährliche Stück Holz auf gute Weise an seinen Freund Meister Zorntiegel los, der eine gelbe Perücke und davon einen Spitznamen hat

Wie Meister Pflaume so auf dem Erdboden saß und sich wunderte, daß seine Nase noch blauer werden konnte, als sie für gewöhnlich war, klopfte es an die Türe.

Froh, daß ihm jemand Gesellschaft leisten wollte in dieser Dämmerung voll unheimlicher Stimmen, rief Meister Pflaume, ohne sich zu erheben: „Herein!“

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und es erschien sein alter Freund Meister Zorntiegel, ein sehr lebhafter alter Mann, der immer große Pläne in seinem Kopf, auf seinem Kopf aber eine gelbe Perücke hatte, von der ihm der Spitzname Nudelhaar geworden war, denn wirklich, diese falschen Haare hatten ganz die Farbe von Suppennudeln. Da aber Meister Zorntiegel große Stücke auf seine Perücke hielt und fest davon überzeugt war, daß sie das schönste Kunstwerk aus Haaren sei, das auf der ganzen Welt existierte, versetzte es ihn in die höchste Wut, wenn ihn jemand bei diesem Namen nannte.

Wie er nun seinen alten Freund so auf der Erde sitzen sah, rief er aus: „Guten Abend, Meister Gottlieb! Könnt Ihr bloß Stühle machen, aber auf keinem Stuhl sitzen?“

„Ich sitze, wo ich Lust habe“, antwortete Meister Gottlieb.

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„Aber die Ameisen werden Euch in die Hosen kriechen“, entgegnete Meister Zorntiegel.

„Wenigstens stellen sie keine dummen Fragen“, erwiderte Meister Pflaume. „Aber was führt Euch denn heute abend noch zu mir her?“

„Meine Beine“, antwortete Meister Zorntiegel. „Das seh’ ich, daß Ihr nicht in einem Automobil angefahren kommt“, antwortete Meister Pflaume.

Worauf Meister Zorntiegel sagte: „Spaß beiseite, alter Freund! Es scheint, Ihr seid heute nicht bei gutem Humor. Hoffentlich schlagt Ihr mir trotzdem meine Bitte nicht ab.“

„Also heraus mit der Sprache“, rief Meister Pflaume und rappelte sich auf, so daß er nun nur noch auf dem Fußboden kniete.

Und Meister Zorntiegel begann: „Ich habe eine Idee!“

„Die habt Ihr immer.“

„Gott sei Lob und Dank, ja! Aber diese Idee wird machen,daß ich einesTages auchGeld haben werde.“ „Dann ist es eine gute Idee.“

„Eine ganz ausgezeichnete Idee, lieber Freund. Ich will Theaterdirektor werden.“

„Seid Ihr sicher, daß Ihr dabei Geld verdienen werdet?“

„Vollkommen sicher, alter Gottlieb! Ich will nämlich nicht mit lebendigen Komödianten herumziehen, sondern mit künstlichen.“

„Aha! Die essen nicht, die trinken nicht und verlangen keine Gage. Ihr seid ein Schlaumeier.“

„Nein, ich bin ein Genie.“

„Meinen Segen habt Ihr. Aber was soll ich Euch dann helfen?“

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„Hört nur zul Das erste, was ich brauche und was ich mir fabrizieren will, ist eine Kasperlepuppe, die tanzen, fechten und purzelbaumschlagen kann.“

In diesem Augenblick rief in der Dunkelheit eine Stimme: „Bravo, Meister Nudelhaarl“

Dies hören und mit geballten Fäusten auf Meister Pflaume losgehen, war für Meister Zorntiegel eins.

„Was schimpft Ihr mich?“

„Wer schimpft Euch?“

„Ihr! Ihr habt Meister Nudelhaar gesagt.“

„Ich habe kein Wort gesagtl“

„Dann bin wohl ich es gewesen?“

„Vielleicht.“

„Ihr wart es!“

„Neinl“

„Jal“

„Nein!“

„Jal“

Und nun fielen sie übereinander her, als wollten sie sich umbringen. Sie balgten sich wie zwei Kater auf dem Dach und kugelten sich ebenso auf dem Fußboden herum. Als sie genug von diesem Vergnügen hatten, fand es sich, daß Meister Pflaume die gelbe Perücke Meister Zorntiegels in der Hand, und Meister Zorntiegel die graue Perücke Meister Pflau-mes zwischen den Zähnen hielt.

„Meine Perücke her!“ schrie der Mann mit der ausgezeichneten Idee.

„Gib mir meine, wenn du sie nicht ganz aufgefressen hast!“ schrie der Tischler.

Darauf wechselten sie gegenseitig die haarigen Siegeszeichen aus, gaben sich die Hand und schwu-

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ren einander, von nun an die besten Freunde zu bleiben bis ans Ende ihrer Tage.

Und Meister Pflaume sprach: „Zum Beweis dafür will ich Euch sofort den Gefallen tun, den Ihr von mir haben wollt. Wenn ich nur erst wüßte, welchen!“ Meister Zorntiegel aber erwiderte ganz sanft: „Ich möchte bloß ein Stück Holz von Euch haben zu der Puppe, die ich machen will.“

„Wenn’s weiter nichts ist“, sagte derTischler, „das Stück Holz sollt Ihr gleich haben.“ Sprach’s und holte, froh, es loszuwerden, das Stück, das ihm so unheimlich mitgespielt hatte, aus der Ecke, wo es jetzt lag.

Wie er es aber dem Freund übergeben wollte, da, merkwürdig, gab sich das einen Schwung und schlug dem armen Meister Zorntiegel mit voller Wucht auf das Schienbein.

Der rieb sich die schmerzende Stelle und schrie: „Sapperlot, Sapperlot! Ich wollte was geschenkt und nichts aufs Schienbein haben.“

„Ich habe Euch nichts aufs Schienbein gegeben“, knurrte der Tischler ärgerlich.

Das brachte den zornmütigen Zorntiegel gleich wieder außer sich, und er rief: „Also habe ich mich wohl selber zu meinem Vergnügen aufs Schienbein gehauen?“

„Das Holz war’s“, erklärte Meister Pflaume. „Natürlich war’s keine Wurst“, entgegnete Meister Nudelhaar, „aber das Holz war in Eurer Hand!“ „Es ist mir ausgerutscht.“

„Geschlagen habt Ihr mich!“

„1st mir nicht eingefallen.“

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„Doch I “

„Nein!“

„Doch!“

„Nein!“

„Ihr seid ein Lügner!“

„Und Ihr seid Meister Nudelhaarl“

„Pflaume!“

„Nudelhaarl“

„Pflaume!“

„Nudelhaar!“

„Wacholderflasche!“

„Nudelhaar!“

Viermal dieses Wort anzuhören, ging über Zorntiegels Kraft. Es wurde ihm rot vor den Augen, und er ging zum zweiten Mal mit geballten Fäusten auf den Tischler los, der seinerseits auch nicht mit Glacehandschuhen zugriff. Kurz, sie wiederholten das Schauspiel der entzweiten Kater auf dem Dach und walkten einander weidlich durch, was zur Folge hatte, daß sie, wie ihre Kräfte nachließen, jeder ein kleines Andenken an die zweite Meinungsverschiedenheit sein eigen nennen konnte. Meister Pflaume wies ein paar rote Kraller auf seiner blauen Nase auf, und Meister Zorntiegel besaß nun eine Weste, der zwei Knöpfe fehlten.

Da somit jeder auf seine Kosten gekommen war, gaben sie sich die Hände und schwuren einander, gute Freunde zu bleiben bis ans Ende ihrer Tage.

Darauf nahm Meister Nudelhaar sein Stück Holz untern Arm, sagte „schönen Dank für alles“ und ging befriedigt, wenn auch etwas hinkend, nach Haus.

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Drittes Kapitel

Meister Zorntiegel macht sich sogleich an die Arbeit, erlebt aber wenig Freude daran

Wie Meister Zorntiegel die vier Treppen zu seiner kleinen Dachkammer hinaufstieg, murmelte er nach seiner Gewohnheit vor sich hin: „Sapperlot! Sapperlot! tut mir mein Schienbein weh! Hm! Hm! Hm! Und müde bin ich auch von der Balgerei mit Meister Pflaume. Sapperlot nochmal! Aber schlafen? Nein! Schlafen geh’ ich nichtl Ich muß noch heute nacht meine Kasperlefigur schnitzen. Das soll ein Kasperle werden, wie noch keines da war! Der König aller Kasperle! Und soll sein ganz wie ein wirklicher Mensch. Wozu bin ich ein Genie, wenn ich das nicht kann? He? Hähähähähä! Kunst muß der Mensch haben! Aus einem Stück Holz eine Figur machen, die laufen, tanzen, springen, purzelbaumschlagen kann, — das ist Kunst, das ist Witz!“

In diesem Augenblick kam er an seiner Türe an, schloß sie auf und trat in seine Stube.

Sehr reich sah es darin nicht aus. Sie hatte schiefe Wände und ein einziges kleines Dachfenster. Ein wackliger alter Tisch stand in der Mitte, und darauf eine kleine Öllampe. Wie Meister Zorntiegel die angezündet hatte, konnte man noch ein schmales Bett erblicken, einen Stuhl, einen Waschtisch und ein Regal, auf dem allerhand Messer zum Schnitzen, ein paar Leimtöpfe und bunte Puppenkleider lagen. Ferner schien auch noch ein Ofen da zu sein, der, obgleich es schon Mai war, vor Hitze glühte. Es sah aber

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bloß so aus. Denn der glühende Ofen war mit bunten Farben an die Wand gemalt, genau so wie der dampfende Suppentopf, der auf ihm stand.

Woraus man deutlich ersehen kann, daß Zorn-tiegel wirklich ein Künstler und ein Genie war.

Zornliegel trat an den gemalten Ofen heran und hielt seine etwas kaltgewordenen Hände darüber.

„Das tut gut“, sprach er, „wenn man ein bißchen friert. Wenn man Phantasie hat, braucht man keine Kohlen.“

Dann holte er sein Schnitzmesser, hob den Stuhl an den Tisch, setzte sich darauf und nahm das Stück Iiolz vor.

„Zuerst muß das Kind einen Namen haben“, murmelte er. „Ich muß doch wissen, wen ich mache! . . . Soll ich ihn Zornliegel junior nennen?“

„Da muß ich doch schön bitten“, rief ein dünnes Stimmchen, „ich heiße Zäpfel Kcrnl“

Wie das Zornliegel hörte, erschrak er nicht etwa, wie Meister Pflaume bei gleicher Gelegenheit getan hatte, denn Zornliegel wunderte sich um so weniger über eine Sache, je verwunderlicher sie war, sondern er sagte ganz einfach: „Du hast also schon einen Namen? Um so besser! Dann brauche ich mir darüber nicht erst den Kopf zu zerbrechen! Also Zäpfel Kern? Famos! Zäpfel ist so etwas wie Hänsel oder Fränzel; und Kern, — Kern, das klingt ganz hübsch und dauerhaft. Dafür will ich dir aber auch ein wunderschönes Köpfe] schnitzen, mein liebes Zäpfel. Ein reizendes Zäpfel-Köpfel. Hchehehe!“ Und fing an und schnitzte. Erst wars nur eine runde Kugel, dann grub er Locken hinein, dann glättete er einen schönen und breiten Stirnbogen ab, dann brachte er dar-

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unter eirunde, geräumige Höhlen für die Augen an.

Kaum war dies geschehen, da waren aber auch schon, Gott weiß woher, ein paar blanke blaue Augen da, die ihn ganz impertinent anglotzten.

Zorntiegel fand das gar nicht artig und sprach: „Sieht man seinen Papa so unverschämt an, he?“

Aber es erfolgte keine Antwort.

Daher hielt sich der geschickte Künstler nicht weiter bei den Augen auf, sondern begann, die Nase herauszuschnitzen.

Da begab sich aber etwas Sonderbares, das jeden ändern in das höchste Erstaunen versetzt haben würde, nur nicht diesen genialen Zorntiegel. Nämlich: Je mehr er an der Nase herumschnitzte, desto länger wurde sie.

„Was ist denn das, Zäpfel“, rief der Meister aus, „ich wünsche, daß du eine anständige und runde kleine Stumpfnase kriegst, und es wächst dir ein

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Zinken aus dem Antlitz, wie er frecher und länger nicht gedacht werden kann. Auf diese Weise wirst du nie so schön wie dein Papa.“

Aber die Nase kümmerte sich gar nicht um diese Einwendungen, sondern wuchs und wuchs, und wie sie lange genug gewachsen war, krümmte sie sich nach unten und stand dann fest als richtige Kasperlenase.

„Auch gut“, meinte Zorntiegel, „ganz wie es Euch beliebt, Euer Wohl-, Lang- und Krumm-Geboren. Ich mach’ mich jetzt an den Mund.“

Und er setzte das Messer in die Quere an und machte einen manierlichen, nicht zu langen Einschnitt, — aber ritsch-ratsch! fuhr der Einschnitt rechts und links auseinander, öffnete sich weit und lachte, lachte, lachtel

„Was sind denn das wieder für Manieren“, schrie der Mann mit der gelben Perücke; „wirst du gleich mit dem ungezogenen Gemecker aufhören?“

„Hehehel“ lachte der Mund.

„Mach die Klappe zu!“ rief Zorntiegel.

„Hahaha!“ lachte der Mund.

„Ruhe!“ rief Zorntiegel.

„Hohoho!“ lachte der Mund.

„Anstand!“ gebot Zorntiegel.

„Hihihi!“ lachte der Mund.

„Schweig, oder ich stopf’ dir meine Perücke in den Schlund!“ brüllte Zorntiegel.

Das half. Der Mund hörte mit Lachen auf, streckte dafür aber seine Zunge so weit heraus, wie es nur irgend möglich war.

Meister Zorntiegel hielt es für das beste, diese

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neue Ungezogenheit vornehm zu übersehen, und setzte seine Arbeit fort.

Er schnitzte kunstvoll ein kräftiges, scharf nach vorn herausstehendes Kinn, das mit der großen Nase vortrefflich harmonierte, fügte einen runden, starken Hals hinzu, von dem aus er ein paar breite, etwas eckige Schultern ausgehen ließ, setzte einen schönen, breiten Brustkorb darunter, vergaß auch nicht ein hübsches, weder zu dickes noch zu dünnes Spitzbäuchlein, und setzte dann, mit kunstreichen Gelenken und Fingern, Arme und Hände an.

Wie er dies getan hatte, wandte er sich um, weil er ein anderes Werkzeug von seinem Regal holen wollte, aber da fühlte er es plötzlich auf seinem Kopf kalt werden und sah, als er sich umdrehte, seine Perücke in den eben erst fertiggewordenen Händen der frechen Figur.

Das versetzte ihn in einen großen Zorn, und errief: „Wirst du mir gleich meine Perücke wiedergeben, du ganz frecher Bube, der schon ungeraten ist, ehe ich ihn noch ganz fertiggemacht habe!“

Diese Worte machten indes gar keinen Eindruck auf die Figur, die auf dem Tisch saß, als wollte sie mit den Beinen baumeln, die sie noch gar nicht hatte. Statt die Perücke herzugeben, setzte sie sich diese auf den Kopf und kicherte höchst spöttisch unter dem Haargebäude, das sie völlig verdeckte.

Diese neue Frechheit stimmte den kunstfertigen Zorntiegel ganz traurig.

„Ach, du lieber Gott“, seufzte er, „was werde ich von dieser schrecklichen Figur noch alles auszustehen haben, die selbst im beinlosen Zustand nicht einmal vor meiner Perücke Respekt hat. Ich muß ir-

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gendeinen Fehler gemacht haben. Vielleicht hätte ich doch nicht wünschen sollen, daß sie ganz wie ein Mensch wird. Ach, ach, ach, ich fürchte, ich fürchte: ich habe eine Dummheit gemacht!“

Und er setzte sich ganz betrübt auf seinen Stuhl.

Da klang es ganz sanft unter der Perücke hervor: „Unsinn! Setz deine Suppennudeln auf und mach mir Beinei“

Das ließ sich Meister Zorntiegel nicht zweimal sagen. Kaum aber hatte er der Figur Beine und Füße angesetzt, so fing die auch schon so unverschämt an zu strampeln, daß ihr Erzeuger mehr als einmal das Gefühl von Fußtritten verspürte.

„Dazu sind die Füße nicht da“, sagte Zorntiegel, „sondern zum Gehen.“

„Was ist denn das?“ fragte Zäpfel Kern neugierig. „Das sollst du gleich lernen“, antwortete der Meister, hob ihn vom Tisch auf die Erde, nahm ihn an der Hand und kommandierte: „Rechts! Linksl Rechts! Links! Rechts! Links!“ und marschierte mit Zäpfel Kern in der Stube auf und ab. Anfangs ging es nur langsam, zögernd und steifbeinig, aber bald war Zäpfel Kern Herr über seine Gelenke und kommandierte selber:

Rechten! Linken! Rechten! Linken!

Speck und Schinken! Speck und Schinken!

Linkenl Rechten! Linken! Rechten!

Finken! Spechten! Finken! Spechten!

Hin und her, herum, heraus!

Durch die Türe aus dem Haus!

Bei diesem Wort stieß er die Türe auf und lief klapp, klapp, tippel, tippel, tapp die Treppe hinunter

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und an dem Bäckerjungen vorbei, der eben die Frühstückssemmeln gebracht hatte, auf die Straße, die im hellen Morgenlicht dalag, hinaus, denn es war mittlerweile Tag geworden. Seine hölzernen Füße klapperten auf dem Straßenpflaster wiezwanzig Paar kleine Holzpantolfeln.

„Haltet ihn festl Haltet ihn fest!“ schrie Meister Zorntiegel, indem er atemlos hinter ihm herlief.

Aber die wenigen Leute, die in so früher Morgenstunde auf der Straße waren, dachten gar nicht daran vor lauter Erstaunen, ein leibhaftiges Kasperle an sich vorbeirennen zu sehen. Und weil man ja über ein Kasperle immer lacht, so lachten sie schließlich, statt daß sie ihn festhielten.

Also wäre Zäpfel Kern wahrscheinlich entwischt, wenn sich nicht ein Schutzmann am Ende der Straße breitbeinig auf dem Fahrdamm aufgepflanzt hätte, meinend, es sei ein Pferd durchgegangen, und tapfer entschlossen, es aufzuhalten, wie es seine Pflicht war.

Wie Zäpfel Kern den Schutzmann gleich einem Turm mit weitem Torbogen vor sich sah, dachte er sich: „Schön von dir, daß du deine Beine so breit auseinandergestellt hast! Dadrunter komm ich zehnmal durch.“

Aber Schnecken! . ..

Der Schutzmann, ohne sich von der Stelle zu rühren, bückte sich einfach, wie Zäpfel Kern durchwischen wollte, und packte ihn ebenso höflich wie sicher an seiner langen Nase, die wie für die Hand des Gesetzes geschallen zu sein schien, und überlieferte ihn trotz seines Gestrampels dem nun mittlerweile auch herbeigekommenen Zorntiegel,der sei-

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nen Namen noch nie so in der Tat geführt hatte wie eben jetzt.

„Warte, mein Jungei“ rief der empörte Meister. „Dir werde ich fürs erste die Ohren etwas langziehen.“

Aber siehe da! Wie er diese sehr begreifliche Absicht ausführen wollte, stellte es sich heraus, daß er bei all seiner Genialität vergessen hatte, seiner Kasperlefigur Ohren anzusetzen. Blieb ihm also nichts weiter übrig, als Zäpfel Kern am Nacken zu packen und ihn so vor sich herzuschieben.

Dabei sprach er: „Aufgeschoben ist nicht aufgehoben, du Galgenstrick! Ich werde dir jetzt eigens zu dem Zweck zwei Ohren fabrizieren, daß ich dich daran ziehen kann.“

Diese Aussicht mißfiel Zäpfel Kern aufs höchste, und so dachte er auf Mittel und Wege ihr auszuweichen. Es fiel ihm aber nichts Besseres ein, als sich plötzlich lang hin auf die Erde zu werfen mit der Miene eines Menschen, der fest entschlossen ist, sich von keiner Macht der Welt wieder auf die Beine bringen zu lassen.

Natürlich lockte dieser Umstand eine Menge Neugieriger herbei, und da es meistens Müßiggänger waren, die immer und überall keinen anderen Beruf haben, als ungefragt ihre Meinungen zu sagen, so fehlte es nicht an allerhand müßigen Äußerungen.

„Das arme Kasperle“, sagte der eine, „wie ängstlich es aussieht!“

„Das arme Wurm wird gewiß zu Hause immer mißhandelt“, meinte ein anderer.

„Man braucht bloß den Kerl in der gelben Perücke anzusehen, um sich vorstellen zu können, wie er das

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hilflose Wesen prügeln wird“, fügte ein dritter hinzu.

„Er hat ganz das Ansehen eines Wüterichs“, behauptete ein vierter.

„Er wird den armen Knirps ermorden!“ rief ein fünfter.

„Das darf man nie und nimmer zulassen!“ schrie ein sechster.

„Ist denn keine Polizei da!“ kreischte eine dicke Milchfrau.

Und da kam auch schon der Schutzmann und entschied sich unter dem Einfluß von hundert lärmenden und mit den Armen in der Luft herumfuchtelnden Frauen und Männern zu einer angemessenen Amtshandlung.

Er packte Meister Zorntiegel am Arm und erklärte ihn als seinen Gefangenen wegen Erregung eines Straßenauflaufs. Zäpfel Kern aber sprang, während sein unglücklicher Erzeuger unter dem Beifall der Volksmenge abgeführt wurde, munter auf und lief davon, so schnell ihn seine Beine tragen konnten.

Viertes Kapitel

Wohin Zäpfel Kern von seinen Beinen getragen wurde, und was ihm später der gelehrte Maikäfer sagte,für dessen Lehren er sich auf eine schändliche Weise bedankte

Für soeben erst fertig gewordene Beine aus Holz trugen sie ihn schnell genug, das muß man sagen. Ehe sichs Zäpfel Kern versah, war er schon draußen

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vor der Stadt, und dort ging es erst recht im Galopp dahin. Das unverschämte Kasperle rannte, indem es mit den Armen schlenkerte, dermaßen schnell, daß die Hasen, die im Felde hockten, sich auf die Hinterbeine setzten und mit den Vorderfüßen auf ihren weißen Bäuchen trommelten, was bei ihnen soviel heißt wie Bravo. Ein Ziegenbock, der es mit ansah, wie Zäpfel Kern über eine blühende Weißdornhecke sprang, konnte sich nicht enthalten, seiner Frau Ziege zuzumeckern: Meeker, meeker, merkwürdigl Ecker — ecker sprecker — sprecker hecker — hek-ker, was auf deutsch heißt: Er springt über die Heckei Aber ein alter Rabe, der auf einem blühenden Kirschbaume saß, ließ sich dadurch nicht imponieren, sondern machte die vollkommen richtige Be-

merkung: Man muß nicht bloß laufen, sondern auch wissen, wohin man läuft.

Wußte das aber Zäpfel Kern? Nein, er wußte es nicht. Er halte nur ein ganz unbestimmtes Gefühl in sich, daß er an einen Ort wollte, wo es grün wäre und schattig wäre und harzig röche. Drum summte er im Laufen vor sich hin:

Ich renne, renne, renne,

Doch weiß ich nicht wohin,

Ich kenne, kenne, kenne Nicht meines Rennens Sinn.

Ich träume, träume, träume:

Es muß ein Ort wo sein,

Wo Bäume, Bäume, Bäume Dicht stehn in langen Reih’n.

Die kenn’ ich, kenn’ ich, kenn’ ich,

Die hohen Bäume grün,

Drum renn’ ich, renn’ ich, renn’ ich So grad’ und schnell und kühn.

Und da war er auch schon mitten im hohen, dunklen, schweigenden Tannenwald und umarmte eine alte riesige Tanne, von der graue Flechtenbärte herunterhingen, und um die her ein bittersüßer Duft von Harz war.

„Vater!“ rief Zäpfel Kern, „Vater, da bin ich!“Und da stand auf einmal anstatt der Tanne das alte bucklige Männchen da, dessen Bart genau so aussah wie eine Tannenflechte, und sprach: „Ei, du Tunichtgut! Habe ich dich deshalb zu Meister Pflaume gebracht, daß du gleich durchbrennen sollst?“

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„Aber das ist doch hier meine Heimat“, sagte Zäp-fel Kern.

„Ja doch“, sprach der Alte, „aber du hast keine Wurzeln mehr, sondern Beine, und bist, wenn auch kein richtiger Mensch, so doch das Bild eines Menschleins geworden. Aus dem Wald habe ich dich in die Welt getragen, und dort sollst du dein Leben führen und nicht hier. Du sollst den Menschen zeigen, daß nicht bloß sie allein Leben haben, und besonders die Menschenkinder sollen von dir lernen, indem sie über dich lachen.“

„Aber ich mag nicht!“ schrie Zäpfel Kern und trampelte trotzig auf dem Moos herum.

„Siehst du wohl“, sagte darauf ruhig der Alte, „daß du kein Baum mehr bist! ? Denn die Bäume sind nicht trotzig. — Es hilft dir aber alles Trampeln nichts; mach, daß du fortkommstl

Eins, zwei, drei und hoppl Lauf nach Hause im Galopp 1“

Kaum hatte Zäpfel Kern das vernommen, so setzte er sich, ohne es eigentlich zu wollen, auch schon in Trab und lief nach der Stadt zurück, wo er bald Meister Zorntiegels Haus fand und die Treppen hinauf und ins Zimmer hineinlief.

Dort überkam ihn sogleich ein wohliges Gefühl. Er fühlte sich geborgen und zu Hause und legte sich der Länge lang auf den Fußboden hin, Arme und Beine weit von sich streckend. Den Wald hatte er mit einem Mal vergessen und fühlte sich ganz wie ein Menschenkind . ..

Doch war ihm vom Wald geblieben, was Men-

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schenkindern nicht eigen ist: er verstand die Stimmen der Tiere.

Das sollte sich gleich zeigen. Nämlich: plötzlich hörte er etwas über sich, das klang sum — sum — sum. Aber Zäpfel Kern verstand, was es heiße. Und es hieß: „Weißt du, wer ich bin?“

Zäpfel Kern antwortete: „Ein Maikäfer.“

„Ja, aber kein gewöhnlicher. Ich bin ein gelehrter Maikäfer, der Professor Doktor Maikäfer.“

„Das ist mir ganz egal.“

„Schlimm genugl Vor gelehrten und erfahrenen Leuten sollen Kinder Respekt haben.“

„Morgen! Heute nicht! Heute bin ich müde.“ „Nein! Heute! Denn ich will dir heute sagen, was ich dir sagen muß.“

„Du bist ein langweiliger Maikäfer.“

„Und du ein frecher, ein ganz frecher Bursche. Weißt du, wie’s Kindern geht, die ihren Eltern nicht folgen, die ihrem Vater davonlaufen?“

„Lustig geht’s ihnen! Sie brauchen nicht in die Schule zu gehn und können alle Tage Schmetterlinge fangen, auf Bäume klettern und mit den Tieren im Wald spielen.“

„Ja, um schließlich, wenn sie groß geworden sind, dumm wie Tiere zu sein, aber zu viel weniger nütze als Tiere.“

„Das ist mir ganz egal.“

„Du mußt aber doch irgend etwas lernen?“

„Fällt mir gar nicht ein. Kann schon genug.“ „Was denn?“

„Essen, trinken, schlafen, Dummheiten machen und wundervoll faulenzen.“

„Sol Das ist eine schöne Kunstl Man sieht doch,

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daß du kein richtiger Mensch bist, du fauler Holzkopf.“

„Was sagst du, was ich bin?“

„Ein Holzkopf.“

„Wirst du das zurücknehmen?“

„Nein, denn du bist einer.“

„Aber ich will’s nicht hören!“

„Die Wahrheit muß man immer hören wollen, und ich, Professor Doktor Maikäfer, werde sie jedenfalls immer sagen.“

„Auch dann, wenn ich dir den Hammer da an den Kopf werfe?“

„Untersteh’ dich nur!“

„Das wirst du gleich sehen.“

Und Zäpfel Kern ergriff den kleinen Hammer, der neben ihm lag, und warf ihn auf den Maikäfer.

Er hatte nur zu gut gezielt. Von dem gelehrten Maikäfer blieb nichts an der Wand als ein grünlichbrauner Fleck.

3 Zäpfel Kern

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Fünftes Kapitel

Zäpfel Kern, der nichts lernen wollte, lernt doch etwas: hungern. Da ihm diese Kunst nicht gefällt, möchte er sich einen Eierkuchen backen, aber es k o m m t n i c h t d a z u

Nun wurde es allmählich Abend, und Zäpfel Kerns Magen drückte deutlich die Ansicht aus, daß es jetzt Zeit zum Abendbrot wäre. Als er trotz dieser deutlichen Äußerung nichts bekam, wiederholte er seine Meinung in Form eines tüchtigen Appetits, und als auch das nichts half, fing der Magen an zu knurren. Erst wie ein Hund, dann wie ein Wolf, dann wie ein Löwe. Kurz: Zäpfel Kern merkte, daß das Sprichwort nicht lügt, wenn es behauptet: Hunger tut weh.

Darum stand er vom Fußboden auf und ging zum Ofen, auf dem nach wie vor der Suppentopf kochte, und gedachte, den Deckel vom Topf zu heben, um nachzusehen, von welcher Art die Suppe sei, die darin brodelte. Aber ach, was wir schon im dritten Kapitel erfahren haben, erfuhr Zäpfel Kern jetzt, und das war in diesem Augenblick eine böse Erfahrung. Ofen, Topf und Dampf waren nicht Wirklichkeit, sondern Kunst.

„Wer Phantasie hat, braucht keine Kohlen“, hatte Meister Zorntiegel gesagt, aber Zäpfel Kern war gar nicht in der Laune, sich mit einer gemalten Suppe abspeisen zu lassen, und fand die Zumutung, sich bloß in der Phantasie satt zu essen, empörend.

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„Ich will eine richtige Suppe, keine gemalte!“ schrie er wütend, „und Brot will ich auch und Fleisch und Gemüse!“ Aber es kam nicht Koch noch Kellner, ihm etwas vorzusetzen. So mußte er also selber Umschau halten und trippelte eifrig in der Dachstube hin und her, überall seine lange Nase hineinsteckend, wo irgend etwas Eßbares hätte sein können. Kein Topf, kein Tiegel, kein Teller, kein Schubkasten, kein Regal, kein Schrank, kein Krug, wohin er nicht geguckt hätte, daß er etwas fände zum Beißen oder Schluk-ken. Aber obwohl er immer bescheidener im Wünschen wurde und schon mit einer Brotrinde fürlieb genommen hätte oder mit einem halb abgenagten Hühnerbein oder mit einer Fischgräte oder mit einem angebrannten Rändchen Brei, — es fand sich nichts, gar nichts, gar, gar, gar, gar nichts. Dafür wuchs aber sein Hunger wie ein junger Riese und knurrte jetzt nicht bloß im Magen, sondern biß ihn, daß er schreien mußte.

Und Zäpfel Kern weinte und klagte: „Ach, wie recht hat doch der gelehrte Professor Doktor Maikäfer gehabt! Wäre ich doch nicht so ungezogen gewesen und meinem guten Papa davongelaufen! Der hätte mir gewiß was zu essen gegeben. Huhuhuhu-hul“

Da, — unter dem Bett, — was war das? Das Weiße, Glänzende dort, — das war doch wohl ein Eil?

„Hurra!“ rief Zäpfel Kern und tanzte recht kasperlemäßig auf einem Bein:

Hurra, hurra, hurra! Ein Ei, ein Ei ist da!

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5*

Und nahm’s in eine Hand und hielt’s vors Auge und streichelte es und küßte es und sang:

Bickebackereil

Was mach’ ich mit dem Ei?

Ich will ein bißchen Butter suchen Und back’ mir einen Eierkuchen Mit Zucker auch dabei.

Bickebackereil

Ja, Kuchen 1 Wenn er Butter und Zucker gehabt hätte!

„Na, gut!“ meinte Zäpfel Kern, „da koch’ ich’s mii einfach im Wasser gar. Es ist doch wenigstens was.“

Und er machte ein Feuerchen und setzte einen Topf mit Wasser darauf und tat das Ei hinein.

Wie aber das Wasser zu brodeln und zu kochen anting, gab’s einen kleinen Knacks, und ein kleines Hühnchen steckte den Kopf aus der Schale. Zäpfel Kern machte die größten Kasperleaugen, die er nur machen konnte, und dachte schon an Hühnerbouillon, da setzte sich das Hühnchen auf den Rand des Topfes, neigte das gelbe flaumige Köpfchen sehr zierlich und sprach:,,Gack,gack,gackeragack,gucki-diguckidigackgackgack.“ Und Zäpfel Kern verstand das ebenso gut wie vorhin das sum, sum, sum des Maikäfers, aber er freute sich gar nicht über den Sinn der Gackerei, denn er hieß so viel wie:

„Bon jour, Monsieur Zäpfel, und schönen Dank, daß Sie mir die Schale aufgemacht haben. Es war furchtbar langweilig und stockfinster darin. Jetzt will ich aber gleich zu meinen guten Eltern fliegen. Leben Sie wohl, Herr Kasperle!“

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Und tat die Fliiglein auseinander und flog purr, purr, purr geradenwegs zum Dachfenster hinaus, üLer die Dächer weg, weit, weit fort.

Zäpfel Kern riß den Mund weit auf, und die Augen nicht viel weniger weit, und dachte, daß er träumte. Aber die leeren Eierschalen, die im kochenden Wasser auf und nieder tanzten, zeigten ihm deutlich genug, daß das kein Traum war, und der Hunger, der nun anfing ganz rasend zu werden, bewies ihm gleichfalls, daß er sich durchaus bei wachen Sinnen befand.

Das arme Kasperle warf sich auf das Bett und krümmte sich zusammen und weinte und heulte und jammerte und schrie: „Au, aul au! Oi, oi, oi! Ih! ih! ih! Wenn ich doch den guten Maikäfer nicht ermordet hätte! Wenn ich doch bei meinem lieben Papa geblieben wäre! Oh ich Dummkopf! Oh ich schlechtes Kasperle! Lieber, guter, einziger Herr Professor Doktor Maikäfer! Werden Sie doch wieder lebendig!“

Aber der grünlich-braune Fleck an der Wand rührte und regte sich nicht.

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Zäpfel Kern konnte ihn nicht länger vor sich sehen und beschloß, die leere Dachstube zu verlassen und auf der Straße sein Glück zu versuchen, obwohl es kohlpechrabenschwarze Nacht geworden war und überdies donnerte und blitzte, als wollte der Himmel in Flammen aufgehen. Dazu pfiff und heulte ein entsetzlicher Sturm, daß das ganze Haus stöhnte und krachte. Es war so fürchterlich, daß Zäpfel seinen ganzen Mut zusammennehmen mußte, wie er sich vom Bett erhob und auf die Türe zuschlich, die, wie er nur die Klinke berührt hatte, sich unter der Wucht eines wütenden Windstoßes weit öffnete und dann krachend hinter ihm ins Schloß fiel.

Zäpfel Kern kroch mühsam die Treppe hinunter, indem er sich an der Wand hintastete, und gelangte durch das offene Haustor glücklich ins Freie.

Sechstes Kapitel

Fortsetzung der bösen Erlebnisse Zäpfel Kerns

Auf der Straße war’s noch schrecklicher als in der Dachkammer. Die Laternen waren vom Wind ausgelöscht und klirrten, Fensterläden schlugen krachend gegen die Hausmauern, die Windfahnen kreischten und knarrten, und die Straße war leer und öde und dunkel wie ein Grab.

Zäpfel Kern lief von Haus zu Haus, von Tür zu Tür — alles war verschlossen.

In seiner Verzweiflung hängte sich unser Zäpfele

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zwar nicht auf, aber an eine Hausklingel und läutete nach Leibeskräften.

Und wenn der Teufel selber herunterguckt, sagte er sich, ich muß jetzt jemand um Brot ansprechen.

Der Teufel selber war es nun freilich nicht, der auf das Gebimmel Zäpfel Kerns am Fenster erschien, aber wie ein Engel sah der Herunterblickende auch nicht aus, mit seiner wollenen Zipfelmütze und seinen wütenden, halb noch vom Schlaf verklebten Augen.

„Infamer Schlingell“ schrie der Mann, „was willst du mitten in der Nacht!“

„Brot, lieber Herr, ach bitte, bitte Brot! Mich hungert so.“

„Wart, ich werde dir eine Apfelsinentorte geben, junger Freund 1“ rief der Alte, der es mit einem der unverschämten Buben zu tun zu haben glaubte, die sich nachts ein Vergnügen daraus machen, die Leute aus dem Schlaf zu klingeln.

Zäpfel Kern spitzte die Ohren. — Apfelsinentorte? dachte er sich, da habe ich’s gut getroffen.

Nach einer halben Minute erschien der Alte wieder am Fenster und rief: „Bist du noch da?“

„Ja!“ sagte Zäpfel und schmeckte schon die Torte. „So halte deinen Hut aufl“

„Ich habe keinen.“

„Na, dann die Hände!“

Als aber das arme Zäpfele die Hände aufhob, fiel keine Apfelsinentorte hinein, sondern es ergoß sich ein ganzer Wasserfall über ihn, schaurig kaltes Wasser, das ihn über und über naß machte.

Pudelnaß und vor Kälte klappernd setzte sich das erschrockene Kasperle in Trab und rannte heim.

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Muß ich schon vor Hunger sterben, sagte er sich, so soll es wenigstens zu Hause sein, zu Hause, wo ich immer hätte bleiben sollen, ich großer Dummkopf und garstiges Kind.

Den Hunger spürte er fast gar nicht mehr, so schwach war ihm geworden. Dafür fing es ihn um so schrecklicher zu frieren an, denn das kalte Wasser war ihm in alle Gelenke gefahren, und er war ja auch noch ganz nackt. Bloß von dem Gedanken erfüllt, sich zu wärmen, streckte er beide Füße in die

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Glut des Feuers, das er vorhin zum Eierkochen angemacht hatte, und schlief auf der Stelle ein.

Ihm träumte vom Wald. Die Tannen standen stolz und schweigend da. Bunte Spechte liefen an den Stämmen hinauf und klopften mit ihren Hammerschnäbeln tak, tak, tak. Vom höchsten Wipfel sang ein wunderschöner Vogel: Kadü — trio, Kadü — trio! Große rote, feuerrote Blumen standen auf hohen Stengeln im Moose, und es schien ihm, als wären ihre roten Blütenkelche Flammen, die an den Stämmen hinaufleckten.

Dieser Teil des Traumes hatte aber einen recht bösen Grund. Indem das arme Kasperle nämlich schlief und träumte — verkohlten seine Holzbeine in der Glut...

Man hätte nun meinen sollen, daß Zäpfel Kern davon erwacht wäre. Aber nein! Er schlief und träumte ruhig weiter von seinem lieben Wald, bis es Tag wurde und ihn ein Klopfen an der Haustüre weckte. Zäpfel sprang auf und humpelte zum Fenster.

„Wer ist da?“ rief er.

„Ich bin’s! Mach auf!“ antwortete eine Stimme.

Es war die Stimme des Meisters Zorntiegel.

Siebentes Kapitel

Was für ein guter Kerl der Meister Zorntiegel, und was für ein frecher BengelZäpfel Kern ist

Um die Wahrheit zu sagen, hatte Meister Zorntiegel die feste Absicht, unser Kasperle übers Knie zu legen und ihm Anstand und Folgsamkeit mit Hilfe

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eines sehr biegsamen Rohrstockes von hinten beizubringen, den er in der Hand hielt, als er eintrat.

Wie er aber Zäpfel Kern mit abgebrannten und verkohlten Füßchen vor sich stehen sah, ließ er den Stock fallen, schlug die Hände über dem Kopf zusammen und rief aus: „Ja, aber Zäpfeichen, was ist denn mit dir passiert! Wo hast du denn deine Füße gelassen?“

Und er nahm das Kasperle auf den Arm und herzte es und küßte es und trug es im Zimmer auf und ab und war ganz Liebe und Güte.

Zäpfel Kern aber schlug seine Ärmchen um den Hals des Meisters und erzählte: „Ach, Papa, was ich alles erlebt habe?! Denke dir, ich war im Wald und hab’ meinen ändern Papa gesehen! Ja! und Bäume! So, so, so hohe und ganz grüne. Wirklich wahr! Ja, und dann, dann habe ich den Professor Doktor Maikäfer gesehen! Und er hat mir Geschichten erzählt, Geschichten! Oder vielmehr: Grobheiten hat er mir gemacht. Frech — was? Na, ich hab’s ihm aber gegeben! Bums! Den Hammer auf den Kopf! Patsch, da klebt er! Und dann habe ich ein Ei gefunden und hab’ Feuer gemacht und Wasser gekocht, und dann ist das Ei entzweigeknackt, und ein Hühnchen ist herausgekommen und hat sich bei mir bedankt — und fort war es. Und da war’s aus mit dem Eierkuchen, und ich bin immer hungriger geworden und auf die Straße gerannt und habe an einem Haus geklingelt, und da hat einer herausgeguckt mit einer Zipfelmütze und zwei Augen wie zwei Wagenräder. Wirklich wahr! Aber du, das ist mal ein Lügenmaul gewesen! Sagt, er will mir Apfelsinentorte geben und gießt mir Wasser über den Kopf. So ein frecher Kerl!

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Was? Und da bin ich wieder nach Haus gerannt und habe gefroren und bin eingeschlafen, und wie ich aufgewacht bin, waren meine Füße weg, aber — mein Hunger war noch da. Huhuhul Hu — hu — hu — Hunger.“ Und Zäpfel Kern weinte, daß man’s bis Konstantinopel bei den Türken hören konnte.

Meister Zorntiegel begriff von dieser Erzählung nicht alles, aber das eine war ihm klar: Klein Zäp-fele hat Hunger. Und er griff in seine Tasche, zog drei Äpfel heraus und sprach: „Die wollte eigentlich ich essen, denn ich hab’ auch Hunger gekriegt im Gefängnis, in das mich der Schutzmann deinetwegen gesperrt hat. Aber, na, wenn du so großen Hunger hast, magst meinetwegen du sie essen.“

Kaum sah Zäpfel Kern, daß es mit dem Hunger gleich vorbei sein würde, wurde er auch wieder kasperlemäßig frech und sprach: „Schön! Aber erst mußt du sie schälen.“ „Was?“ rief Zorntiegel erstaunt, „bist du so heikel? Schälen! Was wir armen Leute sind, wir dürfen nichts umkommen lassen! Hat man je so was gehört! Will das Bürschchen den Apfel nicht mit der Schale essen.“

„Nein, es will nicht“, antwortete Zäpfel Kern und haute mit der Faust auf den Tisch.

„Und warum nicht, mein hoher Herr?“ fragte der Meister.

„Mein schwacher Magen kann’s nicht vertragen.“ Wäre Meister Zorntiegel nicht der gute Kerl gewesen, der er in Wirklichkeit war, dann hätte er jetzt vielleicht seinen Rohrstock aufgehoben, so aber schüttelte er bloß den Kopf mit der gelben Perücke, holte ein Messer aus der Tischschublade, schälte die Äpfel und legte die Schalen auf die Tischkante. Ehe

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er aber die Äpfel in Stücke schnitt und sie Zäpfel

gab, sagte er: „Man hat aber Exempel von Beispielen, daß Äpfelschalen auch von Leuten mit schwachem Magen gegessen werden.“

Nun machte sich das Kasperle über den ersten

Apfel her, biß ihn aber nur rund ums Kerngehäuse ab und wollte das wegwerfen.

„Halt!“ rief da Zorntiegel, „der Krietsch wird mitgegessen.“

„Nein“, rief Zäpfel, „den Krietsch mag ich schon gar nicht.“

„Warum nicht, wenn ich fragen darf?“

„Mein schwacher Magen kann ihn nicht vertragen.“ Meister Zorntiegel, ohne sich im geringsten über diese neue Widerspenstigkeit zu ärgern, nahm die Kerngehäuse, legte sie zu den Schalen und sprach: „Man hat Exempel von Beispielen, daß auch Kriet-sche von Herren mit schwachem Magen verzehrt werden.“

Indessen stopfte sich Zäpfel Kern die beiden anderen Äpfel mit erstaunlicher Geschwindigkeit in den Mund. Wie aber das letzte Stück in dem Abgrund

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verschwunden war, rief er: „Ich bin noch nicht satt!“

„Das tut mir leid“, bemerkte ruhig der Alte; „nur ist leider nichts mehr da.“

„Gar nichts?“

„Bloß noch die Schalen und Krietsche. Aber das ist nichts für vornehme junge Herren mit angegriffenem Magen.“

Zäpfel Kern schielte nach der Tischkante, rümpfte die Nase und sprach: „Ach, eine Schale wird mir nicht weiter schaden.“

„Wer weiß!“ meinte Zorntiegel. „Vornehme Leute sind sehr empfindlich. Ich würde zur Vorsicht raten.“ Aber das Kasperle hatte die eine Schale schon hinter dem Apfel hergeschickt, zu dem sie gehörte, und ehe Zorntiegel noch weitere Bemerkungen hatte machen können, waren auch die übrigen und die Kerngehäuse gleichfalls verschwunden.

Nach dieser Leistung schlug sich Zäpfel Kern auf sein Bäuchlein, seufzte angenehm tief auf und sagte: „Jetzt ist mir wieder wohl.“

Zorntiegel aber lächelte und sprach: „Man hat Exempel von Beispielen ...“

Achtes Kapitel

Meister Zorntiegel hört nicht auf, seinem Kasperle Gutes zutun

Nun war der böse Hunger weg, und Zäpfel Kern hätte wohl zufrieden sein können. Aber jetzt besann

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er sich auf seine verbrannten Füße und heulte und schrie: „Ich will neue Füße haben! Neue Füße will ich haben!“

„Damit du mir wieder weglaufen kannst, was?“ sagte der Meister.

„Nein, nein, neinl“ schluchzte Zäpfel Kern. „Gewiß nicht! Ganz gewiß nicht. Von jetzt ab will ich brav, ganz, ganz brav sein!“

„Das sagen alle ungezogenen Kinder, wenn sie was haben wollen.“

„Ich bin aber kein ungezogenes Kind mehrl Ich will tun, was Professor Doktor Maikäfer gesagt hatl In die Schule gehen und was lernen.“

„Wer’s glaubt! Ich nicht!“

„Doch! Doch! Und später lern’ ich ein schönes Handwerk, und wenn du nicht mehr arbeiten kannst, so tu ich’s für dich!“

Meister Zorntiegel hatte Mühe, ein ernstes und strenges Gesicht zu machen, denn es war ihm weich ums Herz, und er konnte es ja kaum selber ansehen, daß sein Kasperle ein armes Krüppelchen war. Trotzdem ließ er Zäpfel Kern noch eine Weile zappeln, ehe er an die Arbeit ging. Dann aber verfertigte er in weniger als einer Stunde ein paar wunderschöne schlanke und gelenkige Füße und Waden undsprach: „Mach die Augen zu, Zäpfel, und schlaf!“

Der Kasperle tat, wie ihm geheißen war, d. h. er stellte sich so, als ob er schliefe, merkte aber alles, was vorging. Und das war einfach genug. Der Meister verstrich die verkohlten Stellen mit Leim und steckte sie dann, wie man die Finger in einen Handschuh steckt, in die Höhlungen, die er oben an den

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1

neuen Waden angebracht hatte, überdeckte alles mehrmals mit Leinwandstreifen, die er mit Kleister bestrichen hatte, und nun konnte man höchstens meinen, daß Zäpfel Kern auf den bloßen Waden ein paar Strumpfbänder trüge; — sonst sah man von dem kleinen Schaden durchaus nichts.

Zäpfel Kerns Freude über die gelungene Operation ist nicht zu beschreiben. Er sprang vom Tisch und führte einen Indianertanz auf, zu dem er sang:

Hopsassa! Trallala!

Jetzt hab' ich wieder Beine.

Wer noch keine Beine sah,

Komm her und sehe meine!

Meine Beine sind mein Stolz,

Denn sie sind aus Tannenholz!

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Schlanke, grade, feine!

Kommt und ruft mit mir Hurral Hoch leben meine Beine!

Dann aber lief er auf den guten Meister zu, gab ihm einen Kuß und schmeichelte: „Lieber, guter, kunstreicher Papa! Nun mußt du mir aber noch was machen, wenn ich in die Schule gehen soll!“

„Na, was denn?“ fragte Zorntiegel, obwohl er ganz genau wußte, was Zäpfel Kern noch brauchte.

Jacke, Hose, Weste, Hut Und auch ein paar Schuhe gut!

rief Zäpfel.

„Richtig!“ sagte Zorntiegel. „Natürlich!“ Und er suchte in seiner Puppengarderobe gar herrliche Kleidungsstücke für sein Kasperle zusammen und zwar:

1. eine Jacke aus stärkstem blauem Packpapier mit aufgeklebten gelben Sternen darauf;

2. eine Halskrause aus rotem Seidenpapier;

3. ein paar Pumphosen aus hellgrünem Löschpapier, das wie Samt aussah;

4. einen spitzen gelben Hut, der eigentlich eine Zuckertüte war;

5. ein paar Schuhe aus brauner Baumrinde. Fehlten nur noch die Strümpfe. Weil er keine

hatte, malte er sie ihm mit weißer Ölfarbe auf die Waden.

Wie Zäpfel Kern dies alles am Leib hatte, kam er sich so schön vor, daß er kaum zu gehen wagte. Sein erster Gang aber war zum Dachfenster, in dem er sich wohl eine halbe Stunde spiegelte.

Als er sich an seiner Schönheit sattgesehen hatte,

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sagte er feierlich: „Wundervoll! Absolut wundervoll! Ich könnte mich im Panoptikum sehen lassen. Ich habe gar nicht gewußt, daß ich so schön bin.“

„Nun ja“, sagte der Meister, „Kleider machen Leute, das heißt, solange die Kleider sauber sind, mein Sohn!“

Darüber ging das Kasperle schnell hinweg, indem es bemerkte: „Ja, aber nun fehlt noch was, wenn ich in die Schule gehen soll.“

„Noch was?“

„Ja, ein Abcbuch.“

„Hm, das ist freilich wahr. Aber das kann ich nicht machen.“

„So geh in den Buchladen und kauf eins!“

„Ein guter Rat, mein Junge; vielleicht gibst du mir auch das Geld dazu.“

„Geld? Ich? Ich habe kein Geld.“

„Ich auch nicht.“

Da wurde Zäpfel Kern sehr traurig, denn zum erstenmal bei ihm das Wort Armut aufs Herz.

Das tat dem guten Zorntiegel sehr weh. Plötzlich schnippte er mit den Fingern und rief: „Wart! Ich hab’s! In zehn Minuten bin ich mit dem Abcbuch da.“ Und ging fröhlich zur Türe hinaus. — Wie er wiederkam, hielt er ein prächtiges Abcbuch in der Hand, hatte aber keinen Rock mehr an.

„Aber dein Rock? Wo hast du denn deinen Rock gelassen?“ fragte erstaunt der Kleine.

„Den hab ich verkauft.“

„Verkauft? Warum denn?“

„Weil er mir zu warm ist.“

So klein Zäpfel Kern auch war, so erfaßte er doch den Zusammenhang der Dinge, und in über-

4 Zäpfel Kern

strömender Zärtlichkeit des Dankes umarmte er den Hals des guten Alten und küßte den braven Meister so herzhaft ab, daß der kaum mehr atmen konnte, zumal, da ihm gleichzeitig die heißen Tränen über beide Backen liefen.

Neuntes Kapitel

Wie schnell Zäpfel Kern seine guten Vorsätze vergißt

Nach diesem ereignisvollen Tag legte sich Zäpfel Kern ganz selig vor Glück zu Bett, in den Armen sein schönes Abcbuch und im Kopf nichts als angenehme und löbliche Gedanken. Und ein herrlicher Traum schwebte über seinem Lager: Er sah sich in seinem wunderschönen Kasperleanzug bewundert auf der Schulbank sitzen als den fleißigsten und artigsten aller Schuljungen.

Kaum aber war er erwacht, so rief er auch schon: „Papa, Papa, jetzt geh ich in die Schule!“

„Geh, mein Kind“, antwortete der Alte, „geh mit Gott und komm gesund wieder!“

Und Zäpfel ging, sein Buch in der Hand, mit stolz erhobenem Kopf der Schule zu. Er sah nicht nach rechts, er sah nicht nach links, er sah nur immer geradeaus und dachte dabei an nichts, als lernen, lernen, lernen.

Heute, so dachte er sich, heute werde ich mal zuerst lesen lernen. Morgen schreiben und übermorgen rechnen. Ein Kopf wie der meine wird das bald raushaben. Und dann, — na, dann werde ich Geld ver-

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dienen, alle Taschen voll und meinen gelben Kegelhut dazu. Wenn er nur nicht platzt von dem vielen Geldl Aber nein, er wird nicht platzen, denn ich werde das Geld sofort ausgeben, um meinem lieben Papa einen schönen Tuchrock zu kaufen. Einen Tuchrock? Unsinn! Er muß ganz aus Gold und Silber sein mit Edelsteinen als Knöpfen dran. Denn einen so guten, lieben, goldigen Papa gibt’s auf der ganzen Welt nicht mehr.

Er wollte sich gerade noch eine Reihe anderer schöner Dinge ausmalen, die er seinem guten, lieben, goldigen Papa zu kaufen gedachte, da riß ihn etwas aus seinen schönen Ideen, das er durchaus nicht überhören konnte.

Tschingderada, bumderada,

Tschingda, tschingda, tschingderada klangs aus einer Nebenstraße her.

Wie angewurzelt blieb Zäpfel Kern stehen und lauschte (denn Meister Zorntiegel hatte ihm auch ein Paar allerliebster Öhrlein gemacht und, während er schlief, angeklebt).

„Hui!“ sagte er laut zu sich selber: „Musiki das ist aber fein!“

Tsching, tsching, tschingdera, Tschingderadabum! klang’s jetzt noch lauter als vorhin, und es war nicht anders, als wenn diese Trompeten, Flöten, Becken und Pauken ihn riefen:

Zingda, zingda, zingda bumm!

Zäpfel, Zäpfel, Zäpfel, kumm!

Das Kasperle konnte sich nicht helfen und fing an, auf einem Bein zu tanzen. Aber plötzlich blieb

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es stehen und sagte: „Nein! Ich geh’ in die Schule! Punktum!“

Schnerräng, schnerräng, schnerräng dada,

Ist Zäpfel Kern denn noch nicht da? rief jetzt eine hohe Trompete.

Dem Kasperle war das Weinen nahe.

„Die dumme Schule!“ schrie er und stampfte mit den Füßen auf. „Gerade heute! Kann es denn nicht auch morgen sein?“

Und wie nun eine Flöte kicherte:

Tütüh tütüh tütüh tütüh,

Morgen ist es auch noch früh, und die Baßgeige hinzufügte:

Schrum, schrum, schrumbidibum,

Kumm, kumm, Zäpfel, kumm! da schwang Zäpfel Kern seinen Hut und schrie: „Ach was! Ich geh’ morgen in die Schule! Heute muß ich zur Musik.“

Und er rannte mit großen Schritten die Nebenstraße hinunter.

Ah, was er dort sah!

Mitten auf einem kleinen Platz stand eine Bretterbude, die war von oben bis unten mit bunten Bildern bedeckt, und darauf waren lauter Kasperle abgebildet, wie er, und noch viele andere putzige Figuren dazu: gescheckte Hanswurste, grasgrüne Pickelheringe1), gestreifte Harlekine — zum Totlachen; und ein schöner Vorhang aus rotem Stoff mit Goldtroddeln hing beim Eingang herunter, und da standen die Musikanten und bliesen und paukten und pfiffen auf schwarzen Flöten und schlugen in

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1

Pickelhering = Spaßmacher

gelbe Becken und fiedelten auf dem braunen Bauch des Brummbasses herum, und ein Mann mit einem langen Bart hatte eine silberne Tute vorm Mund, in die er hineinschrie: „Herein, herein, hereinspaziert! Hier ist’s, wo man sich amüsiert!“ Dem Kasperle gingen die Augen über, und er glaubte nichts anderes, als daß er vorm Eingang zum Himmel stünde.

„Wa . . . was ist denn das?“ fragte er einen Jungen, der in einer dichtgedrängten Menge von Menschen neben ihm stand.

„Du bist wohl aus Dummdorf?“ entgegnete der. „Kannst du nicht lesen? Da steht’s ja angeschrieben.“ „Lesen lerne ich morgen“, entgegnete Zäpfel Kern. „Du bist ein schöner Esel!“ sagte der Junge. „Kann nicht mal lesen! Hahaha!“

„Bitte, bitte, lies mir’s vor!“ bat Zäpfel.

„Na, also, du Dummrian! Die Worte da heißen: Großes Kasperletheater.“

„Ach!“ machte Zäpfel. „Das muß fein sein!“

„Das glaub’ ich! Zum Purzelbaumschlagenl“ „Wann geht’s denn an?“

I

„Gleich!“

„Gehst du hinein?“

„Ich habe kein Geld.“

„Wozu braucht man denn da Geld?“

Der Junge tippte mit dem Zeigefinger auf Zäpfel Kerns Stirn und sagte: „Da drinnen ist wohl Stroh?“ „Nein“, erwiderte Zäpfel Kern stolz, „mein Kopf ist massiv.“

„Das merk’ ich“, sagte wieder der Junge, „sonst würdest du wohl wissen, daß es Entree kostet“

„Was ist das: Entree?“

„Entree ist, wenn man was blechen muß.“ „Blechen? Was ist das?“

„Herrgott, bist du aber dumm! Bezahlen!“

„Ach so...“ seufzte Zäpfel Kern gar betrübt. „Was .. . was kostet’s denn?“

„Der erste Platz fünfzig Pfennige.“

Zäpfel Kern kraute sich hinter seinen neuen Ohren. Dann sagte er: „Kannst du mir bis morgen fünfzig Pfennige borgen?“

„Ja — morgen!“ höhnte der Junge.

„Weißt du, nämlich von morgen ab geh’ ich in die Schule“, erklärte Zäpfel eifrig, „und dann verdiene ich eine Masse Geld.“

„Ach?“ machte der Junge „Wirklich? Das ist ja großartig!“

„Ja, ganz gewiß . . . und übrigens: Ich kann dir auch meine Jacke verkaufen!“

„Das Ding da aus Packpapier? Ich danke schön. Ich will mich nicht erkälten.“

„Oder meine schönen neuen Schuhe!“

„Ich brauch’ kein Holz zum Heizen.“

„Oder meinen schönen Hut!“

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„Ich hab’ selber alte Zuckertüten zu Haus.“

Dem Kasperle war zumute, als würde ihm mit einem Stock auf den Kopf geschlagen, einmal, zweimal, dreimal. Seine herrlichen Sachenl Und der Junge spottete darüber.

Aber ins Theater mußte, mußte, mußte er! Und so gewann er es, wenn auch voller Scham, über sich, zu fragen: „Vielleicht kaufst du mir mein Abcbuch ab?“

Doch der Junge antwortete stolz: „Ich kann schon lange lesen!“

Da drängte sich ein Mann, der mit alten Sachen handelte, an Zäpfel heran und sagte: „Was willst du denn dafür haben?“

„Fünfzig Pfennige!“ antwortete Zäpfel leise, und seine Stimme bebte.

„Also her damit!“ sagte der Handelsmann. „Da hast du das Geld!“

Und Zäpfel Kern, zitternd vor Begierde, ins Theater zu kommen, nahm das Geld und gab das Buch hin, für das der gute Zorntiegel seinen einzigen Rock verkauft hatte.

Zehntes Kapitel

Welchen Eindruck Zäpfel Kern auf die anderen Kasperle und auf den Kasperletheaterdirek-tor macht

Da der erste Platz schon ganz besetzt war, mußte sich Zäpfel Kern zu seinem großen Bedauern mit einem Stehplatz auf dem „Olymp“ begnügen, wie der

hb

Kassierer die Galerie nannte. Auch kam er etwas zu spät,denn das Stück „Der Hanswurst und seineFrau“ hatte bereits begonnen.

In einem furchtbar komischen Anzug aus lauter bunten Lappen stand Pimpinella, die Frau des Herrn Hanswurst, der in diesem Stück das Amt eines Nachtwächters bekleidete, auf der Bühne vor einem Spiegel und bürstete sich mit einer viel zu großen Pferdebürste die Haare, die feuerrot waren und durchaus wie ein Pferdeschwanz aussahen. Dazu sang sie mit der Stimme eines quiekenden Ferkels:

Hihihi,

Wie schön bin i!

Rot und grün und gelb und blau

Ist dem Hanswurst seine Fraul

In diesem Augenblick erschien der Hanswurst mit seinem Nachtwächterhorn, seiner Nachtwächterlaterne und seinem Nachtwächterspieß und brüllte, daß die Kulissen wackelten:

Rot und grün und gelb und blau

Wirst du, wenn ich dich verhau,

und schlug sofort in unverschämter Weise mit sei-

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nem Nachtwächterspieß auf die unglückliche Pimpi-nella los, die nun unablässig schrie:

Au, au, au, au, au, au, aul

Durch diesen Lärm angelockt, rannten mit nicht geringerem Lärm alle Harlekine, Pickelheringe und Kasperle herein, und es erhob sich ein ungeheuerer Tumult, weil alle drei auf einmal reden wollten und überdies auch Pimpinella und Hanswurst keineswegs aufhörten zu schreien.

Das Publikum amüsierte sich köstlich, aber seine Heiterkeit gelangte auf die Spitze, als Kasperle und Hanswurst anlingen sich zu balgen, weil Kasperle zum Hanswurst gesagt hatte:

Du bist nicht wert die Pimpinelle!

Komm her und hol dir eine Schelle!

Erst draschen sie, Kasperle mit seiner Pritsche und Hanswurst mit seinem Spieß, aufeinander los, daß es nur so klatschte, und dann packten sie sich um den Leib und rangen miteinander. Zum Schluß stellte Kasperle dem Hanswurst ein Bein, warf ihn auf die Erde, setzte sich rittlings auf seinen Rücken und sang, indem er wie ein Reiter auf- und ab-schackte:

Kasperle, der General,

Siegt natürlich allemal.

Hü — hü — hü!

Jetzt lauf du dummes Vieh!

Erst reit ich nach der Mandschurei Und steh’ den Japanesen bei,

Dann reit’ ich nach Amerika Und werde Millionär allda,

Dann reit’ ich nach Australien

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Und hau’ die Kannibalien,

Dann reite ich nach Asien,

Vergolde meine Nasien,

Dann reit’ ich zu den Eskimos Und haue die auf die Popos.

In diesem Augenblick konnte sich Zäpfel Kern vor Entzücken nicht mehr halten und klatschte mit seinen hölzernen Händen dermaßen, daß es klang, als ob zwei hölzerne Bretter aufeinander fielen.

Das Kasperle auf der Bühne, durch diesen ungeheueren Applaus geschmeichelt, sah in die Höhe und erblickte das Kasperle auf der Galerie. Das sehen und einen Luftsprung machen war eins. Dann trat das Kasperle an die Rampe, streckte den Finger nach der Galerie aus und rief:

Potz Stiefelstafelstumpelstern!

Da oben steht der Zäpfel Kern!

„Wär’s möglichl“ rief Hanswurst, stand auf und trat gleichfalls vor, indem er die Hand übers Auge hielt, um besser sehen zur können.

„Es ist klar wie Kloßbrühe, er ist’s!“ schrie Pickelhering und sprang auf den Souffleurkasten.

Bei meiner Mützenspitz’,

Das ist ein guter Witz, rief ein Harlekin; „er ist’s, oder ich bin eine Butterbemme!“

Pimpinella aber sprang mit einem Satz ins Orchester und rief:

Schnärreng, schnärreng, schnärreng,

Er ist es, mein Cousin.

Da konnte sich Zäpfel Kern nicht länger zügeln. Er machte einen Hechtsprung über die Schranke der

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Galerie hinunter, sprang wie eine Heuschrecke über die Köpfe des Publikums weg, schloß Pimpinella in seine Arme und ließ sich mit dieser von den übrigen auf die Bühne hinaufziehen, wo nun eine Begrüßungsszene entstand, die eigentlich noch viel lustiger war als das lustigste Theater.

Das Publikum aber war dieser Meinung nicht. Es trampelte mit den Füßen auf die Erde und rief: „Weiter spielenl Weiter spielen! Wir wollen den .Hanswurst und seine Frau‘ sehen. Weiter! Weiter! Wo ist denn der Direktor? Raus, raus, raus mit dem Direktor!“

Dieser freundlichen Einladung mußte Herr Kasperletheaterdirektor Fürchterlich folgen, ob er nun wollte oder nicht. Aber er wollte auch, denn er war schon lange wütend genug über die Frechheit seiner Figuren, die das Spiel eigenmächtig unterbrochen hatten.

Er erschien.

Himmel, was für ein Kerl war das! Er h i e ß nicht bloß Fürchterlich, er w a r auch fürchterlich. Das erste, das man an ihm sah, war sein Bart. Bart? Nein: ein ungeheures Gestrüpp von feuerroten, durcheinander gewundenen Zöpfen. Ja selbst aus den Nasenlöchern hingen ihm solche Zöpfe heraus, und dieses ganze Haardickichf fiel ihm bis auf die Knie herab. Sein Mund war ein Ofenloch, seine Augen zwei rote Laternen, seine Ohren zwei Schaufeln. In der rechten Hand, die wie eine Garnitur von größeren und kleineren Zangen aussah, trug er eine schreckenerregende neunschwänzige Peitsche.

Man kann sich wohl denken, daß bei seinem An-

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blick die armen Theaterpuppen zusammenfuhren wie eine Herde Gänse, wenn’s donnert.

Zu ihrem Glück wandte sich Direktor Fürchterlich nicht an sie, sondern an Zäpfel Kern, der aber natürlich nicht weniger entsetzt war und wie ein

Häuflein Unglück vor dem Ungeheuer auf den Knien lag.

Mit einer Stimme, die wie Donnerwetter klang, brüllte ihn der Fürchterliche fürchterlich an: „Welcher Teufel hat dich geritten, du Schurke, daß du in mein Theater gekommen bist, die Vorstellung zu störenl“

„I. . . i.. . i.. . ich will’s gewiß nicht wieder tun!“ weinte das arme Zäpfele.

„Dafür werde ich sorgen!“ brüllte das Ungeheuer. „An dir ist nichts gut als das Holz, aus dem du geschnitzt bist, und das werde ich sogleich in den Kochofen schieben.“

„Ach, lieber Herr Direktor, allerbester Herr Direktor“, flehte Zäpfel, „nur das nicht! Ich bin so schon

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einmal fast verbrannt, und mein Papa, der Meister Zorntiegel, hat sich so viel Mühe gegeben, das wieder zu reparieren!“

„Ha!“ heulte das Scheusal, „vom Zorntiegel bist du, der mir Konkurrenz machen will? Jetzt sollst du um so geschwinder zu Asche werden. Packt ihn“, schrie er den Hanswurst und das Kasperle an, „und schleppt ihn in die Küchel“ Und mit gänzlich veränderter Stimme, höchst liebenswürdig und höflich, wandte er sich ans Publikum und sprach: „Hochverehrte Anwesende! Ich bitte tausendmal um Entschuldigung wegen der kleinen Störung. Das Stück wird sofort weitergehen, wenn dieser unverschämte Bursche im Ofen steckt.“

Lautes Beifallklatschen belohnte diese meisterhafte Anrede, während Zäpfel Kern abgeführt wurde, der sich aus Leibeskräften mit den Füßen einstemmte und wimmerte: „Papa! Mein lieber Papa! Hilf mir doch! Hilf mir doch, daß ich nicht sterben muß! ...“

Elftes Kapitel

Was es bedeutet, wenn Direktor Fürchterlich fürchterlich niest

Wir haben im vorigen Kapitel erfahren, von welcher Beschaffenheit der Bart, der Mund, die Augen, die Ohren des Kasperletheaterdirektors Fürchterlich waren. Aber es ist uns nichts von seiner Nase berichtet worden. Und doch war die Nase des Herrn Fürchterlich das Allerwichtigste und auch das Netteste an ihm. Die zwei großen Zöpfe, die aus den Nasen-

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löchern herauswuchsen, erinnerten zwar an die sonstige Fürchterlichkeit des Herrn Direktors, aber im übrigen war es eine gutmütige, kleine, runde Kartoffelnase, die niemand wehtun konnte. Im Gegenteil: diese kleine, seelenvolle Nase verhinderte es regelmäßig, wenn Direktor Fürchterlich eine seinem Bart, seinem Mund, seinen Augen und seinen Ohren entsprechende Grausamkeit begehen wollte. Sie begann nämlich dann, von Mitleid ergriffen, zu weinen, und wenn eine Nase weint, fühlt man einen Kitzel, und wenn man einen Kitzel in der Nase fühlt, muß man niesen, und wenn man geniest hat, spürt man ein Gefühl von Erleichterung, und wenn man ein Gefühl von Erleichterung spürt, kriegt man gute Laune, und wenn man gute Laune hat, begeht man keine Grausamkeit. So kam es, daß Herr Fürchterlich niemals fürchterlich werden konnte.

Auch im Falle unseres FreundesZäpfel Kern legte sich die menschenfreundliche Nase des Direktors gerade noch zur rechten Zeit ins Mittel. Schon hatte der Puppentyrann die Ofentüre geöffnet, hinter der das Feuer glühte, schon hatte seine entsetzliche Hand den vor Todesangst bleich gewordenen Zäpfel gepackt, schon glaubte unser Kasperle sein letztes Stündlein gekommen, da, horch: Hatschi, hatschi, hatschi! erfolgten dreimal hintereinander drei fürchterliche Niesexplosionen, unter deren Wucht die zwei Nasenzöpfe aufgingen, und der sofort besänftigte Puppendirektor stellte unsern armen kleinen Zäpfel ganz leise auf die Erde.

„Jetzt bist du gerettet“, flüsterte der Harlekin Zäpfel ins Ohr; „wenn er niest, ist er gutmütig wie ein Lamm.“

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Und richtig: Direktor Fürchterlich beugte sich freundlich auf unser Kasperle hinab und sprach: „Hast Angst gehabt, arm Kerlche?“

„Das glaub’ ich!“ seufzte Zäpfel tief auf.

Hatschi! nieste nochmals der Direktor.

„Helf Gott!“ sagte artig das Kasperle.

„Na ja, so im Ofen verbrannt werden, — unangenehme Sache! Hatschi!“

„Helf Gott!“

„Aber trotzdem: Was will man machen? Meine Bohnensuppe muß doch kochen, und ich hab’ Hunger und kein Holz da. Demnach muß (und jetzt rollten die fürchterlichen Augen Fürchterlichs wieder fürchterlich im Kreise herum) ein anderer dran.“ Und Fürchterlich rief: „Heda, Faustschlag und Nackenpack, wo seid ihr?“

Auf diesen Ruf erschienen die zwei Polizeipupperi seiner Truppe mit Handschellen und Fußeisen, schrecklich anzusehen mit ihren riesigen Pickelhauben, und überhaupt die entsetzlichsten Gendarmen, die man sich nur vorstellen kann.

„Was befehlen Euer Gestrengen?“ fragten beide zugleich, indem sie mit lautem Knall die Hacken aneinanderschlugen und ihre Schnurrbärte aufzwirbelten.

„Packt hier und bindet diesen Harlekin und werft ihn in den Ofen, auf daß meine Bohnensuppe weich werde“, befahl der Direktor.

„Zu Befehl!“ riefen Faustschlag und Nackenpack und warfen sich mit den Handschellen und Fußeisen auf den unglücklichen Harlekin, dem im Todesschreck die rote Farbe von den Backen wegrann. Der arme Bursche konnte kein Wort hervorbringen, aber

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seine Augen, die sich mit schmerzlichem Ausdruck auf Zäpfel Kern wandten, sagten genug. Und Zäpfel Kern verstand diese Blicke und wußte, was jetzt seine Pflicht war. Er sank vor dem Direktor in die Knie, legte die Hände flehend aneinander und sprach: „Gnade, Herr Fürchterlich!“

„Was: — Herr!?“ brüllte der Direktor.

„Gnade, Euer Wohlgeboren!“

„Was: —- Wohlgeboren!?“

„Gnade, Euer Hochwohlgeboren!“

„Was: — Hochwohlgeborenl?“

„Gnade, Euer Exzellenz!“

Diese Anrede gefiel Herrn Fürchterlich. Er klappte sein Ofenloch von Mund geräuschvoll zu und tat es dann ganz sanft wieder auf, indem er sprach: „Also was willst du, Kerlchen?“

„Ich bitte um Gnade für den armen Harlekin!“ „Geht nicht. Hab’ Hunger. Kein Holz. Die Bohnen müssen noch kochen. Einer muß dran glauben.“ Da rief Zäpfel Kern mit edlem Feuer aus: „Dann will ich das Opfer von Hochdero erhabenem Hunger sein, denn nicht ziemt es sich, daß ich meinen lieben und treuen Freund Harlekin für mich den Tod des Verbrennens erdulden lasse. Euer Exzellenz sollen nicht sagen dürfen, daß ein Kasperleherz keiner edlen Regung fähig sei. Auf, ihr Schergen und Henkersknechte, nehmt und überantwortet Zäpfel Kern den Gluten, der zwar manche Unarten begangen, aber nicht vergessen hat, was Freundespflicht ist!“

Diese heldenhaften und mit feierlichem Anstand vorgebrachten Worte hatten alle übrigen Puppen herbeigelockt, die nun alle wie auf Kommando wein-

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ten und schluchzten. Selbst Faustschlag und Nackenpack wischten sich ein paar Polizeilränen aus dem Schnurrbart.

Am heftigsten aber weinte Fürchterlichs gemütvolle Nase, und die Folge war, daß ein wahrer Platzregen von Niesern niederprasselte.

Als sich Fürchterlich ausgeniest hatte, beugte er sich zu Zäpfel Kern hinab und sprach: „Du bist meiner Seel ein Bursch, der das Herz auf dem rechten Fleck hat. Komm herauf und gib mir einen Kuß.“ Und Zäpfel Kern benutzte die Bartzöpfe des Direktors und kletterte mutig und gewandt hinauf, bis er hoch genug war, um einen saftigen Kuß auf die runde Kuppe der menschenfreundlichen Nase Fürchterlichs zu pflanzen.

„Und ich werde nicht verbrannt?“ rief Harlekin.

„Die edle Seele deines Freundes Zäpfel Kern hat dich gerettet“, antwortete der Direktor. „Und ich muß deswegen halbgare Bohnen essen“, fügte er grimmig hinzu. Es war ihm aber nicht ernst mit seinem Grimm.

An eine Fortsetzung des schönen Stückes „Der Hanswurst und seine Frau“ wurde nicht weiter gedacht. Das Publikum verließ wütend das Theater, und die Puppen führten ganz für sich allein eine Galavorstellung bei festlich beleuchtetem Haus auf, deren einziger Zuschauer Direktor Fürchterlich mit seiner halbfertigen Bohnensuppe war. Das Stück hieß: „Der Triumph der Freundschaft oder Zäpfel Kerns edle Seele“. Es wurde dabei viel getanzt und gesprungen, gelacht und gesungen, und die seelenvergnügten Puppen hörten nicht eher auf, als bis sie vor Müdigkeit umfielen.

6 Zäpfel Kern

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Zwölftes Kapitel

Zäpfel Kern will seinem guten Pa pa wiederum einen neuen Rock kaufen, kommt aber wiederum nicht dazu, weil er vorher eine merkwürdige Begegnung hat

Am nächsten Tag nahm Direktor Fürchterlich unser Kasperle beiseite und sprach: „Sagtest du nicht, daß Meister Zorntiegel dein Papa wäre?“

„Ja“, antwortete Zäpfel, „er ist es.“

„Ich bin ihm eigentlich nicht recht grün“, entgeg-nete darauf der Direktor, „weil ich gehört habe, daß er auch ein Kasperletheater eröffnen will, aber ich habe mir heute früh im Bett etwas überlegt. Es hat natürlich keinen Sinn, daß wir uns gegenseitig ins Handwerk pfuschen. Ein Kasperletheater ist genug am Ort. Darum soll er seine Idee aufgeben und sich dafür auf die Puppenfabrikation legen. Ich sehe es an dir, daß er das versteht. Aber er braucht natürlich Geld dazu. Hast du mich verstanden?“

„Zu Befehl, Euer Exzellenz!“

„Also schön! Dann geh zu ihm und richte ihm aus, was ich dir gesagt habe, und übergib ihm hier diese fünf Goldstücke; es sind 100 Mark. Dafür soll er mir sogleich fünf Puppen machen, wie du eine bist.“ Zäpfel Kern war überglücklich über die Botschaft und das viele Geld, das er überbringen sollte, bedankte sich tausendmal bei dem freigebigen Direktor, küßte zum Abschied Pimpinella auf den Mund, Harlekin auf die Backen, Pickelhering auf die Nase,

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Hanswurst auf die Ohrläppchen, Faustschlag und Nackenpack auf die Pickelhaube, das Kasperle auf den Bauch und machte sich mit Bocksprüngen auf den Weg nach Haus.

So dachte er wenigstens, aber da er den Weg vergessen hatte, lief er in verkehrter Richtung und kam ins Freie.

Gerade wie er das merkte und umkehren wollte, sah er zwei Gestalten auf sich zukommen: einen Fuchs, der, so schien es, auf einem Bein lahm war, und eine Katze, die die Augen geschlossen hatte. „Grüß Gott, Herr Zäpfel!“ sagte der Fuchs.

„Grüß Gott!“ sagte Zäpfel Kern, „aber woher kennst du mich denn?“

„Wer sollte den berühmten Zäpfel Kern nicht kennen?“ miaute die Katze schmeichlerisch.

„Und wir sind ja aus demselben Wald“, fügte der Fuchs hinzu. „Wir sind Landsleute.“

„Und ich wohne auf demselben Dach, wo dein Papa wohnt“, sagte die Katze.

„Ach!“ rief Zäpfel aus, „dann hast du vielleicht gestern meinen Papa gesehen?“

„Freilich“, antwortete die Katze, „er guckte in Hemdsärmeln zum Fenster hinaus und zitterte vor Kälte.“

„Der arme Papa! Aber er wird bald nicht mehr frieren.“

„Wieso denn?“ fragte die Katze.

„Weil ich ein reicher Herr geworden bin.“

„Was für ’n Ding?“ sagte der Fuchs und lachte unverschämt dazu, während die Katze sich wenigstens Mühe gab, ihr Lachen hinter einer vorgehaltenen Pfote zu verbergen.

Zäpfel Kern entgegnete beleidigt: „Da gibt’s gar nichts zu lachen, Frau Kneifaug und Herr Hinke-pink! In dieser Tasche da sind 100 Mark.“

Und er ließ die fünf Goldstücke klimpern.

Dieses Konzert brachte eine merkwürdige Wirkung hervor.

Der Fuchs zuckte wie zum Zupacken mit den Vorderfüßen nach vorn, und zwar ohne jede Anstrengung auch mit dem, den er sonst als lahm, krumm und wie leblos hängen ließ, und die Katze riß, von wilder Gier getrieben, die sonst festgeschlossenen Augen auf, die nun wie zwei grüne Kutschlaternenlichter sichtbar wurden. Aber alles das dauerte nur einen Augenblick, so daß Zäpfel Kern es nicht gewahr wurde, und gleich darauf lahmte wieder der Fuchs, schien wieder blind die Katze.

Und der Fuchs sprach mit süßem Ton: „Wie haben Sie nur meinen können, mein lieber Herr Zäpfel Kern,daß wir Sie auslachen könnten? Eine solche Unart liegt unserem Wesen ganz fern, und besonders Ihnen gegenüber, den ich als Landsmann aufrichtig schätze.“

„Und ich als Nachbarin“, fügte die Katze hinzu.

„Wie Sie uns hier sehen“, fuhr der Fuchs fort, „sind wir zwei Leute, die es sich zur Aufgabe gestellt haben, unsern Mitgeschöpfen so viel Gutes, wie nur möglich ist, zu erweisen. Für uns selbst aber haben wir gar keine Wünsche. Ich, wie Sie sehen, bin lahm, und meine Freundin ist blind. Was sollen zwei so arme Wesen noch vom Leben wollen? Übrigens habe ich ganz vergessen, uns vorzustellen. Zuerst natürlich die Dame, meine ausgezeichnete Stütze und Helferin, Frau Miaula Mietsinsky, Gräfin auf und zu

Dachhausen, die sich aber nur kurz Madame Miaula nennen läßt, weil ihre Vermögensumstände leider ihrem alten Adel nicht entsprechen. Sie ist Mutter von 97 Kindern, blind, arm und ehrlich.“

Während der Fuchs diese Mitteilungen machte, knixte Madame Miaula äußerst graziös, indem sie dazu mit den Hinterpfoten kratzte und den Schwanz so anmutig ringelte, daß man die Spitze davon hätte als Kleiderhaken benutzen können.

Der Fuchs aber, nun seinerseits eine tadellose Verbeugung machend, indem er sich auf die Vorderfüße niederließ und den roten Schweif demütig zwischen die Hinterbeine nahm, fuhr fort: „Was mich betrifft, so bin auch ich von altem Adel und mein Name ist Alopex Opex Pix Pax Pox Pux Fuchs Freiherr von Gänseklein auf Hühnersteig. Da aber auch ich in zurückgekommenen Vermögensverhältnissen lebe, genügt es durchaus, wenn Sie mich mit dem ersten meiner sechs Vornamen Alopex nennen. Daß ich ein Biedermann bin, sehen Sie mir wohl an. Mein größter Fehler ist meine Gutmütigkeit und eine an Narrheit grenzende Leidenschaft, anderen Leuten zu dienen, ohne selbst etwas davon zu haben.“

Glücklich, die Bekanntschaft zweier so vornehmer Leute und edler Charaktere gemacht zu haben, vollführte nun seinerseits Zäpfel Kern eine höfliche Verbeugung, indem er sein Zuckertütenhütchen gar zierlich schwenkte, und sprach: „Da Sie mich schon kennen, so brauche ich mich Ihnen nicht erst vorzustellen, doch möchte ich Ihre Offenheit über Ihre Vermögensverhältnisse mit der gleichen über die meines Papas vergelten. Auch er ist leider ein armer Mann, und wenn er, als er zum Fenster hinaussah,

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keinen Rock anhatte, so entsprang dies nicht einer Laune, sondern dem Umstand, daß er keinen besitzt. Ich aber, wie Sie bereits wissen, bin im Besitz eines kleinen Kapitals, und das werde ich heute noch dazu verwenden, ihm einen Rock aus Gold und Silber zu kaufen, mit Edelsteinen als Knöpfen daran.“ „Hm?“ machte der Fuchs.

„Äh?“ machte die Katze.

„Ja, und sodann werde ich mir ein Abcbuch kaufen, um mich dem Studium zu widmen.“

„Armer junger Mann!“ rief der Fuchs aus, „das werden Sie bitter zu bereuen haben! Sehen Sie mich an und lassen Sie sich mein trauriges Schicksal zur Warnung dienen! Auch ich war von feuriger Liebe zum Studium erfüllt, und was war die Folge? Ich habe mich lahm studiert!“

„Und mir“, fügte die Katze hinzu, „ist das Stu-

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dium nicht besser bekommen. Ich bin blind davon geworden.“

Eben wollte Zäpfel Kern fragen: „Wieso denn? Wie kann das denn sein?“, da sang eine Goldamsel, die auf einer Hecke saß:

Zäpfel, Zäpfel, hüte dich!

Glaube ja den zweien nicht!

Jeder ist ein Bösewicht!

Kaum aber daß die Amsel diese Warnung gesungen hatte, machte die Katze einen Satz, erwischte sie am Schwanz, biß ihr das Genick durch und fraß sie noch schneller auf als damals Zäpfel die Äpfel.

Dann putzte sie sich säuberlich das Maul, leckte noch den Schnurrbart ab und sagte: „Es geht doch nichts über eine fette Amsel!“

Zäpfel aber, ärgerlich über diese Roheit, sagte: „Madame Miaula, ich finde das nicht sehr weiblich, was Sie eben getan haben!“

Die Gräfin auf und zu Dachhausen aber antwortete heuchlerisch: „Gott weiß, wie ungern ich diese schwere Pflicht erfüllt habe, aber ich mußte diesem vorwitzigen Wesen eine Lehre erteilen. Diese Vögel glauben wahrhaftig, sie dürfen ihre Schnäbel in alles stecken.“

„Und überdies war diese fette Amsel eine gemeine Verleumderin“, fügte der Baron mit den sechs Vornamen hinzu. „Aus lauter Ekel darüber habe ich mich an der Mahlzeit nicht beteiligt.“ Bei diesen Worten sah er Frau Miaula böse an. „Damit Sie, mein junger Freund, aber einen Beweis erhalten für das uneigennützige Interesse, daß ich an Ihnen nehme, will ich Ihnen einen Rat erteilen, wie Sie aus

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Ihren hundert Mark tausend, zehn-, ja hunderttausend Mark machen können.“

„Dafür wäre ich ihnen wirklich sehr verbunden“, sagte Zäpfel und spitzte die Ohren voller Neugierde. „Was muß ich denn dazu tun?“

„Daß Sie, statt nach Hause, mit uns gehen“, erwiderte der Fuchs.

„Und wohin?“

„Ins Schlaraffenland“, antwortete der Fuchs. „Oh, da ist’s fein!“ lispelte die Katze.

Zäpfel Kern überlegte ein Weilchen, dann gab er sich einen Ruck und sagte: „Nein! Es geht nicht! Ich muß nach Hause. Das Geld gehört ja doch meinem Papa! Und ich hab’ versprochen brav zu sein, und ich will brav sein und nichts als lernen, lernen, lernen, und wenn ich gleich lahm und blind davon werde!“

„Wie du willst“, sagte der Fuchs. „Wenn dir hundert Mark lieber sind als tausend . ..?“

„Und zehntausend .. .?“ sagte die Katze.

„Und hunderttausend . ..?“ sagte der Fuchs.

Bei jeder dieser Zahlen hatte Zäpfel Kern das Gefühl, als gebe ihm jemand einen kleinen Stoß, aber einen angenehmen Stoß, einen freundschaftlichen Rippenstoß, der da bedeutet: So geh doch! Vor dir liegt alles, was du haben willstl Sei nicht dumm! Geh! Mach!

Und Zäpfel Kern fragte: „Wie geht das denn aber zu mit dem Geld?“

„Sehr einfach“, antwortete der Fuchs, und seine grauen Augen kriegten einen rötlichen Schein. „Sehr einfach! Im Schlaraffenland ist ein Feld, das mit guten Vorsätzen gedüngt ist. Wenn du dort deine

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fünf Zwanzigmarkstücke in die Erde steckst, wie der Gärtner mit Kernen tut, woraus Bäume werden sollen, und du gießt eine Handvoll Wasser auf jedes Stück, und du tust dann Erde darüber, und auf die Erde streust du Salz und sagst dazu, indem du mit dem Kopf wackelst:

Erde und Salzl Wasser und Schmalzl Pinkus!

Gold und Quarkl Hunderttausend Markl Pinkus 1

dann kannst du ruhig ins Bett gehen und schlafen, und am nächsten Morgen ist aus jedem Zwanzigmarkstück ein Baum gewachsen, hoch, breit, wie ein alter Walnußbaum, und an dem Baum hängen tausend und tausend Nüsse, und in jeder Nuß ist ein Zwanzigmarkstück. Du brauchst bloß zu schütteln, und sie fallen herunter.“

„Wobei du dich nur zu hüten hast“, bemerkte die Katze, „daß sie dir nicht etwa auf den Kopf fallen, denn das gibt Löcher.“

„Und du mußt natürlich für Säcke sorgen, in die du die Zwanzigmarkstücknüsse steckst“, fügte der Fuchs hinzu.

„Und für Wagen, die Säcke draufzuladen“, sagte die Katze.

„Und für Ochsen, die Wagen zu ziehen“, sagte der Fuchs.

„Denn hunderttausend Mark sind ein schweres Stück Geld“, sagten beide zugleich.

Unserm Kasperle wurde schwindlig in seinem Kopf aus Tannenholz. Er sah Wagen auf Wagen von

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Gold hintereinander herfahren, einen unabsehbaren Zug, und die Ochsen keuchten, und die Kutscher knallten mit den Peitschen, und auf dem dicksten Geldsack saß er selber und schrie: Hü! hü! hü! Nach Hause! nach Hause! Mit hunderttausend Mark! — Und er rief: „Führt mich ins Schlaraffenland! Schnell 1 schnell! schnell!“

Dreizehntes Kapitel

In der Schenke zum gespickten Heupferd

Also: sie gingen. Rechts der Fuchs, links die Katze, in der Mitte Zäpfel Kern. Die Gegend war wüst und leer; kein Haus, keine Hütte — nichts.

„Ich finde die Landschaft nicht sehr anmutig“, bemerkte Zäpfel.

„Um so schöner ist’s im Schlaraffenland“, tröstete der Fuchs.

„Wo die schönen Zwanzigmarknußbäume gedeihen“, miaute die Katze.

„Werden wir noch vor Abend dort sein?“ fragte das Kasperle.

„Das ist unmöglich“, antwortete der rote Baron, „wir müssen vorher einkehren, uns etwas zu erfrischen.“

„Wir kennen ein ausgezeichnetes Wirtshaus in der Gegend, wo wir schon oft eingekehrt sind“, fügte Madame Miaula hinzu, „es heißt: ,Zum gespickten Heupferd*. Man speist ausgezeichnet dort, wie schon der Name andeutet.“

„Und auch die Betten sind gut“, sagte der Fuchs.

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„Wollen wir denn da übernachten?“ fragte Zäpfel, der am liebsten ohne Pause ins Schlaraffenland gewandert wäre.

„Freilich“, antwortete die Katze, „sonst sind wir müde, wenn wir im Schlaraffenland ankommen, und Sie haben ja eine Arbeit vor sich.“

Gegen Abend kamen sie richtig an das Wirtshaus, das ein gespicktes Heupferd im Schild führte. An der Türe stand der Hausknecht, eine kleine Kappe auf dem Kopf, eine blaue Schürze vorgebunden, in der Hand einen Besen.

„Gehorsamer Diener, meine Herrschaften“, begrüßte er die drei. „Die Herrschaften sind auf der Reise? Wollen die Herrschaften hier einkehren?“ „Jawohl“, antwortete der Fuchs. „Trag nur unser Gepäck hinauf!“

„Wo ist denn dasGepäck?“fragte der Hausknecht, und sah sich suchend um.

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„Richtig! Wir haben es auf dem Mond stehen lassen“, antwortete der Fuchs, und Madame Miaula wollte sich totlachen über den Witz.

„So werde ich den Zimmerkellner rufen“, sagte der Hausknecht und verschwand.

Es dauerte etwa fünf Minuten, und er kam wieder, diesmal aber ohne Kappe, Schürze und Besen, wofür er einen Frack anhatte.und eine Serviette unterm Arm trug.

„Die Herrschaften befehlen Zimmer?“

„Ja, drei“, antwortete Baron Alopex. „Die drei besten, die Sie haben, und das beste für seine Durchlaucht, den Prinzen Zäpfel Kern.“

„Ah!“ sagte der Kellner und verbeugte sich so tief, daß es aussah, als wollte er sich überzeugen, ob der Fußboden auch gut genug für einen Prinzen röche.

„Und nun rufen Sie schnell den Koch, Herr Oberkellner! Wir möchten eine Kleinigkeit speisen“, befahl in gräflichem Ton die Gräfin auf und zu Dachhausen.

„Gleich! Sofort! Augenblicklich!“ rief der Kellner und stürzte ab, daß die Frackschöße flogen.

Nach fünf Minuten, während sich die drei an einem gedeckten Tisch niedergelassen hatten, erschien er wieder, aber diesmal ganz weiß angezogen und eine Kochmütze auf.

„Was befehlen die Herrschaften?“ fragte er mit äußerster Höflichkeit.

„Ich für mein Teil“, antwortete der Fuchs und leckte sich die Nase, „habe nur mangelhaften Appetit. Für mich wird das folgende genügen: Eine Terrine voll Hahnenkammsuppe; zwei mittelgroße gebackene Karpfen in polnischer Tunke; drei or-

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dentliche Beefsteaks, möglichst roh, mit etwa zwölf Bratkartoffeln; drei junge Hühner, gebacken, mit Eiersalat (es genügen acht Eier); zwei Portionen Rehrücken, mit etwas Kirsch-, Pflaumen-, Pfirsich- und Aprikosenkompott, und zum Schluß zwei kleine Napfkuchen, jeder etwa zu einem Pfund.“

„Und was für Käse?“ fragte der Koch, ohne im mindesten über die Reichhaltigkeit des Menüs zu erstaunen.

„Bringen Sie, was Sie haben“, sagte der Fuchs. „Ich habe, wie gesagt, keinen Appetit. Aber Obst können Sie reichlich bringen. Ein Dutzend Äpfel, zwei Pfund Kirschen, zwölf Apfelsinen und natürlich einen Korb voll Rosinen und Krachmandeln.“

„Und was befehlen die gnädige Frau?“

Madame Miaula antwortete mit nachlässigem Ton: „Ich habe mir leider den Magen verdorben und werde Ihrer Küche deshalb wenig Ehre antun. Aber eine Kleinigkeit können Sie mir immerhin bringen: Zuerst einen Liter frische Milch, das bin ich so gewöhnt; dann zwölf gebackene Goldfische, jeder eine Hand groß; dann zwei Pfund rohes Beefsteak; dann sechs Täubchen; dann ein gutes Mäuseragout in Baldriansauce.“

„Aus wieviel Mäusen?“

„Sagen wir: drei Dutzend. Dann noch einen Liter Milch, aber fett muß sie sein! Und zum Schluß fünf Portionen Schweizerkäse, mit möglichst viel Rinde. Obst mag ich keines.“

Zäpfel Kern, der jetzt deutlich sah, mit was für vornehmen Leuten er es zu tun hatte, war viel zu sehr von Sehnsucht nach dem Schlaraffenland eingenommen, als daß er an ein so umfangreiches Me-

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nii hätte denken können. Er bestellte einfach, weil er an nichts als Nüsse dachte, eine Handvoll Nüsse.

Das Mahl dauerte ziemlich lange, weil seine beiden Begleiter von jeder Speise doppelt nahmen; als sie aber endlich alle Teller und Schüsseln geleert hatten (wobei es auffiel, daß die Gräfin Mietsinsky eigenzüngig alle Teller ableckte), erklärte Baron Alo-pex, daß jetzt sein Appetit angenehm erregt und nun der Augenblick gekommen sei, wo man die Spezialität des Hauses genießen könnte: gespickte Heuschrecken in Knoblauchsauce. Und richtig, sie aßen ein jedes noch davon sechs Portionen. Madame Mi-aula aber ließ aus Gräflichkeit eine Heuschrecke liegen.

Dann aber sagte der rote Baron: „Nun zu Bett! Genau um Mitternacht wünschen wir geweckt zu sein, Herr Oberkellner. Sagen Sie es dem Hausknecht!“

„Ich werde es nicht vergessen ihm auszurichten“, antwortete der Kellner, als handelte es sich wirklich um eine andere Person.

Wer genau beobachtete, konnte aber sehen, daß er dabei das eine Auge etwas zukniff und mit dem anderen einen sonderbaren Blick auf Zäpfel Kern warf.

Der aber bemerkte natürlich gar nichts, denn er war im Geist schon im Schlaraffenland und memorierte unablässig den Zauberspruch:

Erde und Salz!

Wasser und Schmalz!

Pinkus!

Gold und Quark!

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Hunderttausend Markl Pink us!

Mit diesem Spruch, anstatt eines Abendgebetes, schlief er dann in seinem Zimmer auf der Stelle ein und war sofort im Schlaraffenland des Traumes. Auf einmal sah er sich in einem Wald, aber es war kein Tannenwald, sondern ein Wald aus riesigen Nußbäumen, die voll goldener Nüsse hingen. Wehte ein Wind durch die Kronen dieser Baumriesen, so schlugen kling-ping-ling die goldenen Nüsse aneinander, und das deuchte Zäpfel Kern eine wunderbare Musik, schöner noch als die des Kasperletheaters. Manchmal fiel auch eine Nuß herunter. Dann platzte die goldene Nuß auf, und an Stelle des Kernes fiel ein blitzblankes neues Zwanzigmarkstück heraus, auf dem aber nicht der Kopf des Kaisers, sondern der Kopf unseres Kasperle gemünzt zu sehen war. Kurz: Zäpfel Kern träumte so angenehm, daß er im Traum fortwährend lächelte.

Da klopfte es plötzlich dreimal laut an die Tür, und Zäpfel Kern fuhr aus Schlaf und Traum steif in die Höhe.

Eine Stimme an der Türe rief: „Aufstehen! Es ist Mitternacht!“

„Ich komme gleich!“ sagte Zäpfel Kern, zog sich schnell an, wusch sich hastig und ging hinunter ins Gastzimmer, wo jetzt der Wirt, der den Koch, den Kellner und den Hausknecht in einer Person vereinigte, mit einer trüb brennenden Laterne auf ihn wartete.

„Sind meine Kameraden noch nicht aufgestanden?“ fragte Zäpfel Kern.

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„Die?“ antwortete der Wirt, „die sind schon vor zwei Stunden aufgebrochen.“

Unserm Kasperle fiel im Schreck die Kinnlade auf den Bauch.

„Aber“, stotterte er, „wir wollten doch zusammen . .

„Madame Miaula hat eine Depesche erhalten, daß ihr jüngster Sohn das Obermäusejägermeisterexamen mit Note Eins bestanden hat, und diese Nachricht hat ihr mütterliches Herz so in Entzücken versetzt, daß sie auf der Stelle abgereist ist. Da sie aber wegen ihrer Blindheit allein nicht reisen kann, hat Baron Alopex sie begleitet.“

„Ja, aber, wir wollten doch zusammen...?“greinte Zäpfel.

„Baron Alopex sagte, daß er Sie morgen auf dem bewußten Feld, das mit guten Vorsätzen gedüngt ist, erwarten werde. Sie möchten nur vorausgehen: Erst dreitausendzweihundertsiebenundzwanzig Schritte geradeaus, dann links über den verfaulten Baumstamm bis zu dem großen Stein aus Katzengold, dann rechterhand am Unkenteich vorbei über das Irrlichtermoor bis zu der Trauerweide mit dem gespaltenen Stamm, dann wieder links . . . nein . . . rechts . . . nein: doch links bis zu dem Wegweiser (wenn er noch da ist), auf dem geschrieben steht: Ins Schlaraffenland, fünfzig Kilometer, Radfahren verboten.“

„Ach Gott! werde ich mich denn zurechtfmden?Es ist ja stockfinstere Nacht!“ seufzte Zäpfel.

„Nur Mut!“ meinte der Wirt und grinste dazu; „es sind hier immer allerhand Leute unterwegs, und die werden Sie schon irgendwohin bringen.“

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„Also dann adieu!“ sagte Zäpfel, hob seinen Hut und wollte gehen.

Aber der Wirt packte ihn an seiner Krause aus rotem Seidenpapier und rief nicht ganz leise: „Halt! Erst zahlen! Hier ist meine Rechnung!“ Und er entfaltete ein Papier, lang wie eine Flagge bei Kaisers Geburtstag.

Zäpfel Kern machte Krebsaugen und sagte: „Haben denn meine Kameraden ihre Zeche nicht bezahlt?“

„Da kennen Sie die Herrschaften schlecht! Die sind viel zu gut erzogen, als daß sie einem jungen Prinzen wie Euer Durchlaucht eine solche Beleidigung antun würden.“

„Ich wollte ihnen diese Beleidigung sehr gern verziehen haben“, erklärte Zäpfel Kern. „Aber ich werde natürlich die Rechnung bezahlen. Wieviel macht es denn?“

„Bitte zu lesen und nachzurechnen“, sagte der Wirt und wies auf die lange Flagge.

Zäpfel Kern war in schrecklicher Verlegenheit, da er ja nicht lesen und rechnen konnte, aber, frech wie er war, sagte er: „Bei diesem Licht ist es unmöglich zu lesen. Sagen Sie mir einfach, was ich schuldig bin.“

Der Wirt aber merkte wohl, wie die Sachen standen, und nannte statt dreißig Mark sechzig Mark.

„Sechzig Mark?!“ stöhnte Zäpfel.

„Ja, ohne das Trinkgeld für den Hausknecht, den Kellner und den Koch.“

Da wurde unser Kasperle aber wütend. Er warf dem Wirt drei Goldstücke an den Kopf und sagte: „Schicken Sie, bitte, den Hausknecht, den Kellner

B Zäpfel Kern

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und den Koch her zu mir, daß ich ihnen das Trinkgeld in die Hand geben kann, Sie — Verwandlungs-künstlerl Und nennen Sie Ihre Schenke lieber zur gespickten Rechnung!“ Sprach’s, warf die Tür hinter sich zu und schritt in die dunkle Nacht hinaus.

Vierzehntes Kapitel Es spukt

In der furchtbaren Finsternis, die ihn umgab, fiel unserem Kasperle das Herz sofort in die Löschpapierhosen, und er wäre gern wieder in das Haus zurückgekehrt, wenn er sich nicht hätte sagen müssen, daß nach seinen Grobheiten ihm der Wirt gewiß nicht die Tür aufmachen würde.

So tastete er sich denn vorwärts von Baum zu Baum, stolperte hier, stolperte da und fuhr bei jedem Geräusch erschreckt zusammen.

Auf einmal war ihm, als hörte er deutlich vor sich lachen.

„Wer da?!“ rief er entsetzt.

„Wer da?! Wer da?! Wer da?!“ antwortete ein dreifaches Echo schrecklich hohl.

Zäpfel stolperte weiter.

Patsch! lag er der Länge lang da, und seine Nase bohrte sich in etwas Weiches, das er zum Glück in der Dunkelheit nicht erkannte. Wohl aber hörte er deutlich wieder das höhnische Gelächter.

Er erhob sich, wischte sich das Gesicht ab und rief: „Wer lacht da?“

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„Lacht da?I lacht da?! lacht da?I“ antwortete das Echo.

Zäpfel lehnte sich an einen Baumstamm und seufzte: „Wenn doch nur ein Licht da wäre!“

In demselben Moment schwirrte etwas Helles

vor ihm auf und setzte sich auf einen Zweig. Wie Zäpfel Kern näher hinsah, war es ein Ding von der Form eines Maikäfers, aber körperlos, durchsichtig. Die zwei Fühler glimmerten rot, die Augen funkelten schwarz, alles übrige war wie ein grüner Lichtschleier.

„Bist du eine Laterne?“ fragte Zäpfel Kern.

„Nein, ich bin der Geist des seligen Professors Doktor Maikäfer, den du erschlagen hast“, antwortete das Ding mit einer dumpfen, bebenden Stimme.

Wie Zäpfel Kern das hörte, wurde er nicht etwa von Reue und Entsetzen ergriffen, wie es doch zu er-

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warten gewesen wäre, sondern es erwachte seine ganze Abneigung gegen gute Lehren in ihm, und er schrie ganz frech: „Schon wieder? Was willst du denn?“

„Ich will dir einen Rat geben“, antwortete das Käfergespenst.

„Brauch’ keinen!“ trotzte Zäpfel Kern.

„Doch, mein Sohn! Kehr um, sag’ ich dir, kehr augenblicks um und geh nach Iiause. Dein armer Papa verzehrt sich in Sorge um dich.“

„Morgen bring’ ich ihm zehntausend Goldstücke, dann ist alles in Ordnung.“

„Merkst du denn nicht, daß du Schwindlern in die Hände gefallen bist? Ach, Zäpfel Kern, warum glaubst du nicht denen, die es gut mit dir meinen, sondern denen, die Übles gegen dich sinnen?“

„Beleidige meine Freunde nicht, leuchte mir lieber!“

„Ja, wenn du nach Hause gehst!“

„Fällt mir nicht ein!“

„Siehst du nicht, wie schwarz die Nacht ist?“

„Sie wird schon wieder weiß werden.“

„Es ist eine gefährliche Gegend! Es gibt hier Räuber!“

„Bei uns in Deutschland gibt’s keine Räuber, sondern nur Gendarmen!“

„Aber jetzt sind wir an der Grenze!“

„Gott sei Dank! An der Grenze des Schlaraffenlandes!“

„Zäpfel! Zäpfel! Laß dich nicht verlocken! Denk an das, was ich dir gesagt habe, ehe du mich erschlugst.“

„Das weiß ich schon auswendig.“

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„So bleibt mir denn nichts anderes übrig, als mein Haupt zu verhüllen über deine Torheit und Unfolgsamkeit. Gehab dich wohll“

Bei diesen Worten nahm der Geist des seligen Professors Doktor Maikäfer mehr und mehr an Licht ab, bis er gar nicht mehr zu sehen war, und wiederum umgab unsern Zäpfel Kern dichte, undurchdringliche Finsternis.

Fünfzehntes Kapitel

Schrecken über Schrecken

In seinem Ärger über die guten Lehren des Maikäfergespenstes vergaß Zäpfel Kern ganz, sich wei ter zu fürchten. Er tastete sich tapfer durch Busch und Dickicht und murmelte dabei vor sich hin: „Angst hat er mir machen wollen, das war das Ganze. Weil ich nicht folgen wollte, soll es nun gleich Räuber hier geben. Unsinn! Räuber! Wo wir soviel Polizisten haben! Es ist zum Lachen! Und wenn es wirklich Räuber gäbe, wäre es auch noch nicht ausgemacht, wer gewinnt: ich oder die Räuber. Ich würde einfach sagen: Packt euch, oder ich packe euch.“

In diesem Augenblick raschelte es hinter ihm im Gebüsch, Zäpfel fuhr schlotternd zusammen, drehte sich um und gewahrte trotz der Dunkelheit zwei Figuren, die noch schwärzer waren als die Nacht. Die Angst gab seinen Augen die Kraft, die Finsternis zu durchdringen, und er sah, daß es zwei in Kohlensäcke vermummte Gestalten waren, die sich die Gesichter schwarz angestrichen hatten.

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Schlau wie Zäpfel war, brachte er zuerst seine ihm übriggebliebenen zwei Zwanzigmarkstücke in Sicherheit: unter die Zunge. Dann setzte er zu einem Seitensprung ins Gebüsch an, um zu entfliehen.

Zu spätl Er fühlte sich an einem Arm gepackt

und hörte zwei furchtbare Stimmen dicht an seinem Ohr: „Das Geld oder das Leben!“

Da Zäpfel Kern wegen der beiden Goldstücke unter der Zunge nicht reden konnte, kehrte er seine Hosentaschen um, um zu zeigen, daß er kein Geld hätte.

Die beiden Räuber aber riefen: „Wird’s bald!? Wo hast du das Geld?“

Zäpfel fuhr mit den Armen in der Luft herum, zuckte mit den Achseln, schüttelte mit dem Kopf und wollte mit allem nochmals beteuern, er habe kein Geld.

Da schrie der größere der beiden Räuber: „Gibst du nicht augenblicklich dein Geld her, so bist du ein

Kind des Todes!“ Und der kleinere wiederholte: „Des Todes!“ Und wiederum der größere: „Erst schlachten wir dich, dann deinen Vater!“

Und im Echo der kleinere: „Deinen Vater!“

Da konnte Zäpfel Kern nicht an sich halten und wimmerte: „Neinl nein! nein! Nur meinen guten Papa nicht!“

Durch das Sprechen klimperten aber die Goldstücke aneinander, und nun hatten es die Räuber heraus, wo das schlaue Zäpfele seine Sparbüchse hatte.

„Ha“, schrien sie, „seht doch den Schurken! Hat Gold im Munde, wie die Morgenstunde.“

Und der größere rief: „Spuck es aus auf der Stelle!“ Und der kleinere schrie: „Spuck!“

Wer aber nicht spuckte, war unser Kasperle.

„Du willst also nicht?“ sagte der größere. „So wirst du müssen!“

„Müssen!“ wiederholte der kleinere.

Und nun versuchten sie, Zäpfel Kerns Sparbüchse zu öffnen. Der eine stemmte ein Knie gegen die Nase und suchte sie so nach oben zu drücken. Der andere hing sich an den Unterkiefer und wollte ihn so nach unten zerren. Ein angenehmes Gefühl war es nicht, aber Zäpfel ließ nicht locker.

„Alsomüssen wir den Geldschrank mit dem Stemmeisen öffnen“, rief der größere. „Ich werde ihm das Maul aufstemmen, und du fährst dann fix hinein und holst das Geld heraus.“

Das mit dem Stemmeisen ging nach Wunsch. Zäpfel Kern mußte den Mund öffnen, als ihm mit wuchtigen Hammerschlägen ein Stemmeisen zwi-

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sehen die Lippen und gegen die Zähne getrieben wurde. Als aber der andere mit der Hand hineinfuhr, biß er zu wie ein Nußknacker und: tschig! — hatte er einen abgebissenen Finger im Mund.

Einen Finger? Nein, es war eine Katzenpfote.

Zäpfel Kern hatte indessen keine Zeit, sich über dieses Wunder Gedanken zu machen. Er benutzte das kreischende Zurückfahren des kleineren der Räuber dazu, dem größeren einen Stoß gegen die Brust zu geben, und sprang davon.

Hei, wie er sprang! Da zeigte es sich, wie gut Meister Zorntiegel die Gelenke ineinander gefügt hatte.

Es war eine rasende Jagd durch die Finsternis. Zum Glück kam Zäpfel bald auf freies Feld, und nun sauste er erst recht wie der Wind dahin über die Furchen eines Kartoffelackers, setzte jetzt über einen Zaun, nun über eine Hecke, klapp — klapp — klapp den steinigen Berg hinauf, jupp, den Berg wieder hinab und huisassa über eine Wiese hin. Aber jetzt, nach drei Meilen, wurde er müde, und der Atem ging ihm aus. Auch bemerkte er einen brenzlichen Geruch von seinen Fuß- und Beingelenken her, die sich wie die Achsen eines Wagens heißgelaufen hatten und notwendig etwas Öl oder Schmierfett benötigten. Und dabei kamen seine Verfolger näher und näher, der größere voran, der kleinere wegen seiner Wunde hinterdrein.

Schon glaubte sich Zäpfel Kern verloren, da sah er eine Tanne vor sich, die ihm brüderlich die Äste entgegenstreckte. Ein Sprung, und er ergriff den niedersten Ast, ein Schwung, und er saß auf dem höchsten. Aber im nächsten Augenblick waren auch die beiden Raubgesellen da.

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„So klettere doch!“ rief der größere, „du weißt doch, ich kann nicht klettern.“

„Und ich kann’s jetzt auch nicht“, flüsterte der kleinere. „Ja, wenn mir der Schuft nicht meine Pfote abgebissen hätte!“

„Verdammt! Was machen?“ flüsterte der größere. „Feuer an den Baum legen!“ zischte der kleinere.

Und so geschah’s. Nach wenigen Minuten hatten die Schurken ein Feuer angezündet, das an der Tanne heiß hinaufleckte. Wollte Zäpfel Kern nicht bei lebendigem Leibe gebraten werden, so mußte er hinunter. Schon der Qualm, der ihm die Augen beizte, war unerträglich. Er hatte gerade nur noch Zeit, sich mit etwas Tannenharz, das er mit Tannennadelöl geschmeidig gemacht hatte, die Gelenke etwas zu schmieren, dann gab er sich mit dem schwankenden Ast einen tüchtigen Schwung und machte den schönsten und weitesten Kasperlesprung, den je die Welt gesehen hat. Gottlob! er kam, ohne zu fallen, auf die Füße und floh aufs neue davon.

Der Tag begann schon zu grauen und sah Zäpfel Kern immer noch vor seinen Verfolgern dahinfliehen wie einen Hasen vor zwei Jagdhunden. Wer weiß, ob sie ihn nicht doch erwischt hätten, wenn jetzt nicht zum Glück ein breiter Wassergraben gekommen wäre. Er war zwar entsetzlich breit, und es war noch gar nicht ausgemacht, ob Zäpfel Kern nicht doch mit seinem schmierigen Lehmwasser Bekanntschaft machen würde, das wie Milchkaffee aussah, aber gewiß nicht so schmeckte; doch unser Kasperle ließ sich nicht bange machen, nahm sich ein Herz, zählte: „Eins! zwei! drei!“ und hupp! war er drüben.

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Seine beiden Verfolger aber, denen beim Springen die Kohlensäcke höchst hinderlich waren, fielen patsch! klatsch! mitten hinein, daß nur noch ihre schwärzen Köpfe aus dem Milchkaffee herausguckten.

„Wohl bekomme das kühle Morgenbad!“ rief Zäp-fel, indem er seine Zunge lang herausstreckte, und jagte weiter.

Einen guten Vorsprung hatte er ja nun. Die Räuber aber nahmen doch in ihren triefnassen Kohlensäcken die Verfolgung auf.

Sechzehntes Kapitel Es geht ihm an den Kragen

Es ist unmöglich, mit zwei Beinen schneller zu laufen, als das Kasperle lief, aber seine Verfolger, obwohl sie auf zwei Beinen vor ihm gestanden waren, hatten zum Laufen jeder vier Beine zur Verfügung. So geschah es, daß sie immer näher und näher kamen.

Zäpfel Kern glaubte sich bereits verloren, da sah er in der Ferne einen wunderschönen Wald, lauter hohe Eichen und Buchen, und aus dem saftigen Grün des Waldes leuchtete weiß mit Zinnen und Türmen ein Schloß hervor.

Dieser Anblick gab ihm neue Hoffnung. Und mit der Hoffnung neue Kraft.

„Dort oder nirgends finde ich Rettung!“ sagte er zu sich selber und sprang nun wieder so schnell dahin, daß die acht Beine hinter ihm zurückblieben.

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Näher und näher kam er dem Schloß, aber o wehl — Jetzt stand vor ihm ein schrecklich hohes, schmiedeeisernes Gitter, und es war ganz mit Kletterrosen umwachsen.

Hilft nichts, dachte sich Zäpfel und kletterte hinauf, von Dornen zerstochen und zerritzt,und rutschte auf der anderen Seite hinab, nochmals von Dornen zerstochen und zerritzt. Von Hose und Jacke und Krause blieb gar viel an Gitter und Dornen hängen, und sein schöner Kasperle-Anzug bestand jetzt mehr aus Löchern als aus Papier. Wie Zäpfel weiterlief, war es, als ob er überall mit kleinen Fahnen besteckt wäre, so wimpelte es um ihn herum von roten, blauen und grünen Fetzen. Nur der schöne Zuckertütenhut war noch heil, denn er war aus dickem Kartonpapier. Das Kasperle nahm ihn, wie es weiterlief, zwischen die Zähne, damit nicht etwa sein einziges ganz gebliebenes Kleidungsstück auch davonflöge, denn die Baumrindenschuhe, so fest sie auch gewesen waren, waren doch schon längst durchgelaufen, und Zäpfel hatte sie schließlich ausgezogen und in die Hände genommen. So, den Hut zwischen den Zähnen, in jeder Hand einen Schuh, langte er endlich vor dem Schloßtor an. Er hatte nicht Zeit, über die Schönheit dieses Tores zu staunen, das über und über mit Schnitzerei bedeckt und zwischen der Schnitzerei vergoldet war, so daß es aussah,als säßen diese vielen geschnitzten Vögel auf einem goldenen Geäst. Er sah nur eins: mitten am Tor hing ein silberner bauchiger Schild und an diesem silbernen Schild herunter an einem vergoldeten Seil ein Klöppel

Zäpfel Kern griff hastig den Klöppel und haute damit, so stark er nur konnte, auf den Schild.

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Päng-gong! erklang es mit starkem und doch süßem Laut.

Aber es rührte sich in dem Schloß, dessen Fenster sämtlich mit goldenen Läden verdeckt waren, keine Menschenseele.

Zäpfel Kern ließ seine Augen an der weißen Fläche hinauf- und hinabschweifen, ob sich nicht doch ein Fenster ölfnen wollte, aber das Schloß blieb in seiner glänzenden marmornen Pracht stumm und verschlossen liegen. Dennoch war Zäpfel Kern fest überzeugt, daß es Leben enthielte, denn er hörte deutlich ein wundersames Brausen und Rauschen hinter der Türe, als ob das Schloß atmete wie ein lebendiges Wesen. Aber sein Atem war Musik.

Zu jeder anderen Zeit würde Zäpfel Kern mit andächtigem Schweigen dieser Musik gelauscht haben, denn es war, als ob Engel zu einer Orgel sängen, die so wunderstark und hold erbrauste, daß jedes Herz davon still und glücklich wurde, aber ein in Todesangst dröhnendes Herz wie das unseres gehetzten Freundes kann nicht lauschen und still sein. Zäpfel Kern ergrilf zum zweitenmal den Klöppel und bearbeitete Schlag auf Schlag den silbernen Schild so heftig, daß ein unaufhörliches päng-gong, päng-gong, päng-gong erscholl, vor dessen Gelöne die Musik hinter den Mauern erstarb.

Und da tat sich über dem Tor, wie von unsichtbarer Hand geöffnet, ein goldener Fensterladen auf, und ein goldenes Licht fiel schräg auf Zäpfel Kern herab, und goldener, leuchtender noch als dieses Licht erschien ein wunderbares Antlitz am Fenster, das Antlitz der schönsten Frau auf Erden. Braun, aber mit einem goldenen Schimmer darum, waren die Haare,

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braun, aber mit einem goldenen Leuchten darin, waren die Augen. Gelblich-rosa wie Rosenblälter und wie Rosenblätter samten und frisch war die Haut. Die Lippen der Frau hatten die Röte von Walderdbeeren und waren schwellend und zarthäutig wie Himbeerfleisch — und so war alles an diesem Ant-

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litz zart und mild. Und jede Linie des lieben Gesichtes tat wohl dem, der es anschauen durfte. Die schlanken Hände aber hatte die Frau über der Brust gekreuzt, an der eine große in Gold gefaßte Spange aus Mondstein das mildgrüne seidene Gewand zusammenhielt.

Und die Frau sprach mit einer Stimme, die aus einer anderen Welt zu kommen schien: „Was willst du, Kind?“

„Mach doch das Tor auf!“ schrie Zäpfel, aber seine Stimme kam deutlich aus dem hölzernen Brustkasten.

„Kannst du nicht bitten?“ fragte die Frau.

„Ich hab’ keine Zeit zum Lamentieren!“ schrie Zäpfel, der ja immer gleich frech wurde, wenn er glaubte, das Schlimmste hinter sich zu haben.

„Das tut mir leid, mein Kind“, sagte die Frau, „denn ich bin es gewöhnt, daß man mich bittet und nicht anschreit.“

Und die goldenen Fensterladen schlossen sich

wieder, und das goldene Licht verschwand---

und an jedem Ohr fühlte Zäpfel Kern eine kräftige Faust.

„Au, au, au“, schrie er, „das ist unverschämt.“

„Lange noch nicht so wie du“, schrie der größere Räuber und gab ihm von links eine so kräftige Ohrfeige, daß Zäpfel Kern taumelte.

Und da der kleinere Räuber, wie wir wissen, immer das Echo des größeren machte, so gab auch er unserm Kasperle eine nicht minder gewaltige Backpfeife, aber von rechts. Damit war das Gleichgewicht wieder hergestellt, aber nicht Zäpfels Wohlbehagen.

„Huhuhu!“ heulte das Kasperle.

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„Jawohl, huhuhu“, äffte ihn der große Räuber nach. „Heraus mit dem Geld, oder es geht dir schlimm!“

„Schlimm!“ bestätigte der kleinere.

Aber Zäpfel Kern stopfte beide Hände in die Hosentaschen, blieb breitbeinig voller Trotz stehen und sagte nicht maff.

„Also gut dennl Schlachten wir ihnl“ sagte der große.

„Schlachten!“ echote der kleinere.

Und beide zogen aus ihren Kohlensäcken entsetzlich lange und entsetzlich scharfe Messer.

Und der große, das Messer schwingend, sprach: „Wir wollen dich erst ein bißchen kitzeln.“

„Kitzeln!“ wiederholte der kleinere und schwang gleichfalls das Messer.

Zäpfel sagte nicht maff.

Da kommandierte der größere: „Eins, zwei,drei!“ und wie er „drei“ gesagt hatte, stürzten beide zu gleicher Zeit auf unser Kasperle los.

Sie trafen gut, das muß man sagen: beide in die Herzgegend; aber Zäpfel war aus viel zu gutem Kernholz gemacht, als daß ihm zwei Messer etwas hätten antun können.

Knack! brachen beide Klingen ab, und die beiden hatten nur noch jeder seinen Messergriff in der Hand.

Zäpfel Kern zog die Augenbrauen hoch und mek-kerte vor Vergnügen wie ein Ziegenbock.

Die Räuber aber standen da wie begossene Pudel und machten dumme Gesichter (soweit man das unter dem schwarzen Anstrich sehen konnte). Dann schmissen sie ihre Messergriffe wütend weg, und der

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größere sprach: „Der Bursche kommt uns verdammt teuer zu stehen.“

„Geschäftsunkosten!“ sagte der kleinere.

„Aber einen Strick wollen wir doch noch an ihn wenden? Ja?“ fragte der größere.

„Wahrlich, einen Strick“, wiederholte sein Echo.

Darauf banden die Räuber unserm Kasperle die Hände auf dem Rücken zusammen, warfen ihm eine Schlinge um den Hals, schleppten ihn tief in den Wald zu einer großen Eiche, hängten ihn an einem Ast auf, leierten ihn in die Höhe und setzten sich gemütlich ins Gras, zu warten, bis er ausgezappelt haben würde.

Zäpfel Kern zappelte in der Tat wütend, denn die Halsschmerzen, die er jetzt bekam, waren nicht von schlechten Eltern; wenn aber die beiden Räuber glaubten, daß er bald ausgezappelt haben würde, so irrten sie sich.

Zwei, drei, vier Stunden vergingen, und Zäpfel zappelte immer noch. Auch fiel es ihm gar nicht ein, den Mund aufzumachen und die Goldstücke herausfallen zu lassen.

„Der Kerl hat ein zähes Leben wie eine Katze“, sagte der größere.

Diesmal aber machte der kleinere nicht das Echo, sondern fauchte: „Ich verbitte mir solche Vergleiche!“

Und der größere sprach: „Nichts für ungut! Aber das Warten wird mir langweilig. Setzen wir uns irgendwo im Gebüsch auf die Lauer. Vielleicht fällt uns was Eßbares in die Hände.

„Ja, lauern wir!“ stimmte der kleinere bei.

Aber ehe sie gingen, sangen beide das folgende anmutige Duett:

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Zappel, zappel, Zäpfel Kern,

Schwinge deine Beinei

So ging’s schon manchem hohen Herrn,

So geht’s dir nicht alleinel Zappel, zippel, zappel, zum,

Links herum und rechts heruml Zappel, zappel an dem Ast,

Zappel auf und niederl Wenn du ausgezappelt hast,

Sehen wir uns wiederl Zappel, zippel, zappel, zum,

Links herum und rechts heruml

Dann machten sie eine tiefe höhnische Verbeugung und verschwanden im Dunkel des Waldes.

Zäpfel Kern hatte viel zu viel mit sich zu tun, als daß er vom Spott dieses Liedes und dieser Verbeugung hätte angegriffen werden können. Dafür griff ihn der entsetzliche Strick um so mehr an, der sich immer enger und enger um seinen Hals schloß. Und als sich nun gar ein heulender Wind erhob und ihn wie eine Glocke im Turm hin- und herschwang, daß ihm nun auch davon der Atem verging, da fühlte unser Kasperle, daß, wenn nicht bald jemand käme, ihn zu retten, es aus wäre mit seinem Kasperledasein.

Die Augen begannen ihm herauszutreten, der Mund, den er fest geschlossen hatte, wollte sich von selber öffnen; alles drehte sich in einem schrecklichen Kreis um ihn herum, und in seinen wirr werdenden Gedanken sah Zäpfel Kern alle Abenteuer seines kurzen Lebens um ihn herum Ringelreih tanzen: Den Schutzmann auf der Straße, den Waldvater, Professor Doktor Maikäfer, das Hühnchen, den Mann

7 Zäpfel Kern

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mit der Zipfelmütze, das Abcbuch, den Harlekin, Kasperle, Pimpinella, Hanswurst, Pickelhering, den Direktor Fürchterlich, Baron Alopex, Madame Mi-aula, den Hausknecht, den Kellner, den Koch, den Wirt, das Käfergespenst, die Räuber, die schöne Fee und vor allem und immer wieder seinen guten Papa.

„Lieber guter, herziger Papa, ach, wärst doch du bei mir“, schrie er noch einmal laut schluchzend auf. Dann machte er seine Augen zu, sein Mund öffnete sich, seine Glieder wurden steif, er hing starr da, wie tot.

Siebzehntes Kapitel

Wer die schöne Frau ist, und was die schöne Frau tut

Es ist kein Zweifel, daß Zäpfel Kern jetzt gestorben wäre, wenn sich nicht jene schöne Frau seiner erbarmt hätte, die ihn gewiß schon im vorigen Kapitel aufgenommen haben würde, wäre unser Kasperle etwas artiger gewesen.

Wer mochte die schöne Frau wohl sein, die im Schloß von Marmor wohnte, umatmet von Musik, umleuchtet von Gold? War es eine Prinzessin, eine Königin, eine Kaiserin gar?

Sie war mehr noch, war eine Fee.

Was ist das: eine Fee?

Ja, wenn man das sagen, wenn man das Wesen einer Fee beschreiben könnte wie ein schönes Kleid, ein Bild, ein Stück Kuchen!

Nein, man kann es nicht. Es muß uns genug sein, zu sagen, wie eine Fee entsteht.

Das aber geht so zu: Jedes Jahr einmal: am Heiligen Abend, wenn auf Erden alles fröhlich und liebreich ist, gönnt sich der liebe Gott, der sonst immer wacht, ein Viertelstündchen Schlummer. Und in diesem Viertelstündchen träumt er eine Fee. Was aber der liebe Gott träumt, verweht und vergeht nicht wie Menschentraum, sondern wird Leben und bleibende Erscheinung. Der liebe Gott sieht im Traum alle Schönheit, Güte und Milde einer lieben Frau, und all-sogleich nimmt diese Frau in seinem Herzen Gestalt an und schwebt aus Gottes Herzen auf und senkt sich nieder auf die Erde mit all ihrer Herrlichkeit, Klarheit und Lieblichkeit aus dem Herzen Gottes. Anzusehen ist sie wie andere schöne, milde, gütige Frauen, und mancher hat schon eine Fee gesehen, ohne es zu wissen; aber sie besitzt Kräfte und Fähigkeiten, die den Menschenfrauen versagt sind. Zuerst: sie ist unsterblich und bleibt immer jung. Sodann: sie ist imstande, jede Gestalt anzunehmen, die sie gerade annehmen mag. Ferner: jeder ihrer Wünsche erfüllt sich augenblicklich, aber sie hat immer nur Wünsche für andere. Weiter: alle ihre Sinne: Gesicht, Gehör, Gefühl, Geruch sind so fein, daß, wenn sie will, nichts auf Erden ihr fremd bleibt. Aber, da sie nicht Gott selbst, sondern nur ein Traum Gottes ist, so will sie gar nicht alles wissen, sondern beschränkt sich darauf, nur die Geschicke der Wesen zu verfolgen, denen sie die Gnade ihrer Anteilnahme schenkt. Das aber sind alle Wesen, die mit ihr in Berührung kommen: nicht bloß Menschen etwa, sondern auch Tiere, Pflanzen, Steine, ja auch Gebilde der Kunst des Menschen. Und schließlich: Sie vermag das Leben dieser Wesen zwar nicht zu lenken, — denn Gott hat

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allem, was lebendig ist, selber die Lenkung anvertraut, — aber doch gelinde zu beeinflussen, so etwa, wie eine Mutter ihr Kind zum Guten leitet. Doch nicht bloß mit ihrer Gegenwart und durch Worte und sichtbare und fühlbare Handlungen, sondern auch, wenn sie fern ist, durch Kräfte, die uns Menschen unbegreiflich sind.

Ein Traum Gottes also, eine gute Fee war jene schöne Frau. Ihr Name war Dschemma, und das heißt aus dem Himmlischen ins Irdische übersetzt zweierlei. Einmal: Träne des Weinstocks, und das bedeutet innerste lebendigste Güte des treibenden Lebens, und dann: Gestalt, geschnitten aus einem Edelstein, und das bedeutet: Edelste Schönheit aus köstlichster Reinheit.

Nicht leicht ist der Sinn dieses Namens zu fassen, nicht leicht das Wesen einer gottgeträumten Fee zu begreifen. Wer sich aber Mühe dazu gibt, wird fühlen, was beides bedeutet, und dieses Gefühl wird seinem Herzen wohltun und ihn durchs Leben hin begleiten wie die helfende Sorge einer Fee selber.

Doch wir müssen nun wieder zu unserem Kasperle kommen, sonst stirbt er am Ende wirklich.

Aber nein, das ließ die gute und schöne Fee Dschemma nicht zu.

Das Zappeln am Baum und die Todesangst durfte sie ihm freilich nicht ersparen, denn seine, wie wir alle wissen, außerordentliche Frechheit mußte einmal was recht Bitteres zu schlucken bekommen; aber als sie fühlte, daß sein Leben in Gefahr war, beschloß sie sogleich ihm zu helfen.

Sie klatschte, sich zum Fenster hinausbeugend, dreimal in ihre wunderschönen Hände und rief:

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Falke, mein Bote,

Errette vom Tode,

Falke mit der schnellen Schwinge, Löse aus der engen Schlinge Zäpfel Kern, mein Kasperlein.

Laß dir’s wohl befohlen seinl

Und augenblicklich schwang sich ein schneeweißer Falke durch die Luft, brauste zur großen Eiche, an der Zäptel Kern hing, durchbiß mit scharfem Schnabelhieb den Schlingenknoten, packte sogleich Zäpfel Kern und legte ihn sanft ins grüne Moos.

Daun flog er eilig zu seiner Gebieterin, setzte sich

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ihr auf die Schulter und sagte gar höflich,wenn auch mit etwas schnarrender Stimme:

Was mich meine Herrin geheißen,

Tät ich zu tun mich treulich befleißen.-

„Schön, mein Herr Ritter“, entgegnete die Fee, „und wie steht es um das arme Kerlchen?“

Und Ritter Falke sprach:

Als ich scharfen Schlags den Knoten Schnabelglatt durchsäbelte,

Sah ich nichts als einen Toten.

Aber als Frei der Hals,

Hört’ ich, wie er schwäbelte:

,Bei meinem blauen Kamisol!

Jetzscht isch mir wieder knödelewohlT

„Frech ist das Kasperle, das muß ich sagen“, meinte die Fee, „aber ich fürchte doch, wir müssen ihn ins Bett bringen und die Ärzte rufen. — Ihr seid entlassen, mein lieber Ritter, aber Ihr könnt mir noch schnell Löcklich, den Kutscher, bestellen.“

Der Falke neigte sein Haupt und flog davon. Keine Minute verging, und es erschien, artig auf den Hinterpfoten herbeitrippelnd, ein außerordentlich großer Pudel, von dessen Pudeltum aber außer der schwarzen Schnauze' nicht viel zu sehen war, denn er steckte ganz in einer höchst prächtigen Kutscherlivree.

Ohne Übertreibung gesagt: Die kaiserlichen Kutscher sind nicht halb so schön angezogen. Auf dem Kopf hatte er auf der weiß gepuderten Perücke einen Dreimaster mit himmelblauen Straußenfedern.

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Seine Weste war aus kirschrotem Samt mit goldenen Borten. Sein Frack, gleichfalls mit Goldborten eingesäumt und überdies mit Goldlitzen geschmückt, war aus dunkelblauem Tuch — aber was für Tuch! Die Elle kostete gewiß zwanzig Mark. Kniehosen hatte er an aus kanariengelbem Samt, von einer Weichheit, daß Kanarienvogelfedern daneben hart erschienen wären. Seine weißen Strümpfe waren natürlich aus Seide und seine kleinen Schühchen aus bestem Pariser Lackleder. Die Absätze aber waren rot, und vorn auf den Schleifen waren silberne Schnallen. Das Lustigste aber und nach des Pudels felsenfester Überzeugung das Schönste war das aus schottisch gemusterter Seide gemachte Futteral, in dem er seinen Schwanz trug. Fast ebensohoch schätzte er aber die beiden an seinem Rock angebrachten Seitentaschen, die dazu bestimmt waren, die Knochen aufzunehmen, die ihm seine gute Herrin reichlich zukommen ließ.

Der Pudel machte eine Verbeugung, um die ihn ein Tanzmeister hätte beneiden können, und sprach in einem zwar etwas bellenden, aber doch angenehmen Bariton: „Was steht der gnädigen Frau zu Diensten?“

„Mein lieber Löcklich“, antwortete Frau Dschem-ma, „wir brauchen die himmelblaue Galakutsche. Sie ist doch instand?“

Löcklich machte ein beleidigtes Gesicht und sagte fast ärgerlich: „Sie ist immer instand.“

„Also schön“, entgegnete die Fee, „dann spann gleich an und fahr zur großen Eiche. Dort liegt ein krankes Kasperle im Moos. Das heb fein behutsam auf und leg’s sanft in die Kutsche. Und daß du mir

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dann schön langsam fährst und nicht wie es deine Art ist: heidi über Stock und Steinl“

„Ich werde so langsam fahren wie ein Leichenwagen“, antwortete Löcklich, bewegte sein geliebtes Futteral mit Inhalt schwänzelnd hin und her und ging ebenso würdig ab, wie er gekommen war.

Es dauerte keine zehn Minuten, und die blaue Galakutsche fuhr die Lindenallee hinab zum Wald hinein. Man kann sagen, es war ein großer gläserner Schmuckkasten auf Federn und Rädern. Die blaue Kutsche wurde sie genannt, weil die ganze Polsterung aus himmelblauem Samt war; außen aber, wie schon angedeutet, war alles aus geschliffenem Glas, das zwischen schön geschweiftem, reich geschnitztem und vergoldetem Rahmenwerk saß. Bekrönt war das Ganze von einer großen silbernen Lilie, denn das war das Wappen der Fee Dschemma. Auf einem Ebenholzbrett hinter dem Kutschkasten standen die zwei Söhne Löcklichs, Wuff und Waff, die beinahe ebenso schön angezogen waren wie ihr Papa, doch nicht ganz, denn sie waren erst Unterlakaien. Neben Löcklich auf dem Bock saß Lumpsack, der Leibjäger, ein sehr verwegenes Foxl, gleichfalls wunderbar, aber ganz in Grün gekleidet. Gezogen wurde die Kutsche von acht schneeweißen Katern, von denen nicht verschwiegen werden darf, daß sie etwas wild waren und nur ungern in einem anständigen Trab gingen.

Frau Dschemma konnte es kaum erwarten, bis die Kutsche mit dem Kasperle zurück war, denn beim Gutestun sind auch die sonst himmlisch geduldigen Feen ungeduldig. Es dauerte aber nicht lange, und die Kutsche kam zurück.

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Recht passend nahm sich Zäpfel Kern in seinem zerfetzten Kasperlekostüm auf dem himmelblauen Samt nicht aus, aber die Fee hatte keinen Blick für den zerrissenen Anzug und sah nur das schmerzlich verzerrte Gesicht und die steifen Glieder unseres Freundes. So schnell, wie es bei der notwendigen Behutsamkeit möglich war, mußten ihn WufT und Wall in das schönste Fremdenzimmer des Schlosses tragen, das das Perlmutterzimmer heißt, weil alle Wände aus Perlmutter waren, und in das gelbseidene Himmelbett legen.

Das tat dem Kasperle wohl. Aber er war so schwach, daß er nicht einmal die Augen öffnen konnte.

Frau Dschemma setzte sich ans Bett und machte ihm kalte Umschläge um den Hals, bis die inzwir sehen herbeigerufenen besten Ärzte der Umgebung kamen.

Es waren der Sanitätsrat Rabe, der Medizinalrat Eule und Professor Doktor Maikäfer, den die Fee eigens zur Heilung Zäpfel Kerns wieder ins Leben zurückgerufen hatte.

Und Frau Dschemma sprach: „Meine hochgeehrten und tiefgelehrten Herren! Vor allem möchte ich von Ihnen eines wissen: Ist mein Kasperle tot oder lebendig?“

Steifbeinig und würdevoll trat zuerst Sanitätsrat Rabe ans Bett heran, legte den linken Zeigefinger krumm über den Schnabel, fühlte dem Kasperle mit der rechten Hand den Puls, klopfte ihm dann auf die Nase und pickte schließlich mit dem Schnabel auf dem Brustkasten herum.

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„Hm!“ sagte er, „hm, ein schwieriger Fall! Der Patient ist meiner Meinung nach gar kein Patient mehr, denn er ist nach meiner Meinung tot wie ein abgetretener Stiefelabsatz. Indessen, gesetzt den Fall, daß er nicht tot wäre, müßte wohl der Mutmaßung Raum gegeben werden, daß er noch lebendig ist.“

Machte eine Verbeugung und trat zurück.

Nun wackelte Medizinalrat Eule ans Bett, putzte sichseine große runde Brillemiteinem roten Schnupftuch, zog ein Höhrrohr aus der Fracktasche und behorchte das Kasperle sehr eingehend an allen Teilen des Körpers, sogar an den Fußsohlen. Da Zäpfel Kern dort kitzlig war, zuckte er zusammen, und das war wohl der Grund, daß Medizinalrat Eule folgendes Urteil abgab: „Ich, äh, muß, äh, zu meinem Bedauern, äh, erklären, daß ich, äh, anderer, äh, Meinung bin als mein, äh, berühmter Herr Kollege. Denn, äh, angesehen den Umstand, äh, daß das Kasperle, äh,

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noch zuckender Bewegungen fähig ist, muß, äh, geschlossen werden, daß es, äh, noch lebt. Indessen, äh, gesetzt den Fall, daß es, äh, nicht mehr, äh, am Leben wäre, äh, müßte wohl, äh, der Mutmaßung, äh, Raum gegeben werden, äh, daß er, äh, tot ist.“

Ganz matt von den vielen Ähs trat auch er zurück und ließ nun Professor Doktor Maikäfer vor.

Der sah Zäpfel Kern bloß scharf an und sagte eine Weile nichts.

„Nun“, fragte Frau Dschemma, „was ist Ihre Ansicht?“

„Meine Ansicht ist“, antwortete der Professor, „daß dieses Kasperle da ein Lausbub ist.“

Zäpfel fuhr zusammen.

„Ein Tunichtgut!“

Zäpfel drehte sich um.

„Ein ganz infamer Schlingel.“

Zäpfel steckte die Nase unter die Decke.

„Ein undankbares, unfolgsames, faules Kind, das hinter die Schule läuft und seinem armen Papa nichts als Sorgen macht.“

Zäpfel heulte unter der Decke wie ein Jagdhund. Und der Sanitätsrat Rabe sprach: „Der Tote heult, also ist er auf dem Wege der Besserung.“

„Nein“, entgegnete der Medizinalrat Eule, „der tote Stiefelabsatz heult nur über Ihre Unwissenheit, mein sehr verehrter Herr Kollege!“

Die beiden hätten sich sicher geprügelt, wenn Frau Dschemma es zugelassen hätte.

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Achtzehntes Kapitel

Zäpfel Kern liefert den Beweis, daß Professor Doktor Maikäfers Diagnose richtig war

Die gute Fee Dschemma dachte sich: die Hauptsachevorderhand ist, daß wir ihn wieder ganz gesund machen; das andere wird sich später finden. Und so widmete sich die schöne Frau in ihrer großen Güte ganz der Pflege dieses garstigen Kasperles.

Da sie wohl bemerkt halte, daß ein böses Fieber im Anzug war, so halte sie in ihrer Feenapotheke von ihrem Leibapotheker Pelikan ein Pulver anfertigen lassen, das in einem solchen Fall Wunder wirkte. Nur, freilich, wie Honig schmeckte es nicht. Das ist aber auch nicht der Zweck der Medizinen, und wenn sie gleich in einer Feenapolheke bereitet werden.

Tat also das Pulver in einen rubinroten Kelch, goß ein wenig Wasser dazu, hielt es Zäpfel Kern hin und sprach mit einer Stimme, so lieb und milde, daß ein wilder Bär nicht hätte widerstreben können: „So, mein Junge, jetzt schluck mal das hinunter!“

Zäpfel Kern sah den Pokal schief an, zog auch den Mund schief und machte schließlich gar noch eine schiefe Nase, indem er sprach: „Schmeckt’s süß oder bitter?“

„Bitter!“ antwortete Frau Dschemma, „aber es macht dich dafür gesund.“

„Biller mag ich nicht.“

„Aber sei doch gescheit und trink!“

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„Wenn ich was Bitteres tränke, war’ ich schön dumm.“

„Pfui, wer wird so sprechen; das ist nicht dein Ernst.“

„Wetten wir, daß ich’s nicht trinke?“

„Ich weiß ganz genau, daß du’s trinken wirst, und ich geh’ dir auch, wenn du’s getrunken hast, ein Ananaskügelchen, damit der schlechte Geschmack verschwindet.“

„Zeig erst mal das Ananaskügelchen herl“

Frau Dschemma öffnete eine kleine Dose, die, an einer goldenen Kette hängend, die Form eines Damenkopfes mit einer schwarzen Maske vor den Augen hatte und die Eigenschaft besaß, allem, was sie enthielt, den Geschmack und Geruch einer reifen Ananas zu verleihen. Kaum hatte die Fee die Dose geöffnet, so war das ganze Zimmer mit dem herrlichsten Ananasduft erfüllt.

„Das riecht aber fein“, sagte Zäpfel Kern und schnupperte mit seiner großen Nase.

„Und wie es riecht, so schmeckt es auch“, sagte die Fee, indem sie mit den Fingerspitzen ein kleines versilbertes Kügelchen hervorholte.

„Ist das aus Silber?“ fragte das Kasperle.

„Nein, es ist Schokolade, aber versilbert.“

„Und schmeckt nicht wie Schokolade, sondern wie Ananas?“

„Es schmeckt wie Schokolade und Ananas.“ „Das muß großartig schmecken“, meinte nach einer kleinen Pause das Kasperle.

„Es ist die neueste und gelungenste Erfindung meines Leibkonditors Honigbär.“

„Was? Du hast einen Bären als Konditor?“

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„Ja, die Bären verstehen sich am besten auf Süßigkeiten.“

„Frißt er nicht alles selber? Wenn ich Konditor wäre, ich ließe nicht so viel übrig, wie auf einen Mückenflügel geht.“

„Das glaub’ ich, aber Meister Honigbär ist auch kein solcher ... na, du weißt selber, was der Professor gesagt hat, wie du. — Aber nun trink die Medizin 1“

„Wenn du mir ein Ananaskügelchen gibst.“ „Nachher!“

„Nein, vorher!“

„Nun gut, ich will dir deinen Willen tun, weil du krank bist, Zäpfel. Aber du versprichst mir, dann gleich die Medizin zu nehmen?“

„Ich geb’ dir meine rechte Hand drauf!“ sagte das Kasperle freudig, und Frau Dschemma steckte ihm ein Kügelchen in den Mund.

„Duzi, duzi, dizi, dizi, duzi, duzi, dizi, dizi, dum!“ sagte das Kasperle und leckte sich die Lippen.

Frau Dschemma mußte lachen und fragte: „Was ist denn das für ein Unsinn?“

„Das ist gar kein Unsinn“, sagte Zäpfel Kern, „sondern Kasperledeutsch.“

„Und was heißt es denn?“

„Es heißt: Sapperment, sapperment, das schmeckt nach mehr!“

„Nachher kriegst du auch noch ein Kügelchen. Aber jetzt halt dein Versprechen und trink die Medizin!“

Zäpfel Kern zog wieder alles schief, was er in seinem Gesicht nur schief ziehen konnte, nahm den Rubinpokal in beide Hände, führte ihn an die Nase,

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roch hinein, setzte ihn an den Mund und — stellte ihn auf das Nachttischchen.

„Du hast ja nicht getrunken“, sagte die Fee. „Das Zeug ist zu bitter“, entgegnete Zäpfel. „Woher weißt du denn das?“

„Das riecht ja ein blindes Pferd!“

Jetzt wurde Frau Dschemma fast böse und sprach: „Du, Zäpfel, solche Redensarten gefallen mir nicht, und noch weniger ein Junge, der sein Wort nicht hält.“

„Aber ich will’s ja halten“, entgegnete Zäpfel, der sich nicht gerne an seine Ehre rühren ließ, denn ein anständiger Bursch war er ja im Grunde. „Aber“, fügte er hinzu, „ein Kügelchen könntest du mir vorher schon noch geben, sonst langweilt sich das andere in meinem Bauch.“

Frau Dschemma mußte lachen und schob ihm noch ein Kügelchen in den Mund.

„La p u m sibim, da p u m sibim, la p u m sid u m-si b u m sibim!“ sagte das Kasperle.

„Das heißt hoffentlich: Jetzt will ich aber schleunigst die Medizin haben!“ sagte die Fee.

„Hast du ’ne Ahnung vom Kasperledeutsch!“ sagte Zäpfel. „Das hat geheißen: Wenn die Medizin so schmeckte, würde ich den ganzen Tag welche einnehmen.“

„Da du aber dein Wort gegeben hast, wirst du jetzt auch die bittere Medizin trinken, nicht wahr?“ „Ja, natürlich, aber so geht’s nicht!“

„Wieso geht’s nicht?“

„Das Kopfkissen ist zu niedrig.“

Frau Deschemma machte es höher.

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„Es geht immer noch nicht.“

„Warum nicht?“

„Weil die Tür aufsteht.“

Die Fee machte die Tür zu.

„Es geht überhaupt nicht! Es geht absolut nicht, weil ich nicht will! will! will!“ schrie Zäpfel Kern und strampelte mit den Beinen.

„Wenn du nicht ruhig bist, wirst du noch kränker werden.“

„Meinetwegen!“

„Du bekommst ein ganz böses Fieber.“ „Meinetwegen!“

„Du wirst an dem Fieber sterben!“ „Meinetwegen!“

„Fürchtest du dich denn nicht davor?“

„Das Sterben ist mir ganz egal, bloß das bittere Zeug mag ich nicht trinken. Brrr! Lieber sterben!“ Da hob die Fee ihre rechte Hand in die Höhe, und sogleich schlugen lautlos die perlmutternen Türflügel auseinander. Eine traurige Musik erklang, als käme sie aus dem Innern der Erde, und im schweren, langsamen Takte dieser Musik schritten acht Riesenmaulwürfe herein, die auf ihren Schultern einen schwarzverhangenen Sarg trugen.

Zäpfel Kern fuhr kerzengerade vor Schreck im Bett in die Höhe, bekam wieder einmal Krebsaugen und schrie: „Was wollt ihr hier? Ich brauche euch nicht!“

„Wir aber brauchen dich“, murmelten dumpf die Maulwürfe und stellten den Sarg vors Bett.

„Mich?“ schrie das Kasperle, „aber ich bin doch keine tote Leiche?“

„Wirst aber gleich eine sein, denn du nimmst ja

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nicht ein!“ sangen wie ein Trauerchor die schwarzen Tiere.

Da flehte mit Tränen in den Augen Zäpfel Kern: „Ach, meine liebe, schöne Dame, bitte, bitte, bitte, lassen Sie mich doch die gute Medizin trinken. Und wenn ein Glas nicht genug ist, zweie, und wenn zweie nicht genug sind, dreie. Nur nicht sterben, nur, huhuhu, ni . . . ni . . . ni . . . nicht sterben!“

Und er trank, wie ihm Frau Dschemma den Pokal reichte, den ganzen Inhalt mit einem Schluck aus, während die Maulwürfe den Sarg wieder auf ihre Schultern hoben und unheimlich murmelnd verschwanden.

Da aber dieMedizinenauf Kasperlekonstitutionen augenblicklich wirken, ward Zäpfel Kern davon sofort gesund wie ein Fisch im Wasser, sprang aus dem Bett und rief:

9 Zäpfel Kern

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Peratze, perütze,

Wo ist meine Mütze?

Perütze, perause,

Wo ist meine Krause?

Perause, peracke,

Wo ist meine Jacke?

Peracke, perose,

Wo ist meine Hose?

Perofel, periefel,

Wo sind meine Stiefel?

„Wo anders werden sie sein als im Kleiderschrank, wo sie hingehören?“ entgegnete die Fee.

Sofort lief Zäpfel Kern zum Kleiderschrank, riß die Perlmuttertüren auf und setzte sich vor Schreck mitten auf den Fußboden, als er die ganz zerrissenen Sachen sah. Und er jammerte und greinte: „Meine schönen Sachenl Ach, meine schönen Sachenl Sie sind ja alle ganz kaputtl“

„Also wollen wir sie reparieren lassen!“ sagte lächelnd Frau Dschemma, nahm ein silbernes Pfeifchen in den Mund, pfiff darauf, und burrr! flügelte es zum Fenster herein: lauter schneeweiße Tauben.

„Könnt ihr bloß picken oder auch flicken?“ fragte die Fee.

Die Tauben antworteten:

Reis und Mais picken wir gern,

Was kaputt ist, flicken wir gern.

und flogen in den Kleiderschrank und trugen mit ihren Schnäbeln die Kasperlesachen heraus undbrei-teten sie auf den Boden hin und legten aneinander, was zerrissen war, und strichen mit den Schnäbeln

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drüber her und klopften und pochten und tippelten darauf herum, und als zwei Minuten herum waren, war alles wie neu.

Die Fee kraute die Tauben zum Lohn an den Köpfen und sprach:

Habt eure Sache gut gemacht,

Drum kriegt ihr alle heut zu Nacht Doppelten Reis, doppelten Mais Als der Arbeit Preis.

Hochbeglückt flog der Schwarm auf und verschwand am Himmel wie eine weiße Wolke.

Zäpfel Kern aber zog sich vergnügt an, und als er angezogen war, sprach er: „Schön bin ich, was?“

„Du bist ein nettes Kasperle“, antwortete Frau Dschemma, „nun erzähle mir aber auch, warum du eigentlich zu mir gekommen bist.“

Und Zäpfel Kern erzählte alles, was wir bereits wissen, und erzählte alles, ganz wie es die Wahrheit war. Nur wegen der zwei Goldstücke log er etwas hinzu. Er hätte sie verloren, sagte er und wurde nicht einmal rot dabei.

Aber kaum hatte er die Lüge herausgebracht, da gab es ihm an der Nasenspitze einen Stoß, und seine ohnehin lange Nase wurde noch ein Stück länger. Er aber dachte, er hätte sich selbst gestoßen, und merkte nichts.

„So, so!“ sagte die Fee, „verloren hast du sie! Wo denn?“

Und Zäpfel Kern log weiter: „Im Wald.“

Und die Nase wuchs noch ein Stück.

„Im Wald?“ sagte die Fee, „das ist gut, da werden

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wir sie gleich finden. Ich will sofort meine Diener schicken.“

„Ach nein!“ sagte Zäpfel Kern, „bemühen Sie sich nur nicht. Es war ein kleiner Irrtum. Ich habe sie nicht verloren, sondern mit der Medizin hinuntergeschluckt.“

Bei dieser unverschämten Lüge fuhr die Nase fast eine Elle weit vor, und Zäpfel Kern wunderte sich, daß er jetzt fortwährend mit ihr anstieß, wenn er sich bewegte.

Frau Dschemma aber mußte herzlich lachen, als sie das sah.

„Warum lachen Sie denn so?“ fragte ärgerlich das Kasperle.

„Weil dir deine Lügen zur Nase herausgewachsen sind, mein Junge“, antwortete die Fee. „Nun sieh zu, wie du sie wieder los wirst. Ich will dich dabei nicht stören, aber fall mir nur ja nicht über deine Nase, mein wahrheitsliebendes Kasperle. Du könntest dir sonst was brechen.“

Und mit einem Lachen, das wie silberne Glöckchen klang, ging Frau Dschemma zur Türe hinaus.

Zäpfel Kern aber, außer sich vor Wut über seinen Zinken, raste im Zimmer herum, bald an einer Wand, bald am Bett, bald an einem Tisch, bald an einem Schrank höchst schmerzhaft anstoßend, jetzt eine Gardine, jetzt den Bettvorhang, jetzt eine Tischdecke aufspießend und alle Gläser, Flaschen, Krüge, Vasen mit seiner Nasenlanze von ihrem Standort herunterstoßend.

„Nur hinaus, hinaus, hinausl“ schrie er. „Das ist ja nicht zum Aushalten. Ich krieg’ ja ein Riesen-Nasenbluten. Ich spieße mich ja aufl“

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Aber wie er die Tür öffnen wollte, stellte es sich heraus, daß er wegen der Größe seiner Nasenlanze nicht zur Klinke gelangen konnte.

Neunzehntes Kapitel

Frau Dschemma bewährt sich wieder als gute Fee, und Zäpfel Kern benimmt sich wieder als dummer Bub

So sah sich Zäpfel Kern also gefangen, denn zum Fenster hinunterspringen konnte er nicht, weil es zu hoch war.

Trauriger war er noch nie gewesen, denn eingesperrt zu sein, ist für ein Kasperle die größte Qual. „Und noch dazu mit der unförmlichen Nase“, schluchzte Zäpfel. „Wenn sie nur wenigstens nicht so schwer wäre. Aber sie hängt an mir wie ein Ge-

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wicht aus Blei. Selbst wenn ich hinaus könnt’—weit käme ich nicht. Und wie soll ich dieses Ungeheuer von einer Nase ernähren? Sie braucht sicher täglich allein zwei Pfund Fleisch und einen Schellel Kartoffeln. Ich bin verloren, ich bin ruiniert!“

Und seine Nase in die Ecke eines Kanapees bohrend, gab sich Zäpfel Kern laut schluchzend seinem Schmerz hin, dabei unaufhörlich zu sich selber sagend: „Ich lüge in meinem Leben nicht mehr! In meinem Leben lüge ich nicht mehr!“

Wie Frau Dschemma in ihrem Herzen fühlte, daß ihr Kasperle ganz aufgeweicht vor Reue war, beschloß sie, es nun genug sein zu lassen mit seiner Strafe. Ging also zu ihm und sprach: „Du willst also wirklich nicht mehr lügen?“

„Nie, nie, nie mehr!“ schluchzte Zäpfel.

„Dann wollen wir unsere braven Tauben wieder kommen lassen“, sagte die Fee, „Schneiderinnen haben Scheren.“

„Was? abschneiden sollen sie sie mir?“ schrie Zäpfel und versuchte, seine Nase zu schützen, aber er konnte kaum bis zu ihrer Mitte langen: „Nur das nicht!“

Aber Frau Dschemma hatte schon ihr Pfeifchen angesetzt, und wie sie pfiff, waren auch schon die Tauben da.

Zäpfel Kern, vor Angst zitternd, daß ihm die Nase abgeschnitten werden sollte, wollte unters Kanapee kriechen, aber die Nase war ihm im Wege. So mußte er sich darauf beschränken, mit ihr hin und her zu fahren, damit nur ja niemand sie packen könnte. Vergeblich flatterten die Tauben daran herum; es war nicht möglich der Nase nahe zu kommen.

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„Sei doch vernünftig!“ mahnte die Fee, „halt still, es geschieht dir nichts!“

„Danke schön 1“ schrie Kasperle, „auch noch still halten! Nein, wer mir zu nahe kommt, wird aufge-spießtl“

„Dann müssen dich also meine Soldaten zur Vernunft bringen! Die fürchten sich vor einem Kasperle nicht“, sagte die Fee. Dann rief sie zum Fenster hinaus: „Bataillon marsch!“

Sogleich hörte man Trommeln wirbeln, Trompeten schmettern, und bald kamen laute Schritte die Treppe herauf.

„Bataillon halt!“ hörte man draußen kommandieren.

Dann ging die Tür auf, und es erschien ein wunderschöner Schnautzel in Generalsuniform. Er salutierte mit dem Degen vor Frau Dschennna und sagte in militärischem Ton: „Mit allen KerntruDpen zur Stelle! Was befiehlt meine Gebieterin? Soll ich die Kanonen autTahren lassen?“

„Nein, mein lieber General Bumbautz, so schlimm ist’s nicht“, antwortete die Fee; „es genügt, wenn Sie Ihre zwanzig besten Scharfschützen hier aufstellen. An jede Wand fünf. Sie sollen auf dieses Kasperle hier anlegen, das wieder einmal nicht folgen will. Bleibt es ruhig stehen, ohne die Nase zu bewegen, so ist nichts weiter nötig. Rührt es die Nase aber nur ein klein bißchen, so müssen Sie, so leid es mir tut, Feuer kommandieren und den Ungehorsamen totschießen lassen.

„Zu Befehl!“ sagte General Bumbautz und verließ das Zimmer.

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Frau Dschemma aber wandte sich an Zäpfel und sprach: „Du hast gehört, was dir bevorsteht, wenn du die Nase nicht still hältst. Richte dich danach!“ „Gnade! Gnade!“ flehte Zäpfel Kern, aber da marschierten schon zwanzig bis an dieZähnebewaff-nete Dackel in Infanterieuniform herein, und General Bumbautz kommandierte mit fürchterlicher Stimme: „In Sektionen zu fünf schwenkt — ab! Erste Sektion an die Fensterwand — marsch! Zweite Sektion an die Türwand — marsch! Dritte Sektion an die Bettwand — marsch! — Vierte Sektion an die Schrankwand—marsch! — Ganzes Bataillon kehrt!“ Es klappte alles wundervoll, aber Zäpfel Kern hatte keinen Sinn für diese militärische Exaktheit. Er stand in der Mitte des Zimmers und schlotterte wie ein zusammengeklappter alter Regenschirm, wenn’s stürmt.

„Soll ich jetzt laden lassen?“ wandte sich der Schnautzel-General an die Fee. „Tun Sie das, mein lieber General“, antwortete Frau Dschemma.

Und General Bumbautz von Säbelsaus kommandierte: „Bataillon soll chargieren — geladen! Legt — an!“

Es war ein furchtbarer Augenblick. Zwanzig Gewehrläufe richteten sich wie zwanzig Fernrohre des Todes auf Zäpfel Kerns Brust. Der aber hatte kaum noch die Kraft zu wimmern. „Ich . . . ich . . . rühre mich . . . ganz gewiß nicht! Lie ... lie ... lieber laß ich mir die Nase abschneiden, als mi. .. mi . . . mich to . . . to ... totschießen.“

Dann also, liebe Täubchen mein,

Macht meinem Zäpfel das Näschen klein!

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rief die Fee, und hurtig schwangen sich die Tauben auf Zäpfels Nase, der vor Angst die Augen zumachte, da er nun jeden Augenblick den ersten Schnitt erwartete. Aber die Tauben wetzten nur sanft ihre Schnäbel an seiner Nase, und bei jedem Schnabelstrich rutschte der Nasenturm zusammen, und ehe man bis fünf zählen konnte, war die Nase so klein wie vor Zäpfels Lügenpetereien. Die Tauben aber flogen geräuschlos zum Fenster hinaus.

Zäpfel aber stand noch immer mit geschlossenen Augen und wartete, daß ihm die Nase abgeschnitten würde.

Zwanzigstes Kapitel Brüderlein und Schwesterlein

Erst wie Zäpfel das Kommando hörte: „Setzt — ab!“ wagte er die Augen zu öffnen, und er öffnete sie wahrhaftig ordentlich, als er bemerkte, daß die Tauben sowohl wie seine Nasenerweiterung verschwunden waren. Und so groß war seine Verblüffung, daß er nicht, wie es doch seine Art war, sofort eine freche Bemerkung auf der Zunge hatte. Erst nach einer ziemlichen Weile, während die Soldaten wieder abmarschierten, sagte er: „Hier muß man wohl krumme Beine haben, wenn man Soldat werden will?“

„Du, du!“ entgegnete die Fee und drohte mit dem Finger. „Ich brauche nur zu rufen, und gleich sind sie wieder dal“

Aber Zäpfel wehrte hastig ab und sprach: „Nur

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keine Umstände meinetwegen, schöne Frau; ich bin viel lieber mit dir alleine. Zumal, da ich eine Bitte an Sie habe.“

„Warum sagst du denn einmal du und einmal Sie zu mir Zäpfel?“ fragte die Fee und setzte sich auf einen goldenen Stuhl.

Zäpfel Kern, ohne viele Umstände zu machen, setzte sich ihr auf den Schoß, legte die Arme um ihren Hals, gab ihr einen echten, schallenden Kasperlekuß und sprach: „Du sage ich, weil du so gut und lieb zu mir bist wie eine Mutter oder Schwester, und Sie sage ich, weil Sie so schrecklich reich und vornehm sind.“

„Was ist dir nun lieber an mir: Mein Gutsein oder mein Reichsein?“

„Na, aber doch natürlich das Gutsein!“

„Recht geantwortet! Und nun sollst du immer du zu mir sagen, und ich will dir wirklich eine Schwester sein.“

„Ja, aber da muß ich erst wissen, wer du bist.“

„Ei, so vorsichtig bist du?“

„Na natürlich] Sonst könnte jeder kommen und Zäpfel Kerns Schwester sein wollen.“

„Also gut denn, ich bin eine Fee.“

„Was für Schnee?“

„Eine Fee.“

„Ach nee?“

„Was soll das heißen?“

„Das soll heißen, daß ich nicht weiß, was für ein Ding das ist.“

„Lerne lesen und lies Zäpfel Kerns Abenteuer, da steht’s drin.“

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„Was? Meine Abenteuer sind schon beschrieben, und ich habe noch gar nicht alle erlebt?“

„Nein, aber sie werden auf meinen Befehl zum Vergnügen und zur Belehrung der Kinder geschrieben werden.“

„Krieg’ ich Geld dafür?“

„Nein, es ist eine Ehre.“

„Ist das was zum Essen?“

„Nein.“

„Zum Trinken?“

„Nein.“

„Zum Spielen?“

„Nein.“

„Dann tut’s am Ende weh?“

„Nein.“

„Aber man muß vielleicht was dafür tun?“

„Ja.“

„Ich danke für die Ehrel Ich habe so schon genug zu tun.“

„Sei nicht frech, Zäpfell“

„Na ja doch! Ich habe die Ehre nicht bestellt, und nun soll ich mich dafür auch noch plagen.“

„Es ist keine Plage; du mußt dich nur immer der Ehre würdig erweisen.“

„Also meinetwegen dann her mit der Ehre! Aber ein Ananaskügelchen wäre mir lieber, nach diesem Nasenabenteuer.“

Frau Dschemma steckte ihm eins in den Mund und fragte: „Ist das deine ganze Bitte?“

„Nein, Schwesterchen, ich möchte dich bitten, mich nun wieder fortzulassen. Ich möchte nach Hause zu meinem guten Papa.“

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„Ach, und ich dachte, wir wollten jetzt immer beisammen bleiben.“

„Geht nicht, Schwesterchen, ichhabe ein Geschäft.“ „Was denn?“

„Ich muß meinem Papa das Geld bringen. Der Arme hat so schon viel zu lange auf mich warten müssen.“

„Das ist brav von dir gedacht. Und weil ich das vorausgesehen habe, habe ich deinem Vater meinen Eilboten Ritter Falk von Weißenschwingen geschickt und ihn eingeladen, doch mal herzukommen. Er ist schon auf dem Weg.“

Wie das Zäpfel hörte, sprang er vom Schoß der schönen Frau hinab, warf seinen Hut in die Luft und schrie: „Hurra, hurral Es kommt der Papa! Aber nicht wahr, ich darf ihm entgegengehen?“ fügte er hinzu.

„Gerne lasse ich mein unkluges Brüderlein nicht in den Wald“, antwortete die Fee. „Aber daran hindern will und kann ich dich nicht. Vielleicht bist du doch einmal gescheiter, als du aussiehst.“

„Seh’ ich denn so dumm aus?“

„Das kommt auf den Betrachter an.“

Zäpfel Kern bemühte sich, ein äußerst intelligentes Gesicht zu machen, und sagte mit dem Ton eines Professors: „Nun, Leute, über die man ein Buch schreibt, brauchen wohl keine Kritik ihres Gesichtsausdrucks zu fürchten.“

Sprach’s und ging sehr stolz und selbstbewußt zur Türe hinaus.

Frau Dschemma lächelte.

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Einundzwanzigstes Kapitel

Zäpfel Kern macht seinem von Frau Dschemma gekennzeichneten Gesichtsausdruck alle Ehre

Von keinem anderen Gedanken erfüllt als dem, seinem guten Papa recht bald um den Hals fallen zu können, setzte sich Zäpfel Kern, sobald er das Schloß verlassen hatte, in Trab und war in wenigen Minuten schon bei der großen Eiche.

Wie er die sah, fühlte er sich unwillkürlich an den Hals und murmelte:

Zappel, zippel, zappel, zum,

Links herum und rechts herum.

„Hoffentlich kommt das Zappelabenteuer nicht in meine Lebensgeschichte“, fügte er hinzu, „Kinder müssen nicht alles wissen.“

Wie er so zu sich selber sprach, war’s ihm, als ob etwas im Gebüsch raschelte. Er guckte hin und erblickte — wen? Baron Alopex und Madame Miaula.

„Welche Überraschung?!?“ rief der Fuchs.

„Welche angenehme Überraschung“, flüsterte die Katze.

Und beide vereinten ihre holden Stimmen in der Frage: „Wie kommen denn Sie hierher, Herr Zäpfel Kern?“

„Das ist eine lange Geschichte“, antwortete der, „und ich habe jetzt keine Zeit, sie zu erzählen.“ Aber beide baten so angelegentlich, daß er, um nicht unhöflich zu erscheinen, zu erzählen begann:

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„Denken Sie sich, ich bin Räubern in die Hände gefallen.“

„Räubern?“ sagte der Fuchs im höchsten Erstaunen.

„Gibt es denn das?“ fragte höchst unschuldig die Katze.

„Allerdings“, antwortete Zäpfel Kern, „sie hatten es auf mein Vermögen abgesehen.“

„Diese Schurken!“ rief der Fuchs.

„Sollte man es für möglich halten!“ schrie die Katze.

Zäpfel Kern aber fuhr fort: „Um nur die Hauptsache zu erwähnen: Hier, an dieser Stelle, haben sie mich aufgehängt wie einen Überzieher, aber nicht am Henkel, sondern am Hals.“

„Mir steht der Verstand still!“ sagte der Fuchs. „Was ist das für eine Welt! Was sind das für Zeiten! Für unsereins, die wir ehrlich und friedlich dahinleben, immer nur bedacht, Gutes zu tun, sind solche

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Ereignisse schmerzlicher als alle Krankheiten des Leibes.“

In diesem Augenblick bemerkte Zäpfel Kern, daß die Katze ihr rechtes Vorderbein verbunden trug, und er fragte teilnahmsvoll: „Ist Ihnen etwas zugestoßen, Madame Miaula?“

Die Gräfin auf und zu Dachhausen wollte etwas antworten, fand aber nicht sogleich das rechte Wort, weshalb an ihrer Stelle der rote Baron antwortete: „Meiner alten Freundin ist es peinlich, Sie aufzuklären. Bescheiden wie sie ist, möchte sie Ihnen nicht sagen, auf welche Weise sie ihre rechte Vorderpfote verloren hat. Sie hat sie nämlich nicht eigentlich verloren, sondern verschenkt.“

„Was, ihre Pfote?“

„Ja“, fuhr der Fuchs fort, „es klingt unwahrscheinlich, ist aber nichts als die lauterste Wahrheit.“ „Ach, bitte, mach doch kein solches Wesen um die Kleinigkeit!“ fiel Madame Miaula ein.

„Nein: Ehre dem Ehre gebührt!“ entgegnete der Fuchs. „Unser Freund soll sehen, daß es auch noch Opfermut auf Erden gibt! Doch ich will kurz und schlicht sein und keine großen Worte machen. Also denn: Madame Miaula ist nicht imstande an einem Bettler vorüberzugehen, ohne ihm ein Almosen zu spenden, und so war sie heute früh in großer Verlegenheit, als wir einem hungrigen Wolf begegne-ten, der erklärte, seit drei Tagen keinen Löffel Suppe, geschweige denn Fleisch, gegessen zu haben. Denn, leider, sie hatte, ebenso wie ich, nichts Eßbares oder gar Geld bei sich . . .“

„Und da hat sie ...?!“ fragte verwundert das Kasperle.

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„Ja, mein Freund, da hat sie sich selbst die rechte Pfote abgebissen, um damit den Hunger des armen und elenden, aber offenbar würdigen Wolfes zu stillen.“

Zäpfel Kern, hingerissen von so viel Nächstenliebe, beugte sich hinab und küßte ehrerbietig die nicht mehr vorhandene Pfote der edlen Dame und sprach: „Wenn alle Katzen so dächten, wäre es ein Vergnügen, als Maus auf die Welt zu kommen.“

Madame Miaula aber, um dem Gespräch eine andere Wendung zu geben, fragte: „Und nun sind Sie gewiß auf dem Weg nach dem Schlaraffenland?“ „Vorausgesetzt, daß jene Schurken Ihnen nicht wirklich Ihr Geld abgenommen haben“, fügte lauernd der Fuchs hinzu.

Zäpfel Kern aber antwortete: „Drei Goldstücke hat mir ein nicht minder großer Räuber abgenommen, der Wirt ,Zum gespickten Heupferd4, aber zwei habe ich noch, und diese werde ich, so Gott will, meinem guten Papa überreichen.“

„Lumpige 40 Mark?44 meinte der Fuchs.

„Das lohnt sich doch nicht der Mühe44, lispelte die Katze.

Und der Fuchs setzte hinzu: „Wo Sie jetzt so nahe am Schlaraffenland sindl“

„Vielleicht gehe ich morgen mit meinem Papa hin44, erklärte Zäpfel Kern.

„Morgen wird es leider keinen Zweck mehr haben“, sagte Baron Alopex.

„Wieso?44 fragte Zäpfel Kern.

„Weil von morgen ab Baron Rothschild das mit guten Vorsätzen gedüngte Feld gepachtet hat.“

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„Wie schadel“ meinte Zäpfel Kern.

„Allerdings!“ sagte der Fuchs. „Es sind aber nur kümmerliche zwei Kilometer bis an die Grenze. Tn einer halben Stunde können wir dort sein, wenn wir uns gleich auf den Weg machen. Und in einer weiteren halben Stunde haben Sie fünfzigtausend Mark.“ Die zwei Worte „Fünfzigtausend Mark“ genügten, unserem Kasperle seinen Holzkopf wieder vollständig zu verdrehen. Er tat alle Gegenerwägungen beiseite und sagte kurz: „Also gut! Gehen wir! Aber schnell!“

Und sie gingen.

Der Weg zog sich indessen doch mehr in die Länge, als Zäpfel Kern gedacht hatte. Aber nach Verlauf von drei Stunden kamen sie wirklich an eine Landesgrenze, die von einer großen Schar Bluthunde bewacht wurde, die gar nicht angenehm aussahen. Doch der Fuchs brauchte nur mit den Augen zu zwinkern, und die Zollsoldaten ließen die drei durch, nicht ohne jedem eine dicke Zollplombe angeheftet zu haben, der Katze und dem Fuchs an den Schwanz, Zäpfel Kern an die Nase.

„Das ist das Schlaraffenland?“ fragte erstaunt das Kasperle.

„Jawohl!“ antwortete kurz der Fuchs.

Zäpfel Kern hatte sich das Schlaraffenland ganz anders vorgestellt: üppig, lustig, voll Scherz und Tanz und Schmauserei, ein Land der ewigen Kirmes und Heiterkeit. Statt dessen bot die Stadt, in die sie nun kamen, ein Bild des Jammers, der Armut, des bittersten Elends. Halb verhungerte Kaninchen und Hunde krochen bettelnd in den öden Straßen herum

9 Zäpfel Kern

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zwischen Hühnern und Gänsen, die vergeblich nach einem Körnchen, einem Grashalm suchten. Auch ein paar jämmerliche Fasanen waren zu sehen, aber ihre bunten Schweife waren ihnen ausgerissen. Desgleichen humpelten entsetzlich magere Pfauen die Straßen entlang, die kein Rad mehr schlagen konnten, weil auch sie keine Schwanzfedern mehr hatten. Dagegen fuhren in prächtigen Kutschen große Wölfe umher, auf deren Mützen die Fasanen- und Pfauenfedern prangten. Aber keiner dieser dicken Fqui-pagenbesitzer hatte auch nur einen Blick für das arme Volk.

„DieseStadt ist mirhöchstunsympathisch“,meinte Zäpfel Kern, „machen wir, daß wir hinauskommen.“

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„Gleich hinter ihr liegt das berühmte Feldl“ sagte der Fuchs.

Und richtig, wie sie die Stadt hinter sich hatten, lag ein weiter, steiniger, kahler Acker vor ihnen.

„Gut gedüngt sieht das nicht aus“, meinte Zäpfel.

„Natürlich, weil gute Vorsätze ein unsichtbares Düngemittel sind und ihre Wirkungen mehr innerlich haben. Daß sie aber wirken, wirst du gleich merken, wenn du tust, wie ich dir gestern gesagt habe.“ Und Zäpfel Kern tat treulich nach des Fuchses Rezept: er grub zwei Löcher in die Erde, schön weit auseinander, damit die Zwanzigmarkbäume Platz hätten, sich auszubreiten, tat seine zwei letzten Goldstücke hinein, warf Erde darauf, streute Salz darüber, holte in seinem Zuckertütenhut Wasser, goß es darauf, wackelte ernsthaft wie ein Hexenmeister mit dem Kopf und sagte höchst feierlich:

Erde und Salzl

Wasser und Schmalz 1

Pinkus!

Gold und Quarkl

Hunderttausend Mark!

„Halt!“ rief der Fuchs. „Jetzt mußt du sagen: Fünfzigtausend Mark!“

„Schädel“ meinte Zäpfel, aber er wiederholte:

Erde und Salz!

Wasser und Schmalz!

Pinkus!

Gold und Quark!

Fünfzigtausend Mark!

Pinkus!

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Dann fragte er, ganz rot vor Aufregung: „Und was muß ich jetzt tun?“

„Spazierengehen“, antwortete der Fuchs und rieb sich die Pfoten, „ein halbes Stündchen in der Stadt Spazierengehen. Da wir dort Freunde haben, tun wir desgleichen. Doch haben wir nicht dieselbe Richtung. Wir müssen rechts, du links!“

„Aber hoffentlich sehen wir uns doch wieder, wenn ich das Geld habe“, sagte Zäpfel Kern. „Ich möchte euch doch gerne was abgeben, als Dank für den guten Ratl“

„Du beleidigst uns!“ sagte der Fuchs streng.

„Du hältst uns für gemeine Seelen!“ miaute die Katze empört.

„Wir gehören zu der leider aussterbenden Rasse der selbstlosen Wesen, die, was sie tun, aus gutem Herzen und nicht um eines Vorteils willen tun!“ fügten beide mit frommem Augenaufschlag gleichzeitig hinzu und trotteten gemächlich ab, einem kleinen Wäldchen vor der Stadt zu.

Von weitem aber rief der Fuchs, indem er die Pfoten an den Mund legte: „Vergiß die Goldsäcke nicht!“

Und die Katze schrie: „Und die Ochsen!“ „Ochsen!“ schallte es im Echo aus dem Wald. „Ochsen! Ochsen! Ochsen!“ klang es noch dreimal dorther.

Zäpfel Kern aber ging nachdenklich in die unsympathische Stadt zurück.

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Zweiundzwanzigstes Kapitel

Wie es im Lande Hurrasien Leuten geht, die bestohlen worden sind

Zäpfel Kern ging, da er keine Uhr besaß und seine Fünfzigtausend-Mark-Ernte um keinen Preis auch nur eine Minute zu spät beginnen wollte, auf den Marktplatz der Stadt, wo ein Uhrturm stand, und behielt die Uhr genau im Auge. Trotzdem sah er mancherlei, das sein Erstaunen erregte.

Zum Beispiel: Ein sehr böse aussehender Wolf packte mitten auf dem Marktplatz einen jungen Goldfasan, der noch seine Schwanzfedern hatte, am Genick und riß ihm die besten Federn aus. Der Fasan schrie fürchterlich, das Volk: Hühner, Gänse, Hunde, Kaninchen usw. liefen zusammen und schrien gleichfalls. Da winkte der Wolf einen in der Nähe stehenden Polizisten herbei, eine entsetzlich aussehende Bulldogge.

Was? dachte Zäpfel Kern, der Räuber zeigt sich selber an?

Aber er hatte sich geirrt. Der Wolf knurrte: „Schaff’ er mir das Gesindel vom Leib. Es belästigt mich. Und steck’ er diesen unverschämten Fasan ein. Der Bursche wagt aufzumucken, weil ich mir kraft meines Rechts des Stärkeren eine an ihm befindliche Schmuckfeder angeeignet habe. Melde er das Seiner Gestrengen, dem Herrn Staatsanwalt Schakal.“

Die Bulldogge nahm den kreischenden Fasan zwischen die Zähne und schleppte ihn davon.

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Zäpfel Kern wandte sich an einen Schäferhund, dem beinahe die Rippen durchs Fell stachen, so dürr war er, und fragte: „Entschuldigen Sie, Herr Schäferhund, geht das bei Ihnen immer so zu, daß der Beraubte eingesperrt wird und der Räuber mit seiner Beute unbehelligt davongeht?“

„Pscht! Pscht!“ antwortete der Schäferhund, „nicht so laut! Wenn uns wer hörte! Räuber! Beraubte! Nicht doch! DerHerrWolf hat nur sein Recht ausgeübt,und der dumme Fasan hätte ihm dafür die Pfote küssen sollen. So bestimmt es das Gesetz in Hurrasien.“ „Das ist hier also nicht das Schlaraffenland?“ „Pfui! Wie können Sie nur so spotten! Sie befinden sich im Reiche Hurrasien, das unter der glorreichen Regierung Seiner Majestät des Kaisers Friß-all wunderbar blüht und gedeiht, wie Sie sehen.“ „Ihnen sehe ich das nicht an, mein Lieber.“ „Natürlich nicht, ich bin auch kein Raubtier. Und Hurrasien ist der Raubtierstaat, in dem es nur auf das Gedeihen der adligen Raubtierrassen ankommt. Wir anderen sind zum Hungern da, damit die edlen Herren von Reißzahn und Klaue es erst recht angenehm merken, wie lieblich es ist, wenn man den Bauch voll hat.“

„Das ist aber doch gemein und niederträchtig!“ rief Zäpfel empört aus.

Kaum hatte er dies gesagt, so drückte sich der Schäferhund scheu davon, wie wenn er fürchtete, durch die Nähe Zäpfel Kerns eine gefährliche Krankheit zu bekommen.

Indessen war der Zeiger an der Turmuhr soweit vorgerückt, daß es Zäpfel an der Zeit fand, auf das

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Feld zurückzukehren. Die Säcke und Ochsen gedachte er sieil später für einige seiner Goldstücke einzuhandeln.

Je näher er dem Feld kam, um so heftiger arbeitete seine Phantasie.

„Wer weiß“, sagte er zu sich selber, „ob heuer nicht ein besonders gules Jahr für Zwanzigmarkstücke ist! Dann könnte es vielleicht doch sein, daß ich statt fünfziglausend Mark .sechzigtausend Mark ernte oder gar siebzigtausend Mark? Ach, es könnten sogar achlziglausend, ja hunderttausend Mark sein! Die Witterung ist, wie mir scheint, sehr günstig für das Gedeihen von Zwanzigmarkstücken . . . Hm! Ja! . . . Und was fange ich dann mit dem vielen Geld an? Natürlich, zuerst Papas Rock! Das versteht sich. Und fürs Schwesterchen lasse ich mich photographieren, denn sonst hat sie alles. Für mich aber? Ein kleines Auto? Natürlich! Und ein lenkbares Luftschiff! Und eine Bibliothek! Aber in den Büchern stall der Blätter lauter Kuchen und Bonbons!“

Unter diesen angenehmen Vorstellungen war er auf dem Feld angekommen, und nun sah er sich sogleich nach seinen Nußbäumen um. Da er mit bloßem Auge keine erblickte, so legte er die Hände wie ein Fernrohr an die Augen, aber auch auf diese verschmitzte Weise wollte es ihm nicht gelingen, einen Nußbaum zu entdecken.

„Vielleicht hin ich zu früh daran, und sie sind noch ganz klein“, sagte er sich und rannte zu der Stelle, wo er die Zwnnzigmarkslücke versteckt hatte. — Aber es war noch nicht das gering>te Triebchen sichtbar.

Hm! machte er und kraute sich hinter den Ohren, obwohl er wußte, daß das nicht anständig ist.

Da hörte er deutlich lachen: HihihihihihihiI,drehte sich um und sah hinter sich auf einem Galgen einen Papagei sitzen.

„Lach nicht so dumm!“ schrie er den Papagei an. „Du hast gerade Ursache, du mit deinen paar struppigen Federn.“

„Immer noch mehr als du!“ kicherte der Papagei. „Das werden wir gleich sehen!“ entgegnete das Kasperle, lief zum Brunnen, holte eine Hand voll Wasser und begoß nochmals seine Zwanzigmarkstücke.

„Hihihi! Hilft alles ni-ni-ni-nix!“ lachte wieder das freche Papchen.

„Wieso?“

„Geld wächst nicht von Wasser, sondern von Schweiß.“

„Was heißt das?“

„Das heißt: Geld will verdient sein.“

Wer ohne Mühe will Geld gewinnen,

Verfällt oft Schwindlern und Schwindlerinnen, Kriegt nix dazu, verliert, was er hat.

Hihihihi! die Rechnung ist glatt.

Zäpfel Kern wurde von einer schrecklichen Ahnung erfaßt. Er stotterte: „De .. . de .. . denkst du am E .. E .. Ende, mein Ge .. Ge .. Ge .. Geld ist fu . . fu . . futsch?“

„Ich würde sagen, daß es beim Kuckuck wäre, wenn ich nicht wüßte, daß es beim Fuchs und bei der Katze ist.“

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Zäpfel Kern bekam wieder einmal Krebsaugen, stürzte sich mit seiner ganzen Länge auf die Erde, grub zwei Löcher, groß genug, zwei Esel zu begraben und sich dazu, fand aber nichts als den Zettel, der auf der nächsten Seite zu sehen ist, und den sich das dumme Kasperle von dem gescheiten Papagei vorlesen lassen mußte, weil es selber ja immer noch nicht lesen konnte.

„O diese Schurken“, rief Zäpfel Kern aus und rannte mit dem Zettel in die Stadt, keinen ändern Gedanken im Kopf als den: sein Recht beim Richter zu suchen.

Ein düsteres schwarzes, von Bulldoggen bewachtes Gebäude wurde ihm als das Reichsgericht von Hurrasien bezeichnet.

„Was will Er?“ bellte ihn eine zähnefletschende Bulldogge an.

„Mein Recht!“ rief Zäpfel.

„Worum handelt es sich?“

„Um Raub, Betrug, Diebstahl, Schurkerei und Schufterei —“

„Das ist das Ressort des Obertribunalrats Gorilla. Drei Treppen links, Zimmer 7896.“

Zäpfel fiel mehr die Treppen hinauf, als er sie hinaufstieg. An Zimmer 7896 klopfte er an.

„Herein!“ schrie eine heisere Stimme.

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Zäpfel Kern, noch ganz keuchend, trat ein. Das, was er erblickte, war nicht geeignet, ihm Vertrauen einzuflößen. Auf einem Tisch, der ganz mit abgenagten Knochen und unzähligen Büchern bedeckt war, saß in einem ungeheuren Tintenfaß ein kolossaler rotzottiger und entgegen aller Naturgeschichte langschwanziger Gorilla, der mit seinem buschigen Schwanz emsig schrieb. Auf dem Kopf hatte er ein schwarzes Barett, vor den triefenden Augen eine goldene Brille ohne Gläser.

„Was will Er?“ kreischte ihn der Gorilla an. „Mein Rechtl“ rief Zäpfel und legte den Zettel auf den Tisch.

„Warum nimmt Er sich’s nicht?“

„Ich bin beraubt, bestohlen, betrogen, hintergangen!“

„Bravo!“

„Mein Vertrauen ist auf scheußliche Weise von Baron Alopex und Gräfin Mietsinsky getäuscht worden.“

Der Gorilla nahm respektvoll sein Barett ab und sprach: „Ehre dem Ehre gebührt! Preise Er sich glücklich, so vornehmen Leuten Gelegenheit gegeben zu haben, ihren Witz zu zeigen.“

„Was? Glücklich preisen soll ich mich? Ich verlange, daß die Schurken bestraft werden.“

„Einen Monat!“ rief der Gorilla, tunkte seinen Schwanz in die Tinte und machte eine Notiz.

„Ich verlange, daß die Elenden gehängt werden.“ „Zwei Monatei“ rief der Gorilla und tat wie vorhin.

„Und mein Geld will ich wiederhaben!“

„Einen Monat!“ rief der Gorilla, machte noch-

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mals eine Schwanznotiz und sprach dann: „Noch was?“

„Weiter verlange ich nichts“, antwortete Zäpfel Kern.

„Macht also zusammen vier Monate“, sagte der Gorilla, drückte auf einen Knopf und befahl zwei darauf eintretenden Bulldoggen: „Fesselt diesen Verbrecher und werft ihn ins Loch! Ich diktiere ihm vier Monate strengen Kerker wegen Ausstoßung gröblicher Schimpfnamen und Beleidigungen gegen zwei Edelleute, sowie wegen unverschämten Begehrens, gerichtet auf Zurückerstattung einer Summe, die ihm rechtmäßig abgenommen worden ist. Im Namen Seiner Majestät des Kaisers Frißall! Punktum! Streusand drauf!“

Zäpfel Kern wollte protestieren, aber die Bulldoggen machten kurzen Prozeß und schnitten ihm das Wort ab, indem sie ihm einen faustgroßen Knebel in den Mund steckten. Dann führten sie ihn in einen unterirdischen Kerker, in dem er das Vergnü-

gen hatte, vier Monate bei faulem Wasser und schimmligem Brot in Gesellschaft von Skorpionen, Spinnen, Tausendfüßlern und zwei ebenso dicken wie übelriechenden Ratten zuzubringen.

Dreiundzwanzigstes Kapitel

Zäpfel Kern zappelt wieder einmal, aber diesmal zu seinem Glück, doch wird er bald am Weiterzappeln verhindert

Nach genau vier Monaten (auch um keinen Tag weniger) erhielt Zäpfel Kern einen Tritt auf den Teil des Körpers, den er jetzt am meisten benützt hatte, und einen Ausweisbefehl aus dem Land Hurrasien.

Darüber war er gar nicht böse, denn dieses Land war ihm schon recht zuwider, und mit einem wahren Vergnügen ließ er sich die Zollplombe von der Nase abnehmen.

Wie immer, wenn er etwas Unangenehmes überstanden hatte, war er jetzt von guten Vorsätzen so angefüllt, daß es ihm ganz schwer davon im Magen war. Nichtsdestoweniger lief er schnell und munter des Wegs dahin, der ihn nach seiner Meinung nach dem Schloß der Fee führen mußte. Da es offenbar monatelang geregnet hatte, war dieser Weg fußhoch mit Schlamm bedeckt. Aber was macht das einem Kasperle in Holzrindenschuhen!?

Spaß machte es ihm. Je mehr der Schlamm um ihn herumspritzte, desto tiefer patschte er hinein und sang dazu:

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Jetzt geht’s zu meinem Schwesterlein, hurra! Nun will ich immer artig sein, hurra!

Und hab’ ich auch kein Geld im Sack,

Mein Herz geht dennoch ticketack.

Froh sein wird mein Papa,

Den ich so lang nicht sah.

Hurra! Hurra! Hurra!

Aber das letzte Hurra blieb ihm im Halse stecken, wie er plötzlich dicht vor sich mitten auf der Straße eine ungeheure Schlange liegen sah, die durchaus nicht Miene machte, ihm Platz zu machen. Mit einem seiner berühmten Kasperlesprünge machte er einen Satz von drei Metern nach rückwärts.

„So ein Biest“, murmelte er vor sich hin. „Das ist gewiß der Wappendrache von Hurrasien, der sich hierher verirrt hat. Diese roten, glühenden Augen! Pfui Teufel! Und ganz grün ist sie! Ekelhaft. Ich möchte nur wissen, wozu aus ihrem Schwanz Rauch kommt? Es stinkt ganz nach Schwefel.“

Und er dachte an den Duft der Ananaskügelchen von Frau Dschemma, und seine Sehnsucht, zu seinem Schwesterchen zu kommen, wurde immer größer.

Aber die Schlange rührte sich nicht vom Fleck.

Da faßte sich Zäpfel Kern ein Herz und flüsterte: „Sie, Frau Schlange, gehen Sie doch ein bißchen auf die Seite! Mein Papa wartet auf mich.“

Die Schlange gähnte und hielt nicht einmal die Hand vor den Mund, was ihr aber zu verzeihen war, da sie keine hatte. Einer Antwort würdigte sie aber das Kasperle nicht, noch weniger ging sie auf die Seite.

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Und Zäpfel sprach: „Das ist doch keine Manier,

so den Weg zu versperren! Es ist doch anderswo Platz genug! Und mein armer guter Papa muß deswegen vor Warten schwarz werden!“

Die Schlange gähnte nochmals. Dann machte sie die Augen zu, ringelte sich noch enger zusammen, blies den Rauch an ihrem Schwanz aus und schien entweder sterben oder doch wenigstens schlafen zu wollen.

Das schien Zäpfel Kern das Gescheiteste, was sie tun konnte, und er beschloß, auf den Fußspitzen näher zu gehen und dann über den Knäuel wegzuspringen. Schlich also leise herbei und setzte zum Sprung an.

Da riß die Schlange ihr Maul wie ein Scheunentor auf und machte: „Cham!“ und Zäpfel Kern schlug vor höchstem Entsetzen einen noch nie dagewesenen Purzelbaum, der zur Folge hatte, daß er

mit dem Kopf in den Schlamm fuhr, während seine Beine rasend in der Luft herumzappelten.

Dieser Anblick war selbst für eine schlechtgelaunte Riesenschlange zuviel. Statt das Kasperle zu verschlingen, brach sie in ein krampfhaftes Gelächter aus.

Zäpfel hielt das für Wutgeheul und strampelte noch heftiger. Und da konnte die Schlange, so unangenehm ihr das auch war, nicht anders: sie mußte sich totlachen. Selbst, wie sie schon tot war, krümmte sich ihr Leib noch immer weiter.

Zäpfel Kern aber, wie es still geworden war, zog seinen Kopf, der jetzt nicht wie Mandelmilch aussah, aus dem Schlamm und rannte, was ihn seine Zappelbeine tragen konnten, davon.

Als er endlich wagte, stillzustehen, hatte es schon zu dunkeln begonnen, aber seine Nase verriet ihm, daß er sich jetzt in einer angenehmeren Gegend befand. Er hob sein Näslein schnüffelnd hoch und machte: „M! m! m! Täuscht mich meine Nase nicht, so sind hier Borsdorfer Äpfel in der Nähe.“

Und richtig! Ein ganzer Baum hing voll davon, nicht zwei Schritte weit weg von ihm.

„Das ist fein!“ dachte sich Zäpfel, und machte sich kein Gewissen daraus, mit der festen Absicht, ein paar Äpfel zu mausen, auf den Baum zuzugehen.

Da, au! krack! fühlte er etwas an seinen Füßen zuschnappen.

Er saß in einem Fußeisen fest, das ein Bauer für die Marder aufgestellt hatte, die allzuhäufig seinen Hühnerstall mit ihrem Besuch beehrten.

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Vierundzwanzigstes Kapitel

Zäpfel Kern erhält ein verantwortungsvolles Amt, freut sich aber gar nicht darüber

Das Kasperle schrie, brüllte, grölte, quietschte, heulte, bis es ganz heiser wurde, aber es schien, als wäre meilenweit keine menschliche Seele, ihn zu hören und zu befreien.

Die Nacht kam heran, sonst niemand.

Aber die Nacht ist keine angenehme Gesellschafterin für einen, der in eine Marderfalle geraten ist, und es war noch dazu eine stockfinstere Nacht, denn der Mond, der hinter einem kleinen Wald aufgegangen war und eigentlich die Pflicht hatte zu leuchten, war in einen großen schwarzen Wolkensack gekrochen, wo er zu schnarchen begann. Wenigstens hielt

10 Zäpfel Kern

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Zäpfel Kern das Windgestöhne in den Apfelbäumen für das Schnarchen des Mondes.

Und Zäpfel Kern wimmerte vor sich hin: „Wenn ich doch auch schlafen dürftet Diese gequetschte Stellung zwischen zwei Tellereisen ist furchtbar ermüdend. Und Hunger hab’ ich auch! Und zu den Äpfeln kann ich nicht. — Ach, Schwesterchen, wenn du wüßtest, wie es deinem Brüderchen geht!“

„Sie weiß es!“ erklang eine holde Stimme.

„Bist du da, Schwesterchen?“ flüsterte Zäpfel entzückt und erschreckt.

„Mein Herz ist immer bei dir.“

„Warum hilfst du mir denn nicht?“

„Weil es gut für dich ist, etwas auszustehen.“ „Danke schön. Das finde ich gar nicht!“

„Und weil du mit Recht in das Eisen geraten bist.“

„Ich bin nicht bloß mit dem rechten, sondern auch mit dem linken Fuß hineingeraten.“

„Tu nicht so, als verständest du mich nicht! Du hast Äpfel stehlen wollen, und dafür sitzt du jetzt in der Falle.“

„Falsch! Ich stehe darin! Sitzen wäre bequemer.“ „Ich höre mit Vergnügen, daß du noch bei guter Laune bist, mein witziges Kasperle. Hoffentlich verlierst du sie nicht. Gute Nacht!“

Der Ananasgeruch, der während dieser Unterhaltung die Luft erfüllt hatte, verschwand, und Zäpfel hörte nichts weiter als das, was er für das Schnarchen des Mondes hielt.

Doch nein... Kamen da nicht Schritte...?Knackten nicht Zweige?

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Und Zäpfel rief: „Hierher! Hierher! Bitte etwas schneller!“

„Na, na!“ ertönte eine Stimme, „nur nicht so ungeduldig, Herr Mausehaken! Diesmal scheint es ein zweibeiniger Marder zu sein.“

„Kein Marder!“ schrie Zäpfel, „ein Kasperle!“

Da fiel das Licht einer Laterne auf ihn, und eine derbe Faust packte ihn am Schlafittchen.

„Nicht so grob!“ schrie Zäpfel Kern.

„Denkst du, ich ziehe mir Glacehandschuhe an, wenn ich einen Hühnerdieb packe?“ sagte der Bauer.

„Hühnerdieb? Das müßte ich mir denn doch verbitten! Ich hab’ mir bloß ein paar Äpfel nehmen wollen.“

„Mit Äpfeln fängt man an und mit Hühnern hört man auf, wenn man nicht noch weiter geht im Stehlen“, erklärte der Rauer.

„So mach doch endlich diese ekelhafte Falle auf!“ schrie Zäpfel, „und laß meinen Hals los! Oben und unten in der Klemme zu sitzen, ist ein bißchen viel.“

„Du meinst vielleicht, du imponierst mir mit deiner Frechheit?“ sagte der Bauer, indem er die Falle öffnete, „aber da irrst du dich gewaltig. Redensarten mach' ich nicht viel. Aber kirre kriege ich dich doch. Heute Nacht wirst du so freundlich sein und meinen Hühnerstall bewachen.“

„Ich?“

„Ja, du, wenn du nichts dagegen hast!“

„Ich habe sehr viel dagegen.“

„Das freut mich, denn je mehr du dich erzürnst, um so mehr macht mir’s Spaß.“

Bei diesen Worten nahm der Bauer das Kasperle untern Arm wie ein Stück Holz und trug es fort.

An seinem Hause angekommen, legte er ihm ein Hundehalsband um den Hals, das entsetzlich eng anlag, schloß eine Kette daran, befestigte die Kette an der Hundehütte und sagte: „So, mein Herr Kasperle, und hiermit ernenne ich dich zum Nachfolger meines guten Phylax, der leider heute gestorben ist. Hoffentlich hast du mehr Glück als er in der Bewachung des Hühnerhauses. Behalte mir das nur ja gut im Auge! Und wenn die Marder kommen, so belle tüchtig. Kannst du bellen?“

„Jawohl: Wau—wau—wau! Wo ff—wo ff—woff!“ „Sehr gut! Ausgezeichnet! — Wenn’s regnet, darfst du übrigens in die Hundehütte aufs Stroh kriechen! Aber nicht einschlafen! Sonst. . .!“ Und er machte eine unangenehme Handbewegung, deren Bedeutung dem Kasperle nicht fremd war.

Dann ging der Bauer langsam in sein Haus, und Zäpfel Kern konnte durch die Fenster sehen, wie er sich recht gemütlich ins Bett legte.

„Und ich!“ sprach Zäpfel Kern zu sich selber, „und ich, der Sohn eines Künstlers, der Bruder einer Fee, ein Kasperle, über das ein Buch geschrieben werden soll, — ich hänge an einer Hundehütte! Tiefer kann ein Wesen von Intelligenz nicht sinken. Aber mir geschieht ganz recht! Nur meine dumme Unfolgsamkeit ist schuld daran, mein ewiges Weglaufen, meine Habgier, meine Trägheit!“

Und wieder einmal nahm er sich ernstlich vor, künftighin gescheiter und brav zu sein, so brav, oh so brav...

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Fünfundzwanzigstes Kapitel

Phylax der Zweite macht seine Sache besser alsPhylax der Erste

Obwohl Zäpfel Kern sehr müde war, hielt er es doch für geraten, nicht zu schlafen. Erstens wegen dieser deutlichen Handbewegung des Bauersmannes und zweitens, weil es ihm unmöglich war, im Stehen zu schlafen wie ein Pferd; sich auf das Stroh in der Hundehütte zu legen, dünkte ihn aber eines Künstlersohnes und Feenbruders schlechterdings unwürdig. Die angemessenste Stellung, die er jetzt einnehmen konnte, schien ihm die zu sein, daß er sich wie ein Reiter auf das Dach der Hundehütte setzte. Bequem war der Sitz ja nicht, da das Dach sehr spitz zulief, aber er verlieh dem Kasperle doch ein stolzes Ansehen, und Zäpfel Kern konnte sich nun wenigstens einbilden, eine anständige Stellung innezuhaben. Von dieser Möglichkeit machte er, da er, wie wir wissen, von seinem Papa eine reiche Phantasie geerbt hatte, sofort ausgiebigen Gebrauch. Es dauerte nicht lange, und er ritt auf seiner Hundehütte in den schönsten Gegenden einer üppigen Einbildung spazieren, nun schon nicht der Nachfolger eines Hofhundes mehr, angelegt an eine Hundehütte, sondern ein herrlicher, kühner Ritter auf einem kostbaren arabischen Schimmelhengst. Sein schönstes Abenteuer in der Einbildung war, wie er Frau Dschemma aus den Händen des entsetzlichen Obertribunalrats Gorilla rettete, der sie in seinem ungeheuren Tintenfaß ersäufen wollte. Mit lautem Hurra und nicht zu überbietendem Genuß rannte er dem verhaßten richter-

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liehen AlTen seine goldene Lanze in den Bauch und war eben dabei, das riesige Tintenfaß umzuwerfen. Da . . . was war das? .. . Hörte er nicht wispern? .. * raunen? .. . rascheln?

Er kehrte mit äußerster Geschwindigkeit aus dem

bunten Reich der Phantasie in die kohlpechrabenschwarze Wirklichkeit zurück und war durchaus nicht mehr Ritter, sondern ganz und gar Phylax der Zweite.

Kein Zweifel: in seiner Nähe wurde geredet! Aber wer redete? ln dieser Finsternis, bei diesem Mond, der, statt zu leuchten, schlief, war ja nichts zu sehen. ... Oder doch? .. . Waren da nicht vier Katzen?

Zäpfel Kern, der, wie man sich denken kann, auf Katzen nicht sehr gut zu sprechen war, hatte ein

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Gefühl, als wäre er durch das Hundehalsband wirklich ein Hund geworden, und er stellte es sich als eine große Annehmlichkeit vor, allen vieren den Hals umzudrehen.

Wie sich aber eine der langen, schlanken, dunklen Gestalten von den übrigen loslöste und auf un-hörbaren Pfoten zur Hundehütte geschlichen kam, da merkte er, daß es doch keine Katzen waren, und es wurde ihm zur Gewißheit, daß er es mit Angehörigen der Familie Marder zu tun hatte, also mit den Dieben, die er erwischen sollte. Die Wichtigkeit des Moments drückte ihn fast nieder. Jetzt galt es zu beweisen, wieviel Grütze im Holzkopf und wieviel Mut im Herzen eines Kasperle steckt.

Zäpfel rührte und regte sich nicht. Es war, als wäre seine Hundehütte ein Denkmalsroß aus Bronze, und er ein bronzener Ritter darauf.

Der Marder, mit dem Bauch fast den Boden berührend und vorsichtig mit seiner kleinen Nase schnuppernd, kroch fast bis zum Loch der Hundehütte heran, dann pfiff er leise.

Als keine Antwort erfolgte, flüsterte er: „Phylax, schläfst du?“

„Nein!“ antwortete in demselben Flüsterton Zäpfel Kern.

Der Marder stutzte, denn er hatte sofort bemerkt, daß das nicht Phylax war, der geantwortet hatte. Er fragte: „Bist du nicht Phylax?“

„Nein!“ antwortete das Kasperle.

„Wer bist du denn?“

„Zäpfel Kern.“

„Ah! eine große Ehrel Aber was machst du denn hier?“

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„Ich bin zum Nachfolger des Phylax ernannt worden.“

„Hat denn Phylax gekündigt?“

„Phylax ist tot.“

„Was? Ach! Wie schade! Er war so ein guter Kerl, und es ließ sich so gut mit ihm auskommen . .. Hm . .. Aber du wirst sicher ebenso gescheit sein wie er und deinen Vorteil einsehen. Nicht?“

„Laß hören.“

„Also: Mit Phylax haben wir folgenden Vertrag gehabt: wir machten jede Woche einmal dem Hühnerhaus einen Besuch, und Phylax tat, als merkte er nichts. Dafür erhielt er von den acht Hühnchen, die wir stahlen, jedesmal eins. Wohlgemerkt: Schon gerupft und ausgenommen, weil Hunde das nicht so verstehen wie wir.“

„Ein feines Geschäft!“

„Nicht wahr? — Willst du in den Vertrag eintre-ten?“

Zäpfel Kern überlegte. Dann antwortete er: „Gut! Ich nehme euern Vorschlag an. Aber wehe euch, wenn ihr mir kein Hühnchen gebt!“

„Aber, ich bitte dich!“ entgegnete der Marder. „Ein Vertrag ist doch ein Vertrag! Aber du mußt uns das Hühnerhaus aufriegeln.“

Zäpfel Kern schwang sich von seinem hölzernen Roß und hob den Riegel der Hühnerhaustüre zurück. Schlupp — schlupp — schlupp — schlupp krochen die vier Marder hinein, unhörbar wie Schatten.

Kaum aber waren sie drin, schob, klapp, das Kasperle den Riegel wieder vor, hob wie ein Hund, wenn er bellt, die Nase hoch und durchbrach die

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Stille der Nacht mit einem meisterhaft echten wau! waul wau! wau! woff! wolf! wolT! woff!

„Verräter!“ zischten die gefangenen Marder und versuchten vergebens, die Türe zu durchbeißen.

Schon aber kam mit großen Schritten der Bauer und rief: „Hast du sie?“

„Ja! Alle viere!“ antwortete stolz Zäpfel Kern und setzte sich wieder auf den Sattel.

„Das ist brav!“ rief der Bauer „du bist ein Mordskerl!“ und kroch in den Hühnerstall.

Nach einigem Lärm und Hin und Her darin erschien er wieder und trug in einem Sack die vier Diebe, an die er folgende Ansprache hielt: „So geht’s auf der Welt! Ihr gedachtet meine Hühner zu fressen, und nun werde ich euch verspeisen. Meine Frau Karline versteht sich auf Marderbraten in saurer Sahnensoße wie keine andere Bäuerin. Und Zäpfel Kern kriegt zum Lohn eine Pelzjacke aus euren Fellen für den Winter und einen Schwanz als Schmuck auf seinen Hut.“

„Die Freiheit wäre mir lieber“, bemerkte Zäpfel Kern.

„Die kriegst du außerdem, mein Junge. Aber wie ist dir nur gelungen, was meinem guten Phylax nie glücken wollte?“

Das Kasperle, das sehr gesprächig war, hätte für sein Leben gerne erzählt, was er von dem guten Phylax wußte, aber seine anständige Gesinnung hinderte ihn, einem Toten Böses nachzusagen, und so beschränkte er sich darauf einfach zu erklären, er habe sich schlafend gestellt und so die Marder in das Hühnerhaus gelockt. Es war zwar auch gelogen, aber

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eine anständige Lüge, die niemand wehtat und einem Verstorbenen den guten Ruf rettete.

Gerührt nahm ihm der Bauer das Halsband ab, führte ihn in die Äpfelkammer, wo sich Zäpfel alle Taschen mit den schönsten Borsdorfer Äpfeln vollstopfen durfte, und ließ ihn dann in einem weichen, warmen Bett schlafen, bis die Sonne aufging.

Sechsundzwanzigstes Kapitel

Traurige Nachrichten und schreckliche Geschehnisse

Als Zäpfel Kern erwachte und sich anziehen wollte, fand er seine Kleider nicht. Er lief in die Nebenstube, sie zu suchen, und gewahrte sie in den Händen der Bäuerin, die eben dabei war, die Jacke mit den Marderfellen zu füttern und mit den Schwänzen einzusäumen. Ein Schwanz war aber bereits an seinem Hut befestigt — wie eine Fahne.

Das gefiel dem Kasperle ausgezeichnet, und als er nun gar spürte, wie warm seine Jacke geworden war, fiel er der Bäuerin um den Hals und schrie: Karline, Karline,

Wie warm ist mein Jackett!

Karline, Karline,

Wie ist mein Hut so nett!

Dann kriegte er Kaffee mit viel Zucker, noch einen Sack voll Äpfel, eine schöne Patschhand vom Bauern, einen Kuß von der Bäuerin, erkundigte sich nach dem Weg und lief mit frohem Sinn, jauchzend und mit den Armen schlenkernd, in den frischen Morgen hinaus.

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Es stiegen die Lerchen lustig zur Sonne an, und es sah aus, als wollten sie in die Sonne lliegen, so hoch hinauf hoben sie sich ins himmlische Blau, und rechts und links saßen die Hasen beim Frühstück im Kraut und stopften sich die runden Bäuchlein an und riefen: „Grüß Gott, Zäpfell Gute Reise, Zäpfeli Grüß deinen Papa, Zäpfell“ Und Zäpfel Kern ließ seinen Marderschwanz im Winde wehen und rannte und rannte heidi, heidi!

Diesmal war er auf der richtigen Straße. Keine drei Stunden vergingen, und er stand vor der großen Eiche, an der er seine Zappelübungen gemacht hatte. Aber er hielt sich nicht lange dort auf, sondern lief mit dem Ruf: „Schwesterchen! Ich bin da!“ die Lindenallee hinab zum Schloß.

Zum Schloß? Ja . . . aber .. . wo war denn das Schloß?

Keine Spur davon war zu sehen, und nur das Tor lag da, umgeslürzt, auf der Erde.

„Um Golteswillen, was ist denn passiert!“ schrie Zäpfel und rieb sich die Augen.

Da sangen die geschnitzten Vögel auf dem Tor:

Tief in die Erde versank das Schloß, Versank die Fee mit dem Dienerlroß,

Hat alles mitgenommen,

Weil du zu spät gekommen:

Das Kasperle warf sich lang über das Tor hin und weinte so herzbrechend sechs Stunden lang, daß sein Schluchzen den ganzen Wald erfüllte. Endlich fand er Worte und rief: „Ach Schwesterchen, was soll denn nun aus mir werden? Am Ende hast du auch meinen guten Papa mitgenommen?“

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Da hörte er über sich: Päng-gong! Päng-gongl Päng-gong! und sah den silbernen Schild im Wipfel einer Linde hängen und den weißen Falken mit dem Klöppel daranschlagen.

Das gab ihm etwas Hoffnung. Er legte die Hände an den Mund und rief hinauf: „Gottlob, daß wenigstens Ihr noch da seid, Herr Ritter Falk von Weißenschwingen.“

Und der Falke antwortete: „Ich soll dich zu deinem Vater bringen.“

„Wo ist er denn? Wo ist er denn?“

Und der Falke rief:

Weil er dich nicht fand Auf dem festen Land,

Wanderte er weit zum Meeresstrand Und zimmerte sich mit kunstreicher Hand Einen kleinen Kahn,

Seinen Sohn zu suchen auf nasser Bahn.

Und Zäpfel rief, indem er an der Linde emporkletterte:

O bringe mich zu ihm, Falke mein,

Ich will dir ein leichter Reiter sein.

Trage mich, Falke, mein Flügelpferd, Bring mich zu meinem Vater wert.

Und auf dem Wipfel der Linde angekommen, schwang er sich auf den Rücken des Falken und rief:

Hü und hopp!

Flieg Galopp!

Eile dich, eile,

Ohne Rast und Weile!

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■■n

Und der Falke flog, den Schnabel gradaus, die Flügel weit, gleichmäßigen Schwingenschwunges dahin, jetzt über Wolken, daß Zäpfel nichts unter sich sah als weites Grau, dann über Wälder, deren Bäume so klein aussahen wie Grashalme, dann über Städte, die so winzig erschienen, als seien sie von Kindern aus einer Spielwarenschachtel aufgestellt, dann über Gebirge von Schnee und Eis, von dem eine so grimmige Kälte aufstieg, daß Zäpfel sehr froh war, eine gefütterte Jacke anzuhaben. Von seinen Äpfeln gab er erst dem Falken zu essen, ehe er seinen eigenen Hunger stillte. Aber es war wahrhaftig gut, daß er die Äpfel bei sich hatte, denn sie flogen zwei Tage und zwei Nächte. In den Nächten hatte er schrecklich Angst, sie könnten an den Mond oder die Sterne stoßen, aber der Falke wußte seinen Weg selbst durch die Milchstraße zu finden.

Endlich, als nach der zweiten Nacht der Tag un-

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ter ihnen graute, und dann die Strahlen der Sonne aufloderten wie ungeheure Flammen, daß dem Kasperle die Augen schmerzten, sahen sie, gleich einem riesigen funkelnden Spiegel, das große Meer, und der Falke senkte sich sachte, sachte zur Erde nieder.

Es war eine steile Felsklippe am Strand des Meeres, wo er seinen Reiter absetzte und sprach: „Weiter kann ich dich nicht tragen, aber ich weiß, dein Vater ist nicht fern von hier! Leb wohl! Ich fliege zur Frau Dschemma zurück, denn meine Sehnsucht, sie zu sehen, ist zu groß, obwohl es für einen Falken keine angenehme Aussicht ist, unter die Erde verbannt zu werden. Aber lieber mit Frau Dschemma in der Hölle als allein im Himmel!“

„Grüß mir mein Schwesterchen und sage ihr, ich komme, sobald ich nur meinen lieben Vater wiedergesehen habe!“ rief unter Schluchzen Zäpfel Kern.

Der Falke hob sich rauschend in die Lüfte und war, ein weißer Punkt, bald im Blau des Himmels verschwunden.

Zäpfel Kern aber wandte seine Augen zum Meer.

Da sah er unter sich eine Menge Schiffervolks am Strand aufgeregt hin- und herlaufen, und er beugte sich über den Abhang des Felsens und rief: „Was ist denn geschehen, daß ihr so aufgeregt seid?“

Ein Schiffer antwortete: „Ein armer alter Mann hat sich nicht abhalten lassen, mit einem kleinen Kahn auf das Meer hinauszufahren, obwohl wir ihn gewarnt haben. Denn es gibt Sturm heute, einen bösen Sturm. Aber er wollte durchaus seinen Sohn suchen.“

„Er ist es!“ rief Zäpfel, „er ist es! Wo ist der Kahn?“

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„Dort unten das Ding, das wie eine Nußschale zwischen den Wellen treibt.“

Und Zäpfel schwenkte seinen Hut und schrie: „Papa! Papa! Hier bin ich! Hier!“

Und richtig: Meister Zorntiegel hatte seinen Sohn an seinem Hut erkannt und bemühte sich, seinen kleinen Kahn zum Strand zu wenden. Aber wie sehr er auch ruderte und steuerte, das Meer warf ihn im-

mer wieder zurück. Und mit einem Mal erhob sich ein entsetzlicher Sturm. Wie von bösen Geistern getrieben, jagten schwarze Wolken über den Himmel, Blitz auf Blitz fuhr in die Wellen, Donner auf Donner brüllte hinterdrein, und eine ungeheure Woge

erhob den kleinen Kahn fast bis an die Wolken--

dann war nichts mehr von ihm zu sehen, und nichts als schwarze Wellen wogten durcheinander.

Die Fischer riefen: „Er ist verloren. Wir können nicht helfen. Wir wußten es ja! Gott sei seiner Seele gnädig.“

Zäpfel Kern aber rief: „Dann soll er wenigstens nicht allein sterben! Papa, dein Zäpfel kommt zu dir!“

Und warf sich kopfüber vom Felsen ins Meer.

Ein Menschenkind wäre wohl sogleich ertrunken. Nicht so das hölzerne Kasperle, das vom Wasser getragen wurde, und nur zu streben brauchte, mit kräftigen Arm- und Beinschlägen die Richtung nach der Stelle zu gewinnen, wo er zum letzten Mal den kleinen Kahn gesehen hatte. Und wahrhaftig: Er brachte sich trotz Sturm und Wogenprall tüchtig vorwärts.

Aber die Fischer sagten: „Armer Bursche! es ist alles umsonst.“

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Siebenundzwanzigstes Kapitel

Zäpfel Kern kommt auf eine Insel, wo alle Menschen gerade die Leidenschaft haben, die dem Kasperle ganz fremd ist

Das entsetzliche Unwetter, statt nachzulassen, igerte sich immer mehr. Es war, als wollte das er sich selber verschlingen und den Himmel dazu. Zäpfel Kern mußte bald einsehen, daß es ein aerliches Beginnen wäre, mit zwei dünnen Holz-achen und zwei nicht viel stärkeren Holzbeinchen en die Kraft des Ozeans anzukämpfen, die an sem Tag mit Panzerschilfen Fangeball spielte und ster Zorntiegels kleinen Kahn längst wer weiß ain geschleudert hatte. Das Kasperle tat das Ge-eiteste, was es tun konnte: Es erinnerte sich an le hölzerne Herkunft und benahm sich ganz ein-a wie ein Stück Holz. Es zog sich seinen Hut mit i Marderschwanz bis über die Ohren, legte sich den Rücken und ließ sich treiben. Mochte das ir machen, was es wollte, das Kasperle kümmerte i nicht darum und dachte sich: Rumore du nur ter und schmeiß mich hin, wohin du Lust hast. Tenehm war es freilich nicht, und das hölzerne feie wurde zuweilen bös herumgewirbelt. Bald es wie ein Pfeil (mit seinem Zuckertütenhut als :ze) gen Himmel, bald sauste es, den Kopf nach ;n, tief in die Tiefe des Meeres, bald rannte es an m Fisch an, der deshalb wütende Augen machte, hatte nicht einmal Zeit „Entschuldigen Siel“ zu

>fel Kern

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sagen, bald verfitzte es sich mit seinem Marderschwanz in eine Korallenbank. Das Unangenehmste des Unangenehmen war die Bekanntschaft, die es gegen seinen Willen mit einem großen Polypen machte. Eine Sturzwelle warf ihn nämlich direkt in dessen meterlange Fangarme, wovon das scheußliche Tier einige hundert hatte, mit denen es unser Kasperle umschnürte, als wäre Zäpfel Kern ein Paket, das mit der Post fortgeschickt werden sollte. Es fehlte auch nicht das Gefühl, als würde es versiegelt, denn an jedem seiner widerlichen glitschigen Fangarme hatte der Polyp eine Art Saugpetschaft, mit dem er sich an Zäpfels Körper festklebte. Zum Glück wurde die große Qualle von einer neuen Welle gegen einen Felsen geschleudert und in tausend Stücke zerrissen, während Zäpfel Kern nur ein Stück seiner Nasenspitze einbüßte.

Aber es ist ganz unmöglich, alles zu erzählen, was unser Kasperle während des Sturms im Meer erduldete, denn dieses Hin und Her und Auf und Ab in den wilden Wellen dauerte den ganzen Tag und die

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nächstfolgende Nacht. Kein Wunder, daß Zäpfel Kern, als er endlich auf den sandigen Strand einer Insel geworfen wurde, laut ausrief: „Na, das war aber die höchste Zeitl Wenn ich nur keinen Schnupfen kriegel“

Nicht ohne Mühe paddelte er sich auf dem ganz mit Muscheln und kleinen Taschenkrebsen übersäten Sand heraus und seufzte: „Jetzt fehlte nur noch, daß diese Insel von Kasperlefressern bewohnt wäre.“

Und er sah sich vorsichtig um. Aber er bemerkte keinen mit Pfeil und Bogen heranschleichenden Kannibalen, wohl aber einen Wegweiser, auf dem etwas geschrieben stand. Zäpfel Kern trat an ihn heran und besah sich die Schriftzüge sehr aufmerksam. Dann schüttelte er den Kopf und sprach zu sich: „Das Schreiben ist doch eine sehr sinnreiche Erfindung. Wenn ich jetzt lesen könnte, wüßte ich ganz genau, wohin dieser Weg führt .. . Aber ich kann nicht lesen . . . Und warum kann ich nicht lesen!? Weil ich nichts als Dummheiten angestellt habe . . . Verflixte Geschichten! ... Es bleibt dabei, daß Professor Doktor Maikäfer recht gehabt hat, hundertmal recht, tausendmal recht. . . Aber was hilft es mir, daß ich das jetzt erst einsehe! . . . Ich stehe da wie ein Esel, und wenn niemand kommt, mir das vorzulesen, werde ich morgen auch noch wie ein Esel dastehen.“

Da hörte er hinter sich etwas plätschern, drehte sich um und sah einen großen schönen Delphin, der den Kopf aus den mittlerweile ruhig gewordenen Fluten herausstreckte und ihn groß ansah. Rechts und links aus seinen Nasenlöchern erhob sich ein

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ii‘

Springbrunnen, und der hatte das Plätschern hervorgebracht.

Zäpfel Kern nahm höflich seinen Hut ab und sprach: „Guten Morgen, Herr Delphin! Das trifTt sich gut, daß Sie gerade hier Ihren schönen Kopf aus dem Wasser stecken. Möchten Sie mir nicht vorlesen, was auf dieser Tafel steht?“

„Kannst du denn nicht selber lesen?“ sprach der Delphin und glotzte ihn erstaunt an.

„Ich kann nur Kasperledeutsch lesen“, log Zäpfel Kern.

Da hob der Delphin auch seinen Schweif aus dem Wasser, peitschte ärgerlich die Wellen damit und schnaubte: „Du willst wohl wieder eine lange Nase kriegen, he?“

„Nein“, antwortete Zäpfel frech, „es würde mir genügen, wenn das Stück anwüchse,das ich auf einer Klippe im Meer aus Versehen habe liegen lassen.

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Aber ich merke, Sie kommen von meinem Schwesterchen.“

„Allerdings!“ antwortete der Delphin, „obwohl du es nicht verdienst, daß sich Frau Dschemma immer noch um dich kümmert, denn du lügst noch immer wie gedruckt. Doch es ist nicht meines Amtes, über meine Herrin zu urteilen, und so richte ich einfach aus, was mir auf getragen ist. Hör zu!“

„Schieß los!“ antwortete Zäpfel Kern. In demselben Augenblick hatte er eine solche Ladung Seewasser im Gesicht, daß er umfiel.

„Du scheinst mir auch keinen Spaß zu verstehen“, sagte er, als er aufgestanden war.

„Es ist jetzt nicht die Zeit zum Spaßen!“ knurrte der Delphin. „Und wenn du noch eine einzige unpassende Bemerkung machst, tauche ich unter. Es bekommt mir ohnehin nicht, so lange Luft zu schnappen.“

Und das Kasperle sagte nun ganz artig: „Ich habe keinen Mund mehr, sondern nur noch Ohren. Verzeihen Sie mir, Onkel Delphin.“

Und der Delphin sprach: „Also denn! Ich habe dir zu melden, daß du dir keine weiteren Sorgen um deinen Papa machen sollst. Er ist von einem Walfisch verschluckt worden und befindet sich in dessen Bauch den Umständen angemessen wohl.“

„Gott sei Dank!“ rief Zäpfel aus, „aber ich möchte nun diesen Walfisch töten und meinen Papa retten, denn immer kann er doch nicht in einer so feuchten Wohnung bleiben.“

„Du Knirps willst den Walfisch töten?“ knurrte der Delphin. „Weißt du denn nicht, daß er so groß ist wie eine kleine Stadt und ein Maul hat von der

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Ausdehnung eines Bahnhofs, in dem bequem einpaar Güterzüge Platz haben?“

„Ist das möglich?“

„Es ist nicht bloß möglich, sondern eine Tatsache.“ „Und dieses Ungetüm ist hier in der Nähe?“

„Ja, es macht diese Küsten unsicher.“

„Dann will ich doch lieber ins Innere des Landes reisen.“

„Das sollst du auch, denn in diesem Land wirst du, so hofft Frau Dschemma, etwas Gutes lernen.“ „Au Backe!“ rief Zäpfel.

„Was?“ knurrte der Delphin.

„Ich habe nichts gesagt“, stotterte das Kasperle.

Und der Delphin fuhr fort: „Dies ist nämlich die Insel, die den Namen führt: Goldboden.“

„Ei! Vielleicht wachsen hier die Zwanzigmarkstücke?“

„Unsinn! Sie heißt so, weil hier der Fleiß regiert, und weil davon hier der Boden goldene Früchte trägt. Die Bewohner dieser Insel kennen nur eine Leidenschaft: Arbeit!“

„Man soll sich aber doch vor jeder Leidenschaft hüten“, meinte Zäpfel.

„Nicht vor dieser! — Aber jetzt habe ich genug geredet. Der Wegweiser dort weist auf die Straße nach der Hauptstadt des Landes. Geh nur immer der Nase nach, so wirst du zu ihr gelangen. Aber das sage ich dir gleich: ohne zu arbeiten wirst du dort verhungern! Betteln gilt dort nicht!“

„Denkst du denn, ich werde betteln!? Ich? Da kennst du mich schlecht!“

„Um so besser! Leb wohl!“ Und mit einem gewaltigen Prusten tauchte der Delphin ins Meer.

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Zäpfel Kern aber machte sich eiligst auf den Weg zur Hauptstadt des Landes, wo der Fleiß regiert.

Daß dem so war, merkte er bald. Die sauberen Straßen, an denen schöne Häuser mit herrlichen Läden standen, waren angefüllt mit Leuten, die allesamt offenbar ihrer Arbeit nachgingen. Nirgends ein Müßiggänger. Nirgends ein Bettler. Und alle Leute waren anständig angezogen, obwohl es immer die Tracht der Arbeit war; und jede Arbeit schien geehrt; keine galt für unvornehm.

Bei aller Tätigkeit, die hier herrschte, war aber kein Hasten in der Stadt, kein Rennen, Schreien, Stoßen. Alles hatte einen ruhigen, fröhlichen Gang, und wenn es der Fleiß war, der hier regierte, so gab es eine Nebenregierung: die Freude.

Das gefiel dem Kasperle ganz gut, denn es ist immer ein Labsal, lachende Gesichter bei tüchtigem Schaffen zu sehen.

Nur: er hatte Hunger.

Und der Hunger macht ein bös’ Gesicht.

Darum fragte ihn ein Mann, der fröhlich einen Handkarren mit Kohlen hinter sich herzog: „Na, mein Junge, warum schaust du so sauer drein?“ „Weil ich Hunger habe“, antwortete Zäpfel.

Und der Kohlenmann sprach: „Du sollst gleich keinen Hunger mehr haben. Hilf mir die Kohlen ausfahren, und ich gebe dir Lohn genug, dafür Brot und Wurst zu kaufen.“

„Was?“ schrie Zäpfel und rümpfte die Nase, „ich und Kohlen ausfahren!? Ich danke bestens.“

„Bitte! bitte!“ antwortete der Mann, „entschuldigen Sie nur! Schneiden Sie sich eine tüchtige Scheibe von Ihrem Stolz ab und verderben Sie sich den

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Magen nicht daran!“ Sprach’s und zog lachend seinen Karren weiter.

Zäpfel Kern, ganz schwach vor Hunger, überlegte sich, was tun.

Da kam ein Maurer, der in jeder Hand einen Eimer voll Kalk trug. Wie er das Kasperle müßig stehen sah, empfand er Mitleid mit ihm und sprach: „Ich seh’ dir’s an, du bist traurig, daß du keine Arbeit hast. Ist’s so?“

„Nein“, antwortete Zäpfel, „ich bin traurig, weil ich Hunger habe.“

„Das kommt auf eins raus“, entgegnete der Maurer, „da, nimm den kleineren Eimer und trag ihn mir zum Bau. Es ist nur, weil du mir leid tust. An Lohn soil’s nicht fehlen!“

Zäpfel Kern aber rümpfte wieder die Nase und sprach: „Damit ich voll Kalk werde und mir die Hände weh tun? Nein, zu solcher Arbeit bin ich zu fein.“

„Auch gut!“ antwortete lachend der Maurer, „dann fang Fliegen und iß sie in Essig und öl. Fliegen fangen ist ein piekfeines Geschäft“ und ging pfeifend weiter.

„Der infame Hunger!“ murmelte Zäpfel Kern. „Au! au! Es ist genau wie damals, wie mir das Hühnchen wegflog. Soll ich vielleicht wieder an einem Hause klingeln? . . . Aber nein, pfui, nicht betteln!“ Da sah er vor sich ein Schaufenster, in dem lauter schöne Sachen zum Essen lagen: Schinken, Würste, Obst.. . Das Wasser lief ihm im Mund zusammen.

Kurz entschlossen ging Zäpfel Kern in den Laden.

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„Ich ... ich ... möchte eine Leberwurst und einen Apfel.“

„Für wieviel?“

„Für . . . für . . . ich habe kein Geld.“

„Dann verdien dir welches und komm dann wieder.“

„Ich schlag’ dafür einen Purzelbaum.“

„Das ist keine Arbeit.“

„Ich ... ich ... ich schneid’ komische Gesichter.“ „Das ist erst recht keine.“

„Ach Gott! Ach Gott! Huhuhuhu!“ Und das Kasperle weinte.

Da beugte sich eine junge Frau, die zwei Handkörbe neben sich stehen hatte, zu ihm nieder und sprach: „Weißt du was, Kleiner? Trag mir den einen Handkorb nach Hause und du kriegst ein Stück Brot.“

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„Ist er schwer?“ frag Zäpfel und musterte den Korb.

„Leicht ist er nicht, aber du kriegst auch Honig aufs Brot.“

Zäpfel hob den Korb etwas, stöhnte „uff“ und setzte ihn wieder hin.

„Ein Stückchen Streuselkuchen ist auch noch da.“

Zäpfel seufzte. Zäpfel überlegte. Zäpfel seufzte wieder. Zäpfel dachte an Honigsemmeln. Zäpfel seufzte nochmals. Zäpfel dachte an Streuselkuchen. Zäpfel war überwunden.

Zäpfel nahm den Korb und trug ihn, als wäre er mit Blei und Eisen gefüllt, ächzend neben der jungen Frau her, die mit einem liebenswürdigen Lächeln auf ihn herabsah.

Achtundzwanzigstes Kapitel

Zäpfel Kern bekommt nicht nur

Streuselkuchen, sondern auch eine Mama

Der Weg bis zur Wohnung der jungen Frau, d. h. also: der Weg bis zu den Honigsemmeln und dem Streuselkuchen, war recht hübsch weit, und wie sie endlich am Hause angekommen waren, mußten sie auch noch vier Treppen steigen.

Zäpfel meinte bei jeder Treppe: „Ist das die letzte?“ und war todunglücklich, daß er erst dort aufhören durfte zu steigen, wo überhaupt keine mehr war.

„Zu dumm, daß die Leute die Häuser so hoch bau-

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en, ich zieh’ einmal in den ersten Stock, wenn ich groß bin, das ist gewiß!“

„Aber dort hast du keine so schöne Aussicht wie hier“, entgegnete die junge Frau. Und sie ließ ihn auf einen kleinen Balkon treten, der wirklich einen herrlichen Überblick über die Stadt und weit übers Land hin bis zum Meer gewährte. „Ist das nicht wunderschön?“

„Ja“, antwortete Zäpfel. „Aber eine Honigsemmel ist noch wunderschöner, und Streuselkuchen ist am wunderschönsten“, und er wollte durchaus in die Küche.

Aber die junge Frau sagte: „Ei, wie werde ich einen so höflichen Herrn, der mir meinen Korb getragen hat, in der Küche speisen lassen, das wäre ja gegen alle gute Lebensart. Nein, mein junger Freund, du wirst hier auf dem Balkon tafeln! Meine kleine Dienerin Täubele wird gleich decken!“

„Erst decken?“ maulte Zäpfel.

„Das versteht sich! Wir sind doch gesittete Leute! Nicht?“

Zäpfel, um die Wahrheit zu sagen, legte augenblicklich wenig Wert darauf, zu den gesitteten Leuten gezählt zu werden, aber darauf wurde durchaus keine Rücksicht genommen. Fräulein Täubele, ein kleines, zierliches Persönchen, das nur einen merkwürdig unbeholfenen Gang und ein ganz, ganz kleines Kröpfchen am Hals hatte, brachte ein rotlackiertes Tischchen herein, deckte eine weiße Serviette darüber, stellte einen gleichfalls rotlackierten Stuhl daran, lud Zäpfel ein, sich darin niederzulassen, und erst, als alles dies geschehen war, brachte die junge Frau selber ein zierliches Brotkörbchen

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voll knusperiger Semmeln, eine Büchse Honig und einen Kuchenteller herbei, auf dem sich ein wahres Gebirge von Streuselkuchen erhob.

Zäpfel wollte sogleich mit allen zehn Fingern über das Streuselkuchengebirge herfallen, aber er mußte sich erst noch eine Serviette umbinden lassen und wurde dann zwar höflich, aber bestimmt eingeladen, gemäß der Ausmachung mit den Honigsemmeln zu beginnen. Einen nicht geringen Trost gewährte ihm dafür, daß während dieser ihm sehr unnötig erscheinenden Vorbereitungen Fräulein Täu-bele eine gewaltige Kanne voll dampfender Schokolade und eine höchst angenehm wirkende Schüssel Schlagsahne zu dem übrigen stellte.

Nun war das Kasperle aber durchaus nicht mehr zu halten. Von den Semmeln, die er dick mit Honig lackierte, nahm er nur zwei; dafür ließ er das Streuselkuchengebirge bis auf den letzten Rest in seinen Magen verschwinden und sorgte angelegentlich dafür, daß es auf diesem in seinen Magen verpflanzten Gebirge nicht an Feuchtigkeit fehlte. Er trank fünf Tassen Schokolade. Die Schlagsahne aber nahm er zuletzt, damit das Gebirge im Magen auch schön mit Schnee und Gletschern versehen sei.

Während dieser wichtigen Handlung verlor er kein Wort und hatte auch durchaus keinen Sinn für seine nähere und weitere Umgebung. Aber als er Teller, Tassen, Schüssel, Kannen geleert hatte, lehnte er sich in seinen Stuhl zurück und sah seine Wohltäterin mit dankbaren Kasperleaugen an, indem er sprach: „Wenn Sie wieder einmal einen Korb zu tragen haben: hier ist ein Packträger.“

Die junge Frau sah ihm seltsam tief in die Au-

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gen und lächelte dazu so unbeschreiblich lieb und sanft, daß es dem Kasperle, das ja keine Mutter hatte zum ersten Mal in seinem Leben zumute war, als müsse er recht aus Herzensgründe sagen: „Mama! Mama!“

Und er tat’s. Er rief: „Mama!“ und setzte sich der jungen Frau auf den Schoß und — gab ihr einen Kuß? — umarmte sie? — nein —: er hob seine Kasperlenase hoch und schnüffelte wie ein Jagdhund, der Fährte gefunden hat, und — fuhr plötzlich mit der Hand in den Halsausschnitt der jungen Frau und zog . .. was zog er hervor? —: das kleine Döschen mit den Ananaskügelchen, das die Form eines Frauenkopfes mit einer schwarzen Maske hatte!

Und nun küßte und umarmte er die junge Frau erst recht und schrie: „Natürlich bist du es! Mein Schwesterchen! Die schöne Frau Dschemma! Oh ich Esel, daß ich es nicht gleich gemerkt habe! Es kann ja auch gar niemand so lieb und gut sein wie du!“ Und er wollte seine alte Freundin schier auf-

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fressen vor Liebe. Die aber ließ sich seine Liebkosungen herzlich gern gefallen, bis er einfach nicht mehr konnte und wie ein Telegraphenapparat taü-tak-tak-tak ungeheuer schnell hintereinander fragte: „Ja, aber das Schloß? .. . Ich denke, du bist in der Erde? . . . Und wo ist Löcklich? . . . Und General Bumbautz? .. . Und die Tauben? . .. Und die Dackelsoldaten? ... Und die Kutschierkatzen? ... Und die Ananaskügelchen? . .

Er bekam eines in den Mund gesteckt, und dann antwortete Frau Dschemma: „Es ist alles wieder in schönster Ordnung, mein liebes Zäpfele: Das Schloß steht wieder, wie früher, weiß und leuchtend im Wald, bewacht von General Bumbautz mit seiner Dackelarmee, umschwirrt von den Tauben und fleißig inspiziert von Löcklich und seinen beiden Söhnen. Ich ließ es nur verschwinden, um dir einen gehörigen Schrecken einzujagen für dein Weglaufen. Auch wollte ich erst sehen, wie du dich bei der Nachricht von dem Unternehmen deines Papas betragen würdest. Nun: da hast du dich recht wacker als ein guter Sohn und tapferer Junge benommen, und deshalb bin ich dir hierher gefolgt, nur begleitet von meinem Lieblingstäubchen, das ich zu einem Fräulein Täubele gemacht habe. Nur das Kröpfchen und den wackelnden Taubengang habe ich ihr nicht wegzaubern können.“

„Gurr! Gurr!“ bemerkte hierzu Fräulein Täubele, „das hätte mir auch sehr leid getan, denn es gibt nichts Niedlicheres als einen kleinen Kropf und nichts Graziöseres als meinen Gang.“

Frau Dschemma aber fuhr fort: „Natürlich kann ich hier, wo alles fleißig ist, nicht als Fee leben. Das

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würde bei den braven Einwohnern der Insel Goldboden Ärgernis erregen. Deshalb lebe ich hier als Gold- und Silberstickerin und arbeite allerhand schöne Sachen zum Verkauf. Wenn du, wie ich hoffe, hier recht fleißig und folgsam sein wirst, sticke ich dir eine goldene Kasperlemütze und eine silberne Schultasche.“

„Schultasche?“ wiederholte argwöhnisch Zäpfel Kern.

„Du gehst doch natürlich gleich morgen in die Schule!“ sagte Frau Dschemma, als wäre das etwas ganz Selbstverständliches.

Zäpfel Kern aber hatte allerlei Bedenken.

„Ich bin doch jetzt eigentlich zu alt dazu“, meinte er, „zu erfahren, zu weit gereist.“

„Aber kannst trotzdem noch nicht einmal lesen und schreiben!“ entgegnete Frau Dschemma. „Erinnere dich an das, was du vor dem Wegweiser dachtest! — Und überdies: Bin ich jetzt nicht dein Mütterchen? Hast du nicht Mama zu mir gesagt? Und muß ein gutes Kind nicht seiner Mama folgen?“

Da warf Zäpfel Kern alle seine dummen Einwendungen in den Wind, flog seinem Mütterchen an den Hals und rief: „Ja, Mama, ja, mein gutes, schönes, liebes Mamachen! Morgen geh’ ich in die Schuld“

Neunundzwanzigstes Kapitel Das Kasperle in der Schule

Frau Dschemma und Fräulein Täubele hatten die halbe Nacht zu tun, Zäpfel Kerns Kleider in Ord-

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nung zu bringen, die vom Seewasser natürlich schrecklich zugerichtet worden waren.

Bei dieser Beschäftigung machten sie merkwürdige Entdeckungen. So fand Frau Dschemma in der linken Hosentasche ein Seepferdchen, und Fräulein Täubele förderte aus den Schuhen eine ganze Muschelbank zutage. Die Löschpapierhosen mußten als fürderhin unbrauchbar durch neue ersetzt werden. Sie hatten so viel Seewasser aufgesaugt, daß sie, nachdem das Wasser weggetrocknet war, Salzsteinröhren glichen, in denen es unmöglich war, ein Glied zu rühren. Die neuen Hosen waren aus wirklichem Samt, aber genau von derselben Farbe wie die papiernen. — Auch die Krause war durch das Wasser vollständig zerstört. Es war keine Krause mehr, sondern eine Papierwurst. Frau Dschemma ersetzte sie durch eine seidene, der man es wahrhaftig ansah, daß sie von Feenhänden gemacht worden war. Fast war sie zu fein für einen Jungen. — Die Jacke aus blauem gelbgesternten Packpapier mit Marderfellfutter und -säumen hatte alle Sturzwellen ohne wesentliche Einbuße an Schönheit überstanden, desgleichen der Zuckertütenhut. Nur waren beide etwas eingegangen. Am besten aber hatten sich die anlackierten weißen Strümpfe bewährt. An denen war überhaupt nichts zu bemerken, so viel Abenteuer sie auch schon milgemacht hatten. Dagegen erschien es ratsam, die Schuhe aus Baumrinde durch solche aus schwarzlackiertem Kork (der ja auch eine Art Baumrinde ist) zu ersetzen, weil sie zu viel Lärm machten, was in der Schule störend gewesen wäre. Gemäß ihrem Versprechen stickte die Fee ihrem Schützling einen Überzug über den Zuckcrlülenhut aus lauter

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kleinen Goldblättchen. Den Marderschwanz ließ sie natürlich dran.

Man kann sich wohl vorstellen, welches Aufsehen Zäpfel Kern in diesem Anzug mit seinem Kasperlegesicht in der Schule machte.

Die Jungen waren rein närrisch, als sie ihn erblickten.

„Hurrah! Ein Kasperle!“ riefen sie und tanzten um ihn herum. „Jetzt wird’s lustig.“ Zäpfel Kern aber erklärte bestimmt, er sei keineswegs in die Schule gekommen, um hier Unsinn und Späße zu treiben, und er ersuche seine Kameraden ebenso entschieden wie höflich, ihn ernst zu nehmen.

Diese Anrede stimmte die Schlingel nur noch heiterer, und der Anführer der Tunichtgute sprang auf das Katheder und hielt folgende Ansprache: „Meine geehrten Herrn Kollegen! Habt ihr’s gehört? Habt ihr diesen ausgezeichneten Witz gehört? Das Kasperle will kein Kasperle sein, sondern ein Musterknabe! Vielleicht will es gar hier Anstand und Folgsamkeit und Fleiß einführen. Sollen wir uns das gefallen lassen?“

„Nein!“ riefen die bösen Buben.

„Also gut!“ fuhr der Oberschlingel fort, „so wollen wir’s ihm sogleich zeigen, wie es einem Kasperle ergeht, das sich herausnimmt, stramme Jungens, wie wir sind, in ihren Angewohnheiten zu stören! Ich zähle bis drei, und bei drei gebe ihm jeder einen Willkommensgruß als Denkzettel.“

Und so geschah’s.

Es ist aber ganz unmöglich, alles aufzuzahlen, was diese Frechdachse mit unserm Zäpfel Kern jetzt

12 Zäpfel Kern    -j    nn

anstellten, der sich wahrhaftig von Schuljungen eine andere Vorstellung gemacht hatte.

Der eine goß ihm Tinte auf den Hut.

Ein anderer schüttete Streusand auf seine Krause. Ein dritter putzte ihm mit einem nassen Schwamm die Nase.

Ein vierter stach ihn mit dem Federhalter am Hals.

Ein fünfter versuchte, seine Packpapierjacke zu zerreißen (aber sie war Gott sei Dank zu fest).

Ein sechster wollte ihm die Beine mit Bindfaden zusammenbinden.

Mit wahrer Lammsgeduld ließ sich Zäpfel Kern alles gefallen. Als aber ein siebenter die Unverschämtheit so weit trieb, ihm mit dem Lineal ins Gesicht zu fahren, da verabreichte ihm das Kasperle eine derartig gesalzene Ohrfeige, daß sich der Linealheld dreimal um sich selber drehte und schrie: „Au! der kann’s noch besser als der Herr Lehrer 1“

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Auf die übrigen machte die Kasperlebackpfeife gleichfalls starken Eindruck. Alle bis auf den Oberschlingel traten respektvoll einen Schritt zurück.Der Oberschlingel aber schrie: „Ihr Memmen! Paßt auf, wie ich ihn jetzt zusammenboxe!“ — Und er ging in Boxerstellung auf das Kasperle los, mit der festen Absicht, ihm seinen berühmten Faustschlag unter die Nase beizubringen. Aber, o weh! Noch ehe er zugeschlagen hatte, erhielt er von Zäpfel Kern einen solchen Wirbel von Faustschlägen auf alle Teile seines Körpers, daß er glauben konnte, kein Lausbub, sondern eine Regimentspauke zu sein.

Er flehte um Gnade und reichte seinem Überwinder mit den Worten die Hand: „Du bist ein Hauptdachs! Mit dir box’ ich nicht wieder! Sei mein Freundl Ich hab’ dich furchtbar lieb!“

Diese Worte rührten das Kasperle, und es sprach: „Ich habe euch alle furchtbar lieb und wünsche nichts sehnlicher als eure Freundschaft. Denn ich bin bloß ein Kasperle, und ihr seid richtige Jungens. Aber ich will auch ein richtiger Junge werden, deshalb hat mich meine gute Mama in die Schule geschickt. Und da dürft ihr mich nun nicht stören. Sonst haue ich euch alle mit meinen Tannenholzfäusten so zusammen, daß ihr glauben sollt, es regnet Backpfeifen, es hagelt Faustschläge und es schloßt Rippenstöße. Auch mache ich darauf aufmerksam, daß ich für schlimmste Fälle Fußtritte auf Lager habe, die sehr dauerhafte blaue Flecken hinterlassen. Was ihr heute kennengelernt habt, war noch gar nichts. — Im übrigen wird es mein Bestreben sein, euch nicht durch Hiebe, sondern durch Fleiß zu überwinden.“ Diese schöne Rede setzte unsern alten Freund bei

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seinen neuen Freunden noch mehr in Respeht als die Beweise seiner Fertigkeit im Ohrfeigen und Boxen, und es ließ sich keiner wieder die Lust anwandeln, ihm einen Schabernack zu spielen.

Was aber die Hauptsache war: Der „Holzkopf“ (wie sie ihn nämlich nannten), dem sie eigentlich gar keinen Verstand zugetraut hatten, bewies, daß er davon mehr besaß als sie, und das zeigte sich schon darin, daß er fleißiger war als sie alle zusammengenommen. Er war ihnen ja auch an Erfahrung weit voraus, und dann hatte er zu Hause eine gute Fee, wie wir wissen, die ihn leitete.

So war denn sein Lehrer recht zufrieden mit ihm, obgleich manchmal die Kasperlenatur zum Vorschein kam und komische Zwischenfälle herbeiführte.

Zum Beispiel wurde Zäpfel Kern einmal gefragt: „Wieviel ist drei mal drei?“ Und was antwortete er? — „Nix!“

„Wieso denn nix?“ fragte der Lehrer.

Und Zäpfel Kern antwortete: „Drei mal drei ist neun, neun ist nein, und nein ist nix.“

Da mußten alle lachen, und der freundliche Lehrer lachte mit, obwohl er sich für künftig solche Kasperlewitze verbat.

Ein andermal, in der Naturlehre, fragte der Lehrer unsern Zäpfel Kern: „Zu welcher Klasse von Tieren gehört der Fuchs?“ und er erwartete natürlich die Antwort: zur Klasse der Säugetiere. Unser Kasperle aber antwortete: „Der Fuchs gehört zur Klasse der Räuber, Schufte, Diebe und Schurken.“

„Was sagst du da für dummes Zeug“, rief der Lehrer.

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Aber Zäpfel Kern erwiderte: „Das ist gar kein dummes Zeug, ich kann es beweisen.“

„Da bin ich doch neugierig“, war die Antwort des Lehrers, und Zäpfel Kern begann: „Es war einmal ein Fuchs, der hieß Alopex Opex Pix Pax Pox Pux

Fuchs Freiherr von Gänseklein auf Hühnersteig“, und erzählte die uns längst bekannte Geschichte, die aber natürlich seinen Kameraden neu war und daher viel Interesse fand.

Trotz dieser und ähnlicher Kasperliaden war aber, wie schon gesagt wurde, der Lehrer recht zufrieden mit Zäpfel Kern, ja, er stellte ihn den anderen oft zum Muster hin, und keiner der zwanzig Schüler konnte so viel Fleißzettel und gute Zensuren mit nach Hause bringen wie Zäpfel Kern.

Die Folge davon war, daß die besseren Schüler in unserm Kasperle wirklich ein gutes Beispiel erblickten, ihm nacheiferten und gleichfalls Fortschritte machten, die schlechten aber immer mehr zurückblieben und deshalb ärgerlich und zugleich neidisch auf Zäpfel Kern wurden.

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Und sie beschlossen daher, ihn auf ihre Seite zu gewinnen, damit er endlich aufhörte, das unbequeme gute Beispiel zu sein.

Es war eine richtige Verschwörung.

Dreißigstes Kapitel

Die Verschwörung und ihr schlimmes Ende

Die sieben bösen Buben der Klasse (denn es waren gerade jene sieben, die ihm bei seinem Eintritt so mitgespielt hatten), wußten aus Äußerungen Zäp-fel Kerns, daß er sich sehr für Walfische interessierte. Und darauf gründeten sie ihren Plan. Sie wählten sich einen recht schönen, klaren, sonnigen Tag aus, der aber noch nicht zu warm war, weil ein leises Windchen vom Meer kam, und lauerten alle sieben dem Kasperle an einer Straßenecke auf, an der es auf dem Weg zur Schule bestimmt vorüber mußte. Und richtig, zur pünktlichen Zeit kam Zäpfel Kern stolz herbeimarschiert, in seinem Kopf die Aufgaben wiederholend, über die der Lehrer an diesem Tag seine Fragen stellen würde.

Fast hätte er seine Kameraden übersehen, aber die machten sich mit einem lauten „Hurra“ bemerkbar.

„Das ist nett, daß ich euch treffe“, sagte das Kasperle. „So können wir zusammen in die Schule gehen.“

„Wir gehen heute nicht in die Schule“, erwiderte Hans, der Hauptverschwörer.

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Zäpfele machte seine großen Kasperleaugen und rief erstaunt: „Na, das wird euch gut bekommenl Schwänzen, wo heute Prüfung im Rechnen ist.“ „Ach was!“ entgegnete Hermann, der auch ein übles Früchtchen war. „Die Prüfung schenkt uns der Lehrer doch nicht. Prüft er nicht heute, so prüft er morgen.“

„Heute bloß mit dem Mund“, erwiderte Zäpfel Kern, „morgen auch mit dem Rohrstock.“ Worauf ein dritter Verschwörer, namens Eduard, mit einem großartigen Zurückwerfen des Kopfes bemerkte: „Nur eine feige Memme fürchtet sich vor diesem dünnen Stäbchen.“

„Und doch“, entgegnete Zäpfel, „habe ich einen gewissen dicken Eduard schon furchtbar brüllen hören, als sich das gewisse dünne Stäbchen mit ihm beschäftigte.“

„Ich habe bloß immer so getan“, log der dicke Eduard, „damit der Lehrer doch auch etwas von seiner Anstrengung hätte.“

Die sieben Verschwörer fanden diese Bemerkung höchst witzig und schrien vor Lachen.

Als sie sich etwas beruhigt hatten, sagte Hans: „Übrigens wird der Rohrstock gar nicht in Tätigkeit treten, denn wir schwänzen nicht aus Faulheit, sondern aus Wißbegierde.“

„Jawohl“, riefen die ändern im Chor, „es ist gar kein eigentliches Schwänzen.“

Und ein ebenso kleines, wie verschmitztes Kerlchen, das auf den Namen Max hörte, fuchtelte mit den Händen in der Luft herum und grölte: „Überhaupt fragt es sich noch sehr, ob wir nicht eine Belobigung dafür kriegenl“

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Zäpfel Kern, der immer noch allzusehr geneigt war, alles zu glauben, fragte ernsthaft: „Ja, aber, wieso denn? Schwänzen ist doch unbedingt verboten!?“

„Ja“, entgegnete der abgefeimte kleine Bursche, „wenn man aus Faulheit schwänzt! Aber nicht, wenn man aus Lernbegierde hinter die Schule geht.“

„Wie w i r heute“, rief der Chor der Verschwörer.

„Aber was wollt ihr denn lernen?“ fragte das törichte Kasperle.

„Wir wollen“, antwortete Hans, „einen Anschauungsunterricht genießen, aber nicht bloß vor einer Bildertafel, sondern vor der Natur.“

„Jawohl! Anschauungsunterricht vor der Natur!“ riefen die sieben kleinen Lügenbälge.

„Und was wollt ihr denn anschauen?“ fragte Zäpfel Kern.

„Einen Walfisch!“ riefen die sieben wie aus einem Mund und sahen das Kasperle erwartungsvoll mit blitzenden Augen an.

Das Wort hatte in Zäpfels Holzkopf eingeschlagen wie ein Blitz. Zäpfel sah in seiner Phantasie einen Fisch von der Größe einer kleinen Stadt, mit einem Maul so groß wie ein Bahnhof und — er dachte an seinen Papa, der vielleicht gerade in diesem Ungetüm eingesperrt war.

„Einen Walfisch?“ . . . wiederholte er leise.

„Ja, den größten, den es überhaupt gibt“, schrie der kleine Max, „mein Vater hat mir sein Bild in der Zeitung gezeigt.“

„Ist er wirklich so groß wie eine kleine Stadt?“ fragte Zäpfel.

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„Noch größerI Er ist so groß wie eine mittlere Residenzstadt!“ beteuerte Max.

„Und sein Maul ist wirklich wie ein Bahnhof?“

„Wie ein Rangierbahnhof!“ schrie Max.

„Hat vielleicht auch in der Zeitung gestanden, daß er Menschen verschlungen hat?“

„Ganze Schilfe voll Menschen hat er verschlungen“, brüllte wiederum der nichtswürdige kleine Bengel, dem es ein Mordsvergnügen machte, das Kasperle aufzuregen. — Und Zäpfel Kern war wirklich sehr aufgeregt. Nach einer kurzen Überlegung erklärte er: „Aus Gründen, die euch nichts angehen, muß ich den Wallisch unbedingt sehen. Aber erst nach der Schule.“

Diese Erklärung kam den sieben recht in die Quere, aber der verschmitzte kleine Max wußte gleich die rechte Antwort darauf : „Ja, wenn der Walfisch so freundlich wäre zu warten, bis unsere Schule aus ist! In der Zeitung steht aber, daß er sich an unserer Küste bloß zwei Stunden aufhält.“

„Woher weiß denn die Zeitung das?“ fragte das Kasperle.

„Die Zeitung weiß alles!“ antwortete kurz der kleine Max.

„Es ist die höchste Zeit“, riefen die ändern.

„Wie lange brauchen wir denn hin zur Küste?“ fragte Zäpfel.

„Hin und zurück eine Stunde“, antwortete Hans.

„Dann lauf’ ich noch schnell und frag’ meine Mama“, erklärte das Kasperle.

„Seine Mama! Seine Mama! Hahaha! Seine Mama! So ein Muttersöhnchen! Hahaha!“ lachten und

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höhnten die sieben, — und Hohn konnte Zäpfel Kern gar nicht vertragen.

„Hört auf zu wiehern, oder ihr kriegt’s mit meinen Händen zu tun! Wir wollen doch sehen, wer von uns am wenigsten verzärtelt, am wenigsten Muttersöhnchen ist! Versucht doch, mich einzuholen, ihr Prahlhänse!“

Und Zäpfel Kern lief mit wahren Känguruhsprüngen los, die Straße zur Küste entlang, dann aufs freie Feld und schließlich über die weiten Sandflächen hin, die dem Meere vorgelagert waren. Sein Marderschwanz wehte wie eine Fahne den übrigen voran, die aber, so sehr sie sich bemühten ihm auf den Fersen zu bleiben, ihn bald aus dem Gesicht verloren.

Zäpfel Kern war schon eine Viertelstunde lang am Meere umherspaziert, vergeblich nach dem Walfisch ausspähend, als endlich die übrigen atemlos herangekeucht kamen.

„Nun, ihr Schwächlinge“, rief er ihnen entgegen, breitbeinig mit eingestemmten Armen dastehend, „wer ist jetzt das Muttersöhnchen?“

„Das Muttersöhnchen nehmen wir zurück“, rief unter Zustimmung der übrigen Hans, der Oberverschwörer, „aber dafür haben wir die Ehre, dich jetzt für unsern Klassengimpel zu erklären.“

„Für was?“ schrie Zäpfel Kern.

„Für unseren Klassengimpell“ heulten die anderen triumphierend.

„Denn du bist uns auf den Leim gegangenl Bähl“ grölte der kleine Max.

„Bäh!“ schrien alle übrigen und streckten die Zungen heraus.

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„Was ... für ... ein ... Leim?“ sagte mit drohender Stimme Zäpfel Kern.

„Der Walfisch war ein Leim!“ schrien die sieben Nichtsnutze.

„Es ... es ... ist also gar kein Walfisch da!?“ rief das Kasperle aus.

„Er ist bloß für einen Augenblick in die Weinstube zum fidelen Hering gegangen“, höhnte der kleine Max.

„Nein“, schrie Hans, und wollte sich biegen vor Lachen, „er hat eine entfernte Base getroffen und tanzt mit ihr auf einer Sandbank Polka.“

Und die infamen Schlingel faßten sich an den Händen und tanzten selber Polka um das ganz verblüffte Kasperle herum.

Als Zäpfel endlich etwas zu sich kam, fand er nur das eine Wort: „Lügner!“

„Gimpel! Gimpel! Trallala!“ sangen die sieben.

„Schweigt! Oder . . .!“ drohte Zäpfel Kern.

„Was oder?!“ rief Hans, „willst du uns vielleicht drohen?“

„Ja, sieben lahme Heuschrecken seid ihr!“

„Was sagt er?“ schrien die Verschwörer.

„Sieben Jammerhühnerl“

„Was?l“

„Sieben erbärmliche Flöhe in meinen Augen!“

„Was?l Heuschrecken? . . . Jammerhühner? . . . Flöhe . . . Willst du das sofort zurücknehmen?“ kreischte es durcheinander.

„Ich etwas zurücknehmen vor solchen Memmen, wie ihr seid?“ höhnte Zäpfel Kern. „Lächerlich! Kommt doch her, wenn ihr Mut habt, ihr Feiglinge!“

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Und er stellte sich mit vorgehaltenen Fäusten höchst kriegerisch hin.

Die sieben aber stellten sich ihrerseits in Schlachtordnung auf und stürmten dann unter wildem Hurra auf Zäpfel Kern los, ihren Anführer Hans an der Spitze.

Infolgedessen war es auch Hans, der zuerst einen Faustschlag vor die Brust erhielt und sich heulend im Sand wälzte. Aber den übrigen war auch nichts geschenkt. In weniger als einer Minute hatte jeder der Nichtsnutze den Lohn für seine Untat ohne Abzug ausbezahlt erhalten, sei es in Form einer Ohrfeige, eines Faustschlages oder eines Fußtrittes, wie’s gerade kam, und Zäpfel Kern hatte das große Vergnügen, das Heer seiner Feinde im Sand herumzappeln zu sehen wie Fische, die aufs Land geraten sind.

Aber trotz ihrer Beulen und blauen Flecke gaben die sieben den Kampf noch nicht auf. Zwar, das sahen sie ein, im Nahkampf waren sie dem Kasperle nicht gewachsen, aber im Krieg werden ja die Entscheidungen durch Fernkämpfe herbeigeführt, durch Wurfgeschosse. Wozu hatten sie ihre Bücher bei sich?

Und sie griffen in ihre Büchertaschen und begannen ein Bombardement auf Zäpfel Kern mit ihren Schulbüchern. Lesebücher, Rechenbücher, biblische Geschichten, Geschichtstabellen, Zeichenmappen sausten durch die Luft, aber Zäpfel Kern war ebenso gewandt, wie er stark war, und wußte sich so geschickt zu wenden, zu drehen, zu bücken, daß sämtliche Bücher an ihm vorbei und über ihn wegflogen ins Meer.

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Zahllose Fische kamen sofort mit offenen Mäu-lern herbei, hoffend, einen fetten Brocken zu erwischen, aber sie fanden, dumm und den Wissenschaften abhold, wie Fische nun einmal sind, diese gelehrten Bücher ungenießbar und spuckten sie wieder aus.

Auch ein riesiger Hummer war, durch den Spektakel aus seiner Ruhe gestört, herbeigelockt worden. Er stützte sich mit seinen meterlangen Scheren auf eine Klippe und glaubte zur Vernunft raten zu sol-

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len, indem er Laute von sich gab, die da klangen, als würden dicke Bretter zersägt.

Die sieben verstanden natürlich nicht, was das bedeuten sollte, aber Zäpfel Kern vernahm sehr wohl diesen Sinn der Sägetöne: „Welch ein Unfugl Welch eine Schändlichkeit! Muß euch ein alter Hummer lehren, daß Kinder sich nicht balgen sollen! Wißt ihr nicht, welch schlimme Folgen bisweilen daraus entstehen? Oh, ihr Nichtsnutze! Sind dazu die Bücher da, die eure Eltern so viel Geld gekostet haben? Wahrlich ich sage euch: meine Hummerkinder sind vernünftiger als ihr.“

Statt aber dem ehrwürdigen Schaltiere recht zu geben, rief ihm Zäpfel Kern höhnisch zu: „Lassen Sie sich lieber Umschläge um den Hals machen, statt uns Ihre Meinung zu sagen, um die wir Sie nicht gefragt haben. Sie sind ohnehin heiser. Trinken Sie eine Kanne Kamillentee! Legen Sie sich zu Bett und versuchen Sie zu schwitzen!“

Die Strafe für diese Frechheit folgte ihr auf dem Fuße. Während Zäpfel Kern sich mit diesen Worten an den ehrwürdigen Hummergreis wandte, schlichen die sieben herbei, erwischten seine Schultasche und entnahmen ihr neue Munition.

Darunter war ein sehr schweres Geschoß: An-dree’s großer Schulatlas.

Ehe es Zäpfel Kern verhindern konnte, nahm Hans das gewichtige Buch und schleuderte es gegen ihn. Zu seinem Glück bückte sich das Kasperle auch diesmal rechtzeitig, aber dafür traf der Atlas mit voller Wucht den kleinen Max so heftig an den Kopf, daß der Junge, bleich wie ein Käse werdend, um-

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fiel und mit den Worten: „Mama! ich sterbe!“ die Glieder von sich streckte.

Bei diesem Anblicke rannten die sechs anderen, von Schrecken und Entsetzen gejagt, davon, und Zäpfel Kern sah sich mit dem starr und steif daliegenden Max allein.

Einunddreißigstes Kapitel Gepackt, gehetzt, entwischt

Eigentlich hätte sich das Kasperle mit besserem Recht entfernen können als die sechse, die schließlich angefangen hatten und die Schuld an dem ganzen Unglück trugen, aber es zeigte sich auch hier wieder, daß er in seinem Brustkasten aus Tannenholz ein ehrliches, gutes und tapferes Herz hatte.

Er lief ans Meer, befeuchtete sein Taschentuch und legte es dem kleinen Max auf Stirn und Schläfen, indem er mit klagendem Tone sprach: „Max! Max! Mach doch die Augen auf! Ich bin’s ja nicht gewesen! Gewiß nichtl Und es tut mir so furchtbar leid!..

Aber Max rührte und regte sich nicht. Zäpfel erhob seine Stimme und fuhr fort:

„Sieh mal, Max, wenn ich gewußt hätte, daß das draus würde, hätte ich mich ruhig von euch ausspotten lassen. Aber wer konnte auch das denken und voraussehen! ... Ach wie schrecklich sind wir gestraft für unsere Schwänzerei und Balgereil ... Ach hätte ich doch meine gute Mama gefragt, die mir immer gesagt hat: Wenn dich die bösen Buben lok-ken, so folge ihnen nicht. Damit will ich aber nichts

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gegen dich gesagt haben, armer, kleiner Max! Du bist ja am schlimmsten bestraft . . . Mach doch die Augen endlich auf . . . Sag doch ein Sterbenswörtchen! .. . Mir wird schrecklich angst, wenn du dich gar nicht rührst.“

In diesem Augenblick hörte er zu seiner Freude Schritte hinter sich, — zu seiner Freude, denn er hoffte, es seien die anderen, die sich nun doch auf ihre Pflicht besonnen hätten.

Wie erschrak er aber, als er sah, daß es zwei Strandpolizisten mit ihrem Fanghund waren, die in eiligem Lauf herbeikamen.

„Was machst du da!“ schrie der eine.

„Was ist hier geschehen!“ rief der andere, und beide zogen ihr Notizbuch aus dem Waffenrock.

„Ich ... ich“ ... antwortete Zäpfel Kern ... „ich bin’s nicht gewesen.“

„Natürlich!“ rief der eine.

„Das sagen alle Verbrecher!“ schrie der andere. „Aber ganz gewiß bin ich’s nicht gewesen“, erklärte Zäpfel Kern. „Wir haben uns ein bißchen gebalgt und da .. .“

„Und da . . . und was da . . .?“ rief der eine.

„Ich will es dir sagen“, schrie der andere: „und da hast du deinem Kameraden einen Stein an den Kopf geworfen.“

„Nein: Andree’s Schulatlas!“ erklärte Zäpfel. „Noch schlimmer!“

„Und nicht ich hab ihn geworfen!“

„So! Also hat er ihn sich selber an den Kopf geworfen?“

„Nein, der Hans war’s.“

„Ah, der Hans! Wo ist denn dieser Hans?“

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„Fortgelaufen ist er.“

„Ach, was du nicht alles zu erzählen weißt. Weißt du noch mehr solcher Märchen?“

„Es ist die WahrheitI“

„Nun, das werden wir auf der Polizeiwache sehenl Marsch! Aufgestanden! Du kommst mit unsl“

„Aber der kleine Max! Ich kann doch den kleinen Max nicht so daliegen lassen!“

„Das laß unsere Sorge sein! Hättest du ihm nicht das dicke Buch an den Kopf geworfen, so läge er nicht halbtot hier.“

„Aber ich bin’s ja doch nicht gewesen! Ich bin ja doch unschuldig!“

„Genug! Das wird sich herausstellen! Und nun nochmals: Marsch auf die Polizeiwache! Den Verwundeten bringen wir einstweilen in einer Fischerhütte unter.“

Sie pfiffen einen Fischer herbei, übergaben ihm den kleinen Max, nahmen Zäpfel Kern in die Mitte und zogen mit großen Schritten der Stadt zu.

Zäpfel Kern war mehr tot als lebendig, und je näher er der Stadt kam, um so entsetzlicher kam ihm seine Lage vor. Er und auf die Polizeiwache geschleppt! Womöglich des Mordes angeklagt! Er sab sich schon zum zweiten Mal gehängt, aber es gab keine Fee mehr, die ihn rettete, denn seine gute Mama würde gewiß vor Trauer und Schmerz über den ungeratenen Sohn sterben.

Er war so voller Trübsinn und Grausen, daß er nicht einmal weinen konnte, und ließ seinen Kopf so tief sinken, daß sein schöner goldener Hut mit dem Marderschwanz auf das Straßenpflaster fiel.

13 Zäpfel Kern    ^93

Da kam ein Windstoß nnd trieb den Hut huij! vor sich hin und huhuij! in eine Nebengasse.

Bei diesem Anblick vergaß das Kasperle alles und sprang mit seinen berühmten Gewaltsätzen hinter dem davonrollenden Hut her.

„Haltet den Mörder!“ riefen die Strandpolizisten, die das für eine List hielten.

Aber die Leute auf der Straße der Stadt, wo der Fleiß regierte, hatten mehr zu tun, als Ausreißer zu fangen. Sie sagten einfach: „Jeder soll sein Geschäft besorgen. Zum Verbrecherfangen ist die Polizei da.“ Da blieb den Polizisten nichts anderes übrig, als ihren berühmten Fanghund Schnapps auf das Kasperle zu hetzen, und nun begann eine Jagd, von der heute noch auf der Insel Goldboden die unglaublichsten Geschichten erzählt werden.

Wahr ist, daß Zäpfel Kern, seinen Hut, nachdem er ihn erwischt hatte, im Mund tragend und mit den Armen so schlenkernd, daß man glauben konnte, eine Windmühle komme daher gerannt, drei Stunden lang vor dem furchtbar bellenden Schnapps herfloh, wobei er zweimal durch sämtliche Straßen der

Stadt kam. Die Gewandtheit im Laufen und Ausweichen, die er dabei bewies, machte die Flucht zu einem Schauspiel, das selbst die fleißigen Goldbodenleute verlockte, von ihrer Arbeit aufzusehen und die Kasperlejagd zu beobachten. Zäpfel Kern sprang über Droschken, ja über Trambahnwagen weg, eilte durch Markthallen, Passagen, Alleen, kletterte an Bahndämmen hinauf, sprang über den Stadtbach, kroch durch neu gelegte Wasserleitungsröhren durch — aber der entsetzliche Schnapps war ihm immer auf den Fersen.

Da, endlich, gelang es ihm, das Freie zu gewinnen, und nun rannte er in noch gewaltigeren Sätzen zum zweiten Mal an diesem Tag dem Meer zu und kurz entschlossen direkt ins Wasser.

Das war seine Rettung. Schnapps konnte zwar wundervoll laufen, aber nicht schwimmen, und das Gelungenste war, daß der berühmte Fanghund, der sich in seinem Amtseifer auch ins Wasser gestürzt hatte, plötzlich zu wimmern anfing und rief: „Hilfe! Zäpfel! Mein Herzenszäpfell Rette mich, oder ich muß ersaufen.“

Und wirklich: es war nur noch seine Nasenspitze zu sehen, während er jammerte.

„Siehst du wohl?!“ rief Zäpfel, der ganz vergnügt auf dem Wasser hin- und herschoß, „das kommt davon!“

„Hilfe!“ heulte Schnapps nochmals, „mir wird schon schwarz vor den Augen“, und auch die Nasenspitze sank unters Wasser.

Wie das Zäpfel sah, regte sich sein gutes Herz in ihm und er dachte sich: Das ist, so scheint es mir, einer von den Fällen, die mir meine gute Mama vor-

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gestellt hat, wenn sie sagte, man soll Böses mit Gutem vergelten.

Und er schwamm auf die Stelle zu, wo Schnapps verschwunden war, tauchte geschickt unter, ergriff den bereits unbeweglich am Meerboden liegenden

Fanghund am Schwanz, lud ihn auf den Rücken und schwamm mit ihm ans Land, wo er ihn behutsam niederlegte.

„Na, alter Junge, wie geht’s“, sagte er zu ihm, wie Schnapps die Augen aufschlug.

„Naß, Zäpfel, naß inwendig und auswendig. Statt dich zu kriegen, hab’ ich, glaub’ ich, die Wassersucht gekriegt. Aber soviel weiß ich, ein Kasperle jag’ ich nimmer.“

„Und danke schön sagst du gar nicht?“ meinte Zäpfel.

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„Ich bin noch zu schwach dazu“, antwortete Schnapps. „Du mußt mit einem stummen Zeichen meiner Erkenntlichkeit fürliebnehmen.“ Und er wackelte dankbar mit dem Schwanz.

Aber nach einer Weile fügte er hinzu: „Ich bin eine treue Hundeseele und vergesse keine Wohltat, Zäpfel. Vielleicht ist es mir einmal vergönnt, dir das zu beweisen.“

„Schon gut, alter Schnapps!“ antwortete Zäpfel Kern, „es ist mir ein Vergnügen gewesen, und damit Schluß!“

Dann gab ihm Schnapps noch eine zärtliche Pfote, und Fanghund und Verbrecher schieden als gute Freunde.

Zweiunddreißigstes Kapitel

Gefangen, geschuppt, in Mehl gewälzt und...

Um nur ja nicht wieder in die Hände der Polizei zu fallen, warf sich Zäpfel Kern neuerdings ins Meer und schwamm eine gute Strecke um die Insel herum, aber immer dem Land nahe genug, um an einem günstig erscheinenden Ort das Wasser mit festem Land zu vertauschen.

Diesen Ort glaubte er gefunden zu haben, als er eine Grotte erblickte, aus der ein rauchender Schornstein emporragte.

Wo Rauch ist, ist Feuer, dachte sich Zäpfel, und wo Feuer ist, ist’s warm, und wo’s warm ist, ist’s gut für einen, der durch und durch naß ist.

Also schwamm er munter auf die Grotte zu und

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befand sich bald zwischen zwei Klippen, die ihr wie Wände vorgelagert waren.

Schon wollte er sich an einer dieser Klippen in die Höhe schwingen, da hatte er das sonderbare Gefühl, gehoben zu werden, ohne zu sehen, von wem und wodurch. Erstaunt blickte er über sich und sah etwas Schreckliches: einen ganz grünen, dicken, runden Kopf, die Haut grün, die Augen grün, die Haare grün; und an diesem Kopf saß ein ebenso grüner Oberkörper mit zwei gleichfalls grünen Armen, und diese zwei Arme wippten eine Netzstange in die Höhe und mit der Stange ein Netz und mit dem Netz Zäp-fel Kern.

Das scheint mir doch nicht der richtige Ort zu sein, dachte sich Zäpfel Kern und wollte zum Netz hinaus, aber das wollten die mit ihm gefangenen

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Hunderte von Fischen auch, und sie konnten es ebensowenig wie er.

Ein Zappeln und Zucken und Zerren war um ihn herum, und ein Blinken und Blitzen und Blenden von Flossen und Schwänzen — es ist nicht zu sagen.

Noch ein Schwung, und das Netz war aus dem Wasser. Dann wurde es gemächlich in die Grotte hineingezogen, und Zäpfel Kern hatte nun die beste Gelegenheit, sich durch Augenschein zu überzeugen, daß auch Unterkörper und Beine des Ungetüms durchaus grün waren. Der Mensch (denn ein Mensch schien es nach seinem Körperbau doch zu sein) war wirklich grün wie eine Eidechse, nur lange nicht so hübsch. An Stelle von Kleidern hatte er gelblich-grünen Seetang um sich herumgeschlungen, und auf dem Kopf trug er als eine Art von Schmuck einen dicken Wulst von glitschigem Seemoos. Alles an ihm tropfte und triefte und roch nach Fisch.

Wie das Netz mit den zappelnden Fischen auf dem etwas trockeneren Boden im Hintergrund der Grotte lag, wo auf einem rohen Herd ein qualmendes Feuer ein wenig Licht gab, murmelte der Grüne: „Ein schöner Fangl Ein guter Fangl Will sehn, was mir im Netz zappelt.“

Und er sortierte die Fische in verschiedene Eimer, indem er vor sich hin murmelte: „Seelachse! — Gut! Gut! Seehechte! — Schön! Schön! Knurrfische! — Bravo! Bravo! — Seezungen! — Wohl! Wohl! —“ Und dann sang er mit einer unangenehmen, schmatzenden Stimme:

Gut und schön und brav und wohl:

Alles kommt ins Kasserol!

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Da fiel sein Blick auf Zäpfel Kern, der auf dem Grund des Netzes lag und sich ganz still verhielt, und er packte ihn an den Beinen und hob ihn hoch, indem er schnalzte: „Ha! Wat ’n det vor’n Fisch?“ „Ich bin kein Fisch!“ rief beleidigt Zäpfel Kern. „Versteh, min Jung! Du bist ’n Hummer!“

„Nein, doch!“ protestierte Zäpfel Kern und schlenkerte die Arme, „ich bin ein Kasperle.“

„Also ’n Kasperlefisch! So ’n Viech hab ich noch nie fretten!“

„Du sollst mich auch nicht fressen, du grünes Ekel du! Merkst du nicht, daß ich ein mit Sprache und Verstand begabtes Wesen bin?“

„Du bist also ’n Quatschfisch!? Woll! Dafür sollste mit deinem Verstände wählen dürfen, ob ich dich kochen, backen oder braten soll.“

„Fort will ich! Weg will ich! Hier stinkt’s!“

„In meinem Magen riecht’s um so besser nach Seehecht, Seezunge, Seelachs, Knurrfisch!“

Jetzt kriegte es Zäpfel Kern aber mit der Angst, und er verlegte sich aufs Bitten, und wie das nichts half, aufs Betteln. Aber auch das half nichts.

Der grüne Kerl breitete ihn einfach wie einen Fisch aufs Knie und fing an, ihn mit einem Messer zu schuppen.

„Aber ich habe ja gar keine Schuppen! Du schabst mir ja bloß meine Kleider vom Leib!“

„Schuppen oder Kleeder, alles ejal. Ick frette bloß det nackichte Fleesch. Aber ’n Kleed kriegste doch, min Jung, und noch dazu ’n sehr scheenet!“

Mit diesen Worten warf er Zäpfel Kern in eine Mulde voll Mehl und wälzte ihn darin so herum, daß das Kasperle um allen Atem kam.

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„Jetzt“, so sprach Zäpfel Kern zu sich selbst (aber ohne den Mund aufzutun, denn sonst wäre ja auch dahinein Mehl gekommen), „jetzt ist alles aus und vorbei, jetzt werde ich zum Backen hergerichtet, und dann komme ich in die Pfanne mit Butter oder Schmalz, und das alles, weil ich mich habe verführen lassen zu schwänzen. Ach Mama, Mama, wie recht hast du gehabt, wenn du sagtest: Der Weg hinter die Schule führt in des Teufels Küche. Ach, welch gräßliches Los!“

Weiter konnte das Kasperle nicht mit sich reden, denn es fühlte sich am Kopf gepackt und über eine Pfanne mit brodelnder Butter gehalten, deren Geruch ihm zu jeder anderen Zeit wohlgetan haben würde, nur nicht jetzt, wo er dazu bestimmt war, selbst darin zu brotzeln . ..

Dreiunddreißigstes Kapitel

...gerettet. Aber dann geht nicht alles so fix, wie es Zäpfel Kern gern haben möchte

Das grüne Scheusal wollte gerade unser Kasperle in die kreischende und zischende Butter legen, da fühlte es sich hinten an seiner Seetangschürze gepackt und gezogen. Der Grüne drehte sich wütend um und sah, daß es ein großer Hund war, der ihn auf so unverschämte Weise merken ließ, daß auch in ihm der Geruch der bratenden Butter Appetitgefühle erweckt hatte.

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„Gehst du gleich weg, Bestie?!“ schrie der Eidech-serich und gab ihm einen Tritt.

Aber Zäpfel Kern, der mit seinen Todesangsttränen Löcher in seine Mehlhaut geweint hatte und durch diese Schlitze Schnapps, den Fanghund, erkannte, rief, soweit es ihm in dem mehlverpappten Zustand seines Mundes möglich war: „Bleib da, Schnapps, und rette mich!“

„Wo bist du denn?“ bellte Schnapps.

„In den Händen dieses grünen Übels!“ schrie Zäpfel Kern und streckte wie ein Ausrufezeichen seine Zunge aus dem Mehlkleister.

„Wu — wu — wu — wulf!“ brüllte mehr, als daß er bellte, Schnapps, sprang den Grünen an und entriß ihm das Kasperle.

Es ist wahr, er hinterließ dabei ein paar Zahneindrücke im Sitzholze Zäpfel Kerns, aber derlei Schönheitsflecken müssen mitgenommen werden, wo es Sein oder Nichtsein gilt, und unser Kasperle, das soeben im Rachen des Todes gewesen war, kam sich in Schnappsens Rachen wie auf einem Kanapee vor.

Fürs erste mußte er noch eine Weile darin bleiben, denn es galt jetzt, vor dem Fischfresser zu fliehen, der unter greulichem Fluchen hinter Schnapps herrannte. Aber schon nach ein paar Minuten konnte

der Fanghund seinen mehligen Freund in den Sand legen, denn das grüne Ungetüm hatte sich einen viel zu dicken Seelachs-, Seehecht-, Seezungen- und Knurrfischbauch angefressen, als daß es imstande gewesen wäre, einen ordentlichen Dauerlauf auszuhalten.

„Wer hätte das gedacht“, nahm zunächst Zäpfel Kern das Wort, „daß du so bald Gelegenheit finden würdest, mir die kleine Gefälligkeit zu vergelten, die ich dir erwiesen habel Ich danke, danke, danke dir!“ Und das glückselige Zäpfele schloß zärtlich seine Arme um Schnappsens Hals und drückte ihm einen der herzhaftesten Küsse auf die Nase, die je auf irgendeinen Körperteil eines Menschen oder Tieres gedrückt worden sind.

„Mach doch keinen solchen Kram wegen der Bagatelle“, entgegnete Schnapps und leckte sich den Kuß von der Nase weg (denn es war ein mehliger Kuß) „wir sind jetzt quitt, und damit punktum! — Übrigens, um es dir zu gestehen, ich habe schon wieder eine Bitte an dich.“

„Was denn?“

„Erlaubst du, daß ich dir das Mehl ablecke? Ich habe nämlich gräßlichen Hunger.“

„Aber bitte, bediene dich ungeniert! Ich bin sogar froh, wenn ich diese ekelhafte Kruste los werde.“ „Sie ist keineswegs ekelhaft, sondern schmeckt vorzüglich. Allerdings würde sie noch besser schmek-ken, wenn sie erst in die Butter gekommen wäre.“ „Hör auf! Hör auf! Mir wird schlimm, wenn ich daran denke! — Hast du gesehen, daß mich der grüne Schuft gerade in die Butter schmeißen wollte!? Es ist kein Zweifel: wenn du nicht gekommen wärst,

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lag’ ich jetzt zermalmt und zerhaut als Speisebrei im Bauch dieses Salatmenschen. Ich bin überzeugt, daß selbst das Innere seines Bauches grün ist. Begreifst du, wie man so grün sein kann?“

„Es sind doch auch eine Menge Raupen grün.“ „Ja, aber als Mensch grün zu sein, ist doch ekelhaft geschmacklos. Ich werde zeit meines Lebens eine Abneigung gegen diese Farbe behalten und gewiß nie mehr Spinat und Salat essen können.“ „Nun, das ist das Schlimmste noch nicht. Ich habe mich nie für diese Gemüse erwärmen können. — Aber da fällt mir ein: ich habe mir hinter der Polizeiwache einen Kalbsknochen vergraben. Nimm mir’s nicht übel, aber die Sehnsucht nach diesem Andenken an mein letztes Mittagbrot ist so groß, daß ich sie kaum ertragen kann: ich m u ß zu meinem geliebten Knochen. Wenn du willst, kannst du auf-sitzen.“

„Ja, aber nur bis in die Nähe der Stadt, beileibe nicht bis zur Polizeiwache!“

„Also dann reit auf mir bis zur Fischerhütte; von dort aus kannst du, da es bald Nacht ist, ohne Gefahr in die Stadt schleichen.“

Und Zäpfel Kern setzte sich auf Schnappsens wolligen Rücken und ritt im Galopp durch die Abenddämmerung bis zur Fischerhütte, wo sich die beiden aufs allerfreundschaftlichste mit Kuß und Umarmung verabschiedeten.

Schnapps war kaum in der Dämmerung verschwunden, da öffnete sich die Tür, und ein alter Fischer trat aus der Hütte.

Zäpfel Kern erkannte sogleich, daß es derselbe war, dem die beiden Polizisten den kleinen Max

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übergeben hatten. Und er fragte mit einem Beben in der Stimme: „Wißt Ihr nicht, was aus dem kleinen Jungen geworden ist, den Euch heute früh zwei Polizisten übergeben haben?“

„Freilich weiß ich’s“, antwortete der Fischer.

„I.. . i... ist er to ... to ... tot?“ stotterte vor Angst Zäpfel Kern.

„Nein, tot ist er nicht, aber er hat Fieber und liegt im Bett.“

„Hurra!“ schrie Zäpfel Kern und machte einen Luftsprung, „hipp, hipp, hurra! Wenn er nur nicht tot ist.“

„Ja, aber es hätte nicht viel gefehlt! Dieser böse Bengel, der Zäpfel Kern, hätte beinahe sein Leben auf dem Gewissen.“

„Wer?“

„Na, dieser Kasperlebursch, dieser Vagabund und Tunichtgut.“

„Ich bitte um Entschuldigung: Zäpfel Kern ist ein ausgezeichneter, braver, fleißiger, ordentlicher Junge.“

„Was nicht gar! Du kennst ihn offenbar nicht persönlich.“

„Doch, ich kenn’ ihn ganz gut. Es gibt keinen besseren Schüler, keinen gehorsameren Sohn, und sein Papa sowohl wie seine Mama haben alle Ursache, auf ihn stolz zu sein.“

In diesem Augenblick gab’s einen Knax in seinem Gesicht, und wutsch! fuhr die Nase um eine Handlänge nach vorn.

„Halt!“ rief Zäpfel Kern und hielt seine Nase fest, „ich habe gelogen! Zäpfel Kern ist der dümmste aller dummen Jungen! Ein Schlingel! Ein Bengel! Ein

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Lümmel! Ein Lausbub! Ein Schulschwänzer! Ein Raufbold! Seine Eltern haben nichts als Ärger mit ihm und täten recht, wenn sie ihm die Hosen stramm zögen. — Aber ach —: er hat ja keine Hosen mehrl Keine Hosen, keine Jacke, keine Krause, keinen Hut und keine Schuhe. Denn seht: ich, ich, ich bin Zäpfel Kern, ich, der nackt vor Euch steht und nicht mehr wagen kann nach Hause zu gehen.“

Bei dieser Selbstanklage rutschte die Nase ruckweise wieder zurück; dafür aber wurden die Augen vor Weinen immer größer.

„Nu, nu, nu!“ tröstete ihn der alte Fischer. „Wo so herzliche Reue ist, wird auch Hilfe und Verzeihung sein. — Hätt’ ich eine alte Hose, einen alten Rock, eine alte Mütze — weiß Gott, ich gäbe sie dir gern, aber ich habe nichts als den Kartoffeisack dort, deine Blöße zu bedecken. Indessen: besser ein Kartoffel-sack als nichts.“

„Wird er mir denn aber auch stehen?“ meinte das eitle Kasperle.

„Für das Elend wird keine Modezeitung gedruckt“, antwortete der Fischer. „Kriech nur in den Sack! Ich schneide oben ein Loch für den Kopf und rechts und links zwei Löcher für die Arme hinein, und fertig ist der Sonntagsrock.“

Und so geschah’s. Schön war’s nicht, das Gewand, und warm war’s auch nicht, aber Zäpfel Kern war schließlich doch froh darum, und schnell frech werdend, wie es seine Art war, nannte er es sein Reformkostüm.

Übrigens hatte es einen Vorteil: es stach nicht von der grauen Farbe des Abends ab, und das war un*-

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serm Zäpfel sehr lieb, der am liebsten unsichtbar in

die Stadt gegangen wäre.--

Zum Glück waren die Straßen ganz leer, denn die fleißigen Bewohner der Insel Goldboden hatten nicht die Angewohnheit, nachts in den Straßen herumzu

bummeln. Sie lagen alle längst zu Bett, und die Stadt schien ausgestorben zu sein. Kein Licht, keine Laterne; alles dunkel, alles still.

Nur mit Mühe und Not fand sich Zäpfel Kern zu Frau Dschemmas Haus.

„Ob mich Mama wohl rein läßt?“ dachte er für sich, als er vor der Türe stand. — „Ach ja! Sie wird schon! Sie ist ja so gut!“ — Und er klingelte.

Aber es rührte sich nichts.

Er klingelte wieder.

Aber es rührte sich wiederum nichts.

Er klingelte nochmals.

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Und es rührte sich nochmals nichts.

„Ach Gott! Ach Gott!“ weinte er vor sich hin, „sie macht nicht auf.“

Er klingelte aber doch nochmals und starrte zum vierten Stock hinauf, ob nicht endlich, endlich jemand am Fenster erschiene.

Nach einer halben Stunde öffnete sich das Fenster wirklich, und ein Lichtlein blinzte ins Dunkel.

Zäpfel Kern strengte seine Augen an und erkannte den Kopf einer ungeheuren schwarzen Waldschnecke, die zwischen ihren Fühlern eine brennende Laterne trug.

An erstaunliche Dinge im Hauswesen der Fee gewöhnt, wunderte er sich nicht weiter darüber, sondern rief: „Ist Frau Dschemma da?“

„Ja“, antwortete etwas verschleimt die Schnecke. „Ist sie noch auf?“

„Nein!“

„So weck sie!“

„Darf nicht!“

„Warum nicht?“

„Hat’s verbotent“

„Aber ich bin doch .. .*■*

„Wer?“

„Na, ich!“

„Wer ich?“

„Zäpfel.“

„Was für ’n Zäpfel?“

„Zäpfel Kern! Das Kasperle!“

„Was für ’n Kasperle?“

„Der Frau Dschemma ihr Kasperle.“

„Herrje! Ach nee! Ei, ei! Ach so! Ja, dann! Nu ja!

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Da werd’ ich gleich kommen! Gleich! Wart nur ein Augenblickchen!“

„Gott sei Lob und Dank!“ dachte sich Zäpfel Kern. „Nun wird mich bald mein gutes Mamachen ins Bett bringen.“

Ja — Schnecken! Es dauerte eine Stunde, es dauerte zwei Stunden, und nichts rührte sich.

Das Kasperle klingelte wieder, und an einem Fenster des dritten Stockes erschien das Lichtchen. Die Schnecke beugte sich gemütlich vor und rief noch verschleimter als vorhin: „Was ist?“

„Naß ist’s“, rief wütend Zäpfel Kern, „und kalt ist’s, und langweilig ist’s, und zwei Stunden sind kein Augenblickchen!“

„Bei einer Schnecke schon“, antwortete ruhig das gemütvolle Wesen und schloß das Fenster.

Zäpfel Kern aber begann zu rechnen: „Wenn die Schnecke vom vierten Stock zum dritten zwei Stunden gebraucht hat, so braucht sie vom dritten zur Haustüre sechs Stunden. Das ist reizend! Das wird eine angenehme Nacht!“

Und Zäpfel Kern begann wütend hin- und herzutrippeln und die Schläge der Turmuhr zu verfolgen. Herrgott, wie langsam liefen die Stunden! Um so schneller lief Zäpfel Kern in seinem Sack Und er fing an, die Fenster an den Häusern zu zählen und die Bürgersteigplatten zu zählen und die Pflastersteine zu zählen. — Half alles nichts. Die Zeit kroch wie eine Schnecke.

Endlich, endlich waren sechs Stunden vorüber Jetzt mußte diese langweilige Schnecke doch kommen 1

14 Zäpfel Kern

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Fiel ihr aber gar nicht ein. Die siebente Stunde war vorbei, und sie war noch nicht da.

Da wurde das Kasperle aber wild; es zog nicht; es r i ß an der Klingel.

Kam deshalb die Schnecke? — Nein! — Aber der KlingelgrifT riß ab, und Zäpfel Kern kugelte in die Gosse, mitten zwischen zwei verfaulte Kohlstrünke.

Er wischte sich mit einem Zipfel seines Sackpaletots die Brühe vom Gesicht und nahm sich vor geduldig zu sein. Es konnte ja nur noch Minuten dauern.

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Aber es ging wieder eine Stunde vorbei, und immer noch rührte sich nichts.

Und Zäpfel Kern vergaß seinen vernünftigen Vorsatz und trampelte, da er nicht mehr klingeln konnte, mit beiden Füßen wie verrückt gegen die Tür.

Daraufhin kam nun wohl die Schnecke sofort? — Keine Spur. — Aber der linke Fuß des Kasperle durchbrach das Holz der Türe und klemmte sich darin fest.

Und nun konnte Zäpfel Kern nicht einmal mehr trampeln, sondern lag höchst unbequem auf der Türschwelle, das eine Bein in der Türe, das andere auf dem Bürgersteig.

Und just da erschien die Schnecke und sprach ebenso freundlich wie pomadig: „Na,. .. bin ich ... nicht schnell. .. gekommen? ... In meinem Leben... bin ich ... nicht. . . so . .. gelaufen! .. . Ich habe . .. eine ganze ... Schweißspur ... hinter ... mir ... gelassen. ... — Aber ... wie ... komisch ... liegst... du .. . denn . . . da?“

„Komisch?“ ächzte Zäpfel Kern, „das kann auch bloß eine Schnecke komisch finden. Es ist vielmehr entsetzlich unbequem, und ich muß dich sehr ent-

schieden bitten, meinen linken Fuß gefälligst loszumachen.“

„Ich?“ rief die Schnecke verwundert aus. „Bin ich ... ein . . . Zim . . . mer . . . mann? Ich . . . bin ... eine . . . alte . . . ehrliche . .. Schnecke.“

„Das merk’ ich an deiner Langsamkeit.“

„Wie ungerecht du bist! Ich . .. bin . . . geflogen!“ „Geflogen nennt sie das! Aber einerlei: du siehst doch wohl ein, daß ich so nicht liegen bleiben kann.“ „Warum . . . denn . . . nicht?“

„Es wird ja gleich Tag, und die Leute fallen über mich weg.“

„Da . . . brauchst du . .. nur . . . immer .. . zu ... rufen: Ob .. . acht! Hier ... liegt. . . jemandl“ „Mach keine Witzei“

„Ich . . . hab’ ... in meinem Leben . . . noch ... nie .. . Witze . . . gemacht. . . . Wir . . . Schnecken . .. sind . . . ein ernst . . . haf . . . tes ... Geschlecht.“

„Ja, und ein langweiliges!“

„Ach so!? .. . Du willst . . . mich ... be ... lei ... di. . . gen? Da . . . kann . . . ich . . . ja . .. wieder zu ... Be . . . be . . . bett. . . geh . . .he . . . he . . . heh ... en.“

Und die Schnecke machte ruhig die Türe zu und verschwand.

Zäpfel Kern aber verlor die Besinnung.

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Vierunddreißigstes Kapitel

Zäpfel Kern führt den Beweis, daß ihn das Schicksal noch lange nicht genug gezwiebelt hat, indem er wiederum einem Verführer Gehör schenkt. Diesmal aber ist der Verführer genau so dumm — wie er

Als Zäpfel Kern wieder zu sich kam, wagte er kaum, die Augen aufzuschlagen, denn die vielen schrecklichen Erlebnisse des vergangenen Tages und der vergangenen Nacht hatten in seinem Kopf eine dumpfe Angst zurückgelassen, und er war sich gar nicht sicher, ob er sich beim Erwachen nicht auf einer Polizeiwache oder im Magen des Grünen oder angeheftet an die Haustüre finden würde. Indessen, als er die Augen aufschlug, hatte er den schönsten Anblick von der Welt: Frau Dschemma, die sich lieblich über sein Bett beugte und sprach: „Na, wie fühlt sich mein Zäpfele?“

„Oh, so gut!“ rief das Kasperle, „denn ich bin bei dir!“ Und er schlang seine Arme um ihren schönen Hals und küßte sie auf ihren lieben Mund und fühlte sich selig, geborgen und froh.

Aber Frau Dschemma sprach: „Eigentlich sollte ich dir nicht mehr gut sein, Zäpfel; du weißt schon, warum!“

„Ach ja“, sagte kleinlaut das Zäpfele.

„Aber ich will’s doch nochmal mit dir versuchen, obwohl ich beinahe fürchte, du wirst mir’s wieder schlecht vergelten.“

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„Nein, nein, nein!“ rief Zäpfel und war voll der schönsten und besten Vorsätze.

„Nun, wir wollen sehen“, unterbrach ihn die Fee, als er all diese guten und schönen Vorsätze aufzählen wollte, „und wir wollen die Sache diesmal anders anfassen. Da du als Kasperle durchaus nicht gut tun willst, so werde ich mit Hilfe meiner Feenkraft morgen einen richtigen Jungen aus dir machen. Das freut dich hoffentlich.“

Zäpfel Kern wackelte nachdenklich eine Weile mit dem Kopf, dann sprach er: „Ich habe es mir immer gewünscht, das ist wahr; aber, seit ich die Schuljungen kennengelernt habe, scheint es mir beinahe, als sei ein Kasperle gerade so viel wert wie die meisten unter ihnen, und vielleicht mehr.“

„Ich sag’ ja nicht, daß du ein böser Bube, sondern daß du ein richtiger braver Junge werden sollst. Es ist auch wirklich nötig, daß mit dem Kasperletum Schluß gemacht wird, denn ins Gymnasium kann ich dich schließlich nicht mit dem Zuckertütenhut schicken.“

„Was ist denn das wieder?“ rief Zäpfel argwöhnisch, — „Gimpelnasium? Ich habe keine Gimpelnase, und wegen dem Namen Gimpel war ja die große Schlacht am Meer.“

„Gymnasium ist die Anstalt, wo die Jungen noch mehr lernen als in der gewöhnlichen Schule.“

„Noch mehr? Wozu denn noch mehr? Hat denn das Lernen nie ein Ende?“

„Ein Mensch lernt nie aus.“

„Dann will ich kein Mensch werden.“

„Auch nicht, wenn i c h dich bitte?“

Frau Dschemma sagte das so sanft und gütig,

214

daß Zäpfel Kern nicht widerstehen konnte und rief: „Wenn du’s willst, Mama, geh’ ich aufs Gimpel-nasium und Finkennasium und Amselnasium und überhaupt auf jedes Nasium, was es gibt, und werde ein Mensch, der nie auslernt, obwohl das schrecklich langweilig sein muß.“

„Dann ist heute also dein letzter Kasperletag, mein liebes Zäpfel“, sagte Frau Dschemma, „und diesen Tag wollen wir durch einen großen Schokoladenschmaus mit Makronentorte und Schlagsahne feiern, zu dem du all deine Schulkameraden einladen darfst. Da es Sonntag ist, werden sie sicher alle kommen dürfen. Gleich nach Tisch kannst du gehen, sie einzuladen, und während du das tust, koche ich mit Fräulein Täubele hundert Liter Schokolade und backe fünfzig Makronentorten und schlage hundert Liter Schlagsahne.“

„Mit recht viel Vanillezucker, nicht wahr, Mama?“ rief Zäpfel Kern und sprang aus dem Bett.

Kaum, daß das Mittagessen vorüber war, machte er sich in einem neuen Kasperleanzug (denn heute mußte er ja noch als Kasperle gehen), der genau dem alten nachgebildet war, auf den Weg, nur mit halbem Ohr auf die Mahnung Frau Dschemmas hörend: „Aber Punkt fünf mußt du zurück sein.“

Ah, wie kam er sich in einer grünen Hose, seiner blauen gelbgesternten Jacke, seiner roten Krause und seinem goldenen Zuckertütenhütchen, das auch wieder einen Marderschwanz hatte, schön vor. Ah, wie herrlich klang ihm das Klipp-Klapp seiner Korkschuhe. Ah, wie tat es ihm wohl, daß alle Leute sich umdrehten und zueinander sagten: „Guck mal: ein Kasperle I“

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„Eigentlich ist es doch schade, daß ich nun so langweilig angezogen gehen soll wie die richtigen Jungen!“ dachte er sich: „schwarz oder grau, höchstens blau mit einem weißen Kragen und einem bunten Schlips. Und meine entzückende krumme Nase wird gewiß auch geopfert werden, die mir ein solches Ansehen gibt. . . Hm. Hm. Schade. Wirklich schade . . . Aber, Mama will’s, und also ist’s gut!

Punktum! Streusand drauf! Fertig!“--

Daß seine Einladung überall mit Hailoh aufgenommen wurde, versteht sich. Auch auf der Insel Goldboden können sich die Kinder nicht alle Tage in Schokolade baden und mit Schlagsahne einseifen. Man fand die Idee einfach großartig. Selbst der kleine Max erklärte zu kommen, und wenn man ihn im Bett hinfahren müßte.

Nur einer machte Schwierigkeiten, und gerade an dem war unserm Kasperle gelegen, obgleich der Lehrer ihm oft gesagt hatte, er möge sich vor keinem Mitschüler so hüten wie vor ihm.

„Er macht keine dummen Streiche mit den anderen“, hatte der Lehrer gesagt, „aber man sieht es ihm an, daß er fortwährend welche auf eigene Faust plant, und ich bin überzeugt, eines Tages macht er den allerdümmsten von allen. Ihr nennt ihn ganz treffend Spinnifax, denn er spinnt immerfort Faxen und Pläne, mit denen sich ein Kind nicht abgeben soll. Natürlich hält er sich deswegen für besonders gescheit — aber gerade das ist seine Dummheit. Hüte dich vor ihm, Zäpfel!“

Infolgedieser Warnunghatte sich das Kasperlemit Spinnifax wenig abgegeben, aber zu seinem Schoko-

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lade-Schlagsahne-Makronentortenfest wollte er gerade ihn gerne haben.

Spinnifax aber erklärte rundweg: „Nein, ich komme nicht.“

„Warum denn nicht?“

„Weil ich Besseres vorhabe.“

„Was denn?“

„Eine große Sache!“

„Was für eine große Sache?“

„Nichts für Kasperles.“

„Aber ich bin ja schon morgen keins mehr.“

„Um so schlimmer für dich!“

„Wieso denn?“

„Weil es immer noch besser ist, ein Kasperle zu sein als ein gewöhnlicher Junge.“

„Wirklich?“

„Ganz gewiß! Denn: Was steht einem gewöhnlichen Jungen bevor, wenn er sich nicht rechtzeitig frei macht? — Eine Schule nach der andernl Gym-

nasium, Universität, — was weiß ich! Es hört nie auf.“

„Allerdings! Der Mensch lernt nie aus.“

„Ja, wenn er so dumm ist, sich von einer Schule in die andere schicken zu lassen.“

„Was soll er denn tun?“

Spinnifax drehte sich nach allen Seiten um, ob auch kein Lauscher in der Nähe wäre, und sagte dann leise: „Sich dem Verein ,Auskneifia‘ anschließen.“

„Was ist das für ein Verein?“

„Das ist eine geheime Verbindung von lauter fixen Jungen, die Grütze im Kopf und Mut in der Brust haben, und die das verbotene Buch des Doktor Schlaumeier kennen, das den Titel hat: ,Die ewige Ferienkolonie Spielimmerland1.“

„Geheime Verbindung“, „Verbotenes Buch“, — dem Kasperle lief ein angenehmes Gruseln den Rük-ken hinunter.

„Was . . . was steht denn in dem Buch?“ „Wundervolle Kunde von einem wundervollen Land, genannt Spielimmerland, wo es keine Schulen gibt und die Kinder die Herren sind! Wo jeder Tag Sonntag ist! Wo die großen Ferien am ersten Januar anfangen und am letzten Dezember enden!“ „Großartig!“ rief Zäpfel Kern mit aufrichtiger Bewunderung aus. „Dieses Land wäre durchaus nach meinem Geschmack! Und was macht man denn in dem Land, wenn nie Schule ist?“

„Was soll man machen? Spielen! — Haschen,Verstecken, Räuber und Dragoner, Fuchs aus dem Loch, Ball werfen, Pritschball, Fußball, Faustball, Blindekuh —, na, kurz, was es überhaupt gibt.“

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„Auch Wettrennen? Darin bin ich nämlich groß.“ „Selbstverständlich! Das ist sogar das Staatsspiel in Spielimmerland, und wer darin gewinnt, wird König, bis ein andrer kommt, der noch besser rennen kann.“

„Dann werd’ ich König auf Lebenszeit“, rief Zäp-fel Kern mit blitzenden Augen aus. „Ich gehe mit! Ich gehe mitl“

„Famos!“ sagte Spinnifax. „Heut’ abend fahren wir ab.“

Aber Zäpfel Kern kraute sich hinter den Ohren und sprach: „Neinl Es geht nicht. Morgen werde ich ja, meiner Mama zuliebe, ein Junge.“

„Und gehst wieder in die Schule? Prost Mahlzeit!“ „Mir wird wohl nichts anderes übrig bleiben.“ „Doch! Dir bleibt noch was übrig!“

„Was denn?“

„Fünfundzwanzig gesalzene vom Lehrer, wegen der Sache mit dem kleinen Max.“

„Bitte sehr! Das bin ich nicht gewesen!“ „Schwindle nur nicht! Die ändern haben’s ja gepetzt!“

„Wann denn?“

„Na, gestern! Plötzlich kamen alle sechs in die Klasse gelaufen und erzählten, daß du ihnen was von einem Walfisch vorgelogen und sie zum Schwänzen verleitet hast.“

„Ah, diese Lügenbeutel!“

„Ja, und dann hast du sie ausgelacht, und wie sie dich höflich und artig getadelt haben, hast du dem kleinen Max deinen Atlas an den Kopf geworfen.“ „Ah! Ah! Ah!“ stöhnte Zäpfel Kern. „Diese nie-

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derträchtigen Verleumderl Und ich soll ein Junge werden wie die? Niemalsl Niemalsl“

Er war außer sich.

Spinnifax fuhr fort: „Natürlich hat unser lieber Herr Lehrer, gescheit wie er ist, alles geglaubt und das spanische Röhrchen für dich in Bereitschaft gestellt. Das wird ein Fest morgen werden für die Klasse, wenn du übergelegt wirst und das Stöckchen dir fünfundzwanzigmal etwas zuflüstert.“

„Hör auf!“ schrie Zäpfel Kern. „Es ist entsetzlich!“ „Und ich“, sagte Spinnifax, „werde indessen mit den anderen Auskneifianern unter Leitung des Doktor Schlaumeier nach Spielimmerland fahren, wo es keine Schule, also auch keine Ungerechtigkeit und keine spanischen Röhrchen gibt.“

„Und ich fahr’ mit!!!“ schrie Zäpfel Kern ganz wild. „Ich fahr’ mit! Ich will kein Junge werden wie diese kleinen Scheusale. Und ich will nicht ins Gimpelnasium! Ich kann schon lange genug! Ich will, will, will und will nicht! Nein, nein, nein, nein! König will ich werden im Wettrennen! Ich mit meinen erprobten Beinen! König in Spielimmerland! König Zäpfel der Erste!“

„Also, dann mach und komm mit! Ich weiß, wo der Wagen hält, den Doktor Schlaumeier kutschiert!“ erklärte Spinnifax.

Und die beiden dummen Jungen liefen zur Stadt hinaus ins Freie.

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Fünfunddreißigstes Kapitel

Zäpfel Kern bewährt sich wieder einmal als Reiter, vernimmt eine Stimme, ohne auf sie zu hören, sieht einen Esel weinen und kommt durch ein Land, das ihm (zu seiner Ehre) gar nicht gefällt

Sie mußten eine gute Weile laufen, bis sie an einen waldigen Holzweg zwischen zwei Bergen kamen, wo nach Spinnifaxens Erklärung der von Doktor Schlaumeier kutschierte Wagen der Auskneifia halten würde, um sie aufzunehmen. Mehr als einmal wurde Zäpfel Kern dabei von Gewissensbissen befallen, mehr als einmal war er fest entschlossen und auch schon im Begriff umzukehren, aber wenn Spinnifax ihm die Prügel ausmalte, die ihn am Montag in der Schule erwarteten, und dann die, wie er sagte, fabelhafte Überbürdung mit Schularbeiten, die ihm im Gymnasium bevorstände, und im Gegensatz dazu das wonnige Leben in der ewigen Ferienkolonie Spielimmerland —, dann ließ sich das dumme Kasperle immer wieder bewegen, weiter mitzugehen. Und wie er dann den Wagen der Auskneifia herankommen hörte und ihn in seiner Pracht erblickte, da waren alle guten Vorsätze, alle Gewissensbisse und, ach, auch alle Gedanken der Liebe und Dankbarkeit zu Frau Dschemma aus seinem wankelmütigen Kasperlekopf weggeblasen, und er begrüßte den Aus-kneifianerwagen mit einem Purzelbaum der Bewunderung und des Entzückens.

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Gewiß, so fürstlich prachtvoll wie Frau Dschem-mas blaue Galakutsche war der Wagen nicht, aber er hatte etwas Lustiges, wie er so herangeglöckelt kam, gezogen von vierundzwanzig Eseln und besetzt mit vierundzwanzig Jungen zwischen sechs und zwölf Jahren. Es war eine Art offener Omnibus, dessen Bänke aber so angeordnet waren, daß immer die nächsthintere etwas höher war als die vordere. So sah der Wagen aus wie ein kleiner Kasperletheatersaal auf Rädern, und die Jungen auf den sechs Bänken (denn auf jeder Bank saßen vier, die kleinsten auf der untersten und so weiter nach der Höhe hinauf), — die Jungen machten wahrhaftig auch den Eindruck, als hätten sie das lustigste Kasperletheater vor sich: so lachten und kreischten und jauchzten sie und schwenkten die Arme vor unbändigem Vergnügen. Die Esel waren köstlich angeschirrt mit silbernem Zaumzeug und weißledernen Riemen und hatten rosarote Schleifen an den Schwänzen und rosarote Stutze auf den Köpfen. Am putzigsten aber nahm es sich aus, daß sie in der Zeichnung von Zebras himmelblau und weiß angemalt waren und — gelbe Stulpstiefel trugen. Nun aber erst der Kutscher, das heißt Herr Dr. Schlaumeier, — wie lustig sah der erst aus! Er hatte einen roten Frack mit goldnen Knöpfen, eine kanariengelbe Weste, weiße Lederhosen und einen veilchenblauen Zylinder. Seine Kanonenstiefel aber glänzten so, daß man sich drin spiegeln konnte. Doch das alles war nichts gegen sein Gesicht. An diesem Gesicht lachte alles: die Augen, die Lippen, die Stirn, das Kinn, die Nase, die Ohren — ja, selbst die Nasenlöcher lachten . . .

Kein Zweifel, es gab keinen fideleren, freund-

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licheren, gutmütigeren Menschen als Doktor Schlaumeier. Jedes Wort von ihm war eine Zärtlichkeit, jede Bewegung ein Streicheln —, der reine Zuckermann!

Als er Zäpfel Kern und Spinnifax erblickte, brachte er sofort durch ein lautes Brr die Esel zum Stehen, sprang vom Bock und küßte beide ab, indem er sprach: „Grüß euch Gott, meine geliebten jungen Freunde, grüß euch Gott! Ich bin überglücklich, daß ich noch zwei weitere junge Herren nach Spielim-merland fahren darf, und gar so besonders hübsche und gescheite. Freilich ist nur noch ein Platz neben mir auf dem Bock frei, den ich für Herrn Spinnifax freigehalten habe, aber es soll mir ein Vergnügen sein, zu Fuß nebenherzulaufen, wenn der andere junge Herr („mein Name ist Zäpfel Kern“, stellte sich das Kasperle artig vor), also wenn Herr Zäpfel

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Kern die Güte haben wollte, meinen Platz einzunehmen.“

„Davon kann durchaus keine Rede sein“, entgeg-nete höflich unser Freund. „Wenn der Herr Doktor gestatten, so setze ich mich auf den rechten der hintersten beiden Esel. Es ist nicht das erstemal, daß ich reite.“

„Oh, das sieht man Ihnen an, Herr Zäpfel Kern“, rief der zuckersüße Doktor Schlaumeier aus, „Sie sind der geborene Reitergeneral.“

Das Kasperle, für Schmeicheleien allzu zugänglich, zweifelte nicht einen Augenblick an der Ehrlichkeit dieser Äußerung und wollte sogleich zeigen, daß er ihrer würdig sei; nahm also einen Anlauf, um auf den Rücken des Esels zu springen, gelangte aber sonderbarerweise nicht dorthin, sondern in den Straßengraben, von dessen Rand aus er seinen schönen Anlauf genommen hatte.

Sämtliche sechs Parkettreihen des fahrenden Theatersaales schwankten unter dem heulenden Gelächter ihrer Inhaber.

Nur Doktor Schlaumeier, der ewig lächelnde, lachte nicht. Wer genauer hinsah, hätte merken können, wie sein zuckersüßes Gesicht plötzlich einen grausam bösen Ausdruck annahm. Er sprang plötzlich auf den Esel zu, der Zäpfel abgeworfen hatte, tat so, als sagte er ihm etwas ins Ohr, und biß ihm dabei wütend die ganze Ohrspitze ab.

Indessen hatte sich Zäpfel Kern aus dem Straßengraben erhoben, nahm einen zweiten Anlauf und gelangte diesmal wirklich auf den Rücken des Esels, aber nur, um im nächsten Augenblick in einem mehr eleganten als angenehmen Schwung wieder

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abgeworfen zu werden. t)!e Auskneifianer fanden das wiederum unendlich komisch, aber Doktor Schlaumeier bekam ein noch böseres Gesicht. Und er biß, indem er sich wieder anstellte, als sage er dem Esel nur etwas ins Ohr, ihm die linke Ohrspitze ab. Dann sprach er: „Jetzt wird’s gehen, mein lieber junger Freund. Dieses Eselchen hat seine Mucken, aber ich habe ihm nun nochmals gut zugeredet, und jetzt wird er keine Sperenzchen machen.“

Und so war es: Zäpfel Kern nahm seinen dritten Anlauf und gelangte fest in den Sitz.

Doktor Schlaumeier schnalzte mit der Zunge, rief: ,,Hü!“, und die vierundzwanzig Esel setzten sich in Bewegung.

Zäpfel Kern fühlte sich hoch zu Esel unendlich erhaben und wußte vor Eitelkeit nicht, wie er sich in seinen Hüften wiegen und seinen Kopf im Reiten wippen lassen sollte.

Da . . . wessen Stimme war denn das, die jetzt zu ihm sprach? Er hörte deutlich die Worte: „Armes Kasperle! Ich hab’s gut mit dir gemeint.“

Zäpfel Kern kehrte sich um, ob vielleicht einer der Jungen . . .? Aber nein, die waren alle eingeschlafen, und Doktor Schlaumeier sang vor sich hin:

Alle meine Eselchen,

Eselchen, Eselchen,

Alle meine Eselchen Laufen im Trab.

Oh wieviel Eselchen,

Eselchen, Eselchen,

Oh wieviel Eselchen Bei mir ich habl

15 Zäpfel Kern

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Ich habe wohl geträumt, dachte Zäpfel Kern. Aber nach einer Weile klang dieselbe Stimme an sein Ohr: „Wenn ich nur sagen dürfte, was ich weiß, ich Unglücklicher . . . Ach Kasperle, Kasperle, was steht dir bevor!... Wie konntest du nur so dumm

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sein und glauben, es sei gut der Schule zu entfliehnl Ach! ach! ach! Daß es doch immer wieder Jungen gibt, die den Verführern glauben.“

Dieletzten Worte gingen bereits in einem Schluchzen unter, und nun sah Zäpfel Kern deutlich, daß sein Reitesel dicke Tränen weinte.

Das Kasperle drehte sich um und rief: „Herr Doktorl Herr Doktor! Mein Eselchen weint.“

„Laß den dummen Esel weinen, wenn er nichts Besseres zu tun hat“, antwortete der Doktor, „wer wird sich um jeden Esel kümmern...“

„Aber er tut mir leid.“

„Das mußt du dir abgewöhnen, mein lieber Junge. In Spielimmerland braucht man kein Mitleid, weil dort nichts als Freude ist.“

„Ja, aber . . , das arme Eselchen ..

„Unsinn! Wer weiß, vielleicht weint es vor Freude, einen so schönen Reiter zu haben .. . Laß ihn! ... Hör lieber zu, was ich dir jetzt sage ... Weißt du, wo wir jetzt sind?“

„Nein!“

„Sieh dich um! Was da im Mondschein rechts und links glänzt, ist das Meer. Wir sind auf der großen Brücke, die von der Insel Goldboden zu dem Land der Wanstphalen führt.“

„Ach ja!“ rief Zäpfel Kern, froh, seine Weisheit zu zeigen, „mit der Hauptstadt Münster!“

„Nicht doch! Nicht Westfalen, sondern Wanstphalen. Das ist das Land der Dickwänste, die nichts tun, als Knödel essen und dickes braunes Bier trinken. Glückliche Leute, kluge Leute. Nicht so dumm wie die Bewohner von Goldboden. Wir werden

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15*

durch alle Städte dieses gesegneten Landes kommen, denn es liegt vor Spielimmerland. Die beiden Länder gehören gewissermaßen zusammen, denn, wenn die Kinder in Spielimmerland groß und des Spielens müde werden, so ziehen sie nach Wanstphalen und setzen sich bei Knödel und Bier zur Ruhe, fürderhin nichts weiter treibend, als die Pflege ihrer Bäuche, die denn auch, wie du sehen wirst, bei der ausgezeichneten Kost und dem Fehlen jeglicher Arbeit und Sorge herrliche Ausdehnung annehmen. Der erste Ort, durch den wir kommen werden, heißt Wänsten. Dort sind die Bäuche noch kümmerlich. Es genügt, Reifen um sie zu schlagen und zu ihrer Stütze kleine eiserne Streben an den Füßen anzubringen. Aber in Wanstersheim, dem nächsten Ort bereits, muß schon ein Rad unter dem Bauch anmontiert werden. In Wanstlingen zwei, in Wanstmünster drei Räder. In Wanstantinopel aber, der prächtigen Hauptstadt von Wanstphalen, sind vier Räder nötig.“

„Ist das nicht unbequem?“

„Keineswegs, denn die Räder sind mit einer elektrischen Batterie verbunden und ziehen somit Bauch und Mann ganz nach Wunsch. Es ist wie bei einem Automobil. Der betreffende Wanstphale drückt auf einen Knopf, wenn er gehen will, und sofort zieht ihn sein beräderter Bauch vorwärts, ohne daß er selbst die geringste Mühe hat. Will er dann stehen bleiben, so drückt er einfach auf einen anderen Knopf.“

„Und wenn sie schlafen wollen?“

„Ein Ruck an einem Hebel, und die Räder legen sich an die Seite des Bauches, der Bauch sinkt langsam nieder, der Wanstphale sinkt in die Knie (als

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ob er seinen Bauch anbetete) und legt seinen Kopf auf den Bauch wie auf das weichste Federkissen.“ „Also schlafen die WanstphalennichtinHäusern?“ „In Wanstphalen gibt es nur Wirtshäuser, und das sind einfach lange Hallen, in denen rechts Knödelschüsseln und links Bierfässer stehen. Dort spielt sich das ganze Leben der Wanstphalen ab, und dort schlafen sie auch.“

„Keine Theater ? Keine Kirchen ? Keine Geschäfte ?“ „Wozu denn? Wer bloß seinen Bauch pflegt, braucht keine Theater, keine Kirchen, keine Geschäfte.“

„Und keine Gerichte? Keine Amtsgebäude?“ „Nichts Gerichte! Nichts Amtsgebäude! Die Wirtshäuser sind die Amtsgebäude. Die Wanstphalen haben einige dumme Kerle aus Goldboden angestellt, die ihnen Bier brauen und Knödel kochen. Das sind ihre einzigen Beamten.“

„Ich kann mir das aber doch eigentlich nicht nett vorstellen, immer bloß essen und trinken und seinen Bauch spazieren fahren.“

„Weil du noch zu jung und nicht weise genug bist, mein Sohn! Die Weisheit der Wanstphalen beruht auf ihrer Faulheit, und ihre Faulheit beruht darauf, daß ihr Gehirn zu Fett geworden und in den Bauch gerutscht ist. Doch, wie gesagt, um das zu begreifen, bist du noch zu jung.“

„Offen gestanden, lieber Herr Doktor, danke ich für diese Weisheit“, entgegnete Zäpfel Kern vernünftiger, als man es ihm Zutrauen sollte, „denn ein Leben ohne Kopf ist gar kein Leben.“

„Abwarten, mein Junge, abwarten!“

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„Und wie steht es denn mit dem Herzen bei den Wanstphalen?“

„Auch verfettet! Auch in den Bauch gerutscht!“ „Pfui Teufel!“ rief Zäpfel Kern aus, „dann haben sie also nichts lieb auf der Welt?“

„Doch! Ihren Bauch!“

„Pfui Teufel noch einmal!“

„Nicht so laut! Wir werden gleich in Wanstphalen sein, und es schickt sich nicht, die Gebräuche eines Landes zu schmähen, in dem man Gast ist.“

In der Tat hatten sie jetzt, als eben die Sonne aufging, die Brücke hinter sich und kamen auf das Festland. Die übrigen Jungen wachten nun auch auf, und es wurde sofort in einer der langen Bier- und Knödelhallen von Wänsten das Frühstück eingenommen, das natürlich aus Bier und Knödeln bestand.

Hier sowohl als auch in den übrigen Städten von Wanstphalen kümmerte sich übrigens kein Mensch um den Wagen der Auskneifia. Alle diese Bauchmenschen waren vollkommen teilnahmslos für alles und glotzten nur immerzu mit ihren kleinen blöden Augen in den aufgedunsenen öligen Gesichtern auf ihren Bauch.

Und wie die Gesichter der Menschen war die Landschaft: blöd, leer, langweilig, unschön und dumm. Den gescheitesten Eindruck machte das Rindvieh auf der Weide, und die vielen Schweine, die in dem überdies schmutzigen und ganz verwahrlosten Land herumliefen, machten einen viel klügeren Eindruck als die Bauchmenschen, denen übrigens offenbar auch die Sprache verloren gegangen war,

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denn sie konnten bloß wonnig grunzen, wenn sie Bier schluckten oder Knödel schlangen.

„Müssen wir noch lange durch dieses ekelhafte Land fahren?“ fragte Zäpfel Kern.

„Bis gegen sechs Uhr abends, dann kommen wir an die Grenze von Spielimmerland“, antwortete der Doktor.

Und Zäpfel Kern, angewidert von diesen Bauchtieren (denn für Menschen wollte er sie nicht gelten lassen), machte die Augen zu, um nichts mehr von ihnen zu sehen. So ritt er in freiwillig gewählter

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Blindheit stunden-, stunden-, stundenlang auf seinem Eselchen, bis fröhliches Lachen, Singen und Jauchzen seinen Ohren verkündete, daß sie das Land der stummen und stumpfen Bauchknechte hinter sich hatten.

Er machte die Augen auf und sah mit Entzücken die Grenze von Spielimmerland vor sich.

Sechsunddreißigstes Kapitel

Zäpfel Kern findet, daß die ewige Ferienkolonie Spielimmerland durchaus sein Fall ist, und es sieht ganz so aus, als habe er recht gehabt, mit Spinnifax dorthin auszuwandern

Als Zäpfel Kern die Augen auf machte, glaubte er zu träumen.

War das Wirklichkeit? Konnte das Wirklichkeit sein?

Hinter einer Grenzschranke, die über und über mit rosa Fahnen besteckt war und an der sich eine Tafel mit der Aufschrift befand: „Erwachsenen mit Ausnahme des Herrn Doktor Schlaumeier ist der Zutritt streng verboten!“, dehnte sich ein unabsehbarer Spielplatz aus. Soweit das Auge reichte, war alles eine große Festwiese mit tausenden Karussels, Kasperletheatern, Schießbuden, Schaukeln, Zirkussen, Rennbahnen, Rutschbahnen, Menagerien, Affentheatern, Hundetheatern, Zaubertheatern, Panoptikums. Limonadezelten, Zuckerbäckereien, Schmalz-

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bäckereien, Kokosnußbuden, Pfeft'erkuchenbuden, Spielwarenbuden —; kurzum: alles, was man sich nur denken kann an Schau- und Spielgelegenheiten, war in ungeheurer Masse da. Hunderttausende von Leierkasten, so mußte man glauben, waren es, die diesen unsäglichen lustigen Radau verübten, der die Luft mit Marsch- und Walzer- und Polkamelodien erfüllte. Aber damit noch nicht genug, hörte man unablässig Büchsen knallen, Kegelkugeln rollen, Hoch! und Hurra! und Heisasa! schreien und lachen und kreischen und Beifall rufen. Und mit diesen Tönen zogen durch die Luft höchst angenehme Düfte von Hühnerbratereien und Schmalzbäckereien und Konditoreien. Es war für die Augen, für die Ohren, für die Nasen gleichmäßig gesorgt, und Augen, Nasen und Ohren brauchten eine gute Weile, sich an diese Fülle von Darbietungen zu gewöhnen.

Das erste, was auffiel, war der Umstand, daß nur Jungen diese ungeheure Festwiese bevölkerten, Jungen zwischen sechs und zwölf Jahren. Nicht ein Mädchen war zu sehen, und nicht ein Ewachsener, mit Ausnahme des Doktor Schlaumeier,der von allen Seiten mit Hurra begrüßt wurde, sich aber schnell entfernte, nachdem er die Auskneifianer vor ein sehr

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hübsches, rosarot angestrichenes Haus gefahren hatte, auf dem eine Fahne mit der Aufschrift wehte: Aus-kneifia Goldboden!

Er hielt nur noch folgende kurze Ansprache: „Meine teuren jungen Freunde! Nun sind wir also im gelobten Land der Jungenfreiheit, im Jungenstaat Spielimmerland angekommen, und ich verlasse euch, um aus anderen Gegenden die Blüte der Jungenschaft hierherzufahren. Was eure Bestimmung, euer einziger Zweck, eure einzige Pflicht hier ist, wißt ihr: Spielen und euch amüsieren. Um etwas anderes kümmert euch nicht! Es ist für alles gesorgt. In keiner Bude kostet es Eintrittsgeld, alle schönen Sachen, die euer Herz begehrt, kriegt ihr umsonst. Die einzelnen Einrichtungen des Jungenstaates werdet ihr von den bereits früher Angekommenen erfahren. Bestraft wird hier nur eins: Arbeiten und lernen. Ja, schon der Gedanke daran ist strafbar. (,Gibt’s nicht!4 riefen die Auskneifianer wie aus einem Mund). Ihr werdet merken, daß von Zeit zu Zeit Kameraden, mit denen ihr gespielt habt, verschwunden sind, ohne daß ihr ahnt, wieso und wohin. Macht euch keine Gedanken darüber! Das sind eben solche, die an Arbeit und Lernen gedacht haben und deswegen als Staatsverbrecher der Strafe der Ausweisung verfallen sind. Wohin sie kommen, ist Staatsgeheimnis. Nun, ich hoffe, von euch wird keiner zu diesen verbrecherischen Eseln gehören.“

Als er dies gesagt hatte, erhoben die vierundzwanzig Esel im Gespann ihre Schnauzen und stießen ein Jammergeheul aus, das durch Mark und Bein ging.

Zäpfel Kern, der, wie wir wissen, die Gabe besaß,

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die Sprache der Tiere zu verstehen, erfaßte wohl den Sinn dieses Jammergeschreis, aber sein Kopf war viel zu sehr von den lustigen Dingen, die er hier sah und hörte, erfüllt, als daß er darauf achtgegeben hätte. Der Sinn des Eselsgeschreis aber war der: Das Gegenteil ist wahr! Schreckliches Unheil ist allen denen gewiß, die hier den Gedanken an Arbeit und Lernen vergessenl ...

*

Die nächsten Tage verbrachten Zäpfel Kern und Spinnifax damit, das gesamte Gebiet vonSpielimmer-land zu durchstreifen, weil sie sich vor allem einen BegrilT des Ganzen verschallen wollten.

Aber das war völlig unmöglich, obwohl sie sich zu diesem Zweck jeder eines der vielen Fahrräder nahmen, die überall zur freien Verfügung dastanden. Nach welcher Himmelsrichtung und wieweit sie auch radeln mochten, überall sahen sie dasselbe Bild: entweder eine riesige Vogelwiesenstadt mit Buden und Zelten oder ungeheure Spielplätze der verschiedensten Art: zum Ballschlagen mit Hand oder Fuß; zum Rennen, Jagen, Verstecken; zum Schaukeln, Wippen, Tanzen; zum Theaterspielen, Zirkusspielen; — kurz, was es an Spielen für Jungen überhaupt nur gibt: für alles war gesorgt, für alles waren Gelegenheit und Gerät reichlich vorhanden.

Mit einem Feuereifer, wie er ihn in seinem Leben noch nicht an den Tag gelegt hatte, warf sich Zäpfel Kern in diesen lustigen, bunten, lauten Trubel, und es dauerte nicht lange, so galt er in ganz Spielimmer-land als der beste Spielkamerad der ewigen Ferienkolonie. Wo er sich nur immer sehen lassen mochte,

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überall wurde er mit Hurra empfangen, denn überall wußte ein jeder von diesen kleinen Tagedieben, daß er der unermüdlichste Tagedieb von allen war, immer den Kopf voll von neuen Spielen, neuen Einfällen, neuen Tollheiten.

Nach einem Vierteljahr war er der unbestrittene Haupthahn von Spielimmerland, und nur der Jungenkönig stand über ihm. Aber nun kam der große Staatsfesttag der ewigen Ferienkolonie, das Preiswettrennen, bei dem es sich entscheiden sollte, ob der bisherige König auch König bleiben sollte oder von einem anderen besiegt werden würde, der dann an seiner Stelle den Thron von Spielimmerland besteigen durfte.

Tausende und Tausende von Jungen, jeder eine kleine rosafarbene Fahne in der Hand (denn rosa war die Staatsfarbe des Faulpelzlandes), versammelten sich auf einer ungeheuren Waldwiese, die ringsherum von rosa angestrichenen Tribünen umzogen war, an denen entlang die Rennbahn lief. In der Mitte aber stand das Königszelt, das, ganz aus Rosaseide, über und über mit Kronen aus Goldpapier beklebt war. Vor dem Zelt ragten zwei riesige vergoldete Masten auf, an denen zwei große rosarote Staatsflaggen im Wind wehten, und im Zelt selber stand der goldene Königsthron. Nachdem sich alle Jungen auf die Tribünen verteilt hatten, erschien durch eine Triumphpforte aus hellen Rosen, sehr feierlich einmarschierend, der Zug des Königs.

Zuerst kamen die allerkleinsten Staatsangehörigen von Spielimmerland, denen noch ein rosa Hemdzipfelchen aus himmelblauen Höschen heraus-wimpelte, gar niedliche Bürschchen mit dreieckigen

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Hüten aus Zeitungspapier auf dem Kopf, die ihre rosa Fähnchen höchst lebhaft schwenkten und unausgesetzt dazu riefen: „Vivat hoch! Der König kommt!“

Aber der kam eigentlich noch nicht, denn nun erschienen erst die Herolde, die ganz wie alte Ritter angezogen waren: mit Harnischen aus Pappe und Helmen aus Pappe und Schilden aus Pappe. Ihre Schwerter aber waren aus silberpapierbeklebtem Holz. Mit diesen Schwertern schlugen sie auf die Schilde, indem sie laut riefen: „Seine Majestät! Seine Majestät!“

Ihre Rufe aber wurden übertönt von der nun folgenden königlichen Musikkapelle, die auf weißen Eseln ritt, voran der Paukenschläger, der seinen Esel mit den Füßen lenkte, weil er mit den Händen auf die breiten Kesselpauken schlagen mußte, die rechts und links vom Sattel hingen. — Ah, wie der pauken

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konnte! Wenn er wirbelte, so klang es, als wenn ein Gewitter im Anzug wäre. Schlug aber der hinter ihm reitende Beckenschläger die Becken aufeinander, so krachte es nicht anders, als hätte irgendwo der Blitz eingeschlagen. — Dazu die übrigen Instrumente: Triangeln, türkisches Klingelwerk, Trompeten, Posaunen, Hörner und Pfeifen. Es war eine höchst gewaltige Musik mit sehr viel Tsching und Bum und Tschingteretäh.

Nun aber kam die Leibgarde zu Fuß, mit weißen Hosen, roten Fräcken und hohen Grenadiermützen aus Messing, auf denen auch noch rosarote Federbüsche steckten. Alle diese Grenadiere hatten sich schwarze, nach oben gedrehte Schnurrbärte angeklebt und trugen richtige kleine Flinten geschultert. Die Offiziere kommandierten unausgesetzt: „Rechts! Links! Rechts! Links! Vorwärts! Marsch! Gerade — aus! Augen — rechts!“ Nur der General, auf einem schwarzen Esel reitend, kommandierte nicht, weil sein Esel sehr wild war und fortwährend bald mit den vorderen, bald mit den hinteren Füßen in die Luft schlug. Da vergeht einem das Kommandieren.

Die nun folgenden Eselkürassiere konnten natürlichbesser reiten. Sie saßen kerzengerade und stramm auf ihren gescheckten Eseln, hielten ihre Lanzen mit den Rosafähnchen vorschriftsmäßig senkrecht und blickten kriegerisch und stolz geradeaus. Zum Unterschied von der Garde zu Fuß hatten sie rote Schnurrbärte angeklebt. Ihre Kürasse blitzten nur so in der Sonne, und ihre silbernen Helme mit goldenen Adlern taten desgleichen.

Hinter ihnen kamen in rosarot lackierten, von weißen Ziegenböcken gezogenen Staatskutschen die

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näheren Freunde des Königs, die er zu seinen Hofbeamten ernannt hatte. Ihre Uniformen waren sehr bunt und prächtig. Der höchste Beamte aber trug einen gelbseidenen Zylinderhut, an dem eine außerordentlich lange Pfauenfeder steckte. Er verneigte sich fortwährend nach rechts und links, als ob er selbst der König wäre.

Dieser aber saß in einem Wagen, der wie eine rosarote Muschel aussah und von nicht weniger als vierzig riesigen, weiß und gelb gefleckten Bernhardinern gezogen wurde, die vor lauter Stolz, daß sie den König von Spielimmerland ziehen durften, fortwährend bellten.

Das Gewand des Königs bestand aus einer rosaseidenen Kniehose über himmelblauseidenen Strümpfen und Goldkäferschuhen, einem gelbsamt-nen Wams, das über und über mit Orden bedeckt war, und einem Krönungsmantel aus Hermelin, wie sich’s gehört. In der rechten Hand hielt er das Zepter von Spielimmerland, das die Form eines Ballschlägers hatte, und in der linken den Reichsapfel der ewigen Ferienkolonie, der aber eigentlich eine goldene Kegelkugel war. Daß er eine goldene Krone aufhatte, versteht sich von selbst. — Im übrigen war er ein sehr hübscher, für seine Jugend sehr großer Junge, der sich seiner Würde entsprechend sehr majestätisch benahm und fortwährend huldvoll lächelte.

Trotz dieses Lächelns aber wurde er längst nicht mit so brausenden Hurrarufen begrüßt wie unser Kasperle, das als erster der Wettrenner direkt hinter ihm herschritt und dietollsten Luftsprünge zum Dank für die laute Begrüßung machte. Eine Weile lief

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Zäpfel Kern sogar auf den Händen, und dieses Kunststück entfesselte ein so ungeheures Beifallsgetöse, daß der König ganz ärgerlich wurde und ausrief: „Wer ist hier eigentlich König: ich, Felix der Lange, oder dieses alberne Kasperle!“

Aber die Jungen ließen sich dadurch keineswegs abhalten, ihrem Liebling Zäpfel Kern weiterhin zuzujubeln, und der hörte nicht auf, immer neue Faxen zu machen. Als er schließlich fünfzig Meter lang radschlug, erhoben sich sämtliche Jungen, warfen die Mützen in die Luft und schrien: „Kasperle hoch! Kasperle hoch! Kasperle hoch!“

Einige aber meinten: „Zäpfel Kern ist doch ein dummes Kasperle! Statt sich für das Wettrennen zu schonen, bringt er sich durch seine vielen Kapriolen ganz außer Kraft und Atem, und die Folge wird sein, daß er nicht gewinnt.“

So kam es, daß keineswegs alle auf ihn wetteten (denn es wurde natürlich, wie bei jedem Wettrennen so auch hier, eifrig gewettet). Die Hälfte wettete auf Felix den Langen, weil er viel längere Beine hatte als Zäpfel Kern, aber die andere Hälfte wettete auf diesen, weil er schon oft Proben von großer Geschwindigkeit und Ausdauer gegeben hatte.

Jedenfalls war die Spannung ungeheuer, als die Wettrenner antraten.

Es waren außer dem König und dem Kasperle noch fünfzig Jungen, die es sich zutrauten, dreimal um die ganze lange Bahn herumlaufen zu können, was wahrhaftig keine kleine Sache war. Denn abgesehen davon, daß die Bahn sich weithin dehnte, waren innerhalb der langen Strecke auch noch Hindernisse zu nehmen. Da war

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£ie dicke. Umrahtnungsliniz

Spitt-immer-land



Hier blieb Zapfet Kern siehen

bezeichnet die Lage dcr2uschaueritibünt

erstens ein trockener Graben von zwei Meter Breite, dann ein Gebüsch von dreiviertel Meter Höhe,

dann ein Wassergraben von einundeinem halben Meter Breite, dann eine Steinmauer, einen Meter hoch, einen halben Meter breit, dann eine schiefe sehr steile H o 1 z w a n d von fünf Meter Länge, von der der Absprung drei Meter in die Tiefe ging,

16 Zäpfel Kern

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und schließlich mußten die Renner gar ein Dornendickicht überwinden, das aus zehn, je einen Meter hohen Weißdornbüschen bestand, die in Abständen von zwei und drei Meter hintereinander gepflanzt und besonders gefürchtet waren, weil von einem zum anderen kein richtiger Anlauf möglich war.

Als der König sich seines Mantels, seiner Krone sowie auch seiner vielen Orden entledigt hatte, welche Dinge zwar schön, aber zum Rennen hinderlich waren, und sich sämtliche Renner nebeneinander gestellt hatten, gab die Garde zu Fuß eine Gewehrsalve ab, und auf dieses Zeichen hin liefen alle zweiundfünfzig Weltrenner gleichzeitig los.

Ah, — war das ein Anblick, als die hundertund-vier Jungenbeine durch die Luft säbeltenl

Anfangs blieben alle ziemlich nahe beieinander, und auch den trockenen Graben (1) nahmen alle ungefähr in einer Linie, aber schon kurz nach diesem setzte sich Felix der Lange an die Spitze, so daß er als erster über das Gebüsch (2) sprang. Indessen kamen auch die anderen ziemlich bald über dieses Hindernis —, bis auf Zäpfel Kern, der kläglich davor stehen blieb und sich hinter den Ohren kraute, als wäre ihm das Gebüsch zu hoch.

Wie erschraken da die, die auf ihn gewettet hatten. „Pfuil“ schrien sie, ,,pfui! Jetzt schon fällt er ab!“

Indessen war der König schon über den Wassergraben (3) gesetzt, und hinter ihm dann die übrigen. Doch plumpsten von ihnen schon zehn in das Wasser und gaben das Rennen auf.

2-12

Und Zäpfel Kern stand noch immer vor dem Gebüsch und kraute sich hinter den Ohren.

„Feigling!“ brüllten die, die auf ihn gewettet hatten! „Welche Schande! Pfui! Pfui! Pfui!

Und jetzt war der König schon über der Steinmauer (4), und von den übriggebliebenen vierzig gelang es noch fünfundzwanzig, auch dieses Hindernis zu nehmen, während fünfzehn andere vergeblich versuchten, darüber hinwegzukommen. Einer blieb mit den Füßen hängen und fiel so auf die Nase, daß man ihn wegtragen mußte.

Die Aufregung wurde immer größer. „Der König siegt“, riefen schon die meisten. Und die auf ihn gewettet hatten, schrien: „Bravol Vorwärts! Weiter s o ! Bravo! Bravo!“

Und Zäpfel Kern stand noch immer vor dem Gebüsch (2) und kraute sich hinter den Ohren.

„Werft ihn mit faulen Äpfeln“, riefen einige. „Nein, mit faulen Eiern!“ riefen andere. Und: „Feigling! Jammerlappen! Trauerschneckei“ klang es wütend auf ihn zu.

Indessen sauste mit langen Schritten Felix der Lange, allen übrigen voran, die steile Holzwand (5) hinauf und mit einem prächtigen Sprung hinab. Von den fünfundzwanzig, die ihm folgten, gelang nur noch fünfen der Sprung; die übrigen purzelten wie Kegelkugeln durcheinander und hielten es für geraten, die wilde Jagd aufzugeben.

Und immer noch stand das Kasperle mit traurigem Gesicht hinter dem Gebüsch (2) und guckte sich um und mußte es mit ansehen, wie der König, den fünfen wohl zwanzig Meter voran, bereits durch das Dornendickicht (6) hüpfte. Kein Zweifel: in we

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is*

nigen Minuten mußte Felix der Lange bei ihm sein, die ganze Bahn bereits einmal hinter sich, die Zäpfel Kern noch vor sich hatte.

„Geh nach Hause, Elender!“ riefen die Jungendem Kasperle zu. „Laß dich in Watte einwickeln, Muttersöhnchen! Kriech in ein Mauseloch, Faultier!“

Und es begannen einige wirklich, faule Eier und faule Äpfel nach ihm zu werfen.

Währenddessen blieben die fünf, die noch hinter dem König hergelaufen waren, jetzt zwischen den Dornen stecken. Die einen hingen direkt wie angespießte Schmetterlinge an den Weißdornbüschen,die anderen drückten sich beiseite.

„Der König hat schon gesiegt. Hurra! Hoch Felix der Lange!“ riefen alle Jungen, und da war auch wirklich der langbeinige Felix an Zäpfel Kern vorüber und zum zweiten Mal über das Gebüsch gesprungen, vor dem das faule Kasperle noch immer unschlüssig stand, nicht ohne ihm eine recht unkönigliche lange Nase gedreht zu haben.

Da aber, holla, nahm Zäpfel Kern einen Anlauf und setzte mit einem Sprung, dreimal so hoch wie das Gebüsch, flutschtewitsch über dieses weg und fing nun an zu laufen, daß es wahrhaftig eher ein Fliegen zu nennen war. Der König hatte die kleine Strecke zwischen dem Gebüsch (2) und dem Wassergraben (3) noch nicht halb durchmessen, da war Zäpfel schon über Nummer 4, 5, 6 und zum zweiten Mal über Nummer 1 und 2 gesprungen und machte über den Kopf des erstaunten Felix einen so gewaltigen Satz weg, daß der König vor Schreck stehenblieb. So kam es, daß Zäpfel Kern bereits zum dritten Mal die steile Holzwand übersprang, als Felix erst zum

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zweiten Mal an ihr hinaufkeuchte. Und als der König zum zweiten Mal durch das Dornendickicht hüpfte, da lief das Kasperle, ihm zum Spott, ganz gemütlich auf den Händen durch das Ziel.

Er hatte also Felix den Langen um eine ganze Bahnstrecke geschlagen.

Der Beifall, der sich schon erhoben hatte, als Zäpfel Kern über den König weggesprungen war, und der, je weiter das Kasperle den König überflügelte, immer an Stärke zugenommen hatte, wurde zum Sturm, zum Toben, zum Orkan, und als Zäpfel Kern auf den Händen durchs Ziel lief, da war kein Halten mehr: alle Jungen sprangen über die Schranken und wälzten sich wie ein brüllendes Meer zum Königszelt, und alles schrie, johlte, jubelte: „Es lebe Zäpfel der Erste, der König von Spielimmerland!“

Und ehe noch der abgesetzte König herbeikeu-

chen konnte, von gellendem Pfeifen und höhnischem Gelächter begrüßt, saß das Kasperle bereits auf dem Thron, die Krone auf dem Kopf, den Königsmantel um die Schultern gelegt, in den Händen Zepter und Reichsapfel von Spielimmerland.

Und er erhob sich und sprach: „Ruhe, wenn ich bitten darf! Ruhe und Anstand! Was ist das für eine Art, einen ehemaligen König mit Pfeifen und Lachen zu begrüßen? Das gefällt mir schlecht! Denn auch einer gefallenen Größe gebührt Achtung! — Komm zu mir, langer Felix! Der König von heute wünscht den König von gestern zu umarmen, als ein Zeichen, daß er nicht sein Feind ist, sondern sein Freund! Und euch, Bürger von Spielimmerland, fordere ich auf, während ich unsern verehrten Exkönig in meine königlichen Arme schließe, zu rufen: Hoch lebe Felix der Lange, der ruhmreiche König a. D.! Was man mit Beinen aus Fleisch und Knochen leisten kann, hat er geleistet. Daß er gegen Tannenholz nicht auf-kommen konnte, ist keine Schande für ihn. Sein Andenken wird in der Geschichte von Spielimmerland in Ehren und Ruhm dauern!“

Diese Rede machte den denkbar besten Eindruck, nicht zum wenigsten auf Felix den Langen, der vor Rührung weinte, während ihn Zäpfel Kern umarmte und die Jungen ihn hochleben ließen.

Und das Kasperle duldete es nicht anders: Felix mußte neben ihm in der Muschelkutsche sitzen, als er in das Königsschloß fuhr.

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Am Abend dieses denkwürdigen Tages war natürlich Fackelzug und Zapfenstreich, und es gab

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das berühmte Krönungsbier, das genau wieHimbeer-limonade schmeckte. Ein Chor, gebildet aus den besten Sängern, sang die neue Königshymne, die Spin-nifax, der neue Reichskanzler, gedichtet hatte. Sie hatte folgenden Wortlaut:

Heil, König Zäpfel, dir,

Spielimmerlandes Zier,

Heil, Zäpfel, dirl König aus Tannenholz,

Spielimmerlandes Stolz,

Dir huld’gen wir!

Ruhm sei und Ehre dein! Tannenholzwunderbein Holt niemand ein!

Drum soll das Königsbier Voller Verehrung dir Dargebracht seinl

Trinkt es, o trinkt es aus!

Setzt euch zum Krönungsschmaus,

Ruft mit Gebraus:

„Heil, König Zäpfel, dir, Spielimmerlandes Zier,

Kasperle, raus!“

Auf diesen tausendstimmigen Ruf hin erschien Zäpfel Kern auf dem Balkon und hielt, wie es in Spielimmerland Sitte war, gleich seine Thronrede.

Sie lautete, oft von Zustimmung unterbrochen, folgendermaßen:

„Meine Lieben und Getreuen! Ich danke euch für eure gute Gesinnung und trinke auf euer Wohl den Königsbecher voll Krönungsbier aus. (Bravo!) Möge

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euch meine Regierung so süß sein wie dieses vortreffliche Getränk, von dem, nebenbei gesagt, hundert Tonnen zur allgemeinen Verfügung stehen. (Bravo! Sehr gut! Es lebe der König!) Sodann habe ich euch um Entschuldigung dafür zu bitten, wenn ich jetzt die Krone ab- und meinen Kasperlehut wieder aufsetze. Aber, seht, diesen Hut hat mir meine gute Mama selber gemacht, und von dem möchte ich mich nicht trennen. (GroßeRiihrungauf allen Seiten.) Auch ist ein Marderschwanz daran, der mich an eine zwar unkönigliche, aber nicht unwürdige Situation in meinem Leben erinnert. Ich bin nämlich, wie ihr wißt, nicht immer König gewesen, und ich glaube, es ist für einen König ganz gut, sich daran zu erinnern. (Sehr richtig!) Indessen, jetzt bin ich König, und so will ich mich auch als König benehmen. — Alle eure Rechte bestätige ich euch in Huld und Gnaden. (Bravo! Es lebe der König!) Auch künftighin wird es keine Schulen, keine Lehrer, keine Arbeit in diesem Lande geben. (Tosender Beifall und Rufe: Nieder die Schule! Nieder die Lehrer! Nieder die Arbeit!) Wir sind und bleiben ein freies Volk überzeugter Faulenzer und Tagediebe. (Es lebe die Freiheit! Es lebe die Faulheit!) Aber, meine lieben Spielkameraden, auch das Spiel hat seine Grenzen! (Gemurmel und Fußgetrampel: Nein! Nein! Nein! Nein!) Doch! Da ihr jetzt ein Kasperle zum König habt, müßt ihr auch auf das Kasperletum Rücksicht nehmen! (Wieso?) Es geht fürderhin nicht an, daß beim Kasperletheaterspielen das Kasperle eine komische Figur ist. Von jetzt ab muß jedes Kasperle als König dargestellt werden. Das seid ihr meiner Herkunft schuldig. (Das ist richtig! Jawohl!) Ich sehe mit Vergnügen, daß ihr

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vernünftig seid, und will euch deshalb nicht weiter mit einer langen Rede mopsen. (Bravo! Es lebe der König!) Wir wollen jetzt lieber alle zusammen ordentlich Ananaseis mit VanillewalTeln schnabulieren! Wer lieber Vanilleeis mit Ananaswaffeln essen will, hat meine königliche Erlaubnis dazu. In meinem Reich darf sich jeder nach seinem Geschmack satt essen.“ Dieser Schluß wurde allgemein für das Beste an der ganzen Thronrede gehalten und entfesselte gewaltigen Beifall. Mit Musik und unter Entzündung zahlloser bengalischer Flammen begab man sich in ein ungeheures Zelt, wo ganze Berge von Ananas- und Vanilleeis und ganze Wagenladungen von Waffeln in der heitersten Stimmung verzehrt wurden.

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Erst gegen Mitternacht wurde König Zäpfel Kern von seinen getreuen Untertanen mit einem nochmaligen Fackelzug zum Schloß zurückgebracht, und noch als er einschlief, tönte es in seinen Ohren:

Heil, König Zäpfel, dir, Spielimmerlandes Zier,

Heil, Zäpfel, dirl

Siebenunddreißigstes Kapitel

Mit welcher sonderbaren Zierde der König von Spielimmerland erwacht

Am nächsten Morgen wurde seine Majestät Zäpfel der Erste durch die Klänge der YVachtparade geweckt, und er wollte schon seinen Kammerdiener herbeiklingeln, daß er ihn anzöge, da fiel sein Blick auf den großen Spiegel, der an der Seitenwand des königlichen Bettes angebracht war, und er ließ sogleich vor Schrecken das seidene Klingelband fallen.

An seinem Kopf war eine Veränderung vor sich gegangen, die fürchterlich war.

Man erinnert sich wohl noch, daß Meister Zorntiegel anfangs vergessen hatte, dem Kasperle ein paar Ohren anzusetzen. Das war ein Mangel gewesen, dem aber aufs anständigste abgeholfen worden war. Zäpfel Kern hatte, wie wir wissen, ein paar nette, sehr niedliche Ohren erhalten, und er war immer etwas eitel auf seine kleinen öhrchen gewesen. Und nun, entsetzlich, erblickte er an deren Stelle zwei ungeheure haarige Ungetüme, von denen er

i


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nichts anderes sagen konnte, als daß es zwei ausgewachsene Eselsohren waren.

„Hoffentlich träume ich das bloß“, sagte Zäpfel zu sich selber; „ich habe zu viel Krönungsbier getrunken, und die Folge davon ist, daß ich so abgeschmackt träume.“ Und er kniff sich in die Ohren, um zu sehen, ob er wirklich wach wäre. Hilf Himmel! wirklich! es tat weh! Er träumte also nicht!

Sein Schreck war furchtbar. Ein König mit Eselsohren! Das war ja ganz unmöglich! Was tun!? Was tun!?

„Ah! Ich werde meinen Leibarzt rufen! Er soll sie mir abschneiden!“

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Und er rief zur Tür hinaus, ohne sie zu öffnen (denn es durfte ja niemand sehen, wie entstellt er war): „Holt meinen Leibarzt!“

Eine Stimme antwortete: „Majestät geruhen zu scherzen. Wie sollte es unter uns einen Arzt geben, da es unser Stolz ist, nichts gelernt zu haben. Befehlen Eure Majestät lieber, welches Spielzeug ich bringen soll.“

„Geh zum Kuckuck mit deinem Spielzeug!“ schrie Zäpfel Kern, dem jetzt eine Ahnung aufstieg, welche Folgen es hat, wenn Kinder nichts lernen wollen.

„Oh! Oh! Oh!“ tönte es mißbilligend von draußen. Zäpfel Kern aber sah, daß seine Ohren noch länger wurden, und immer haariger, und immer steifer, und es ergriff ihn Verzweiflung.

Laut weinend und den Kopf in den Kissen des Bettes vergrabend, schluchzte er: „Ach! wäre jetzt doch Frau Dschemma bei mir, meine liebe Mama, oder wenigstens Fräulein Täubele, die damals meine lange Nase klein gemacht hat, oder meinetwegen auch Professor Doktor Maikäfer, der ein so gelehrter Arzt ist.

„Der ist da“, ertönte eine summende Stimme, und richtig, als Zäpfel aufsah, erblickte er den gelehrten Maikäfer in der Tracht eines Arztes, wie damals in Fee Dschemmas Schloß, an seinem Bett.

„Ach, lieber Herr Professor, sehen Sie nur! Was ist denn das?“ jammerte unser Kasperle.

„Das sind ein paar Eselsohren“, antwortete trok-ken der Maikäfer.

„Ja, aber was soll ich denn damit?“

„Wackeln.“

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„Wa ... wa ... wa ... rum denn?“

„Weil du als Esel gehandelt hast, indem du fortgelaufen bist, und nun auch äußerlich nach und nach ganz und gar ein Esel werden wirst.“

„Ich, der König . ..?“

„Ja, du, der König dieser Esel von Jungen, die auch alle miteinander einmal richtige Esel werden. Denkst du denn das geht ewig so fort, das Spielen und Unsinn treiben? Dabei vereselt erst das Innere, dann die Ohren und schließlich alles übrige. Zu keinem ändern Zweck hat euch ja dieser Doktor Schlaumeier hierhergebracht! Dieses ganze Land ist nichts als eine Gründung von ihm, der der größte Schlaumeier und Eselhändler der Welt ist. Von ihm wird hier alles unterhalten, ihm gehören alle diese Buden und Spielplätze, und er führt aus allen Ländern die dümmsten Jungen hierher, daß sie zu Eseln werden, die er dann teuer genug verkauft.“

„Das ist nicht wahr!“ schrie Zäpfel Kern auf. „Geh oder fliege hinaus, oder ich schmeiße dir meine Krone an den Kopf wie damals den Hammer.“

„Bemühe dich nicht!“ antwortete der Maikäfer, „ich gehe schon von alleine! Du wirst zeitig genug merken, wie recht ich habe.“

Und er wurde kleiner und kleiner und kleiner, und schließlich so klein, daß er zum Schlüsselloch hinauskriechen konnte.

Zäpfel Kern aber, wie von einem Fieber geschüttelt, zog sich hastig an (aber nicht als König), stülpte seinen Kasperlehut über die Ohren, so daß sie ganz verdeckt wurden, und ging stracks zur Tür hinaus und einen Korridor entlang bis zu einer zweiten

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Tür, an der geschrieben stand: Fürst Spinnifax, Reichskanzler.

Zäpfel Kern klopfte heftig, und von drinnen erklang eine weinerliche Stimme: „We . . . we .... wer ist da?“

„Ich, der König.“

„Ei . . . ei . . . einen Augenblick“, antwortete die Stimme.

Dann öffnete sich die Türe, und Spinnifax wurde sichtbar, mit einer großen Zipfelmütze auf dem Kopf.

„Empfängst du deinen König in der Schlafmütze?“ herrschte ihn Zäpfel an. ,

„Ich bitte um Verzeihung, Ma . . . ma .. . ma ... jestät, ich habe Rheu .. . Rheu .. . Rheumatismus.“ „An den Ohren?“

„J—a.“

„An beiden?“

„J—a.“

„So zeig mir deine Ohren!“

„Da . . . da . . . das geht nicht.“

„Warum nicht?“

„Wei. .. wei... weil ich sie verbunden habe.“ „Womit denn?“

„Mi . . . mi . . . mit Pelz.“

„Aha! ich weiß schon ... Ach Spinnifax! Spinnifax! Was für Esel sind wir gewesen.“

„I—a, i—a, i—a!“

Und plötzlich mußte auch Zäpfel Kern schreien: „I—a! I—a! I—a!“

Man hätte wirklich glauben können, nicht in einem Königsschloß, sondern in einem Eselsstall zu sein.

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Plötzlich rief Zäpfel Kern: „Du, Spinnifax! Was machst du denn? Du gehst ja auf allen vieren!“ „Und du, Majestät, du kriegst ja lauter graue Haare?!“

„Herrje! Spinnifax, du hast ja einen Eselsschwanz?!“

„Und du eine Eselsschnauze!“

„Du bist überhaupt ein Esel!“

„Und du mein Bruder!“

Und der König und der Reichskanzler fuhren mit wildem I—a! I—a! aufeinander los und bissen sich mit ihren großen Eselszähnen und schlugen gegeneinander aus und peitschten einander ihre Eselsschwänze um ihre Eselsohren.

Da erklang von draußen eine rauhe Stimme und rief: „Ruhe, ihr Bestien! Oder ich lasse euch meine Peitsche kosten!“ Es war die Stimme Doktor Schlaumeiers.

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Achtunddreißigstes Kapitel

Was der große Esel Zäpfel Kern alles ausstehen muß

Doktor Schlaumeier, nicht mehr so lustig angezogen wie früher, auch nicht mehr so freundlich lächelnd, trat ein und knallte heftig mit einer langen Peitsche. Dann sprach er: „So! Nun sind wir soweit! Nun seid ihr reif! Marsch hinaus und über die Hintertreppe hinunter auf den Markt!“

Spinnifax und Zäpfel Kern, störrisch, wie Esel nun einmal sind, klemmten die Schweife zwischen die Beine und rührten sich nicht.

„Ihr wollt nicht?“ brummte Doktor Schlaumeier, „das hab ich mir gedacht! Freilich, wenn man ein König ist und ein Reichskanzler! Hahahaha! Aber vielleicht geht’s, wenn ich Seiner Majestät einen Fußtritt gebe und Seiner Durchlaucht einen saftigen Peitschenhieb über die Ohren.“

Kaum gesagt, so auch schon getan.

Au! wollte Zäpfel Kern schreien, aber es kam nur ein schreckliches Eselsgebrüll aus seinem Mund, — ich wollte sagen seiner Schnauze.

Dann setzten sie sich in Trab, nicht ohne wehmütig die noch nicht zu Eseln gewordenen Jungen ihre Spiele treiben zu sehen.

Aber Doktor Schlaumeier tröstete sie: „Denen geht’s allen einmal so wie euch. Jeder Faulpelz kriegt einen Eselspelz. Es gibt kein besseres Geschäft als meines.“ Und er trieb sie über die Grenze von Spiel-immerland zum Eselsmarkt.

Spinnifax wurde von einem Müller gekauft, dem

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sein Mehlsackesel gestorben war, aber für Zäptel Kern fand sich ein Käufer in der Person eines Zirkusdirektors. Der warf ihm ein Seil um den Hals und schleppte ihn in die Stadt.

„Hast du Hunger, Zäpfel?“ fragte er ihn (denn Doktor Schlaumeier hatte ihm Zäpfel Kerns Namen gesagt).

„I—a!“ antwortete Zäpfel.

„Also, dann friß die Disteln da! Es gibt nicht immer so was Feines.“

„Disteln?“ sagte Zäpfel Kern auf eselisch (denn er konnte nicht mehr wie ein Mensch reden, aber der Direktor verstand die Eselsprache). „Disteln? Die stechen mich ja im Mund!“

„Also dann friß Heu, du Feinmaul!“

„Heu? Das ist ja labberig.“

„Na, also dann Stroh, das ist kerniger.“

„Stroh? Das kann ich nicht verdauen.“

„Dann werde ich dich verhauen, denn Hühnerfrikassee habe ich nicht.“

Und er zog ihm eins mit der Peitsche über, daß Zäpfel Kern glaubte, er müsse vor Schmerz hinfallen. Dann aber machte er sich sogleich über die Disteln her, und merkwürdig — er fand sie gar nicht übel,

und auch das Heu schmeckte ihm ganz gut, — nur durfte er dabei nicht an Schlagsahne denken.

Aber viel schlechter als Disteln und Heu, ja schlechter selbst als Streu und Häcksel schmeckte die Arbeit, die dem armen Esel Zäpfel Kern nun zugemutet wurde, und mehr als einmal dachte er sich: „Ach wie war dagegen das Lesen und Schreiben und Rechnen süß.“

Denn er mußte lauter Dinge tun und lernen, die für Esel bitter schwer und unangenehm sind: durch Reifen springen, auf den Hinterfüßen stehen und Walzer und Polka tanzen.

Unzählig viele Hiebe waren nötig, ehe er dies erlernte, und manchmal hatte er mehr Schwielen auf seinem Rücken als Strohhalme in der Krippe.

Böse, böse, böse Zeit! Und sie dauerte furchtbar lange: bis er endlich so weit war, daß er in einer Vorstellung auftreten konnte.

Aber eines Tages klebten an allen Straßenecken bunte Zettel, auf denen zu lesen stand:

Aditungl    Achtung!

Heute zum ersten Male der berühmte Esel aller Esel:

ZÄPFEL KERN,

genannt der Uber-Esel.

Kommt, seht und staunt!

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Und am Abend dieses Tages war der Zirkus festlich erleuchtet, und es schien, als ob alle Kinder der Stadt, Jungen und Mädchen, gekommen wären, Zäp-fel Kern, den Überesel, zu bewundern, denn alle Plätze von oben bis unten waren voll besetzt mit Kindern, deren Augen vor Erwartung fast noch mehr leuchteten als die festliche Beleuchtung.

Mit welchen Empfindungen das vereselte Kasperle diese fröhliche Kinderschar betrachtete, als es in den Kreis geführt wurde, wo es seine Kunst zeigen sollte, läßt sich denken. „Ach“, dachte sich Zäpfel, während er durch einen Peitschenhieb über die Beine veranlaßt wurde niederzuknien, „da könnte ich nun auch sitzen, wenn ich brav und fleißig gewesen wäre wie diese Kinder, und könnte den Kunststücken von Pferden und Eseln zusehen, statt selbst ein Esel sein und tanzen zu müssen. Welche Schande und welche Quall Wie mir die Knie wehtun! Und diese schreckliche Angst vor der Peitsche und all den schrecklichen Sachen, die nun noch kommen. Achl Achl Ach!“

Da knallte dicht an seinen Ohren ein Pistolenschuß, den der Direktor abgefeuert hatte, und zu Tode erschrocken sprang der Überesel auf, um mit gesträubten Haaren zu entfliehen, aber da fühlte er, wie sich das Gebiß auf seine Zunge klemmte, und er blieb mit schlotternden Beinen stehen.

Und nun begann die Vorstellung.

Der Direktor machte eine Verbeugungund sprach: „Meine Herren Jungen und Fräulein Mädchen! Sie sehen, welchen Respekt der berühmte Überesel Zäpfel Kern vor Ihnen hat. Nur deshalb schlottert er mit den Beinen. Gleich aber wird er Ihnen zeigen, daß

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er mit seinen talentvollen Gehwerkzeugen mehr kann als schlottern.Hoppla! Auf,Herr Überesel! Jetzt wird der Herr Kapellmeister eine Polka spielen, und Sie werden zeigen, daß auf der Welt niemand besser Polka tanzen kann als der Esel aller Esel, der Überesel Zäpfel Kern.“

„Wenn er nur wenigstens meinen Namen nicht nennen wollte“, dachte Zäpfel Kern. „Es könnte doch ein Bekannter von mir da sein ..Und er versuchte sich umzusehen, aber schon begann die Musik die Melodie zu spielen:

Siehste wohl, da kimmt er,

Große Schritte nimmt er,

Große Schritte nimmt er schon Der verrückte Schwiegersohn.

Und nach diesem Gassenhauer mußte der ehemalige König von Spielimmerland Polka tanzen!

Er tat es mit blutendem Herzen, und das allgemeine Beifallklatschen, das ihn belohnte, als er fertig war, hatte gar keinen Reiz für ihn.

Nun sprang ein Clown mit einer himmelblauen Nase im kreideweißen Gesicht herein, mit Hosen so breit wie Frauenkleider und einem großen grünen Regenschirm in der Hand. Diesen Clown, den die zuschauenden Kinder sehr lustig fanden, haßte Zäpfel Kern, denn keiner quälte ihn so wie dieser. Gleich bei seinem Auftreten stach er ihn mit dem Regenschirm, dann sprang er auf seinen Rücken und begann auf ihm herumzutanzen, daß Zäpfel Kern glaubte, alle seine Rippen würden brechen. Und dazu verhöhnte ihn der Kerl noch fortwährend, indem er sang:

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Hüh, mein Eselchen, hüh, mein Eselchen, hüh!

Du bist so wunderschön, wie man noch nichts gesehn, Du bist das aller-, allerschönste Eselsvieh.

Und dabei hagelte es Hiebe mit dem grünen Regenschirm auf Zäpfels Rücken. — Nein, das war unerträglich! Mochte kommen, was wollte: Zäpfel Kern beschloß, sich zu rächen. Er hob plötzlich beide Hinterbeine in die Luft und ließ den Clown über seinen Kopf weg einen unfreiwilligen Luftpurzelbaum in den Sand machen.

Die Kinder lachten laut auf und klatschten Beifall, denn sie glaubten, das gehöre zur Vorstellung, aber der Clown und der Direktor begannen wie wild auf Zäpfel Kern loszuschlagen, so daß sich dieser nun vor Schmerz vorn aufbäumte und mit den Vorderbeinen in der Luft herumfuhr, als schlüge er auf eine unsichtbare Trommel los. Das sah sich schon gefährlich genug an, aber es kam noch schlim-

Als Zäpfel Kern so mit erhobenem Kopf und mit in der Luft herumwirbelnden Vorderfüßen dastand, drang plötzlich Ananasgeruch in seine Nüstern; er blickte geradeaus und sah dicht vor sich in einer Loge Frau Dschemma sitzen, die eben ihr Maskendöschen geöffnet hatte. Dies sehen und einen Satz machen, um in die Loge zu springen, war eins.

Aber in demselben Augenblick wurde er am Gebiß zurückgezogen, so daß er sich in der Luft überschlug und einen furchtbaren Fall tat.'

Er hörte nur noch den durchdringenden Schrei einer Frauenstimme, dann verlor er das Bewußtsein und wurde an den Beinen aus der Manege gezogen.

Neununddreißigstes Kapitel Ein feuchtes Abenteuer

Erst am nächsten Morgen erwachte Zäpfel Kern aus seiner Ohnmacht, aber es war ein böses Erwachen. Seine beiden Hinterbeine schmerzten ihn furchtbar, und er hörte, wie der Direktor zum Clown, der gleichzeitig sein Stallknecht war, sprach:

„Mit der Kunst ist’s futsch bei dem. Beide Hinterbeine gebrochen. Wir wollen froh sein, wenn wir sein Fell bezahlt bekommen.“

„Recht ist der Bestie geschehen, der heimtückischen“, knurrte der Clown. „Das Genick hätt’ ich beinahe gebrochen! Na wart!“ Und der rohe Kerl gab dem armen leidenden Zäpfel Kern noch einen Tritt und trieb ihn, dem jeder Schritt ein Schmerz durch Mark und Bein war, auf den Markt.

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„Wer kauft einen lahmen Esel?“ rief er dort aus. „Für drei Mark ist er zu haben. So viel ist’s Fell wert.“ Ein schmutzig aussehender Mensch kam herbei, fühlte Zäpfel Kerns Fell an und sprach: „Schlechtes Fell! Hat zuviel Prügel gekriegt! Gehn ihm die Haare aus! Geb ich bloß zwei Mark!“

„Also fort mit Schaden“, sagte der rohe Stallknecht, gab Zäpfel Kern noch einen Tritt, nahm die zwei Mark und ging ab.

Und der Käufer murmelte in seinen Bart: „Will ihn gleich ersäufen und das Fell abziehen.“

„Habt doch Mitleid“, stöhnte Zäpfel Kern, „mit einer armen Kreatur! Laßt mich gesund werden,und ich will euch dienen, wozu ihr wollt! Nur nicht ersäufen! Nur nicht ersäufen!“

Aber der schmutzige Mensch verstand die Eselssprache nicht, und auch wenn er sie verstanden hätte, würde er sich nicht viel um Zäpfels Bitten gekümmert haben, denn sein ganzes Denken war auf nichts gerichtet, als ein Geschäft zu machen.

Und er trieb ihn zum Strand des Meeres, band ihm einen Strick um den Hals und an den Strick

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einen Stein und warf ihn ins Wasser. Dann setzte er sich auf einen Felsen, nahm eine Wurst aus der Tasche und aß sie. Und als er die Wurst gegessen hatte, nahm er eine Schnapsflasche aus der Tasche und trank sie aus. Und als er sie ausgetrunken hatte, legte er sich hintenüber und schlief ein. Und als er eine Stunde geschlafen hatte, wachte er auf und murmelte: „Jetzt wird der Esel wohl tot sein.“ Und leierte den Stein, an den er Zäpfel Kern gebunden hatte, herauf. Als er aber genug geleiert hatte, — wer erschien an der Oberfläche? Ein toter Esel?

Nein! Ein lebendiges Kasperle!

„He!“ rief der schmutzige Kerl: „Bist du mein Esel?“

„Ich war’s!“ rief Zäpfel Kern.

„War’s! Darauf pfeif ich! Mein Eselsfell will ich!“ „Hol dir’s doch!“

„Wo denn?“

Und Zäpfel Kern, der seine ganze gute Laune mit seiner Kasperlegestalt wiedergewonnen hatte, sang:

Seelachs, Seehecht und Seeforelle Fressen alle gern Eselsfelle,

Schlingen alles in ihren Bauch Und das Fleisch natürlich auch.

Jetzt vollführen sie einen Tanz Um den letzten Zipfel vom Eselsschwanz. Mich aber haben sie übrig gelassen: Tannenholz tät ihnen wenig passen.

Spuckte mich aus eine Haifischfresse,

Sagte, ich sei keine Delikatesse,

Sollte mich eilig zum Teufel scheren —

Tu drum Herrn Schmutzian beehren.

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„Davon verstehe ich bloß das eine“, erwiderte der verblüffte Fellhändler, „daß du ein ganz frecher Kerl bist, und daß meine zwei Mark beim Teufel sind.“

„Also will ich’s Ihnen erklären“, entgegnete Zäp-fel Kern. „Jawohl: Ich war ein Esel, und zwar war ich, als ich noch kein Esel war, ein viel größerer Esel als später, als ihr mich gekauft habt. Ich war sogar der Eselkönig! Daß mir dabei Eselsohren gewachsen sind und alles übrige dazu, damit geschah mir ganz recht. Hoffentlich geht’s allen kleinen zweibeinigen Eseln so, die nichts lernen und nur spielen wollen! Trotzdem war es eine große Gemeinheit, mich ersäufen zu wollen, und Euch geschieht es ganz recht, daß Ihr um Eure zwei Mark kommt.“

„Ich will nicht wissen, was du von meinem Geschäftsgebaren hältst, sondern wie es kommt, daß ich statt eines Esels ein Stück Holz am Seil habe.“

„Daran ist Frau Dschemma schuld, meine liebe, gute, einzige Mama, die, wie alle Mamas, ein gütiges, verzeihendes Herz hat und es nicht zuließ, daß ich so elend zugrunde gehen sollte. — Als Ihr mich ins Wasser warft, rief sie sofort ihren Leibdelphin an Ort und Stelle, und er rief seine Freunde aus der Familie Lachs, Hecht und Forelle herbei, daß sie das Eselhafte an mir wegfräßen. Ein unverschämter Haifisch wollte, wie ich bereits andeutete, auch meinen eigentlichen Kern, nämlich den richtigen Zäpfel Kern, nämlich mich, das berühmte Kasperle, fressen, aber wie ich schon die Ehre hatte, Ihnen vorzusingen: er hat mich ausgespuckt, und nun bleibt mir bloß noch übrig, Ihnen adieu zu sagen.“

„So? Meinst du? Ich nicht! Jetzt verkauf ich dich

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als Brennholz“, rief der üble Kerl und wollte Zäpfel Kern an sich heranleiern. Der aber warf ihm das Seil ins Gesicht und schwamm ins Meer hinaus.

Als er weit genug war, rief er: „Lassen Sie sich doch das Eselsfell als Mantel machen. Es muß Ihnen sehr gut stehen. Einen Eselskopf haben Sie sowieso schon.“

Wütend lief der Fellhändler davon und verlangte von dem Stallknecht seine zwei Mark zurück. Der wollte sie ihm nicht geben, und nun verprügelten die beiden scheußlichen Kerle einander so rasend, daß ein jeder sein wohlgemessenes und reichliches Teil empfing.

Indessen schwamm Zäpfel Kern tapfer auf die hohe See hinaus, glücklich, kein Esel mehr zu sein, und fest entschlossen, auch niemals wieder einer zu werden. Sein Hauptgedanke aber war: „Wie mach ich’s nur, daß ich wieder zu meiner guten Mama komme?!“

Und laut rief er aus: „Mama! Mama! wo bist du?“

Da sah er in der Ferne etwas Weißes. Das war

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eine Klippe, die aus dem Meer aufragte. Und auf der Klippe saß noch etwas viel Weißeres. Das war, hurra, hurra, ja: das war der Ritter Falk von Weißenschwingen, Frau Dschemmas getreuer Bote.

„Mach schnell! Mach schnell!“ rief der, „fühlst du nicht, daß hinter dir das Unheil jagt?“

Zäpfel Kern drehte sich um. Entsetzlich! Ein furchtbares schwarzes Ungetüm schwamm wie ein Berg hinter ihm her.

„Was ist das?“ schrie Zäpfel Kern.

„Der Walfisch. Mach! Mach!“

Und Zäpfel Kern schwamm aus Leibeskräften.

„Schneller! Schneller!“ rief der Falke. „Du mußt alle Kraft zusammennehmen, sonst bist du verloren.“ Zäpfel Kern schoß wirklich wie ein Pfeil durchs Wasser. Kein Torpedoboot kann schneller fahren.

„So ist’s recht. So ist’s gutl“ rief der Falke. „Nur noch ein paar Stöße.“

Und wirklich: Zäpfel Kern ergriff schon die Klippe mit den Händen ,— da, ein Schnapp! und es wurde dunkel um ihn: Der Walfisch hatte ihn verschlungen.

Vierzigstes Kapitel Licht im Dunkeln

„Was ist denn das?“ schrie Zäpfel Kern. „Gibt’s denn hier keine Straßenbeleuchtung? Wo dreht man denn hier das elektrische Licht an?“

„O! O! 0! Rrrr!“ knurrte etwas in der Nähe, das an ihn anstieß.

„Bitte, schubsen Sie nicht, Herr Rrrr! Stellen Sie sich lieber vor“, sagte das Kasperle.

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„Mein Name ist Knurrhahn, Seefisch und Bauchredner“, knurrte die Stimme. „Sie sind offenbar fremd hier, sonst hätten Sie mich an meinem Organ erkannt. Auch scheinen Sie nicht zu wissen, was Ihnen bevorsteht, sonst würden Sie nicht nach Licht verlangt haben. Seien Sie froh, daß Sie im Dunkeln verdaut werden.“

„Verdaut? Wieso?“

„Ja, glauben Sie denn, der Walfisch hat uns verschluckt, bloß damit wir in seinem Maul spazieren schwimmen? Mit seinem nächsten Atemzug saugt er uns in seinen Magen, und dann Prosit die Mahlzeit — für ihn! Wir werden dann keine Gelegenheit mehr bekommen, zu Mittag zu essen. Wir werden uns in seinem Magensaft auflösen. Höchst unangenehm das!“ „Das wollen wir erst mal sehen, ob er Tannenholz verdauen kann!“ bemerkte Zäpfel Kern. „Aber was Sie betrifft, Kerr Knurrhahn, so sollten Sie froh sein, in den Bauch des Walfisches zu kommen, wo Sie Gelegenheit haben, sich nun in doppeltem Sinn als Bauchredner zu produzieren.“

„Sie sind ein frivoler Geselle“, knurrte der Knurrhahn und schoß in eine andere Straße des Walfischmaules, das heißt, er bog um den nächsten Zahn des Ungetüms.

Zäpfel Kern aber kletterte an einem hohlen Zahn in die Höhe, der ihm hoch wie ein Kirchturm zu sein schien, und er setzte sich an den Rand dieses Kraters, denn es war ein wahrer Kraterschlund, der die Höhlung dieses Zahnes bildete.

„Zahnärzte scheint es hier auch nicht zu geben“, sagte Zäpfel Kern vor sich hin, „sonst hätte sich das

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Seeungeheuer wohl diesen hohlen Zahn plombieren lassen.“

In diesem Augenblick ertönte aus der Tiefe des hohlen Walfischzahnes eine ihm bekannte Stimme. Es war der Leibdelphin der Fee Dschemma, der also

sprach: „Es ist doch unglaublich! Statt vor Angst zu sterben, machst du faule Witze!“

„Grüß Gott!“ rief Zäpfel in den Abgrund hinab. „Ich wußt’ es ja, daß ich hier Bekannte treffen würde. — Aber du irrst dich, wenn du meinst, daß mir vergnügt zumute ist. Weißt du, ich tu’ bloß so, als wäre ich lustig. Soll ich etwa weinen und heulen? Scheußlich genug ist es ja hier, und wenn ich an den Magensaft denke, in dem ich mich auflösen soll,

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wird mir übel, aber was ein richtiges Kasperle ist, stellt sich wenigstens fidel, wenn es auch nicht fidel ist, und dann, — siehst du: im Vergleich zu meiner Verbannung in die Eselshaut ist es hier im Grunde ganz erträglich. — Die Hauptsache aber ist: ich bin voll Vertrauen auf die Hilfe unserer guten Frau Dschemma! Ich weiß es ganz gewiß, meine gute Mama verläßt mich nicht.

„Das ist ein gutes Wort, mein Junge!“ rief der Delphin aus, „und zur Belohnung dafür will ich dir etwas Schönes sagen. Ja, Zäpfel Kern, unsere liebe Frau Dschemma, deine gute Mama, will dich nicht verlassen, doch mußt du dich erst als einen tapferen Burschen und guten Sohn beweisen. Wisse: dies ist der Walfisch, der deinen Vater verschlungen hat, und heute, jetzt noch lebt der gute Alte im Innern dieses Ungetüms. Willst du ihn retten?“

„So wahr ich ihn und meine liebe Mama von Herzen liebe!“

„Sehr schön, mein Junge, aber bedenke wohl: es kann dich dein Leben kosten!“

„Von wem habe ich denn mein Leben, wenn nicht von meinem guten Papa, dem großen Meister Zorntiegel? Gerne setze ich es aufs Spiel für ihn.“

„Sehr löblich, liebes Kasperle. Aber ich darf es dir nicht verhehlen: es ist nicht sehr wahrscheinlich, daß du mit dem Leben davon kommst, wenn du dich dorthin wagst, wo jetzt dein Papa ist. Dagegen kannst du augenblicklich die Freiheit gewinnen, wenn du darauf verzichtest, ihn retten zu wollen. Du brauchst dich nur auf meinen Rücken zu setzen, und ich schwimme mit dir hinaus aus dem Rachen des Untiers ins Meer und bringe dich zur Insel Goldboden.“

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„Pfui! Wie kannst du mir so was anbieten! Das hat dir unsre gute und schöne Herrin gewiß nicht aufgetragen! Nein! Lieber mit meinem lieben Papa tot, als ohne ihn lebendig!“

Wie das Frau Dschemmas Leibdelphin hörte, peitschte er so vergnügt in dem hohlen Zahn des Walfisches herum, daß der ganz locker wurde; dann rief er aus: „Glück auf den Weg! Gleich wird der Augenblick kommen, wo der Walfisch das Wasser einzieht, um die Tausende von Fischen in seinen Magen zu befördern, die jetzt mit uns in seinem Maul sind. Du könntest dich retten, indem du zu mir in die Zahnhöhlung sprängest; so aber, da du ein guter Sohn und tapferer Junge bist, machst du, wenn das große Rasseln des Einatmens ertönt, einen Hechtsprung kopfüber in die Strömung und läßt dich mit in das Innere des Ungeheuers saugen. Vielleicht ist es dir bestimmt, dort mit den Fischen zugleich zu verderben. Dann bist du als ein Held gestorben, Zäp-fel Kern! Vielleicht aber gelingt es dir, ein kleines Licht zu erblicken. Auf dies schwimm mutig los! Du wirst dann ein Schiebefensterchen sehen. Dies schieb in die Höhe und kriech in die Öffnung hinein! Mehr kann ich dir nicht sagen. Behüt’ dich Gott, mein tapferer Bursch! Ich hoffe, daß wir uns Wiedersehen!“ Kaum hatte der Delphin seine Rede beendet, da kündete auch schon ein furchtbares Gurgeln und Rasseln an, daß der Walfisch das Geschäft des Einatmens begann. Sofort stürzte sich Zäpfel Kern vom Rand des Zahnes in die Strömung, von der er sich augenblicklich, umdrängt von einer ungeheuren Anzahl zappelnder Fische, rasend schnell fortgezogen fühlte, einer noch dunkleren Höhlung zu, die sich im-

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mer mehr und mehr verengte, bis es so enge wurde, daß Zäpfel zu ersticken glaubte. Denn er wurde jetzt mit den ihm zunächst befindlichen Fischen zu einer Masse zusammengequetscht. Indessen, während die Fische, deren weiches Fleisch keinen Widerstand leisten konnte, dabei zugrunde gingen, gelangte Zäpfel Kern dank seiner tannenholzenen Leiblichkeit glücklich durch die Schlundenge des Walfisches in den Walfischbauch und: Hurra! sofort sah er in dessen Hintergrund das gemeldete Lichtchen flimmern. Mit gewaltigen Stößen seiner Arme und die Beine mit der Gewandtheit eines Frosches auseinanderschnellend schwamm er drauf zu und war in weniger als fünf Minuten bei dem Fensterchen angelangt, das er sofort in die Höhe schob, um dann sogleich durch die Fensteröffnung in den Raum zu kriechen, den jenes Lichtchen spärlich genug erleuchtete.

Einundvierzigstes Kapitel

Auf welche ebenso schlaue wie heldenmütige Weise Zäpfel Kern seinen guten Vater Zorntiegel und sich selbst aus dem Bauch des Walfisches rettet

Ah, wie herrlich! In diesem Raum war es trok-ken! Schleunigst ließ Zäpfel Kern das Schiebefenster wieder fallen und sprang auf den Boden. Merkwürdig: es war hölzerner Boden!

Aber Zäpfel Kern hatte keine Zeit, sich zu wundern. Jetzt mußte er zuerst seinem guten Papa um den Hals fallen.

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Ach, wie sah er ausl Ein unendlich langer Bart wallte an ihm herab, und selbst die gelbe Nudelhaarperücke war weiß geworden.

So saß er hinter einem brennenden Licht an einem kleinen Tisch und las die Bibel. Fast wäre er vor glückseligem Entzücken gestorben, als sich sein Zäpfele an ihn hängte und dann vor ihn hinkniete und sprach: „Verzeih! Ich habe so unrecht an dir gehandelt, und meine Schuld ist es, daß deine Haare weiß geworden sind.“

Aber Meister Zorntiegel beugte sich über ihn, gab ihm einen langen Kuß auf die Stirn und einen längeren auf den Mund und sprach: „Du bist da, und so ist alles gut und alles verziehen. — Ach, mein Zäpfele, wie glücklich bin ich, daß meine alten Augen dich noch einmal sehen, ehe sie sich für immer schließen. Denn nun muß bald gestorben sein.“

18 Zipfel Kern

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„Nicht doch, Papa! Nicht gestorben!“ rief Zäpfel aus. „Ich bin gekommen, dich zu retten!“

Aber Meister Zorntiegel schüttelte den Kopf: „Nein, es ist zu spät, und fast reut mich meine Freude, dich wiedergesehen zu haben, denn nun mußt du ja mit mir sterben. Denn es ist kein Ausweg von hier, und alle Vorräte sind aufgezehrt.“

„Wo man hineinkommt, kommt man auch heraus“, sprach Zäpfel Kern. „Aber du sagtest: Vorräte. Hat der Walfisch eine Vorratskammer im Bauch?“ „Das nicht“, sagte Meister Zomtiegel, „aber ich habe in meinem Unglück ein wunderbares Glück gehabt, dem allein ich es verdanke, daß ich heute noch lebe. Denn, denke doch: ich bin ja seit einem Jahr im Bauch dieses Fisches.“

„Ja richtig, wie war denn das nur möglich?!“ rief Zäpfel aus und sah sich um.

„Was du hier siehst, mein Zäpfele“, begann Meister Zorntiegel langsam zu erzählen, „ist nicht das Innere eines Fisches, sondern das Innere der Kajüte eines Kriegsschiffes, das unser Gastwirt, denn so möchte ich den Walfisch nennen, gleichzeitig mit mir verschlungen hat. Ein glücklicher Zufall wollte es, daß bei diesem schrecklichen Verschlungenwerden mein armseliges Kähnchen im Tauwerk des großen Schiffes hängen blieb, und zwar just an einer Luke, die ich sogleich verschloß. Was aus der Bemannung des Schiffes geworden ist, weiß ich nicht. Ich weiß nur, daß ich alle Fenster und Türen fest verschlossen hielt und es so verhinderte, daß Wasser zu mir gelangen konnte. Dort die Tür hinter dir führt in die Vorratskammer des Schiffes, die Tür aber da vor uns führt zu einem Panzerturm mit einer Riesenkanone.

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Nun, mit der Kanone konnte ich nichts anfangen, aber die Vorratskammer war meine Rettung, denn sie war voll von Konserven, Schiffszwieback, Wein und auch versehen mit Lichtern und Zündhölzern. Und was nicht weniger als Glück zu preisen ist: auch diese Bibel fand sich dort und allerlei Handwerkszeug. So brauchte auch meine Seele nicht zu hungern, und auch meine Hände konnten sich beschäftigen. — Weißt du, was ich zuerst gemacht habe?“ „Nun, was denn?“ fragte Zäpfel Kern neugierig. „Einen Anzug für dich“, antwortete Meister Zorntiegel.

„Famos! Famos!“ rief Zäpfel aus, „den kann ich brauchen, denn ich bin, wie du siehst, fiserfaser-nackt. Hurra! HurraI Gleich zieh’ ich einen schönen Kasperleanzug an! Schade nur, daß kein Marderschwanz am Hut ist.“

„Marderschwanz? Wieso ein Marderschwanz?“ fragte Meister Zorntiegel.

Und nun erzählte Zäpfel Kern, während er sich anzog, die Geschichte vom Marderschwanz und überhaupt seine ganze Geschichte.

Aufmerksam hörte der Alte zu, dann sprach er: „Wunderbar hat dich Gott durch seine Fee, die gute Frau Dschemma, geleitet, die ja auch ich kennenlernen durfte. Nun aber, lieb Zäpfele, werden wir uns wohl an den Gedanken gewöhnen müssen, daß das Ende nahe ist. Du ja könntest vielleicht aus dieser Finsternis, wo wir nicht bleiben können, weil ich alles aufgezehrt habe, wieder ans Licht gelangen, obwohl ich das nicht zu glauben wage, aber ich — ich bin zu alt und zu schwach.“

„Nichts da!“ rief Zäpfel aus. „Du wirst gerettet,

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18"

und heute noch! — Ist Pulver bei der Kanone?“ „Was meinst du?“

„Pulver! Zum Schießen!“

„Gewiß! Eine ganze Kammer voll!“

„Und auch Geschosse?“

„Freilich! Ungeheuer große Zuckerhüte ausStahl.“ „Na also. Dann schießen wir einfach ein Loch durch unseren Gastwirt. Dann nehme ich dich auf meinen Buckel und schwimm’ mit dir ans Land.“ Meister Zorntiegel schüttelte den Kopf: „Du bist wahrhaftig mein echter Sohn, denn du hast Phantasie. Das aber, fürcht’ ich, wird doch nicht gehen.“ Aber es ging! Zäpfel Kern lud eine Kanone mit dem größten Stahlzuckerhut, schoß los und, pitsch! bum! krach! sauste der Zuckerhut durch den Leib des Walfisches.

Durch das dadurch entstehende Loch aber sprang Zäpfel Kern ins Meer, seinen guten Papa auf dem Rücken tragend.

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Zweiundvierzigstes Kapitel

Zäpfel Kern zeigt, daß er kein dummes Kasperle mehr ist

Draußen waren sie nun also, aber in Sicherheit deswegen lange noch nicht, und es wäre ihnen vielleicht doch noch übel ergangen, wenn nicht wieder zur rechten Zeit der gute Delphin aufgetaucht wäre, der gerade in dem Augenblick den Rachen des Walfisches verlassen hatte, als dieser, durch das Loch in seiner Seite wild geworden, höchst ärgerlich seinen Rachen auf riß und brüllte: „Was ist denn das für ein niederträchtiger Unfug? Hier zieht es ja!“

Hätte jetzt der Delphin unsere beiden Freunde nicht auf seinen Rücken genommen, so wärensie wahrscheinlich in dem fürchterlichen Aufruhr zugrunde gegangen, den das ungeheure, wütende Tier durch seine heftigen Bewegungen im Wasser verursachte. Auf dem Rücken des Delphins aber gelangten sie, wenn auch erst nach vielen Stunden und einigen Anfällen von Seekrankheit des guten Alten, glücklich ans Land, und es versteht sich von selbst, daß sie ihrem lebendigen Wasser automobil den herzlichsten Dank aussprachen. Zäpfel Kern gab dem Delphin sogar einen kräftigen und, wie man sich denken kann, saftigen Schmatz, obwohl das gute Schuppentier etwas tranig aus dem Schlund roch. Dann fragte er: „¥nd kannst du mir auch diesmal den Weg sagen, wie damals auf der Insel Goldboden?“ „Ei natürlich!“ antwortete der Delphin: „Immer der Nase nach, mein Zäpfele! Immer deiner schönen Kasperlenase nach!“

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„Na also, dann adieu, Onkel Delphin I Grüß deine liebe Frau Delphinin und alle deine Herren Söhne und Fräulein Töchter recht herzlich von mir und laß dich wieder mal sehen“, rief zum Abschied Zäpfel Kern, und der Delphin antwortete: „Werd’s aus-richten, gutes Kasperle, und Wiedersehen werden wir uns gewiß — das heißt, wenn du jetzt endlich wirklich gescheit geworden bist. Sonst siehst du mich nie wiederl“

„Wenn’s auf nichts weiter ankommt als auf meine Gescheitheit, dann habe ich sicher noch das Vergnügen“, antwortete das Kasperle, „denn gescheit bin ich jetzt kolossal.“

Dann wanderten Vater und Sohn tapfer drauf los ins Land hinein, wobei unser Zäpfel unausgesetzt darauf bedacht war, dem Alten das Gehen zu erleichtern.

So mochten sie etwa eine Stunde Weges hinter sich haben, als sie zwei elende Gestalten am Wege stehen sahen, die bettelnd die Hüte hinhielten und murmelten: „Ein Almosen, liebe Herren, bitte, bitte ein Almosen für einen alten lahmen Mann und eine alte blinde Frau.“

„Euch kenne ich doch?!“ sagte Zäpfel Kern. „Du bist der nichtswürdige Fuchs, der mich bestohlen hat, und du die nicht weniger nichtswürdige Katze, die ihm dabei half. Es scheint also, das Sprichwort ist wahr: .Unrecht Gut gedeiht nicht', und ,Wer anderen hat einen Rock genommen, ist meist ohne Hemde umgekommen'.“

„Es ist nur zu wahr“, antwortete der Fuchs.

„Nur zu wahr“, wiederholte die Katze.

„Und nicht nur, daß wir alles verloren haben, was

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wir dir und anderen stahlen, ich bin auch für meine Verstellung bestraft und wirklich lahmgebissen worden von einem schrecklichen Fanghund, namens Schnapps“, fügte der Fuchs hinzu.

„Daran erkenne ich meinen wertgeschätzten Freund Schnapps“, sagte einfach Zäpfel Kern.

„Und ich“, jammerte die Katze, „wurde vor lauter Sotun in der Tat auch wirklich blind.“

„Das kommt davon“, meinte Zäpfel Kern. „Leid tut mir’s ja, aber ich kann weder dir das Hinken noch dir das Blindsein wegkurieren. Ich habe jetzt mit meinem guten alten Papa zu tun, der mehr Anspruch auf meine Hilfe hat als ihr zwei Schufte. Euch kann ich nichts geben als den guten Rat: Packt euch weg und schert euch nach Hurrasien, wo man aus Räubern große Herren macht.“

„Ja, so lange einer Kraft hat zu rauben. Wir aber sind dort ausgewiesen worden, weil wir jetzt gebrechlich sind“, antworteten die zwei. „Bitte, bitte hilf uns doch! Nimm uns zu deinen Dienern an, wenn du sonst nichts für uns tun kannst. Wir wollen dir gewiß treu ergeben sein.“

Fast hätte ihnen Zäpfel Kern geglaubt, aber indem er sich alles überlegte, wie sich die beiden ihm gegenüber benommen hatten, mußte er doch zu der Überzeugung kommen, daß an ihnen Hopfen und Malz verloren war, und er sprach: „Wenn ich ein großer Herr wäre, dem’s nicht darauf ankommt, vorn und hinten bestohlen und betrogen zu werden, würde ich tun, was ihr von mir möchtet; schon, damit ihr seht, daß ich nicht rachsüchtig bin. Aber so: Nein! Ich kann mir den Luxus nicht leisten, Diebe

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als Diener zu nehmen. Fahrt ab, ihr Schufte! Zäpfel Kern ist klug geworden!“

Und die beiden drückten sich, indem sie murmelten: „Der ist wahrhaftig gescheit geworden!“ Meister Zorntiegel gab seinem Kasperle ganz recht: „Mitleid“, sprach er, „ist eine Tugend, aber es kann auch eine Dummheit sein und ein Unrecht an solchen, die es wirklich bedürfen. Wenn du einen ändern im Elend siehst, und du kannst ihm helfen, so tu es, auch wenn er möglicherweise deiner Hilfe nicht würdig ist. Indessen, wenn du ganz genau weißt, er ist ein Schurke, so heb deine Hilfe lieber für andere auf, die nicht jeden Augenblick bereit sind, sich selbst durch Schurkereien zu helfen.“

So gingen sie weiter und weiter, bis Meister Zorntiegel vor Müdigkeit nicht mehr gehen konnte.

„Ach, das Alter“, sprach er, „ist ein Elend! Ich kann nicht mehr! Hunger, Durst und Müdigkeit sind für einen alten Mann schlechte Weggesellen. Geh

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allein, Zäpfel Kern, und laß mich am Weg warten, ob jemand kommt, der mir hilft.“

Zäpfel Kern aber sprach: „Weißt du, Papa, du hast wohl recht, mich für einen Windbeutel und Leichtfuß zu halten; daß du mich aber für einen schlechten Kerl hältst, ist nicht recht von dir. — Mag kommen, was will, ich bleibe bei dir ... Übrigens sehe ich dort im Feld Rauch aufsteigen. Gewiß ist dort ein Bauernhaus. Ich spring’ schnell hin und schau’ nach.“

Und wie der Wind eilte er davon.

Keine drei Minuten vergingen, und er war wieder da, mit freudestrahlendem Gesicht. „Komm“, rief er schon von weitem, „es ist wirklich ein Bauernhaus, und eine Stimme hat mir geantwortet, daß wir eintreten dürfen. So findest du wenigstens einen Stuhl, dich zu setzen.“

Als sie aber an das Haus kamen, fanden sie es verschlossen, und als Zäpfel Kern klopfte, rief eine dünne Stimme: „Ich hab’ mir’s anders überlegt. Für Zäpfel Kern ist hier kein Eintritt.“

„Kennst du mich denn?“ fragte Zäpfel Kern.

„Wie sollte ich meinen Mörder nicht kennen“, antwortete die Stimme.

„Erlaube mal“, antwortete Zäpfel, „wenn ich dein Mörder bin, wie kommst du denn dazu, zu leben?“ „Das ist nicht dumm gefragt“, entgegnete die Stimme, „und für gescheite Fragen habe ich ebensoviel übrig wie für gescheite Antworten. Darum will ich dich wirklich hereinlassen, obwohl du es eigentlich nicht wert bist.“

„Meinetwegen kannst du mich gleich wieder hin-

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auswerfen“, antwortete Zäpfel Kern, „wenn du nur meinen guten Papa beherbergen willst.“

Die Tür ging auf, sie traten ein. Niemand war zu sehen.

„He! Wirtschaft“, rief Zäpfel Kern. „Wohnt hier der unsichtbare Herr Luft?“

„Nein!“ kam eine Stimme von der Wand. „Hier wohnt Professor Doktor Maikäfer, ermordet an einem stürmischen Maiabend von Zäpfel Kern und zum Leben wieder aufgeweckt an einem schönen Maimorgen von Frau Dschemma.“

„Dacht’ ich mir’s doch“, sagte Zäpfel Kern. „Der gelehrte Maikäfer, an dem ich so häßlich gehandelt habe, hört nicht auf, mir Böses mit Gutem zu vergelten. Aber ich verstehe jetzt die Mahnung, die darin liegt, Herr Professor.“

„Das wollen wir hoffen“, entgegnete der und stieg eine Treppe herunter, indem er einer langen Tabakspfeife dichte Dampfwolken entsaugte. Aber diese Wolken rochen nicht nach Tabak, sondern nach Ananas.

„Diesen Tabak haben Sie sicher von Frau Dschemma geschenkt bekommen“, sagte Zäpfel Kern.

„Allerdings“, antwortete der gelehrte Maikäfer.

„So ist also meine liebe Mama hier in der Nähe“, sagte Zäpfel Kern.

„Diese Folgerung ist nicht ganz richtig“, antwortete der gelehrte Maikäfer.

„Ach, sagen Sie mir doch, wo sie ist“, bat Zäpfel Kern.

„Sie wird sich dir zeigen, wenn sie es für gut befindet“, antwortete der gelehrte Maikäfer.

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„Ach“, meinte Zäpfel Kern, „wer weiß, ob sie mich noch mag.“

„Wer weiß“, sagte der Maikäfer und wackelte mit seinen Fühlern. „Aber“, fuhr er fort, „Meister Zorntiegel bedarf, wie ich sehe, der Stärkung. Es ist deine Pflicht, Zäpfel, ihm eine Labung zu verschaffen. Ich, der ich mich von Blättern und Tau nähre, habe natürlich nichts im Haus, aber nebenan, ein Viertelstündchen weit, wohnt ein Müller namens Klapperrad, der hat eine Kuh, und diese Kuh gibt Milch. Lauf hin und hol einen Topf voll.“

Und Zäpfel lief. Und er lief pfeilschnell, so daß er statt einer Viertelstunde nur fünf Minuten brauchte.

,,n’ Abend, Herr Klapperrad“, begrüßte er den Müller, der, über und über mit Mehl bestaubt, vor seiner Mühle stand, deren großes Rad, von einem klei-

nen Bach getrieben, sich fleißig drehte, ,,n’ Abend, n’Abend, bitte geben Sie mir einen Topf Milch.“ „Gerne, mein Sohn“, antwortete der Müller, „willst du einen Topf für fünf oder für zehn Pfennige?“ „Ach“, antwortete Zäpfel Kern, „am liebsten einen für zwanzig Pfennige, — nur habe ich leider kein Geld.“

„Hm ...“, meinte der Müller, „kein Geld ... das ist dumm . . ., aber mir scheint, du hast einen kräftigen Rücken, nicht?“

„0 ja! Ich glaube schon, daß er kräftig ist.“

„Na, dann kann uns beiden geholfen werden“, antwortete der Müller. „Ich habe noch zehn Säcke Mehl drüben abzuliefern beim Bäcker Winzigbrot, und mein Esel ist am Ende seiner Kräfte. Schlepp mir die Säcke, und du kriegst dafür einen großen Topf Milch.“

„Furchtbar gerne“, antwortete Zäpfel Kern.

„Na, na“, antwortete der Müller, „so furchtbar gerne wirst du das kaum tun, denn die Säcke sind schwer. Mein Eselchen liegt nicht umsonst im Sterben, und ein Esel hat mehr Kräfte als ein Junge.“ „Was ein Esel kann, kann ich auch“, sagte Zäpfel Kern und dachte mit Schrecken an seine Eselserlebnisse.

„Woll’n sehen!“ meinte der Müller.

Aber Zäpfel Kern schleppte richtig alle zehn Säcke zum Bäcker, und der Müller mußte ihn loben, denn das Kasperle brach fast zusammen unter der Last, und der Schweiß rann ihm in Strömen.

Als er den letzten Sack abgeliefert hatte und dafür einen großen Topf Milch in Empfang nahm, hörte

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er ein Stöhnen aus der Ecke und vernahm die auf eselisch gesprochenen Worte: „Zäpfel Kern! Zäpfel Kern! Siehst du mich denn nicht?“ Zäpfel ging der Stimme nach und erblickte ein armes, krankes Eselchen, das auf einer Schütte Stroh in der Ecke lag und kaum noch zum Gruß mit dem Schwanz wedeln konnte.

„Mein Gott!“ rief Zäpfel Kern und kniete an seiner Seite nieder, „du bist doch nicht

„Ja, ich bin Spinnifax“, antwortete der Esel, „ich bin der unselige Spinnifax, der nicht lernen wollte und sich dafür hat zu Tode arbeiten müssen als Esel. Ich sterbe, Zäpfel, ich sterbe! Ist das nicht ein trauriges Los? Wer mir das gesagt hätte, daß ich als Esel enden würde!?“

„Ach, du Armer“, sagte Zäpfel und schlang seine Arme um den Eselskopf. „Ich fühle, wie du leidest, aber ich kann dich trösten. Du endest nur als E s e 1. glaube mir. Auch ich habe als Esel geendet und noch dazu als Esel mit gebrochenen Hinterbeinen im Meer, angefressen von Fischen. Dann aber bin ich wieder i c h geworden! Glaube mir. so wird es auch mit dir sein. Du bist nur am Ende deiner Prüfungszeit als

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Esel. Ist dann das Eselhafte in dir tot, so wirst du wieder Spinnifax sein, aber nicht der alte dumme, sondern ein neuer gescheiter. Freue dich! Bald ist deine schlimme Zeit vorüber 1“

„Hoffentlich“, hauchte Spinnifax und legte sich schwach auf die andere Seite. Der Müller, der die Eselsprache nicht verstand, hatte mit Staunen gehört, wie Zäpfel mit dem Esel in Esellauten gesprochen hatte, und er sagte: „Was war denn das? Es scheint, du kannst nicht bloß wie ein Esel arbeiten, sondern auch wie ein Esel reden!“

„Ich bin“, antwortete Zäpfel, „ein Schulkamerad dieses Esels.“

„Was der Daus“, rief der Müller, „du bist also mit Eseln in die Schule gegangen!? Da wirst du nicht viel gelernt haben.“

„Reden wir nicht darüber!“ entgegnete Zäpfel, der sich schämte. „Versprecht mir lieber, den Esel zu begraben wie einen Menschen. Ich will dafür noch mehr Säcke tragen und überhaupt an seine Stelle treten, wenn ich dafür immer einen Topf Milch kriege.“

„Abgemacht!“ sagte der Müller.

Und so geschah’s. Tag für Tag schleppte Zäpfel Kern Sack für Sack zum Bäcker und erhielt dafür zum Lohn für seinen guten Vater einen Topf gute Milch.

Da Meister Zorntiegel aber auch essen mußte, galt es, auch Brot und Fleisch zu kaufen, und so arbeitete Zäpfel Kern, um das Geld dafür zu verdienen, auch beim Bäckermeister Winzigbrot.

Eines Tages traf er dort einen neuen Lehrjungen — und wer war das? — Spinnifax! „Siehst du wohl“,

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sagte Zäpfel Kern zu ihm, „das kommt davonl Wir wollten nicht ins Gimpelnasium gehen und sind dafür Bäckerjungen geworden.“

„Aber immer noch besser als Esel“, meinte Spin-nifax.

„Sehr richtig!“ antwortete Zäpfel. „Und überhaupt: Arbeit ist keine Schande, und ein richtiger Bäcker-junge wird ein tüchtiger Bäckergeselle, und ein tüchtiger Bäckergeselle wird mal ein tüchtiger Bäckermeister, und ein tüchtiger Bäckermeister braucht sich vor keinem König zu schämen.“

„Am wenigsten vor einem König der Tagediebe“, lachte Spinnifax.

„Schweigen wir davon, Herr Reichskanzler“, lachte Zäpfel Kern.

*

So ging Monat auf Monat in fleißiger Arbeit lustig dahin, und eines Tages fand Zäpfel Kern, daß er genug Geld erspart hatte, um sich das einzige zu kaufen, was ihm zu seinem Glück noch fehlte: einen Marderschwanz auf seinen Hut, denn das muß gesagt werden: Eitel war unser Kasperle noch immer.

Und so bat er seinen guten Papa um die Erlaubnis, in die Stadt gehen und sich diese haarige Zierde kaufen zu dürfen.

Meister Zorntiegel, der eine rechte Freude über sein fleißiges Zäpfele hatte, erlaubte es ihm, und das Kasperle machte sich munter auf den Weg.

Da hörte er es plötzlich neben, unter sich flüstern: „Zäpfel! Zäpfel! Warum so schnell?“

Und als er auf den Boden sah, erblickte er eine Waldschnecke, die den Kopf nach ihm erhob.

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„Bist du’s oder bist du’s nicht?“ sagte er.

„Freilich bin ich’s“, antwortete die Schnecke, deren Stimme immer noch verschleimt war.

„Und bist du noch bei Frau Dschemma im Dienst?“ „Ach, unsere gute Frau Dschemma wird bald keine Dienerin mehr brauchen.“

Zäpfel Kern erschrak furchtbar und fragte: „Sie ... sie ist doch nicht etwa krank? Sie . . sie wird doch nicht etwa sterben?“

Die Schnecke antwortete: „Ach, leider, leider geht es ihr schlecht, sehr schlecht. Sie ist aus Gram über dich krank geworden, und es fehlt ihr an Geld für die Medizin.“

„Da nimm“, rief Zäpfel Kern aus, „nimm, was ich habe. Gib es meiner lieben Mama und sag ihr: Morgen komme ich selbst! Denn ich muß jetzt gleich nach Hause, mit meinem Papa zu reden, was wir tun können.“

„Aber, dein Marderschwanz!“

„Ach, laß doch den Unsinn! Denkst du, ich will mich schmücken, während es meiner guten Mama schlecht geht!? Mach! mach! mach doch, du — Schnecke du!“ Da nahm — die Schnecke? — nein: da nahm — Fräulein Täubele? — nein: da nahm eine schneeweiße Taube Zäpfel Kerns Börse in den Schnabel und flog davon. Zäpfel Kern schaute ihr erstaunt nach und lief nach Hause.

„Schon zurück?“ fragte Meister Zorntiegel. „Und der Marderschwanz?“

„Nichts Marderschwanz, Papa! Morgen muß ich in die Stadt, unserer guten Frau Dschemma helfen.“

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Dreiundvierzigstes Kapitel

Wie Zäpfel Kern zu träumen glaubt und beim Erwachen nicht weiß, ob er geträumt hat — und damit Schluß

Als Zäpfel Kern am Abend dieses Tages sein Schlaflager aufsuchte, das nur aus einer Schütte Heu bestand und einem Bund Stroh als Decke darüber, da klopfte sein Herz heftiger denn je, und das Blut summte in seinen Schläfen, und das ganze Kasperle war wie im Fieber der Aufregung bei dem Gedanken: „Morgen gehe ich zu meiner Mama und helfe ihr, daß sie gesund wird!“

Aber da er auch an diesem Tag sich müde gearbeitet hatte, schlief er schließlich doch ein. Das Letzte was er sah, war die silberne Scheibe des Mondes, der durch sein Dachfenster zu ihm in seine kahle, ärmliche Kammer guckte. Wie er aber die Augen geschlossen hatte, sah er mehr:

Es rollte sich vom Mond eine silberne Strickleiter herunter, und auf dieser Strickleiter stieg gravitätisch Herr Löcklich herab in der ganzen Pracht seiner Leil)kutscherlivree. Und Herr Löcklich sprach: „Ich habe die Ehre, Ihre Feeliche Hoheit Frau Dschemma zu melden/4

Und es kam ein Glanz in die Kammer wie goldenes Morgenrot und ein Duft wie aus Ananasgärten, und in dem Glanze schwirrten schneeweiße Tauben, die sich überall hinsetzten, daß die ganze Kammer erfüllt war von Taubenflügeln im Morgenglanz. Mitten unter den Tauben aber saß Frau Dschemma.

19 Zäpfel Kern

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Und Frau Dschemma sprach: „Grüß dich Gott, mein liebes Kasperle, wie geht’s?“

„Gut geht mir’s, schöne Frau, aber meiner lieben Mama, der du ganz gleich siehst, geht’s schlecht, und daher geht es auch mir nicht gut.“

„Ei, Zäpfele, was redest du da! Ich sehe nicht bloß aus wie deine Mama, — ich bin es selbst!“

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„Und bist nicht krank?“

„Dein gutes Herz hat mich wieder gesund gemacht!“

„Und hast mich lieb?“

„Wie nur eine Mama ihr Kind lieb haben kann!“

„Mich böses Kasperle?“

„Bist ja kein böses Kasperle mehr, bist ein braves, tüchtiges, gutes Kasperle, und wenn du willst, wirst du überhaupt kein Kasperle, sondern ein Menschenkind sein.“

„Ich will, was du willst, Mama.

„Nein, Zäpfele, es soll ganz so sein, wie d u willst. Überleg dir’s rechtl“

Und Zäpfel Kern warf sich im Schlaf herum, unruhig, unsicher, hin- und hergewendet von ungewissen Gefühlen.

Endlich sprach er langsam und leise: „Mir scheint, Mama, es wäre besser, ich bliebe ein Kasperle. Mir ist, es wäre besser so. Ich bin ein Bäumchen im Wald gewesen, und der Waldvater, der uralte, der auch kein Mensch ist, hat mich in die Stadt gebracht als ein Stück Wald, und mein lieber Menschenvater hat mir vom Menschlichen nur die Kunst gegeben. — Nicht war, Mama, so ist’s?“

„Ja, mein Kasperle.“

„So hab’ ich also die Natur vom Wald, und die müßt ich doch verlieren, wenn ich ein Menschenkind würde?“

„Ja, das müßtest du.“

„Und wäre auch kein Kunstding mehr, kein Werk von Menschenkunst?

„Nein, denn ein Menschenkind ist kein Werk der Menschenkunst!“

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„So verlor’ ich ja alles, was ich bin, Mama: meine Natur und mein Kunstwesen?“

„Freilich!“

„Ach, Mama, — dann würde ich ja was ganz anderes!? Soll ich das wirklich wollen?“

„Du sollst nur, was du willst.“

„Und du bist nicht böse, wenn ich kein Menschenkind werden will?“

„Nicht im geringsten! Hör bloß auf dich! Denk nicht an mich!“

„Ich höre auf mich, Mama, und denke an dich! Und mir ist: das ist ganz das Gleiche. Oh, Mama, jetzt weiß ich’s: Auch du bist wie ich! Deine Natur ist zwar nicht aus dem Wald, aber sie ist aus dem Himmel, und auch du bist ein Wesen aus der Kunst der Menschen, wenn auch aus einer anderen Kunst.“ „Du fühlst etwas Richtiges, mein liebes Kasperle.“ „Und darum bist du wirklich und wahrhaftig meine Mama und wirst mir nicht böse sein, wenn ich, ein Kasperle, dein Kasperle bleibe!“ „Recht gesprochen, mein Kind!“ sprach die Fee und küßte Zäpfel Kern auf den Mund. „Bleib, was du bist: kein Menschenkind, aber ein Bild für Menschenkinder, von dem sie lernen mögen, indem sie darüber lachen!“

In diesem Augenblick kam der weiße Falke geflogen und schlug an die silberne Scheibe des Mondes mit dem Klöppel aus dem steinernen Palast der Fee, und der Mond wurde zu dem klingenden Schild an Frau Dschemmas Schloß, und dieses selbst baute sich im Himmel leuchtend auf, und. der Garten mit dem hohen Gitter aus eisernen Lilien rückte heran, und die Lindenallee schob sich herbei, und die große

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Eiche kam und der grüne Wald. Und in der Allee fuhr die himmelblaue Kutsche herbei mit den weißen Katzen, und Herr Löcklich saß auf dem Bock, und auf dem Ebenholzbrett hinten standen seine beiden Söhne. Und jetzt saß die Fee im Wagen und neben der Fee Meister Zorntiegel und ihnen gegenüber Zäpfel Kern. Und die Dackel-Soldaten standen am Tor und präsentierten, und General Bumbautz, der Schnauzei, senkte den Degen, und Schnapps war Portier und Kastellan, und Fräulein Täubele stand neben ihm am Tor. Und, als die Kutsche vorfuhr, schrien alle Hurra!

Und als Zäpfel Kern aufwachte, war alles wirklich so, wie er geträumt hatte. Und so ist es heute noch.

Inhalt

Was dem Tischlermeister Gottlieb, genannt Pflaume, mit einem Stück Holz passierte    9

Meister Pflaume wird das gefährliche Stück Holz auf gute Weise an seinen Freund Meister Zorntiegel los, der eine gelbe Perücke und davon einen Spitznamen hat    14

Meister Zorntiegel macht sich sogleich an die Arbeit, erlebt aber wenig Freude daran    20

Wohin Zäpfel Kern von seinen Beinen getragen wurde, und was ihm später der gelehrte Maikäfer sagte, für dessen Lehren er sich auf eine schändliche Weise bedankte 28

Zäpfel Kern, der nichts lernen wollte, lernt doch etwas: hungern. Da ihm diese Kunst nicht gefällt, möchte er sich einen Eierkuchen backen, aber es kommt nicht dazu 34

Fortsetzung der bösen Erlebnisse Zäpfel Kerns    38

Was für ein guter Kerl der Meister Zorntiegel, und was für ein frecher Bengel Zäpfel Kern ist    41

Meister Zorntiegel hört nicht auf, seinem Kasperle Gutes zu tun    45

Wie schnell Zäpfel Kern seine guten Vorsätze vergißt 50

Welchen Eindruck Zäpfel Kern auf die anderen Kasperle und auf den Kasperletheaterdirektor macht    55

Was es bedeutet, wenn Direktor Fürchterlich fürchterlich niest    61

Zäpfel Kern will seinem guten Papa wiederum einen neuen Rock kaufen, kommt aber wiederum nicht dazu, weil er vorher eine merkwürdige Begegnung hat    66

In der Schenke zum gespickten Heupferd    74

Es spukt    82

Schrecken über Schrecken    85

Es geht ihm an den Kragen    90

294

Wer die schöne Frau ist, und was die schöne Frau tut 98

Zäpfel Kern liefert den Beweis, daß Professor Doktor Maikäfers Diagnose richtig war    108

Frau Dschemma bewährt sich wieder als gute Fee, und Zäpfel Kern benimmt sich wieder als dummer Bub 117

Brüderlein und Schwesterlein    121

Zäpfel Kern macht seinem von Frau Dschemma gekennzeichneten Gesichtsausdruck alle Ehre    125

Wie es im Lande Hurrasien Leuten geht, die bestohlen worden sind    133

Zäpfel Kern zappelt wieder einmal, aber diesmal zu seinem Glück, doch wird er bald am Weiterzappeln verhindert 141

Zäpfel Kern erhält ein verantwortungsvolles Amt, freut sich aber gar nicht darüber    145

Phylax der Zweite macht seine Sache besser als Phylax der Erste    149

Traurige Nachrichten und schreckliche Geschehnisse 154

Zäpfel Kern kommt auf eine Insel, wo alle Menchen gerade die Leidenschaft haben, die dem Kasperle ganz fremd ist 161

Zäpfel Kern bekommt nicht nur Streuselkuchen, sondern auch eine Mama    170

Das Kasperle in der Schule    175

Die Verschwörung und ihr schlimmes Ende    182

Gepackt, gehetzt, entwischt    191

Gefangen, geschuppt, in Mehl gewälzt und ..»    197

... gerettet. Aber dann geht nicht alles so fix, wie es Zäpfel Kern gern haben möchte    201

Zäpfel Kern führt den Beweis, daß ihn das Schicksal noch lange nicht genug gezwiebelt hat, indem er wiederum einem Verführer Gehör schenkt. Diesmal aber ist der Verführer genau so dumm — wie er    213

295

Zäpfel Kern bewährt sich wieder einmal als Reiter, vernimmt eine Stimme, ohne auf sie zu hören, sieht einen Esel weinen und kommt durch ein Land, das ihm (zu seiner Ehre) gar nicht gefällt    221

Zäpfel Kern findet, daß die ewige Ferienkolonie Spiel-immerland durchaus sein Fall ist, und es sieht ganz so aus, als habe er recht gehabt, mit Spinnifax dorthin auszuwandern    232

Mit welcher sonderbaren Zierde der König von Spielimmer-land erwacht    250

Was der große Esel Zäpfel Kern alles ausstehen muß 256

Ein feuchtes Abenteuer    262

Licht im Dunkeln    267

Auf welche ebenso schlaue wie heldenmütige Weise Zäpfel Kern seinen guten Vater Zorntiegel und sich selbst aus dem Bauch des Walfisches rettet    272

Zäpfel Kern zeigt, daß er kein dummes Kasperle mehr ist 277

Wie Zäpfel Kern zu träumen glaubt und beim Erwachen nicht weiß, ob er geträumt hat — und damit Schluß 289

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Zapfel Kerns abenteuer.

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