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OTT 0/ JULIUS BIERBAUM
?YV\ 0
HERMANN SCHAFFSTEIN VERLAG


WAYN ESTATEj U NI V ERS1TY* LIBRARY


[
[
I



Oüo Julius Bierbaum, Zäpfcl Kerns Abcnlcuer



Zäpfel Kerns Abenteuer
Eine deutsche Kasperlegeschichte
in dreiundvierzig Kapiteln
Frei nach Collodis
italienischer Puppenhistorie Pinocchio
von
OTTO JULIUS BIERBAUM
Hermann Schaffstein Verlag in Köln


Federzeichnungen von Arpad Schmidhammer
Einband von Prof. Fritz Loehr
Bearbeitete Ausgabe vom Jahre 1949
94. bis 96. Tausend der Gesamtauflage
Printed in Germany
Copyright 1905 by Hermann Schaffstein Verlag, Kรถln
Alle Rechte, auch die des auszugsweisen Nachdrucks, der photo
mechanischen Wiedergabe und der


Der genaue Titel des ausgezeichneten
Collodischen Buches, mit dem Zäpfel
Kern die Grundlinie der Handlung
gemeinsam hat (doch auch von ihr
schon zuweilen wesentlich abweichend
und im übrigen nach Form und Inhalt
so ausgesprochen deutsch, wie jenes
ausgesprochen italienisch ist), lautet:
Le avventure di Pinocchio. Storia di
un burattino. (Firenze. R. Bemporad &
Figlio). Es hat in Italien eine beispiel
lose Verbreitung gewonnen und ist zum
Grundstock einer ganzen Literatur ge
worden. Einer eigentlichen Übersetzung
widerstrebt die streng nationale Eigen
art des für Italien zu klassischer Be
deutung gelangten Werkes, doch reizte
es gerade darum zu einer ganz freien,
selbständig deutschen Behandlung sei
nes aufs glücklichste erfundenen Stoffes.



Der guten und schönen
FEE
FRAU DSCHEMMA
die ihrem
ZÄPFEL KERN
schon so vieles Gute getan hat
und immer noch tut
in großer Liebe und
Verehrung gewidmet
am Wiwwi-Teiche beim Monte Ro'en
im Sommer Eintausendneunhundertund fünf



Erstes Kapitel
Was dem Tischlermeister Gottlieb,
genannt Pflaume, mit einem Stück
Holz passierte
Der alte Meister Gottlieb, der in seinem Leben
schon so viele Tische, Stühle, Schränke, Laden, Kom
moden, Bettstellen gemacht hatte, daß man das ganze
Schloß des Kaisers damit hätte vollstellen können,
saß vor seiner Werkstatt und rauchte seine Pfeife.
Denn es war Feierabend, und sein Tagewerk war
getan.
Da klopfte es an die Türe, und ein kleines, buck
liges Männchen trat herein, das einen langen weißen
Bart und so hellblaue Augen hatte, daß man glauben
konnte, es hätte zwei Stücke vom Himmel im Ge*
sicht. Mit diesen Augen lachte das Männchen gar
wunderlich, indem es sprach: „Du, Meister Pflaume,
sieh mal, was ich da habe!“


„Was sollst du denn weiter haben“, antwortete
Meister Gottlieb; — „ein Scheit Holz hast du in der
Hand. Übrigens verbitte ich mir, daß du mich Pflau
me nennst. Ich heiße Gottlieb —“
„Na ja doch“, kicherte das Männchen, „ist schon
gut. Gottlieb heißt du, aber Meister Pflaume bist du,
denn deine Nase ist blau wie eine reife Pflaume. Das
kommt wohl vom vielen Hobeln? Hehel“
„Wovon ich meine rote Nase habe, denn sie ist bloß
rot und noch lange nicht blau, geht dich so viel an,
wie mich angeht, wovon du deinen Buckel hast“, ant
wortete der alte Gottlieb. „Aber was willst du denn
mit dem Holz?“
„Aus dem sollst du mir ein Tischbein machen,
Meister Pflaume. Das heißt: wenn du kannstl Aber
ich glaube, du kannst es nicht“, erwiderte das Männ
chen.
„Was? Ich soll kein Tischbein aus dem Stück Tan
nenholz machen können?“ rief Meister Gottlieb är
gerlich aus; „als ob es das erste Tischbein wäre, das
bei mir bestellt worden istl Das wäre noch schöner!
Zeig mal her!“
Das Männchen schob ihm das Stück Holz mit
einem sonderbaren Lächeln hin, und Meister Gott
lieb betrachtete es aufmerksam. Es war ein arm
dickes Stück Tannenholz, etwa von der Höhe eines
kleinen Jungen von fünf Jahren, und Meister Pflaume
erkannte sofort, daß es von einem jungen Tannen-
stämmchen herrührte. Wo es oben und unten abge
sägt war, quoll gelbes Harz heraus, das frisch wie
Wald roch, und rundherum saß feste braune Rinde.
„Aus dem Stück kann ein Lehrbub ein Tischbein
machen“, murmelte der Meister.
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„Na, na“, sagte das Männchen, „wenn du dich nur
nicht irrstl“
Da wurde aber Meister Pflaume wild und rief:
„Potz Hobel und Sägespän’! In einer Viertelstunde
ist das Tischbein fertig, und wenn’s gleich schon
Feierabend ist. Du kannst darauf warten.“
Aber das Männchen zog seine langen grauen
Brauen hoch, zwinkerte dann mit den Augen, wak-
kelte mit seinem großen Kopf hin undherund sprach:
„So viel Zeit habe ich nicht, Meister Pflaume! Ich muß
heute abend noch in den Wald zurück. Meine Kinder
erwarten mich. Das da heißt Zäpfel Kern.“
„Was heißt Zäpfel Kern?“ fragte erstaunt Meister
Gottlieb.
„Das Kind da“, antwortete der Alte.
„Was für ein Kind?“
„Das hölzerne da, aus dem du dir einbildest, ein
Tischbein machen zu können.“
Meister Pflaume sah den Alten groß an und schüt
telte den Kopf; dann sprach er: „Ich glaube, du willst
mich zum Narren haben!“
„Gott behüte“, sagte das Männchen.
„Oder bist du selber einer?“
„Ein Narr, meinst du?“
„Na ja! Was redst du auch von einem Kind, das
gar nicht da ist.“
„Du siehst es bloß nicht.“
„Dummes Zeug. Ein Stück Holz, punktum. In einer
Viertelstunde ist es ein Tischbein/'
„Oder auch nicht.“
„Wollen wir wetten?“
„Nein, denn du würdest doch verlieren. Ich will
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dir lieber sagen, warum das Kind Zapf el Kern heißt."
„Unsinn!“
„Wart ab, Meister Pflaume! Es heißt Zäpfel Kern,
weil es aus einem Tannenzapfen oder genauer aus
einem Kern in einem Tannenzapfen gekommen ist.
Aus einem Kern voller Leben, Meister Pflaume!
Paß nur auf! Du wirst es schon merken! — Und
nun leb wohl! Und viel Glückl“
Sprach’s und war mit einem Mal verschwunden.
Meister Gottlieb starrte auf den Fleck, wo er eben
das bucklige Männchen noch hatte stehen sehen, und
kratzte sich dann, wie er immer zu tun pflegte, wenn
er erstaunt war, unter seiner Perücke, denn vom vie
len Hobeln waren ihm die Haare ausgegangen. Dann
murmelte er: „Ich glaube, der Alte hat zu viel Wa
cholderschnaps getrunken.“
Das brachte ihn auf eine Idee. Er ging zu einem
Schrank, nahm eine Flasche heraus, setzte sie an
den Mund und machte brr, nachdem er einen tüch
tigen Schluck genommen hatte, brr! Wischte dann
mit dem Handrücken den Mund und sagte zu sich
selber: „Nun wollen wir aber doch mal sehen, ob wir
noch ein Tischbein machen können!“
Und er nahm seine gut geschliffene Axt in die
rechte Hand, hielt mit der linken das Stück Holz vor
sich hin und holte aus. — Da, — was war das? Seine
Hand blieb mit der Axt mitten im Hieb in der Luft
stehen, denn er hatte deutlich ein dünnes Stimmchen
vernommen, das sprach: „Nicht so derb, Meister
Pflaume!“
„Nanu?“ murmelte er und ließ seine Blicke rings
in der Werkstatt herumwandern, „wer hat sich denn
hier versteckt?“
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Und er stand auf und revidierte. Sah unter die
Hobelbank — nichts. Schaute in den Sägespäne
korb — niemand. Guckte in den Schrank — keine
Seele. Blickte zur Türe hinaus auf die Straße — kein
Mensch.
„Aha!“ murmelte er und lachte dazu, „die Stimme
kam aus der Wacholderflasche 1 Ich hab’ einen
Schluck übern Durst genommen . . . Aber das Tisch
bein muß trotzdem heute abend noch fertig werden!“
Und er nahm die Axt und ließ sie auf das Iiolz
niedersausen, daß ein großes Stück Rinde absplit
terte.
Kaum daß dies geschehen war, schrie es laut auf:
„Au, au! du tust mir aber wehl“
Meister Pflaume ließ Axt und Holz fallen und
machte kein sehr gescheites Gesicht. Er fuhr sich
mit beiden Händen unter die Perücke, kratzte sich
den kahlen Kopf und rief mit bebenden Lippen:„Das
.. . das .. . das ist doch . .. das geht doch nicht mit
rechten Dingen zu! Wie kommt denn das Stück Holz
dazu, au zu schreien? Holz kann zwar weinen, aber
doch nur Harz! Hat man es je gehört, daß ein Stück
Holz schreit?“
Und er sah das Stück Holz mit weit herausstehen
den Augen an; aber das lag nicht anders da als sonst
ein Stück Holz: steif, starr, stumm.
Meister Pflaume stieß es mit dem Fuß an und
sprach: „He, du! du! Bist du’s gewesen? Na?“ Das
Holz wackelte ein bißchen und lag dann still.
Meister Pflaume fuhr sich mit den Fingern in die
Ohren und murmelte: „Schäm dich, alter Gottliebl
So alt und noch so dumm! Aber das kommt davon,
wenn man noch nach Feierabend arbeitet. Das beste
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wäre, ich schmisse das Stück in den Ofen und kochte
mir eine Suppe davon. — Aber nein, da würde mich
der Bucklige auslachen. Also her mit dem Hobel!“
Und er legte das Holz auf eine Hobelbank, setzte
den Hobel an und führte ihn mit ruhigen Strichen hin
und her. Erst kreischte es nur leise, wie das Holz
immer tut, wenn die Hobelspäne sich wie Locken
von ihm kräuseln, aber plötzlich klang’s wie halb
unterdrücktes Kichern: „Nicht doch! Nicht doch! Du
kitzelst mich ja am Bauch!“
Das war zuviel für Meister Pflaume. Er ließ den
Hobel fallen und setzte sich breit auf die Erde. Sein
zahnloser Mund öffnete sich weit, die Zunge streckte
sich in höchstem Entsetzen hervor, und seine Nase
wurde vor Grausen dunkel blau.
Zweites Kapitel
Meister Pflaume wird das ge
fährliche Stück Holz auf gute
Weise an seinen Freund Mei
ster Zorntiegel los, der eine
gelbe Perücke und davon einen
Spitznamen hat
Wie Meister Pflaume so auf dem Erdboden saß
und sich wunderte, daß seine Nase noch blauer wer
den konnte, als sie für gewöhnlich war, klopfte es an
die Türe.
Froh, daß ihm jemand Gesellschaft leisten wollte
in dieser Dämmerung voll unheimlicher Stimmen,
rief Meister Pflaume, ohne sich zu erheben: „Herein!“
14


und es erschien sein alter Freund Meister Zorntiegel,
ein sehr lebhafter alter Mann, der immer große Pläne
in seinem Kopf, auf seinem Kopf aber eine gelbe
Perücke hatte, von der ihm der Spitzname Nudel
haar geworden war, denn wirklich, diese falschen
Haare hatten ganz die Farbe von Suppennudeln. Da
aber Meister Zorntiegel große Stücke auf seine Pe
rücke hielt und fest davon überzeugt war, daß sie
das schönste Kunstwerk aus Haaren sei, das auf der
ganzen Welt existierte, versetzte es ihn in die höch
ste Wut, wenn ihn jemand bei diesem Namen nannte.
Wie er nun seinen alten Freund so auf der Erde
sitzen sah, rief er aus: „Guten Abend, Meister Gott
lieb! Könnt Ihr bloß Stühle machen, aber auf kei
nem Stuhl sitzen?“
„Ich sitze, wo ich Lust habe“, antwortete Meister
Gottlieb.
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„Aber die Ameisen werden Euch in die Hosen krie
chen“, entgegnete Meister Zorntiegel.
„Wenigstens stellen sie keine dummen Fragen“, er
widerte Meister Pflaume. „Aber was führt Euch denn
heute abend noch zu mir her?“
„Meine Beine“, antwortete Meister Zorntiegel.
„Das seh’ ich, daß Ihr nicht in einem Automobil
angefahren kommt“, antwortete Meister Pflaume.
Worauf Meister Zorntiegel sagte: „Spaß beiseite,
alter Freund! Es scheint, Ihr seid heute nicht bei
gutem Humor. Hoffentlich schlagt Ihr mir trotz
dem meine Bitte nicht ab.“
„Also heraus mit der Sprache“, rief Meister Pflaume
und rappelte sich auf, so daß er nun nur noch auf
dem Fußboden kniete.
Und Meister Zorntiegel begann: „Ich habe eine
Idee!“
„Die habt Ihr immer.“
„Gott sei Lob und Dank, ja! Aber diese Idee wird
machen,daß ich einesTages auchGeld haben werde.“
„Dann ist es eine gute Idee.“
„Eine ganz ausgezeichnete Idee, lieber Freund. Ich
will Theaterdirektor werden.“
„Seid Ihr sicher, daß Ihr dabei Geld verdienen
werdet?“
„Vollkommen sicher, alter Gottlieb! Ich will näm
lich nicht mit lebendigen Komödianten herumziehen,
sondern mit künstlichen.“
„Aha! Die essen nicht, die trinken nicht und ver
langen keine Gage. Ihr seid ein Schlaumeier.“
„Nein, ich bin ein Genie.“
„Meinen Segen habt Ihr. Aber was soll ich Euch
dann helfen?“
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„Hört nur zul Das erste, was ich brauche und was
ich mir fabrizieren will, ist eine Kasperlepuppe, die
tanzen, fechten und purzelbaumschlagen kann.“
In diesem Augenblick rief in der Dunkelheit eine
Stimme: „Bravo, Meister Nudelhaarl“
Dies hören und mit geballten Fäusten auf Mei
ster Pflaume losgehen, war für Meister Zorntiegel
eins.
„Was schimpft Ihr mich?“
„Wer schimpft Euch?“
„Ihr! Ihr habt Meister Nudelhaar gesagt.“
„Ich habe kein Wort gesagtl“
„Dann bin wohl ich es gewesen?“
„Vielleicht.“
„Ihr wart es!“
„Neinl“
„Jal“
„Nein!“
„Jal“
Und nun fielen sie übereinander her, als wollten
sie sich umbringen. Sie balgten sich wie zwei Kater
auf dem Dach und kugelten sich ebenso auf dem
Fußboden herum. Als sie genug von diesem Ver
gnügen hatten, fand es sich, daß Meister Pflaume die
gelbe Perücke Meister Zorntiegels in der Hand, und
Meister Zorntiegel die graue Perücke Meister Pflau-
mes zwischen den Zähnen hielt.
„Meine Perücke her!“ schrie der Mann mit der
ausgezeichneten Idee.
„Gib mir meine, wenn du sie nicht ganz aufgefres
sen hast!“ schrie der Tischler.
Darauf wechselten sie gegenseitig die haarigen
Siegeszeichen aus, gaben sich die Hand und schwu-
2 Zäpfcl Kern J7


ren einander, von nun an die besten Freunde zu blei
ben bis ans Ende ihrer Tage.
Und Meister Pflaume sprach: „Zum Beweis dafür
will ich Euch sofort den Gefallen tun, den Ihr von
mir haben wollt. Wenn ich nur erst wüßte, welchen!“
Meister Zorntiegel aber erwiderte ganz sanft: „Ich
möchte bloß ein Stück Holz von Euch haben zu der
Puppe, die ich machen will.“
„Wenn’s weiter nichts ist“, sagte derTischler, „das
Stück Holz sollt Ihr gleich haben.“ Sprach’s und
holte, froh, es loszuwerden, das Stück, das ihm so
unheimlich mitgespielt hatte, aus der Ecke, wo es
jetzt lag.
Wie er es aber dem Freund übergeben wollte,
da, merkwürdig, gab sich das einen Schwung und
schlug dem armen Meister Zorntiegel mit voller
Wucht auf das Schienbein.
Der rieb sich die schmerzende Stelle und schrie:
„Sapperlot, Sapperlot! Ich wollte was geschenkt und
nichts aufs Schienbein haben.“
„Ich habe Euch nichts aufs Schienbein gegeben“,
knurrte der Tischler ärgerlich.
Das brachte den zornmütigen Zorntiegel gleich
wieder außer sich, und er rief: „Also habe ich mich
wohl selber zu meinem Vergnügen aufs Schienbein
gehauen?“
„Das Holz war’s“, erklärte Meister Pflaume.
„Natürlich war’s keine Wurst“, entgegnete Mei
ster Nudelhaar, „aber das Holz war in Eurer Hand!“
„Es ist mir ausgerutscht.“
„Geschlagen habt Ihr mich!“
„1st mir nicht eingefallen.“
18


„Doch I “
„Nein!“
„Doch!“
„Nein!“
„Ihr seid ein Lügner!“
„Und Ihr seid Meister Nudelhaarl“
„Pflaume!“
„Nudelhaarl“
„Pflaume!“
„Nudelhaar!“
„Wacholderflasche!“
„Nudelhaar!“
Viermal dieses Wort anzuhören, ging über Zorn
tiegels Kraft. Es wurde ihm rot vor den Augen, und
er ging zum zweiten Mal mit geballten Fäusten auf
den Tischler los, der seinerseits auch nicht mit Glace
handschuhen zugriff. Kurz, sie wiederholten das
Schauspiel der entzweiten Kater auf dem Dach und
walkten einander weidlich durch, was zur Folge
hatte, daß sie, wie ihre Kräfte nachließen, jeder ein
kleines Andenken an die zweite Meinungsverschie
denheit sein eigen nennen konnte. Meister Pflaume
wies ein paar rote Kraller auf seiner blauen Nase
auf, und Meister Zorntiegel besaß nun eine Weste,
der zwei Knöpfe fehlten.
Da somit jeder auf seine Kosten gekommen war,
gaben sie sich die Hände und schwuren einander,
gute Freunde zu bleiben bis ans Ende ihrer Tage.
Darauf nahm Meister Nudelhaar sein Stück Holz
untern Arm, sagte „schönen Dank für alles“ und
ging befriedigt, wenn auch etwas hinkend, nach
Haus.
2*
19


Drittes Kapitel
Meister Zorntiegel macht sich
sogleich an die Arbeit, erlebt
aber wenig Freude daran
Wie Meister Zorntiegel die vier Treppen zu seiner
kleinen Dachkammer hinaufstieg, murmelte er nach
seiner Gewohnheit vor sich hin: „Sapperlot! Sapper
lot! tut mir mein Schienbein weh! Hm! Hm! Hm!
Und müde bin ich auch von der Balgerei mit Meister
Pflaume. Sapperlot nochmal! Aber schlafen? Nein!
Schlafen geh’ ich nichtl Ich muß noch heute nacht
meine Kasperlefigur schnitzen. Das soll ein Kasperle
werden, wie noch keines da war! Der König aller
Kasperle! Und soll sein ganz wie ein wirklicher
Mensch. Wozu bin ich ein Genie, wenn ich das nicht
kann? He? Hähähähähä! Kunst muß der Mensch ha
ben! Aus einem Stück Holz eine Figur machen, die
laufen, tanzen, springen, purzelbaumschlagen kann,
— das ist Kunst, das ist Witz!“
In diesem Augenblick kam er an seiner Türe an,
schloß sie auf und trat in seine Stube.
Sehr reich sah es darin nicht aus. Sie hatte schiefe
Wände und ein einziges kleines Dachfenster. Ein
wackliger alter Tisch stand in der Mitte, und darauf
eine kleine Öllampe. Wie Meister Zorntiegel die an
gezündet hatte, konnte man noch ein schmales Bett
erblicken, einen Stuhl, einen Waschtisch und ein
Regal, auf dem allerhand Messer zum Schnitzen, ein
paar Leimtöpfe und bunte Puppenkleider lagen. Fer
ner schien auch noch ein Ofen da zu sein, der, ob
gleich es schon Mai war, vor Hitze glühte. Es sah aber
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bloß so aus. Denn der glühende Ofen war mit bunten
Farben an die Wand gemalt, genau so wie der damp
fende Suppentopf, der auf ihm stand.
Woraus man deutlich ersehen kann, daß Zorn-
tiegel wirklich ein Künstler und ein Genie war.
Zornliegel trat an den gemalten Ofen heran und
hielt seine etwas kaltgewordenen Hände darüber.
„Das tut gut“, sprach er, „wenn man ein bißchen
friert. Wenn man Phantasie hat, braucht man keine
Kohlen.“
Dann holte er sein Schnitzmesser, hob den Stuhl
an den Tisch, setzte sich darauf und nahm das Stück
Iiolz vor.
„Zuerst muß das Kind einen Namen haben“, mur
melte er. „Ich muß doch wissen, wen ich mache!
. . . Soll ich ihn Zornliegel junior nennen?“
„Da muß ich doch schön bitten“, rief ein dünnes
Stimmchen, „ich heiße Zäpfel Kcrnl“
Wie das Zornliegel hörte, erschrak er nicht etwa,
wie Meister Pflaume bei gleicher Gelegenheit getan
hatte, denn Zornliegel wunderte sich um so weniger
über eine Sache, je verwunderlicher sie war, sondern
er sagte ganz einfach: „Du hast also schon einen Na
men? Um so besser! Dann brauche ich mir darüber
nicht erst den Kopf zu zerbrechen! Also Zäpfel Kern?
Famos! Zäpfel ist so etwas wie Hänsel oder Fränzel;
und Kern, — Kern, das klingt ganz hübsch und
dauerhaft. Dafür will ich dir aber auch ein wunder
schönes Köpfe] schnitzen, mein liebes Zäpfel. Ein
reizendes Zäpfel-Köpfel. Hchehehe!“ Und fing an
und schnitzte. Erst wars nur eine runde Kugel, dann
grub er Locken hinein, dann glättete er einen schö
nen und breiten Stirnbogen ab, dann brachte er dar-
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unter eirunde, geräumige Höhlen für die Augen an.
Kaum war dies geschehen, da waren aber auch
schon, Gott weiß woher, ein paar blanke blaue Augen
da, die ihn ganz impertinent anglotzten.
Zorntiegel fand das gar nicht artig und sprach:
„Sieht man seinen Papa so unverschämt an, he?“
Aber es erfolgte keine Antwort.
Daher hielt sich der geschickte Künstler nicht
weiter bei den Augen auf, sondern begann, die Nase
herauszuschnitzen.
Da begab sich aber etwas Sonderbares, das jeden
ändern in das höchste Erstaunen versetzt haben
würde, nur nicht diesen genialen Zorntiegel. Näm
lich: Je mehr er an der Nase herumschnitzte, desto
länger wurde sie.
„Was ist denn das, Zäpfel“, rief der Meister aus,
„ich wünsche, daß du eine anständige und runde
kleine Stumpfnase kriegst, und es wächst dir ein
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Zinken aus dem Antlitz, wie er frecher und länger
nicht gedacht werden kann. Auf diese Weise wirst
du nie so schön wie dein Papa.“
Aber die Nase kümmerte sich gar nicht um diese
Einwendungen, sondern wuchs und wuchs, und wie
sie lange genug gewachsen war, krümmte sie sich
nach unten und stand dann fest als richtige Kas
perlenase.
„Auch gut“, meinte Zorntiegel, „ganz wie es Euch
beliebt, Euer Wohl-, Lang- und Krumm-Geboren.
Ich mach’ mich jetzt an den Mund.“
Und er setzte das Messer in die Quere an und
machte einen manierlichen, nicht zu langen Ein
schnitt, — aber ritsch-ratsch! fuhr der Einschnitt
rechts und links auseinander, öffnete sich weit und
lachte, lachte, lachtel
„Was sind denn das wieder für Manieren“, schrie
der Mann mit der gelben Perücke; „wirst du gleich
mit dem ungezogenen Gemecker aufhören?“
„Hehehel“ lachte der Mund.
„Mach die Klappe zu!“ rief Zorntiegel.
„Hahaha!“ lachte der Mund.
„Ruhe!“ rief Zorntiegel.
„Hohoho!“ lachte der Mund.
„Anstand!“ gebot Zorntiegel.
„Hihihi!“ lachte der Mund.
„Schweig, oder ich stopf’ dir meine Perücke in den
Schlund!“ brüllte Zorntiegel.
Das half. Der Mund hörte mit Lachen auf, streckte
dafür aber seine Zunge so weit heraus, wie es nur
irgend möglich war.
Meister Zorntiegel hielt es für das beste, diese
23


neue Ungezogenheit vornehm zu übersehen, und
setzte seine Arbeit fort.
Er schnitzte kunstvoll ein kräftiges, scharf nach
vorn herausstehendes Kinn, das mit der großen Nase
vortrefflich harmonierte, fügte einen runden, star
ken Hals hinzu, von dem aus er ein paar breite, etwas
eckige Schultern ausgehen ließ, setzte einen schönen,
breiten Brustkorb darunter, vergaß auch nicht ein
hübsches, weder zu dickes noch zu dünnes Spitz
bäuchlein, und setzte dann, mit kunstreichen Gelen
ken und Fingern, Arme und Hände an.
Wie er dies getan hatte, wandte er sich um, weil
er ein anderes Werkzeug von seinem Regal holen
wollte, aber da fühlte er es plötzlich auf seinem Kopf
kalt werden und sah, als er sich umdrehte, seine
Perücke in den eben erst fertiggewordenen Händen
der frechen Figur.
Das versetzte ihn in einen großen Zorn, und errief:
„Wirst du mir gleich meine Perücke wiedergeben,
du ganz frecher Bube, der schon ungeraten ist, ehe
ich ihn noch ganz fertiggemacht habe!“
Diese Worte machten indes gar keinen Eindruck
auf die Figur, die auf dem Tisch saß, als wollte sie
mit den Beinen baumeln, die sie noch gar nicht hatte.
Statt die Perücke herzugeben, setzte sie sich diese
auf den Kopf und kicherte höchst spöttisch unter
dem Haargebäude, das sie völlig verdeckte.
Diese neue Frechheit stimmte den kunstfertigen
Zorntiegel ganz traurig.
„Ach, du lieber Gott“, seufzte er, „was werde ich
von dieser schrecklichen Figur noch alles auszu
stehen haben, die selbst im beinlosen Zustand nicht
einmal vor meiner Perücke Respekt hat. Ich muß ir-
24


gendeinen Fehler gemacht haben. Vielleicht hätte
ich doch nicht wünschen sollen, daß sie ganz wie
ein Mensch wird. Ach, ach, ach, ich fürchte, ich
fürchte: ich habe eine Dummheit gemacht!“
Und er setzte sich ganz betrübt auf seinen Stuhl.
Da klang es ganz sanft unter der Perücke hervor:
„Unsinn! Setz deine Suppennudeln auf und mach
mir Beinei“
Das ließ sich Meister Zorntiegel nicht zweimal
sagen. Kaum aber hatte er der Figur Beine und Füße
angesetzt, so fing die auch schon so unverschämt an
zu strampeln, daß ihr Erzeuger mehr als einmal das
Gefühl von Fußtritten verspürte.
„Dazu sind die Füße nicht da“, sagte Zorntiegel,
„sondern zum Gehen.“
„Was ist denn das?“ fragte Zäpfel Kern neugierig.
„Das sollst du gleich lernen“, antwortete der Mei
ster, hob ihn vom Tisch auf die Erde, nahm ihn
an der Hand und kommandierte: „Rechts! Linksl
Rechts! Links! Rechts! Links!“ und marschierte mit
Zäpfel Kern in der Stube auf und ab. Anfangs ging
es nur langsam, zögernd und steifbeinig, aber bald
war Zäpfel Kern Herr über seine Gelenke und kom
mandierte selber:
Rechten! Linken! Rechten! Linken!
Speck und Schinken! Speck und Schinken!
Linkenl Rechten! Linken! Rechten!
Finken! Spechten! Finken! Spechten!
Hin und her, herum, heraus!
Durch die Türe aus dem Haus!
Bei diesem Wort stieß er die Türe auf und lief
klapp, klapp, tippel, tippel, tapp die Treppe hinunter
25


und an dem Bäckerjungen vorbei, der eben die Früh
stückssemmeln gebracht hatte, auf die Straße, die
im hellen Morgenlicht dalag, hinaus, denn es war
mittlerweile Tag geworden. Seine hölzernen Füße
klapperten auf dem Straßenpflaster wiezwanzig Paar
kleine Holzpantolfeln.
„Haltet ihn festl Haltet ihn fest!“ schrie Meister
Zorntiegel, indem er atemlos hinter ihm herlief.
Aber die wenigen Leute, die in so früher Morgen
stunde auf der Straße waren, dachten gar nicht daran
vor lauter Erstaunen, ein leibhaftiges Kasperle an
sich vorbeirennen zu sehen. Und weil man ja über
ein Kasperle immer lacht, so lachten sie schließlich,
statt daß sie ihn festhielten.
Also wäre Zäpfel Kern wahrscheinlich entwischt,
wenn sich nicht ein Schutzmann am Ende der Straße
breitbeinig auf dem Fahrdamm aufgepflanzt hätte,
meinend, es sei ein Pferd durchgegangen, und tapfer
entschlossen, es aufzuhalten, wie es seine Pflicht
war.
Wie Zäpfel Kern den Schutzmann gleich einem
Turm mit weitem Torbogen vor sich sah, dachte
er sich: „Schön von dir, daß du deine Beine so breit
auseinandergestellt hast! Dadrunter komm ich zehn
mal durch.“
Aber Schnecken! . ..
Der Schutzmann, ohne sich von der Stelle zu
rühren, bückte sich einfach, wie Zäpfel Kern durch
wischen wollte, und packte ihn ebenso höflich wie
sicher an seiner langen Nase, die wie für die Hand
des Gesetzes geschallen zu sein schien, und über
lieferte ihn trotz seines Gestrampels dem nun mitt
lerweile auch herbeigekommenen Zorntiegel,der sei-
26


nen Namen noch nie so in der Tat geführt hatte wie
eben jetzt.
„Warte, mein Jungei“ rief der empörte Meister.
„Dir werde ich fürs erste die Ohren etwas lang
ziehen.“
Aber siehe da! Wie er diese sehr begreifliche Ab
sicht ausführen wollte, stellte es sich heraus, daß er
bei all seiner Genialität vergessen hatte, seiner Kas
perlefigur Ohren anzusetzen. Blieb ihm also nichts
weiter übrig, als Zäpfel Kern am Nacken zu packen
und ihn so vor sich herzuschieben.
Dabei sprach er: „Aufgeschoben ist nicht aufge
hoben, du Galgenstrick! Ich werde dir jetzt eigens
zu dem Zweck zwei Ohren fabrizieren, daß ich dich
daran ziehen kann.“
Diese Aussicht mißfiel Zäpfel Kern aufs höchste,
und so dachte er auf Mittel und Wege ihr auszu
weichen. Es fiel ihm aber nichts Besseres ein, als
sich plötzlich lang hin auf die Erde zu werfen mit
der Miene eines Menschen, der fest entschlossen ist,
sich von keiner Macht der Welt wieder auf die Beine
bringen zu lassen.
Natürlich lockte dieser Umstand eine Menge Neu
gieriger herbei, und da es meistens Müßiggänger wa
ren, die immer und überall keinen anderen Beruf
haben, als ungefragt ihre Meinungen zu sagen, so
fehlte es nicht an allerhand müßigen Äußerungen.
„Das arme Kasperle“, sagte der eine, „wie ängst
lich es aussieht!“
„Das arme Wurm wird gewiß zu Hause immer
mißhandelt“, meinte ein anderer.
„Man braucht bloß den Kerl in der gelben Perücke
anzusehen, um sich vorstellen zu können, wie er das
27


hilflose Wesen prügeln wird“, fügte ein dritter hinzu.
„Er hat ganz das Ansehen eines Wüterichs“, be
hauptete ein vierter.
„Er wird den armen Knirps ermorden!“ rief ein
fünfter.
„Das darf man nie und nimmer zulassen!“ schrie
ein sechster.
„Ist denn keine Polizei da!“ kreischte eine dicke
Milchfrau.
Und da kam auch schon der Schutzmann und ent
schied sich unter dem Einfluß von hundert lärmen
den und mit den Armen in der Luft herumfuchteln
den Frauen und Männern zu einer angemessenen
Amtshandlung.
Er packte Meister Zorntiegel am Arm und er
klärte ihn als seinen Gefangenen wegen Erregung
eines Straßenauflaufs. Zäpfel Kern aber sprang,
während sein unglücklicher Erzeuger unter dem Bei
fall der Volksmenge abgeführt wurde, munter auf
und lief davon, so schnell ihn seine Beine tragen
konnten.
Viertes Kapitel
Wohin Zäpfel Kern von seinen
Beinen getragen wurde, und was
ihm später der gelehrte Mai
käfer sagte,für dessen Lehren
er sich auf eine schändliche
Weise bedankte
Für soeben erst fertig gewordene Beine aus Holz
trugen sie ihn schnell genug, das muß man sagen.
Ehe sichs Zäpfel Kern versah, war er schon draußen
28


1
vor der Stadt, und dort ging es erst recht im Galopp
dahin. Das unverschämte Kasperle rannte, indem es
mit den Armen schlenkerte, dermaßen schnell, daß
die Hasen, die im Felde hockten, sich auf die Hinter
beine setzten und mit den Vorderfüßen auf ihren
weißen Bäuchen trommelten, was bei ihnen soviel
heißt wie Bravo. Ein Ziegenbock, der es mit ansah,
wie Zäpfel Kern über eine blühende Weißdornhecke
sprang, konnte sich nicht enthalten, seiner Frau
Ziege zuzumeckern: Meeker, meeker, merkwürdigl
Ecker — ecker sprecker — sprecker hecker — hek-
ker, was auf deutsch heißt: Er springt über die
Heckei Aber ein alter Rabe, der auf einem blühenden
Kirschbaume saß, ließ sich dadurch nicht imponie
ren, sondern machte die vollkommen richtige Be-


merkung: Man muß nicht bloß laufen, sondern auch
wissen, wohin man läuft.
Wußte das aber Zäpfel Kern? Nein, er wußte es
nicht. Er halte nur ein ganz unbestimmtes Gefühl in
sich, daß er an einen Ort wollte, wo es grün wäre
und schattig wäre und harzig röche. Drum summte
er im Laufen vor sich hin:
Ich renne, renne, renne,
Doch weiß ich nicht wohin,
Ich kenne, kenne, kenne
Nicht meines Rennens Sinn.
Ich träume, träume, träume:
Es muß ein Ort wo sein,
Wo Bäume, Bäume, Bäume
Dicht stehn in langen Reih’n.
Die kenn’ ich, kenn’ ich, kenn’ ich,
Die hohen Bäume grün,
Drum renn’ ich, renn’ ich, renn’ ich
So grad’ und schnell und kühn.
Und da war er auch schon mitten im hohen, dunk
len, schweigenden Tannenwald und umarmte eine
alte riesige Tanne, von der graue Flechtenbärte her
unterhingen, und um die her ein bittersüßer Duft
von Harz war.
„Vater!“ rief Zäpfel Kern, „Vater, da bin ich!“Und
da stand auf einmal anstatt der Tanne das alte buck
lige Männchen da, dessen Bart genau so aussah wie
eine Tannenflechte, und sprach: „Ei, du Tunichtgut!
Habe ich dich deshalb zu Meister Pflaume gebracht,
daß du gleich durchbrennen sollst?“
30


„Aber das ist doch hier meine Heimat“, sagte Zäp-
fel Kern.
„Ja doch“, sprach der Alte, „aber du hast keine
Wurzeln mehr, sondern Beine, und bist, wenn auch
kein richtiger Mensch, so doch das Bild eines Mensch
leins geworden. Aus dem Wald habe ich dich in die
Welt getragen, und dort sollst du dein Leben füh
ren und nicht hier. Du sollst den Menschen zeigen,
daß nicht bloß sie allein Leben haben, und besonders
die Menschenkinder sollen von dir lernen, indem sie
über dich lachen.“
„Aber ich mag nicht!“ schrie Zäpfel Kern und
trampelte trotzig auf dem Moos herum.
„Siehst du wohl“, sagte darauf ruhig der Alte,
„daß du kein Baum mehr bist! ? Denn die Bäume sind
nicht trotzig. — Es hilft dir aber alles Trampeln
nichts; mach, daß du fortkommstl
Eins, zwei, drei und hoppl
Lauf nach Hause im Galopp 1“
Kaum hatte Zäpfel Kern das vernommen, so setzte
er sich, ohne es eigentlich zu wollen, auch schon in
Trab und lief nach der Stadt zurück, wo er bald Mei
ster Zorntiegels Haus fand und die Treppen hinauf
und ins Zimmer hineinlief.
Dort überkam ihn sogleich ein wohliges Gefühl.
Er fühlte sich geborgen und zu Hause und legte sich
der Länge lang auf den Fußboden hin, Arme und
Beine weit von sich streckend. Den Wald hatte er
mit einem Mal vergessen und fühlte sich ganz wie
ein Menschenkind . ..
Doch war ihm vom Wald geblieben, was Men-
31


schenkindern nicht eigen ist: er verstand die Stim
men der Tiere.
Das sollte sich gleich zeigen. Nämlich: plötzlich
hörte er etwas über sich, das klang sum — sum
— sum. Aber Zäpfel Kern verstand, was es heiße.
Und es hieß: „Weißt du, wer ich bin?“
Zäpfel Kern antwortete: „Ein Maikäfer.“
„Ja, aber kein gewöhnlicher. Ich bin ein gelehrter
Maikäfer, der Professor Doktor Maikäfer.“
„Das ist mir ganz egal.“
„Schlimm genugl Vor gelehrten und erfahrenen
Leuten sollen Kinder Respekt haben.“
„Morgen! Heute nicht! Heute bin ich müde.“
„Nein! Heute! Denn ich will dir heute sagen, was
ich dir sagen muß.“
„Du bist ein langweiliger Maikäfer.“
„Und du ein frecher, ein ganz frecher Bursche.
Weißt du, wie’s Kindern geht, die ihren Eltern nicht
folgen, die ihrem Vater davonlaufen?“
„Lustig geht’s ihnen! Sie brauchen nicht in die
Schule zu gehn und können alle Tage Schmetterlinge
fangen, auf Bäume klettern und mit den Tieren im
Wald spielen.“
„Ja, um schließlich, wenn sie groß geworden sind,
dumm wie Tiere zu sein, aber zu viel weniger nütze
als Tiere.“
„Das ist mir ganz egal.“
„Du mußt aber doch irgend etwas lernen?“
„Fällt mir gar nicht ein. Kann schon genug.“
„Was denn?“
„Essen, trinken, schlafen, Dummheiten machen
und wundervoll faulenzen.“
„Sol Das ist eine schöne Kunstl Man sieht doch,
32


daß du kein richtiger Mensch bist, du fauler Holz
kopf.“
„Was sagst du, was ich bin?“
„Ein Holzkopf.“
„Wirst du das zurücknehmen?“
„Nein, denn du bist einer.“
„Aber ich will’s nicht hören!“
„Die Wahrheit muß man immer hören wollen, und
ich, Professor Doktor Maikäfer, werde sie jedenfalls
immer sagen.“
„Auch dann, wenn ich dir den Hammer da an den
Kopf werfe?“
„Untersteh’ dich nur!“
„Das wirst du gleich sehen.“
Und Zäpfel Kern ergriff den kleinen Hammer,
der neben ihm lag, und warf ihn auf den Maikäfer.
Er hatte nur zu gut gezielt. Von dem gelehrten
Maikäfer blieb nichts an der Wand als ein grünlich
brauner Fleck.
3 Zäpfel Kern
33


Fünftes Kapitel
Zäpfel Kern, der nichts lernen
wollte, lernt doch etwas: hun
gern. Da ihm diese Kunst nicht
gefällt, möchte er sich einen
Eierkuchen backen, aber es
k o m m t n i c h t d a z u
Nun wurde es allmählich Abend, und Zäpfel
Kerns Magen drückte deutlich die Ansicht aus, daß
es jetzt Zeit zum Abendbrot wäre. Als er trotz dieser
deutlichen Äußerung nichts bekam, wiederholte er
seine Meinung in Form eines tüchtigen Appetits, und
als auch das nichts half, fing der Magen an zu knur
ren. Erst wie ein Hund, dann wie ein Wolf, dann wie
ein Löwe. Kurz: Zäpfel Kern merkte, daß das Sprich
wort nicht lügt, wenn es behauptet: Hunger tut weh.
Darum stand er vom Fußboden auf und ging zum
Ofen, auf dem nach wie vor der Suppentopf kochte,
und gedachte, den Deckel vom Topf zu heben, um
nachzusehen, von welcher Art die Suppe sei, die dar
in brodelte. Aber ach, was wir schon im dritten Ka
pitel erfahren haben, erfuhr Zäpfel Kern jetzt, und
das war in diesem Augenblick eine böse Erfahrung.
Ofen, Topf und Dampf waren nicht Wirklichkeit,
sondern Kunst.
„Wer Phantasie hat, braucht keine Kohlen“, hatte
Meister Zorntiegel gesagt, aber Zäpfel Kern war gar
nicht in der Laune, sich mit einer gemalten Suppe
abspeisen zu lassen, und fand die Zumutung, sich
bloß in der Phantasie satt zu essen, empörend.
34


„Ich will eine richtige Suppe, keine gemalte!“ schrie
er wütend, „und Brot will ich auch und Fleisch und
Gemüse!“ Aber es kam nicht Koch noch Kellner, ihm
etwas vorzusetzen. So mußte er also selber Umschau
halten und trippelte eifrig in der Dachstube hin und
her, überall seine lange Nase hineinsteckend, wo ir
gend etwas Eßbares hätte sein können. Kein Topf,
kein Tiegel, kein Teller, kein Schubkasten, kein Re
gal, kein Schrank, kein Krug, wohin er nicht geguckt
hätte, daß er etwas fände zum Beißen oder Schluk-
ken. Aber obwohl er immer bescheidener im Wün
schen wurde und schon mit einer Brotrinde fürlieb
genommen hätte oder mit einem halb abgenagten
Hühnerbein oder mit einer Fischgräte oder mit
einem angebrannten Rändchen Brei, — es fand sich
nichts, gar nichts, gar, gar, gar, gar nichts. Dafür
wuchs aber sein Hunger wie ein junger Riese und
knurrte jetzt nicht bloß im Magen, sondern biß
ihn, daß er schreien mußte.
Und Zäpfel Kern weinte und klagte: „Ach, wie
recht hat doch der gelehrte Professor Doktor Mai
käfer gehabt! Wäre ich doch nicht so ungezogen ge
wesen und meinem guten Papa davongelaufen! Der
hätte mir gewiß was zu essen gegeben. Huhuhuhu-
hul“
Da, — unter dem Bett, — was war das? Das
Weiße, Glänzende dort, — das war doch wohl ein
Eil?
„Hurra!“ rief Zäpfel Kern und tanzte recht kas
perlemäßig auf einem Bein:
5*
Hurra, hurra, hurra!
Ein Ei, ein Ei ist da!
35


Und nahm’s in eine Hand und hielt’s vors Auge
und streichelte es und küßte es und sang:
Bickebackereil
Was mach’ ich mit dem Ei?
Ich will ein bißchen Butter suchen
Und back’ mir einen Eierkuchen
Mit Zucker auch dabei.
Bickebackereil
Ja, Kuchen 1 Wenn er Butter und Zucker gehabt
hätte!
„Na, gut!“ meinte Zäpfel Kern, „da koch’ ich’s mii
einfach im Wasser gar. Es ist doch wenigstens was.“
Und er machte ein Feuerchen und setzte einen
Topf mit Wasser darauf und tat das Ei hinein.
Wie aber das Wasser zu brodeln und zu kochen
anting, gab’s einen kleinen Knacks, und ein kleines
Hühnchen steckte den Kopf aus der Schale. Zäpfel
Kern machte die größten Kasperleaugen, die er nur
machen konnte, und dachte schon an Hühnerbouil
lon, da setzte sich das Hühnchen auf den Rand des
Topfes, neigte das gelbe flaumige Köpfchen sehr
zierlich und sprach:,,Gack,gack,gackeragack,gucki-
diguckidigackgackgack.“ Und Zäpfel Kern verstand
das ebenso gut wie vorhin das sum, sum, sum des
Maikäfers, aber er freute sich gar nicht über den
Sinn der Gackerei, denn er hieß so viel wie:
„Bon jour, Monsieur Zäpfel, und schönen Dank,
daß Sie mir die Schale aufgemacht haben. Es war
furchtbar langweilig und stockfinster darin. Jetzt
will ich aber gleich zu meinen guten Eltern fliegen.
Leben Sie wohl, Herr Kasperle!“
36


Und tat die Fliiglein auseinander und flog purr,
purr, purr geradenwegs zum Dachfenster hinaus,
üLer die Dächer weg, weit, weit fort.
Zäpfel Kern riß den Mund weit auf, und die Augen
nicht viel weniger weit, und dachte, daß er träumte.
Aber die leeren Eierschalen, die im kochenden Was
ser auf und nieder tanzten, zeigten ihm deutlich ge
nug, daß das kein Traum war, und der Hunger, der
nun anfing ganz rasend zu werden, bewies ihm
gleichfalls, daß er sich durchaus bei wachen Sinnen
befand.
Das arme Kasperle warf sich auf das Bett und
krümmte sich zusammen und weinte und heulte und
jammerte und schrie: „Au, aul au! Oi, oi, oi! Ih! ih!
ih! Wenn ich doch den guten Maikäfer nicht ermor
det hätte! Wenn ich doch bei meinem lieben Papa
geblieben wäre! Oh ich Dummkopf! Oh ich schlech
tes Kasperle! Lieber, guter, einziger Herr Professor
Doktor Maikäfer! Werden Sie doch wieder leben
dig!“
Aber der grünlich-braune Fleck an der Wand
rührte und regte sich nicht.
37


Zäpfel Kern konnte ihn nicht länger vor sich se
hen und beschloß, die leere Dachstube zu verlassen
und auf der Straße sein Glück zu versuchen, obwohl
es kohlpechrabenschwarze Nacht geworden war und
überdies donnerte und blitzte, als wollte der Himmel
in Flammen aufgehen. Dazu pfiff und heulte ein
entsetzlicher Sturm, daß das ganze Haus stöhnte
und krachte. Es war so fürchterlich, daß Zäpfel sei
nen ganzen Mut zusammennehmen mußte, wie er
sich vom Bett erhob und auf die Türe zuschlich, die,
wie er nur die Klinke berührt hatte, sich unter der
Wucht eines wütenden Windstoßes weit öffnete und
dann krachend hinter ihm ins Schloß fiel.
Zäpfel Kern kroch mühsam die Treppe hinunter,
indem er sich an der Wand hintastete, und gelangte
durch das offene Haustor glücklich ins Freie.
Sechstes Kapitel
Fortsetzung der bösen Erleb
nisse Zäpfel Kerns
Auf der Straße war’s noch schrecklicher als in
der Dachkammer. Die Laternen waren vom Wind
ausgelöscht und klirrten, Fensterläden schlugen kra
chend gegen die Hausmauern, die Windfahnen
kreischten und knarrten, und die Straße war leer
und öde und dunkel wie ein Grab.
Zäpfel Kern lief von Haus zu Haus, von Tür zu
Tür — alles war verschlossen.
In seiner Verzweiflung hängte sich unser Zäpfele
38


zwar nicht auf, aber an eine Hausklingel und läutete
nach Leibeskräften.
Und wenn der Teufel selber herunterguckt, sagte
er sich, ich muß jetzt jemand um Brot ansprechen.
Der Teufel selber war es nun freilich nicht, der
auf das Gebimmel Zäpfel Kerns am Fenster erschien,
aber wie ein Engel sah der Herunterblickende auch
nicht aus, mit seiner wollenen Zipfelmütze und sei
nen wütenden, halb noch vom Schlaf verklebten Au
gen.
„Infamer Schlingell“ schrie der Mann, „was willst
du mitten in der Nacht!“
„Brot, lieber Herr, ach bitte, bitte Brot! Mich hun
gert so.“
„Wart, ich werde dir eine Apfelsinentorte geben,
junger Freund 1“ rief der Alte, der es mit einem der
unverschämten Buben zu tun zu haben glaubte, die
sich nachts ein Vergnügen daraus machen, die Leute
aus dem Schlaf zu klingeln.
Zäpfel Kern spitzte die Ohren. — Apfelsinentor
te? dachte er sich, da habe ich’s gut getroffen.
Nach einer halben Minute erschien der Alte wie
der am Fenster und rief: „Bist du noch da?“
„Ja!“ sagte Zäpfel und schmeckte schon die Torte.
„So halte deinen Hut aufl“
„Ich habe keinen.“
„Na, dann die Hände!“
Als aber das arme Zäpfele die Hände aufhob,
fiel keine Apfelsinentorte hinein, sondern es ergoß
sich ein ganzer Wasserfall über ihn, schaurig kaltes
Wasser, das ihn über und über naß machte.
Pudelnaß und vor Kälte klappernd setzte sich das
erschrockene Kasperle in Trab und rannte heim.
39


Muß ich schon vor Hunger sterben, sagte er sich,
so soll es wenigstens zu Hause sein, zu Hause, wo ich
immer hätte bleiben sollen, ich großer Dummkopf
und garstiges Kind.
Den Hunger spürte er fast gar nicht mehr, so
schwach war ihm geworden. Dafür fing es ihn um so
schrecklicher zu frieren an, denn das kalte Wasser
war ihm in alle Gelenke gefahren, und er war ja
auch noch ganz nackt. Bloß von dem Gedanken er
füllt, sich zu wärmen, streckte er beide Füße in die
40


Glut des Feuers, das er vorhin zum Eierkochen an
gemacht hatte, und schlief auf der Stelle ein.
Ihm träumte vom Wald. Die Tannen standen
stolz und schweigend da. Bunte Spechte liefen an
den Stämmen hinauf und klopften mit ihren Ham
merschnäbeln tak, tak, tak. Vom höchsten Wipfel
sang ein wunderschöner Vogel: Kadü — trio, Kadü
— trio! Große rote, feuerrote Blumen standen auf
hohen Stengeln im Moose, und es schien ihm, als
wären ihre roten Blütenkelche Flammen, die an den
Stämmen hinaufleckten.
Dieser Teil des Traumes hatte aber einen recht
bösen Grund. Indem das arme Kasperle nämlich
schlief und träumte — verkohlten seine Holzbeine
in der Glut...
Man hätte nun meinen sollen, daß Zäpfel Kern
davon erwacht wäre. Aber nein! Er schlief und träum
te ruhig weiter von seinem lieben Wald, bis es Tag
wurde und ihn ein Klopfen an der Haustüre weckte.
Zäpfel sprang auf und humpelte zum Fenster.
„Wer ist da?“ rief er.
„Ich bin’s! Mach auf!“ antwortete eine Stimme.
Es war die Stimme des Meisters Zorntiegel.
Siebentes Kapitel
Was für ein guter Kerl der Mei
ster Zorntiegel, und was für ein
frecher BengelZäpfel Kern ist
Um die Wahrheit zu sagen, hatte Meister Zorn
tiegel die feste Absicht, unser Kasperle übers Knie
zu legen und ihm Anstand und Folgsamkeit mit Hilfe
41


eines sehr biegsamen Rohrstockes von hinten beizu
bringen, den er in der Hand hielt, als er eintrat.
Wie er aber Zäpfel Kern mit abgebrannten und
verkohlten Füßchen vor sich stehen sah, ließ er den
Stock fallen, schlug die Hände über dem Kopf zu
sammen und rief aus: „Ja, aber Zäpfeichen, was ist
denn mit dir passiert! Wo hast du denn deine Füße
gelassen?“
Und er nahm das Kasperle auf den Arm und
herzte es und küßte es und trug es im Zimmer auf
und ab und war ganz Liebe und Güte.
Zäpfel Kern aber schlug seine Ärmchen um den
Hals des Meisters und erzählte: „Ach, Papa, was ich
alles erlebt habe?! Denke dir, ich war im Wald und
hab’ meinen ändern Papa gesehen! Ja! und Bäume!
So, so, so hohe und ganz grüne. Wirklich wahr! Ja,
und dann, dann habe ich den Professor Doktor Mai
käfer gesehen! Und er hat mir Geschichten erzählt,
Geschichten! Oder vielmehr: Grobheiten hat er mir
gemacht. Frech — was? Na, ich hab’s ihm aber ge
geben! Bums! Den Hammer auf den Kopf! Patsch,
da klebt er! Und dann habe ich ein Ei gefunden und
hab’ Feuer gemacht und Wasser gekocht, und dann
ist das Ei entzweigeknackt, und ein Hühnchen ist
herausgekommen und hat sich bei mir bedankt —
und fort war es. Und da war’s aus mit dem Eier
kuchen, und ich bin immer hungriger geworden und
auf die Straße gerannt und habe an einem Haus ge
klingelt, und da hat einer herausgeguckt mit einer
Zipfelmütze und zwei Augen wie zwei Wagenräder.
Wirklich wahr! Aber du, das ist mal ein Lügenmaul
gewesen! Sagt, er will mir Apfelsinentorte geben und
gießt mir Wasser über den Kopf. So ein frecher Kerl!
42


Was? Und da bin ich wieder nach Haus gerannt
und habe gefroren und bin eingeschlafen, und wie
ich aufgewacht bin, waren meine Füße weg, aber —
mein Hunger war noch da. Huhuhul Hu — hu — hu
— Hunger.“ Und Zäpfel Kern weinte, daß man’s bis
Konstantinopel bei den Türken hören konnte.
Meister Zorntiegel begriff von dieser Erzählung
nicht alles, aber das eine war ihm klar: Klein Zäp-
fele hat Hunger. Und er griff in seine Tasche, zog
drei Äpfel heraus und sprach: „Die wollte eigentlich
ich essen, denn ich hab’ auch Hunger gekriegt im
Gefängnis, in das mich der Schutzmann deinetwegen
gesperrt hat. Aber, na, wenn du so großen Hunger
hast, magst meinetwegen du sie essen.“
Kaum sah Zäpfel Kern, daß es mit dem Hunger
gleich vorbei sein würde, wurde er auch wieder kas
perlemäßig frech und sprach: „Schön! Aber erst
mußt du sie schälen.“ „Was?“ rief Zorntiegel er
staunt, „bist du so heikel? Schälen! Was wir armen
Leute sind, wir dürfen nichts umkommen lassen!
Hat man je so was gehört! Will das Bürschchen den
Apfel nicht mit der Schale essen.“
„Nein, es will nicht“, antwortete Zäpfel Kern und
haute mit der Faust auf den Tisch.
„Und warum nicht, mein hoher Herr?“ fragte der
Meister.
„Mein schwacher Magen kann’s nicht vertragen.“
Wäre Meister Zorntiegel nicht der gute Kerl ge
wesen, der er in Wirklichkeit war, dann hätte er
jetzt vielleicht seinen Rohrstock aufgehoben, so aber
schüttelte er bloß den Kopf mit der gelben Perücke,
holte ein Messer aus der Tischschublade, schälte die
Äpfel und legte die Schalen auf die Tischkante. Ehe
43


er aber die Äpfel in Stücke schnitt und sie Zäpfel
gab, sagte er: „Man hat aber Exempel von Beispie
len, daß Äpfelschalen auch von Leuten mit schwa
chem Magen gegessen werden.“
Nun machte sich das Kasperle über den ersten
Apfel her, biß ihn aber nur rund ums Kerngehäuse
ab und wollte das wegwerfen.
„Halt!“ rief da Zorntiegel, „der Krietsch wird mit
gegessen.“
„Nein“, rief Zäpfel, „den Krietsch mag ich schon
gar nicht.“
„Warum nicht, wenn ich fragen darf?“
„Mein schwacher Magen kann ihn nicht vertragen.“
Meister Zorntiegel, ohne sich im geringsten über
diese neue Widerspenstigkeit zu ärgern, nahm die
Kerngehäuse, legte sie zu den Schalen und sprach:
„Man hat Exempel von Beispielen, daß auch Kriet-
sche von Herren mit schwachem Magen verzehrt
werden.“
Indessen stopfte sich Zäpfel Kern die beiden an
deren Äpfel mit erstaunlicher Geschwindigkeit in
den Mund. Wie aber das letzte Stück in dem Abgrund
44


verschwunden war, rief er: „Ich bin noch nicht
satt!“
„Das tut mir leid“, bemerkte ruhig der Alte; „nur
ist leider nichts mehr da.“
„Gar nichts?“
„Bloß noch die Schalen und Krietsche. Aber das
ist nichts für vornehme junge Herren mit angegrif
fenem Magen.“
Zäpfel Kern schielte nach der Tischkante, rümpf
te die Nase und sprach: „Ach, eine Schale wird mir
nicht weiter schaden.“
„Wer weiß!“ meinte Zorntiegel. „Vornehme Leute
sind sehr empfindlich. Ich würde zur Vorsicht raten.“
Aber das Kasperle hatte die eine Schale schon
hinter dem Apfel hergeschickt, zu dem sie gehörte,
und ehe Zorntiegel noch weitere Bemerkungen hatte
machen können, waren auch die übrigen und die
Kerngehäuse gleichfalls verschwunden.
Nach dieser Leistung schlug sich Zäpfel Kern auf
sein Bäuchlein, seufzte angenehm tief auf und sagte:
„Jetzt ist mir wieder wohl.“
Zorntiegel aber lächelte und sprach: „Man hat
Exempel von Beispielen ...“
Achtes Kapitel
Meister Zorntiegel hört nicht
auf, seinem Kasperle Gutes
zutun
Nun war der böse Hunger weg, und Zäpfel Kern
hätte wohl zufrieden sein können. Aber jetzt besann
45


er sich auf seine verbrannten Füße und heulte und
schrie: „Ich will neue Füße haben! Neue Füße will
ich haben!“
„Damit du mir wieder weglaufen kannst, was?“
sagte der Meister.
„Nein, nein, neinl“ schluchzte Zäpfel Kern. „Ge
wiß nicht! Ganz gewiß nicht. Von jetzt ab will ich
brav, ganz, ganz brav sein!“
„Das sagen alle ungezogenen Kinder, wenn sie
was haben wollen.“
„Ich bin aber kein ungezogenes Kind mehrl Ich
will tun, was Professor Doktor Maikäfer gesagt hatl
In die Schule gehen und was lernen.“
„Wer’s glaubt! Ich nicht!“
„Doch! Doch! Und später lern’ ich ein schönes
Handwerk, und wenn du nicht mehr arbeiten kannst,
so tu ich’s für dich!“
Meister Zorntiegel hatte Mühe, ein ernstes und
strenges Gesicht zu machen, denn es war ihm weich
ums Herz, und er konnte es ja kaum selber ansehen,
daß sein Kasperle ein armes Krüppelchen war. Trotz
dem ließ er Zäpfel Kern noch eine Weile zappeln,
ehe er an die Arbeit ging. Dann aber verfertigte er
in weniger als einer Stunde ein paar wunderschöne
schlanke und gelenkige Füße und Waden undsprach:
„Mach die Augen zu, Zäpfel, und schlaf!“
Der Kasperle tat, wie ihm geheißen war, d. h. er
stellte sich so, als ob er schliefe, merkte aber alles,
was vorging. Und das war einfach genug. Der Mei
ster verstrich die verkohlten Stellen mit Leim und
steckte sie dann, wie man die Finger in einen Hand
schuh steckt, in die Höhlungen, die er oben an den
46


1
neuen Waden angebracht hatte, überdeckte alles
mehrmals mit Leinwandstreifen, die er mit Kleister
bestrichen hatte, und nun konnte man höchstens
meinen, daß Zäpfel Kern auf den bloßen Waden ein
paar Strumpfbänder trüge; — sonst sah man von
dem kleinen Schaden durchaus nichts.
Zäpfel Kerns Freude über die gelungene Opera
tion ist nicht zu beschreiben. Er sprang vom Tisch
und führte einen Indianertanz auf, zu dem er sang:
Hopsassa! Trallala!
Jetzt hab' ich wieder Beine.
Wer noch keine Beine sah,
Komm her und sehe meine!
Meine Beine sind mein Stolz,
Denn sie sind aus Tannenholz!
47


Schlanke, grade, feine!
Kommt und ruft mit mir Hurral
Hoch leben meine Beine!
Dann aber lief er auf den guten Meister zu, gab
ihm einen Kuß und schmeichelte: „Lieber, guter,
kunstreicher Papa! Nun mußt du mir aber noch was
machen, wenn ich in die Schule gehen soll!“
„Na, was denn?“ fragte Zorntiegel, obwohl er ganz
genau wußte, was Zäpfel Kern noch brauchte.
Jacke, Hose, Weste, Hut
Und auch ein paar Schuhe gut!
rief Zäpfel.
„Richtig!“ sagte Zorntiegel. „Natürlich!“ Und er
suchte in seiner Puppengarderobe gar herrliche Klei
dungsstücke für sein Kasperle zusammen und zwar:
1. eine Jacke aus stärkstem blauem Packpapier
mit aufgeklebten gelben Sternen darauf;
2. eine Halskrause aus rotem Seidenpapier;
3. ein paar Pumphosen aus hellgrünem Lösch
papier, das wie Samt aussah;
4. einen spitzen gelben Hut, der eigentlich eine
Zuckertüte war;
5. ein paar Schuhe aus brauner Baumrinde.
Fehlten nur noch die Strümpfe. Weil er keine
hatte, malte er sie ihm mit weißer Ölfarbe auf die
Waden.
Wie Zäpfel Kern dies alles am Leib hatte, kam
er sich so schön vor, daß er kaum zu gehen wagte.
Sein erster Gang aber war zum Dachfenster, in dem
er sich wohl eine halbe Stunde spiegelte.
Als er sich an seiner Schönheit sattgesehen hatte,
48


sagte er feierlich: „Wundervoll! Absolut wundervoll!
Ich könnte mich im Panoptikum sehen lassen. Ich
habe gar nicht gewußt, daß ich so schön bin.“
„Nun ja“, sagte der Meister, „Kleider machen
Leute, das heißt, solange die Kleider sauber sind,
mein Sohn!“
Darüber ging das Kasperle schnell hinweg, indem
es bemerkte: „Ja, aber nun fehlt noch was, wenn ich
in die Schule gehen soll.“
„Noch was?“
„Ja, ein Abcbuch.“
„Hm, das ist freilich wahr. Aber das kann ich nicht
machen.“
„So geh in den Buchladen und kauf eins!“
„Ein guter Rat, mein Junge; vielleicht gibst du mir
auch das Geld dazu.“
„Geld? Ich? Ich habe kein Geld.“
„Ich auch nicht.“
Da wurde Zäpfel Kern sehr traurig, denn zum
erstenmal bei ihm das Wort Armut aufs Herz.
Das tat dem guten Zorntiegel sehr weh. Plötzlich
schnippte er mit den Fingern und rief: „Wart! Ich
hab’s! In zehn Minuten bin ich mit dem Abcbuch da.“
Und ging fröhlich zur Türe hinaus. — Wie er wieder
kam, hielt er ein prächtiges Abcbuch in der Hand,
hatte aber keinen Rock mehr an.
„Aber dein Rock? Wo hast du denn deinen Rock
gelassen?“ fragte erstaunt der Kleine.
„Den hab ich verkauft.“
„Verkauft? Warum denn?“
„Weil er mir zu warm ist.“
So klein Zäpfel Kern auch war, so erfaßte er
doch den Zusammenhang der Dinge, und in über-
4 Zäpfel Kern


strömender Zärtlichkeit des Dankes umarmte er den
Hals des guten Alten und küßte den braven Meister
so herzhaft ab, daß der kaum mehr atmen konnte,
zumal, da ihm gleichzeitig die heißen Tränen über
beide Backen liefen.
Neuntes Kapitel
Wie schnell Zäpfel Kern seine
guten Vorsätze vergißt
Nach diesem ereignisvollen Tag legte sich Zäp
fel Kern ganz selig vor Glück zu Bett, in den Armen
sein schönes Abcbuch und im Kopf nichts als ange
nehme und löbliche Gedanken. Und ein herrlicher
Traum schwebte über seinem Lager: Er sah sich in
seinem wunderschönen Kasperleanzug bewundert
auf der Schulbank sitzen als den fleißigsten und ar
tigsten aller Schuljungen.
Kaum aber war er erwacht, so rief er auch schon:
„Papa, Papa, jetzt geh ich in die Schule!“
„Geh, mein Kind“, antwortete der Alte, „geh mit
Gott und komm gesund wieder!“
Und Zäpfel ging, sein Buch in der Hand, mit stolz
erhobenem Kopf der Schule zu. Er sah nicht nach
rechts, er sah nicht nach links, er sah nur immer ge
radeaus und dachte dabei an nichts, als lernen, ler
nen, lernen.
Heute, so dachte er sich, heute werde ich mal zu
erst lesen lernen. Morgen schreiben und übermorgen
rechnen. Ein Kopf wie der meine wird das bald raus
haben. Und dann, — na, dann werde ich Geld ver-
50


dienen, alle Taschen voll und meinen gelben Kegel
hut dazu. Wenn er nur nicht platzt von dem vielen
Geldl Aber nein, er wird nicht platzen, denn ich
werde das Geld sofort ausgeben, um meinem lieben
Papa einen schönen Tuchrock zu kaufen. Einen
Tuchrock? Unsinn! Er muß ganz aus Gold und Silber
sein mit Edelsteinen als Knöpfen dran. Denn einen
so guten, lieben, goldigen Papa gibt’s auf der ganzen
Welt nicht mehr.
Er wollte sich gerade noch eine Reihe anderer
schöner Dinge ausmalen, die er seinem guten, lieben,
goldigen Papa zu kaufen gedachte, da riß ihn etwas
aus seinen schönen Ideen, das er durchaus nicht
überhören konnte.
Tschingderada, bumderada,
Tschingda, tschingda, tschingderada
klangs aus einer Nebenstraße her.
Wie angewurzelt blieb Zäpfel Kern stehen und
lauschte (denn Meister Zorntiegel hatte ihm auch ein
Paar allerliebster Öhrlein gemacht und, während er
schlief, angeklebt).
„Hui!“ sagte er laut zu sich selber: „Musiki das ist
aber fein!“
Tsching, tsching, tschingdera,
Tschingderadabum!
klang’s jetzt noch lauter als vorhin, und es war nicht
anders, als wenn diese Trompeten, Flöten, Becken
und Pauken ihn riefen:
Zingda, zingda, zingda bumm!
Zäpfel, Zäpfel, Zäpfel, kumm!
Das Kasperle konnte sich nicht helfen und fing
an, auf einem Bein zu tanzen. Aber plötzlich blieb
51


es stehen und sagte: „Nein! Ich geh’ in die Schule!
Punktum!“
Schnerräng, schnerräng, schnerräng dada,
Ist Zäpfel Kern denn noch nicht da?
rief jetzt eine hohe Trompete.
Dem Kasperle war das Weinen nahe.
„Die dumme Schule!“ schrie er und stampfte mit
den Füßen auf. „Gerade heute! Kann es denn nicht
auch morgen sein?“
Und wie nun eine Flöte kicherte:
Tütüh tütüh tütüh tütüh,
Morgen ist es auch noch früh,
und die Baßgeige hinzufügte:
Schrum, schrum, schrumbidibum,
Kumm, kumm, Zäpfel, kumm!
da schwang Zäpfel Kern seinen Hut und schrie: „Ach
was! Ich geh’ morgen in die Schule! Heute muß ich
zur Musik.“
Und er rannte mit großen Schritten die Neben
straße hinunter.
Ah, was er dort sah!
Mitten auf einem kleinen Platz stand eine Bret
terbude, die war von oben bis unten mit bunten Bil
dern bedeckt, und darauf waren lauter Kasperle
abgebildet, wie er, und noch viele andere putzige
Figuren dazu: gescheckte Hanswurste, grasgrüne
Pickelheringe*), gestreifte Harlekine — zum Tot
lachen; und ein schöner Vorhang aus rotem Stoff
mit Goldtroddeln hing beim Eingang herunter, und
da standen die Musikanten und bliesen und paukten
und pfiffen auf schwarzen Flöten und schlugen in
*) Pickelhering = Spaßmacher
52


gelbe Becken und fiedelten auf dem braunen Bauch
des Brummbasses herum, und ein Mann mit einem
langen Bart hatte eine silberne Tute vorm Mund,
in die er hineinschrie: „Herein, herein, hereinspa
ziert! Hier ist’s, wo man sich amüsiert!“ Dem Kas
perle gingen die Augen über, und er glaubte nichts
anderes, als daß er vorm Eingang zum Himmel
stünde.
„Wa . . . was ist denn das?“ fragte er einen Jungen,
der in einer dichtgedrängten Menge von Menschen
neben ihm stand.
„Du bist wohl aus Dummdorf?“ entgegnete der.
„Kannst du nicht lesen? Da steht’s ja angeschrieben.“
„Lesen lerne ich morgen“, entgegnete Zäpfel Kern.
„Du bist ein schöner Esel!“ sagte der Junge. „Kann
nicht mal lesen! Hahaha!“
„Bitte, bitte, lies mir’s vor!“ bat Zäpfel.
„Na, also, du Dummrian! Die Worte da heißen:
Großes Kasperletheater.“
„Ach!“ machte Zäpfel. „Das muß fein sein!“
„Das glaub’ ich! Zum Purzelbaumschlagenl“
„Wann geht’s denn an?“
I


„Gleich!“
„Gehst du hinein?“
„Ich habe kein Geld.“
„Wozu braucht man denn da Geld?“
Der Junge tippte mit dem Zeigefinger auf Zäpfel
Kerns Stirn und sagte: „Da drinnen ist wohl Stroh?“
„Nein“, erwiderte Zäpfel Kern stolz, „mein Kopf
ist massiv.“
„Das merk’ ich“, sagte wieder der Junge, „sonst
würdest du wohl wissen, daß es Entree kostet“
„Was ist das: Entree?“
„Entree ist, wenn man was blechen muß.“
„Blechen? Was ist das?“
„Herrgott, bist du aber dumm! Bezahlen!“
„Ach so...“ seufzte Zäpfel Kern gar betrübt.
„Was .. . was kostet’s denn?“
„Der erste Platz fünfzig Pfennige.“
Zäpfel Kern kraute sich hinter seinen neuen
Ohren. Dann sagte er: „Kannst du mir bis morgen
fünfzig Pfennige borgen?“
„Ja — morgen!“ höhnte der Junge.
„Weißt du, nämlich von morgen ab geh’ ich in die
Schule“, erklärte Zäpfel eifrig, „und dann verdiene
ich eine Masse Geld.“
„Ach?“ machte der Junge „Wirklich? Das ist ja
großartig!“
„Ja, ganz gewiß . . . und übrigens: Ich kann dir
auch meine Jacke verkaufen!“
„Das Ding da aus Packpapier? Ich danke schön.
Ich will mich nicht erkälten.“
„Oder meine schönen neuen Schuhe!“
„Ich brauch’ kein Holz zum Heizen.“
„Oder meinen schönen Hut!“
54


„Ich hab’ selber alte Zuckertüten zu Haus.“
Dem Kasperle war zumute, als würde ihm mit
einem Stock auf den Kopf geschlagen, einmal, zwei
mal, dreimal. Seine herrlichen Sachenl Und der
Junge spottete darüber.
Aber ins Theater mußte, mußte, mußte er! Und
so gewann er es, wenn auch voller Scham, über sich,
zu fragen: „Vielleicht kaufst du mir mein Abcbuch
ab?“
Doch der Junge antwortete stolz: „Ich kann schon
lange lesen!“
Da drängte sich ein Mann, der mit alten Sachen
handelte, an Zäpfel heran und sagte: „Was willst du
denn dafür haben?“
„Fünfzig Pfennige!“ antwortete Zäpfel leise, und
seine Stimme bebte.
„Also her damit!“ sagte der Handelsmann. „Da
hast du das Geld!“
Und Zäpfel Kern, zitternd vor Begierde, ins The
ater zu kommen, nahm das Geld und gab das Buch
hin, für das der gute Zorntiegel seinen einzigen Rock
verkauft hatte.
Zehntes Kapitel
Welchen Eindruck Zäpfel Kern
auf die anderen Kasperle und
auf den Kasperletheaterdirek-
tor macht
Da der erste Platz schon ganz besetzt war, mußte
sich Zäpfel Kern zu seinem großen Bedauern mit
einem Stehplatz auf dem „Olymp“ begnügen, wie der
hb


Kassierer die Galerie nannte. Auch kam er etwas zu
spät,denn das Stück „Der Hanswurst und seineFrau“
hatte bereits begonnen.
In einem furchtbar komischen Anzug aus lauter
bunten Lappen stand Pimpinella, die Frau des Herrn
Hanswurst, der in diesem Stück das Amt eines
Nachtwächters bekleidete, auf der Bühne vor einem
Spiegel und bürstete sich mit einer viel zu großen
Pferdebürste die Haare, die feuerrot waren und
durchaus wie ein Pferdeschwanz aussahen. Dazu
sang sie mit der Stimme eines quiekenden Ferkels:
Hihihi,
Wie schön bin i!
Rot und grün und gelb und blau
Ist dem Hanswurst seine Fraul
In diesem Augenblick erschien der Hanswurst
mit seinem Nachtwächterhorn, seiner Nachtwächter
laterne und seinem Nachtwächterspieß und brüllte,
daß die Kulissen wackelten:
Rot und grün und gelb und blau
Wirst du, wenn ich dich verhau,
und schlug sofort in unverschämter Weise mit sei-
56


nem Nachtwächterspieß auf die unglückliche Pimpi-
nella los, die nun unablässig schrie:
Au, au, au, au, au, au, aul
Durch diesen Lärm angelockt, rannten mit nicht
geringerem Lärm alle Harlekine, Pickelheringe und
Kasperle herein, und es erhob sich ein ungeheuerer
Tumult, weil alle drei auf einmal reden wollten und
überdies auch Pimpinella und Hanswurst keines
wegs aufhörten zu schreien.
Das Publikum amüsierte sich köstlich, aber seine
Heiterkeit gelangte auf die Spitze, als Kasperle und
Hanswurst anlingen sich zu balgen, weil Kasperle
zum Hanswurst gesagt hatte:
Du bist nicht wert die Pimpinelle!
Komm her und hol dir eine Schelle!
Erst draschen sie, Kasperle mit seiner Pritsche
und Hanswurst mit seinem Spieß, aufeinander los,
daß es nur so klatschte, und dann packten sie sich
um den Leib und rangen miteinander. Zum Schluß
stellte Kasperle dem Hanswurst ein Bein, warf ihn
auf die Erde, setzte sich rittlings auf seinen Rücken
und sang, indem er wie ein Reiter auf- und ab-
schackte:
Kasperle, der General,
Siegt natürlich allemal.
Hü — hü — hü!
Jetzt lauf du dummes Vieh!
Erst reit ich nach der Mandschurei
Und steh’ den Japanesen bei,
Dann reit’ ich nach Amerika
Und werde Millionär allda,
Dann reit’ ich nach Australien
57


Und hau’ die Kannibalien,
Dann reite ich nach Asien,
Vergolde meine Nasien,
Dann reit’ ich zu den Eskimos
Und haue die auf die Popos.
In diesem Augenblick konnte sich Zäpfel Kern
vor Entzücken nicht mehr halten und klatschte mit
seinen hölzernen Händen dermaßen, daß es klang,
als ob zwei hölzerne Bretter aufeinander fielen.
Das Kasperle auf der Bühne, durch diesen unge
heueren Applaus geschmeichelt, sah in die Höhe und
erblickte das Kasperle auf der Galerie. Das sehen
und einen Luftsprung machen war eins. Dann trat
das Kasperle an die Rampe, streckte den Finger nach
der Galerie aus und rief:
Potz Stiefelstafelstumpelstern!
Da oben steht der Zäpfel Kern!
„Wär’s möglichl“ rief Hanswurst, stand auf und
trat gleichfalls vor, indem er die Hand übers Auge
hielt, um besser sehen zur können.
„Es ist klar wie Kloßbrühe, er ist’s!“ schrie Pickel
hering und sprang auf den Souffleurkasten.
Bei meiner Mützenspitz’,
Das ist ein guter Witz,
rief ein Harlekin; „er ist’s, oder ich bin eine Butter
bemme!“
Pimpinella aber sprang mit einem Satz ins Or
chester und rief:
Schnärreng, schnärreng, schnärreng,
Er ist es, mein Cousin.
Da konnte sich Zäpfel Kern nicht länger zügeln.
Er machte einen Hechtsprung über die Schranke der
58


Galerie hinunter, sprang wie eine Heuschrecke über
die Köpfe des Publikums weg, schloß Pimpinella in
seine Arme und ließ sich mit dieser von den übrigen
auf die Bühne hinaufziehen, wo nun eine Begrü
ßungsszene entstand, die eigentlich noch viel lustiger
war als das lustigste Theater.
Das Publikum aber war dieser Meinung nicht. Es
trampelte mit den Füßen auf die Erde und rief:
„Weiter spielenl Weiter spielen! Wir wollen den
.Hanswurst und seine Frau‘ sehen. Weiter! Weiter!
Wo ist denn der Direktor? Raus, raus, raus mit dem
Direktor!“
Dieser freundlichen Einladung mußte Herr Kas
perletheaterdirektor Fürchterlich folgen, ob er nun
wollte oder nicht. Aber er wollte auch, denn er war
schon lange wütend genug über die Frechheit seiner
Figuren, die das Spiel eigenmächtig unterbrochen
hatten.
Er erschien.
Himmel, was für ein Kerl war das! Er h i e ß nicht
bloß Fürchterlich, er w a r auch fürchterlich. Das
erste, das man an ihm sah, war sein Bart. Bart? Nein:
ein ungeheures Gestrüpp von feuerroten, durchein
ander gewundenen Zöpfen. Ja selbst aus den Nasen
löchern hingen ihm solche Zöpfe heraus, und dieses
ganze Haardickichf fiel ihm bis auf die Knie herab.
Sein Mund war ein Ofenloch, seine Augen zwei rote
Laternen, seine Ohren zwei Schaufeln. In der rechten
Hand, die wie eine Garnitur von größeren und klei
neren Zangen aussah, trug er eine schreckenerre
gende neunschwänzige Peitsche.
Man kann sich wohl denken, daß bei seinem An-
59


blick die armen Theaterpuppen zusammenfuhren
wie eine Herde Gänse, wenn’s donnert.
Zu ihrem Glück wandte sich Direktor Fürchter
lich nicht an sie, sondern an Zäpfel Kern, der aber
natürlich nicht weniger entsetzt war und wie ein
Häuflein Unglück vor dem Ungeheuer auf den Knien
lag.
Mit einer Stimme, die wie Donnerwetter klang,
brüllte ihn der Fürchterliche fürchterlich an: „Wel
cher Teufel hat dich geritten, du Schurke, daß du in
mein Theater gekommen bist, die Vorstellung zu
störenl“
„I. . . i.. . i.. . ich will’s gewiß nicht wieder tun!“
weinte das arme Zäpfele.
„Dafür werde ich sorgen!“ brüllte das Ungeheuer.
„An dir ist nichts gut als das Holz, aus dem du ge
schnitzt bist, und das werde ich sogleich in den Koch
ofen schieben.“
„Ach, lieber Herr Direktor, allerbester Herr Direk
tor“, flehte Zäpfel, „nur das nicht! Ich bin so schon
60


einmal fast verbrannt, und mein Papa, der Meister
Zorntiegel, hat sich so viel Mühe gegeben, das wieder
zu reparieren!“
„Ha!“ heulte das Scheusal, „vom Zorntiegel bist
du, der mir Konkurrenz machen will? Jetzt sollst du
um so geschwinder zu Asche werden. Packt ihn“,
schrie er den Hanswurst und das Kasperle an, „und
schleppt ihn in die Küchel“ Und mit gänzlich ver
änderter Stimme, höchst liebenswürdig und höflich,
wandte er sich ans Publikum und sprach: „Hoch
verehrte Anwesende! Ich bitte tausendmal um Ent
schuldigung wegen der kleinen Störung. Das Stück
wird sofort weitergehen, wenn dieser unverschämte
Bursche im Ofen steckt.“
Lautes Beifallklatschen belohnte diese meister
hafte Anrede, während Zäpfel Kern abgeführt wurde,
der sich aus Leibeskräften mit den Füßen einstemmte
und wimmerte: „Papa! Mein lieber Papa! Hilf mir
doch! Hilf mir doch, daß ich nicht sterben muß! ...“
Elftes Kapitel
Was es bedeutet, wenn Direktor
Fürchterlich fürchterlich niest
Wir haben im vorigen Kapitel erfahren, von
welcher Beschaffenheit der Bart, der Mund, die Au
gen, die Ohren des Kasperletheaterdirektors Fürch
terlich waren. Aber es ist uns nichts von seiner Nase
berichtet worden. Und doch war die Nase des Herrn
Fürchterlich das Allerwichtigste und auch das Netteste
an ihm. Die zwei großen Zöpfe, die aus den Nasen-
61


löchern herauswuchsen, erinnerten zwar an die son
stige Fürchterlichkeit des Herrn Direktors, aber im
übrigen war es eine gutmütige, kleine, runde Kar
toffelnase, die niemand wehtun konnte. Im Gegen
teil: diese kleine, seelenvolle Nase verhinderte es
regelmäßig, wenn Direktor Fürchterlich eine seinem
Bart, seinem Mund, seinen Augen und seinen Ohren
entsprechende Grausamkeit begehen wollte. Sie be
gann nämlich dann, von Mitleid ergriffen, zu weinen,
und wenn eine Nase weint, fühlt man einen Kitzel,
und wenn man einen Kitzel in der Nase fühlt, muß
man niesen, und wenn man geniest hat, spürt man
ein Gefühl von Erleichterung, und wenn man ein
Gefühl von Erleichterung spürt, kriegt man gute
Laune, und wenn man gute Laune hat, begeht man
keine Grausamkeit. So kam es, daß Herr Fürchter
lich niemals fürchterlich werden konnte.
Auch im Falle unseres FreundesZäpfel Kern legte
sich die menschenfreundliche Nase des Direktors ge
rade noch zur rechten Zeit ins Mittel. Schon hatte der
Puppentyrann die Ofentüre geöffnet, hinter der das
Feuer glühte, schon hatte seine entsetzliche Hand
den vor Todesangst bleich gewordenen Zäpfel ge
packt, schon glaubte unser Kasperle sein letztes
Stündlein gekommen, da, horch: Hatschi, hatschi,
hatschi! erfolgten dreimal hintereinander drei fürch
terliche Niesexplosionen, unter deren Wucht die zwei
Nasenzöpfe aufgingen, und der sofort besänftigte
Puppendirektor stellte unsern armen kleinen Zäpfel
ganz leise auf die Erde.
„Jetzt bist du gerettet“, flüsterte der Harlekin Zäp
fel ins Ohr; „wenn er niest, ist er gutmütig wie ein
Lamm.“
62


Und richtig: Direktor Fürchterlich beugte sich
freundlich auf unser Kasperle hinab und sprach:
„Hast Angst gehabt, arm Kerlche?“
„Das glaub’ ich!“ seufzte Zäpfel tief auf.
Hatschi! nieste nochmals der Direktor.
„Helf Gott!“ sagte artig das Kasperle.
„Na ja, so im Ofen verbrannt werden, — unange
nehme Sache! Hatschi!“
„Helf Gott!“
„Aber trotzdem: Was will man machen? Meine
Bohnensuppe muß doch kochen, und ich hab’ Hun
ger und kein Holz da. Demnach muß (und jetzt roll
ten die fürchterlichen Augen Fürchterlichs wieder
fürchterlich im Kreise herum) ein anderer dran.“
Und Fürchterlich rief: „Heda, Faustschlag und
Nackenpack, wo seid ihr?“
Auf diesen Ruf erschienen die zwei Polizeipupperi
seiner Truppe mit Handschellen und Fußeisen,
schrecklich anzusehen mit ihren riesigen Pickelhau
ben, und überhaupt die entsetzlichsten Gendarmen,
die man sich nur vorstellen kann.
„Was befehlen Euer Gestrengen?“ fragten beide
zugleich, indem sie mit lautem Knall die Hacken an
einanderschlugen und ihre Schnurrbärte aufzwir
belten.
„Packt hier und bindet diesen Harlekin und werft
ihn in den Ofen, auf daß meine Bohnensuppe weich
werde“, befahl der Direktor.
„Zu Befehl!“ riefen Faustschlag und Nackenpack
und warfen sich mit den Handschellen und Fußeisen
auf den unglücklichen Harlekin, dem im Todes
schreck die rote Farbe von den Backen wegrann. Der
arme Bursche konnte kein Wort hervorbringen, aber
63


seine Augen, die sich mit schmerzlichem Ausdruck
auf Zäpfel Kern wandten, sagten genug. Und Zäpfel
Kern verstand diese Blicke und wußte, was jetzt seine
Pflicht war. Er sank vor dem Direktor in die Knie,
legte die Hände flehend aneinander und sprach:
„Gnade, Herr Fürchterlich!“
„Was: — Herr!?“ brüllte der Direktor.
„Gnade, Euer Wohlgeboren!“
„Was: —- Wohlgeboren!?“
„Gnade, Euer Hochwohlgeboren!“
„Was: — Hochwohlgeborenl?“
„Gnade, Euer Exzellenz!“
Diese Anrede gefiel Herrn Fürchterlich. Er klapp
te sein Ofenloch von Mund geräuschvoll zu und tat
es dann ganz sanft wieder auf, indem er sprach:
„Also was willst du, Kerlchen?“
„Ich bitte um Gnade für den armen Harlekin!“
„Geht nicht. Hab’ Hunger. Kein Holz. Die Boh
nen müssen noch kochen. Einer muß dran glauben.“
Da rief Zäpfel Kern mit edlem Feuer aus: „Dann
will ich das Opfer von Hochdero erhabenem Hun
ger sein, denn nicht ziemt es sich, daß ich meinen
lieben und treuen Freund Harlekin für mich den
Tod des Verbrennens erdulden lasse. Euer Exzellenz
sollen nicht sagen dürfen, daß ein Kasperleherz kei
ner edlen Regung fähig sei. Auf, ihr Schergen und
Henkersknechte, nehmt und überantwortet Zäpfel
Kern den Gluten, der zwar manche Unarten began
gen, aber nicht vergessen hat, was Freundespflicht
ist!“
Diese heldenhaften und mit feierlichem Anstand
vorgebrachten Worte hatten alle übrigen Puppen
herbeigelockt, die nun alle wie auf Kommando wein-
64


ten und schluchzten. Selbst Faustschlag und Nacken
pack wischten sich ein paar Polizeilränen aus dem
Schnurrbart.
Am heftigsten aber weinte Fürchterlichs gemüt
volle Nase, und die Folge war, daß ein wahrer Platz
regen von Niesern niederprasselte.
Als sich Fürchterlich ausgeniest hatte, beugte er
sich zu Zäpfel Kern hinab und sprach: „Du bist
meiner Seel ein Bursch, der das Herz auf dem rech
ten Fleck hat. Komm herauf und gib mir einen Kuß.“
Und Zäpfel Kern benutzte die Bartzöpfe des Di
rektors und kletterte mutig und gewandt hinauf, bis
er hoch genug war, um einen saftigen Kuß auf die
runde Kuppe der menschenfreundlichen Nase Fürch
terlichs zu pflanzen.
„Und ich werde nicht verbrannt?“ rief Harlekin.
„Die edle Seele deines Freundes Zäpfel Kern hat
dich gerettet“, antwortete der Direktor. „Und ich
muß deswegen halbgare Bohnen essen“, fügte er
grimmig hinzu. Es war ihm aber nicht ernst mit sei
nem Grimm.
An eine Fortsetzung des schönen Stückes „Der
Hanswurst und seine Frau“ wurde nicht weiter ge
dacht. Das Publikum verließ wütend das Theater,
und die Puppen führten ganz für sich allein eine
Galavorstellung bei festlich beleuchtetem Haus auf,
deren einziger Zuschauer Direktor Fürchterlich mit
seiner halbfertigen Bohnensuppe war. Das Stück
hieß: „Der Triumph der Freundschaft oder Zäpfel
Kerns edle Seele“. Es wurde dabei viel getanzt und
gesprungen, gelacht und gesungen, und die seelen
vergnügten Puppen hörten nicht eher auf, als bis sie
vor Müdigkeit umfielen.
6 Zäpfel Kern
65


Zwölftes Kapitel
Zäpfel Kern will seinem guten
Pa pa wiederum einen neuen
Rock kaufen, kommt aber wie
derum nicht dazu, weil er vor
her eine merkwürdige Begeg
nung hat
Am nächsten Tag nahm Direktor Fürchterlich
unser Kasperle beiseite und sprach: „Sagtest du nicht,
daß Meister Zorntiegel dein Papa wäre?“
„Ja“, antwortete Zäpfel, „er ist es.“
„Ich bin ihm eigentlich nicht recht grün“, entgeg-
nete darauf der Direktor, „weil ich gehört habe, daß
er auch ein Kasperletheater eröffnen will, aber ich
habe mir heute früh im Bett etwas überlegt. Es hat
natürlich keinen Sinn, daß wir uns gegenseitig ins
Handwerk pfuschen. Ein Kasperletheater ist genug
am Ort. Darum soll er seine Idee aufgeben und sich
dafür auf die Puppenfabrikation legen. Ich sehe es
an dir, daß er das versteht. Aber er braucht natür
lich Geld dazu. Hast du mich verstanden?“
„Zu Befehl, Euer Exzellenz!“
„Also schön! Dann geh zu ihm und richte ihm aus,
was ich dir gesagt habe, und übergib ihm hier diese
fünf Goldstücke; es sind 100 Mark. Dafür soll er mir
sogleich fünf Puppen machen, wie du eine bist.“
Zäpfel Kern war überglücklich über die Botschaft
und das viele Geld, das er überbringen sollte, bedank
te sich tausendmal bei dem freigebigen Direktor,
küßte zum Abschied Pimpinella auf den Mund, Har
lekin auf die Backen, Pickelhering auf die Nase,
66


Hanswurst auf die Ohrläppchen, Faustschlag und
Nackenpack auf die Pickelhaube, das Kasperle auf
den Bauch und machte sich mit Bocksprüngen auf
den Weg nach Haus.
So dachte er wenigstens, aber da er den Weg ver
gessen hatte, lief er in verkehrter Richtung und kam
ins Freie.
Gerade wie er das merkte und umkehren wollte,
sah er zwei Gestalten auf sich zukommen: einen
Fuchs, der, so schien es, auf einem Bein lahm war,
und eine Katze, die die Augen geschlossen hatte.
„Grüß Gott, Herr Zäpfel!“ sagte der Fuchs.
„Grüß Gott!“ sagte Zäpfel Kern, „aber woher
kennst du mich denn?“
„Wer sollte den berühmten Zäpfel Kern nicht
kennen?“ miaute die Katze schmeichlerisch.
„Und wir sind ja aus demselben Wald“, fügte der
Fuchs hinzu. „Wir sind Landsleute.“
„Und ich wohne auf demselben Dach, wo dein
Papa wohnt“, sagte die Katze.
„Ach!“ rief Zäpfel aus, „dann hast du vielleicht
gestern meinen Papa gesehen?“
„Freilich“, antwortete die Katze, „er guckte in
Hemdsärmeln zum Fenster hinaus und zitterte vor
Kälte.“
„Der arme Papa! Aber er wird bald nicht mehr
frieren.“
„Wieso denn?“ fragte die Katze.
„Weil ich ein reicher Herr geworden bin.“
„Was für ’n Ding?“ sagte der Fuchs und lachte
unverschämt dazu, während die Katze sich wenig
stens Mühe gab, ihr Lachen hinter einer vorgehal
tenen Pfote zu verbergen.


Zäpfel Kern entgegnete beleidigt: „Da gibt’s gar
nichts zu lachen, Frau Kneifaug und Herr Hinke-
pink! In dieser Tasche da sind 100 Mark.“
Und er ließ die fünf Goldstücke klimpern.
Dieses Konzert brachte eine merkwürdige Wir
kung hervor.
Der Fuchs zuckte wie zum Zupacken mit den Vor
derfüßen nach vorn, und zwar ohne jede Anstren
gung auch mit dem, den er sonst als lahm, krumm
und wie leblos hängen ließ, und die Katze riß, von
wilder Gier getrieben, die sonst festgeschlossenen
Augen auf, die nun wie zwei grüne Kutschlaternen
lichter sichtbar wurden. Aber alles das dauerte nur
einen Augenblick, so daß Zäpfel Kern es nicht ge
wahr wurde, und gleich darauf lahmte wieder der
Fuchs, schien wieder blind die Katze.
Und der Fuchs sprach mit süßem Ton: „Wie
haben Sie nur meinen können, mein lieber Herr Zäp
fel Kern,daß wir Sie auslachen könnten? Eine solche
Unart liegt unserem Wesen ganz fern, und besonders
Ihnen gegenüber, den ich als Landsmann aufrichtig
schätze.“
„Und ich als Nachbarin“, fügte die Katze hinzu.
„Wie Sie uns hier sehen“, fuhr der Fuchs fort,
„sind wir zwei Leute, die es sich zur Aufgabe gestellt
haben, unsern Mitgeschöpfen so viel Gutes, wie nur
möglich ist, zu erweisen. Für uns selbst aber haben
wir gar keine Wünsche. Ich, wie Sie sehen, bin lahm,
und meine Freundin ist blind. Was sollen zwei so
arme Wesen noch vom Leben wollen? Übrigens habe
ich ganz vergessen, uns vorzustellen. Zuerst natür
lich die Dame, meine ausgezeichnete Stütze und Hel
ferin, Frau Miaula Mietsinsky, Gräfin auf und zu


Dachhausen, die sich aber nur kurz Madame Miaula
nennen läßt, weil ihre Vermögensumstände leider
ihrem alten Adel nicht entsprechen. Sie ist Mutter
von 97 Kindern, blind, arm und ehrlich.“
Während der Fuchs diese Mitteilungen machte,
knixte Madame Miaula äußerst graziös, indem sie
dazu mit den Hinterpfoten kratzte und den Schwanz
so anmutig ringelte, daß man die Spitze davon hätte
als Kleiderhaken benutzen können.
Der Fuchs aber, nun seinerseits eine tadellose
Verbeugung machend, indem er sich auf die Vorder
füße niederließ und den roten Schweif demütig zwi
schen die Hinterbeine nahm, fuhr fort: „Was mich
betrifft, so bin auch ich von altem Adel und mein
Name ist Alopex Opex Pix Pax Pox Pux Fuchs Frei
herr von Gänseklein auf Hühnersteig. Da aber auch
ich in zurückgekommenen Vermögensverhältnissen
lebe, genügt es durchaus, wenn Sie mich mit dem er
sten meiner sechs Vornamen Alopex nennen. Daß
ich ein Biedermann bin, sehen Sie mir wohl an. Mein
größter Fehler ist meine Gutmütigkeit und eine an
Narrheit grenzende Leidenschaft, anderen Leuten
zu dienen, ohne selbst etwas davon zu haben.“
Glücklich, die Bekanntschaft zweier so vorneh
mer Leute und edler Charaktere gemacht zu haben,
vollführte nun seinerseits Zäpfel Kern eine höfliche
Verbeugung, indem er sein Zuckertütenhütchen gar
zierlich schwenkte, und sprach: „Da Sie mich schon
kennen, so brauche ich mich Ihnen nicht erst vorzu
stellen, doch möchte ich Ihre Offenheit über Ihre
Vermögensverhältnisse mit der gleichen über die
meines Papas vergelten. Auch er ist leider ein armer
Mann, und wenn er, als er zum Fenster hinaussah,
69


keinen Rock anhatte, so entsprang dies nicht einer
Laune, sondern dem Umstand, daß er keinen besitzt.
Ich aber, wie Sie bereits wissen, bin im Besitz eines
kleinen Kapitals, und das werde ich heute noch da
zu verwenden, ihm einen Rock aus Gold und Silber
zu kaufen, mit Edelsteinen als Knöpfen daran.“
„Hm?“ machte der Fuchs.
„Äh?“ machte die Katze.
„Ja, und sodann werde ich mir ein Abcbuch kau
fen, um mich dem Studium zu widmen.“
„Armer junger Mann!“ rief der Fuchs aus, „das
werden Sie bitter zu bereuen haben! Sehen Sie mich
an und lassen Sie sich mein trauriges Schicksal zur
Warnung dienen! Auch ich war von feuriger Liebe
zum Studium erfüllt, und was war die Folge? Ich
habe mich lahm studiert!“
„Und mir“, fügte die Katze hinzu, „ist das Stu-
70


dium nicht besser bekommen. Ich bin blind davon
geworden.“
Eben wollte Zäpfel Kern fragen: „Wieso denn?
Wie kann das denn sein?“, da sang eine Goldamsel,
die auf einer Hecke saß:
Zäpfel, Zäpfel, hüte dich!
Glaube ja den zweien nicht!
Jeder ist ein Bösewicht!
Kaum aber daß die Amsel diese Warnung gesun
gen hatte, machte die Katze einen Satz, erwischte sie
am Schwanz, biß ihr das Genick durch und fraß sie
noch schneller auf als damals Zäpfel die Äpfel.
Dann putzte sie sich säuberlich das Maul, leckte
noch den Schnurrbart ab und sagte: „Es geht doch
nichts über eine fette Amsel!“
Zäpfel aber, ärgerlich über diese Roheit, sagte:
„Madame Miaula, ich finde das nicht sehr weiblich,
was Sie eben getan haben!“
Die Gräfin auf und zu Dachhausen aber antwor
tete heuchlerisch: „Gott weiß, wie ungern ich diese
schwere Pflicht erfüllt habe, aber ich mußte diesem
vorwitzigen Wesen eine Lehre erteilen. Diese Vögel
glauben wahrhaftig, sie dürfen ihre Schnäbel in alles
stecken.“
„Und überdies war diese fette Amsel eine gemeine
Verleumderin“, fügte der Baron mit den sechs Vor
namen hinzu. „Aus lauter Ekel darüber habe ich
mich an der Mahlzeit nicht beteiligt.“ Bei diesen
Worten sah er Frau Miaula böse an. „Damit Sie,
mein junger Freund, aber einen Beweis erhalten für
das uneigennützige Interesse, daß ich an Ihnen neh
me, will ich Ihnen einen Rat erteilen, wie Sie aus
71


Ihren hundert Mark tausend, zehn-, ja hunderttau
send Mark machen können.“
„Dafür wäre ich ihnen wirklich sehr verbunden“,
sagte Zäpfel und spitzte die Ohren voller Neugierde.
„Was muß ich denn dazu tun?“
„Daß Sie, statt nach Hause, mit uns gehen“, er
widerte der Fuchs.
„Und wohin?“
„Ins Schlaraffenland“, antwortete der Fuchs.
„Oh, da ist’s fein!“ lispelte die Katze.
Zäpfel Kern überlegte ein Weilchen, dann gab er
sich einen Ruck und sagte: „Nein! Es geht nicht! Ich
muß nach Hause. Das Geld gehört ja doch meinem
Papa! Und ich hab’ versprochen brav zu sein, und
ich will brav sein und nichts als lernen, lernen, ler
nen, und wenn ich gleich lahm und blind davon
werde!“
„Wie du willst“, sagte der Fuchs. „Wenn dir hun
dert Mark lieber sind als tausend . ..?“
„Und zehntausend .. .?“ sagte die Katze.
„Und hunderttausend . ..?“ sagte der Fuchs.
Bei jeder dieser Zahlen hatte Zäpfel Kern das
Gefühl, als gebe ihm jemand einen kleinen Stoß, aber
einen angenehmen Stoß, einen freundschaftlichen
Rippenstoß, der da bedeutet: So geh doch! Vor dir
liegt alles, was du haben willstl Sei nicht dumm! Geh!
Mach!
Und Zäpfel Kern fragte: „Wie geht das denn aber
zu mit dem Geld?“
„Sehr einfach“, antwortete der Fuchs, und seine
grauen Augen kriegten einen rötlichen Schein. „Sehr
einfach! Im Schlaraffenland ist ein Feld, das mit
guten Vorsätzen gedüngt ist. Wenn du dort deine
72


fünf Zwanzigmarkstücke in die Erde steckst, wie der
Gärtner mit Kernen tut, woraus Bäume werden sol
len, und du gießt eine Handvoll Wasser auf jedes
Stück, und du tust dann Erde darüber, und auf die
Erde streust du Salz und sagst dazu, indem du mit
dem Kopf wackelst:
Erde und Salzl
Wasser und Schmalzl
Pinkus!
Gold und Quarkl
Hunderttausend Markl
Pinkus 1
dann kannst du ruhig ins Bett gehen und schlafen,
und am nächsten Morgen ist aus jedem Zwanzig
markstück ein Baum gewachsen, hoch, breit, wie ein
alter Walnußbaum, und an dem Baum hängen tau
send und tausend Nüsse, und in jeder Nuß ist ein
Zwanzigmarkstück. Du brauchst bloß zu schütteln,
und sie fallen herunter.“
„Wobei du dich nur zu hüten hast“, bemerkte die
Katze, „daß sie dir nicht etwa auf den Kopf fallen,
denn das gibt Löcher.“
„Und du mußt natürlich für Säcke sorgen, in die
du die Zwanzigmarkstücknüsse steckst“, fügte der
Fuchs hinzu.
„Und für Wagen, die Säcke draufzuladen“, sagte
die Katze.
„Und für Ochsen, die Wagen zu ziehen“, sagte der
Fuchs.
„Denn hunderttausend Mark sind ein schweres
Stück Geld“, sagten beide zugleich.
Unserm Kasperle wurde schwindlig in seinem
Kopf aus Tannenholz. Er sah Wagen auf Wagen von
73


Gold hintereinander herfahren, einen unabsehbaren
Zug, und die Ochsen keuchten, und die Kutscher
knallten mit den Peitschen, und auf dem dicksten
Geldsack saß er selber und schrie: Hü! hü! hü! Nach
Hause! nach Hause! Mit hunderttausend Mark! —
Und er rief: „Führt mich ins Schlaraffenland! Schnell 1
schnell! schnell!“
Dreizehntes Kapitel
In der Schenke zum gespickten
Heupferd
Also: sie gingen. Rechts der Fuchs, links die Kat
ze, in der Mitte Zäpfel Kern. Die Gegend war wüst
und leer; kein Haus, keine Hütte — nichts.
„Ich finde die Landschaft nicht sehr anmutig“, be
merkte Zäpfel.
„Um so schöner ist’s im Schlaraffenland“, tröstete
der Fuchs.
„Wo die schönen Zwanzigmarknußbäume gedei
hen“, miaute die Katze.
„Werden wir noch vor Abend dort sein?“ fragte
das Kasperle.
„Das ist unmöglich“, antwortete der rote Baron,
„wir müssen vorher einkehren, uns etwas zu erfri
schen.“
„Wir kennen ein ausgezeichnetes Wirtshaus in
der Gegend, wo wir schon oft eingekehrt sind“, fügte
Madame Miaula hinzu, „es heißt: ,Zum gespickten
Heupferd*. Man speist ausgezeichnet dort, wie schon
der Name andeutet.“
„Und auch die Betten sind gut“, sagte der Fuchs.
74


„Wollen wir denn da übernachten?“ fragte Zäpfel,
der am liebsten ohne Pause ins Schlaraffenland ge
wandert wäre.
„Freilich“, antwortete die Katze, „sonst sind wir
müde, wenn wir im Schlaraffenland ankommen, und
Sie haben ja eine Arbeit vor sich.“
Gegen Abend kamen sie richtig an das Wirtshaus,
das ein gespicktes Heupferd im Schild führte. An
der Türe stand der Hausknecht, eine kleine Kappe
auf dem Kopf, eine blaue Schürze vorgebunden, in
der Hand einen Besen.
„Gehorsamer Diener, meine Herrschaften“, be
grüßte er die drei. „Die Herrschaften sind auf der
Reise? Wollen die Herrschaften hier einkehren?“
„Jawohl“, antwortete der Fuchs. „Trag nur unser
Gepäck hinauf!“
„Wo ist denn dasGepäck?“fragte der Hausknecht,
und sah sich suchend um.
75


„Richtig! Wir haben es auf dem Mond stehen las
sen“, antwortete der Fuchs, und Madame Miaula
wollte sich totlachen über den Witz.
„So werde ich den Zimmerkellner rufen“, sagte
der Hausknecht und verschwand.
Es dauerte etwa fünf Minuten, und er kam wie
der, diesmal aber ohne Kappe, Schürze und Besen,
wofür er einen Frack anhatte.und eine Serviette un
term Arm trug.
„Die Herrschaften befehlen Zimmer?“
„Ja, drei“, antwortete Baron Alopex. „Die drei
besten, die Sie haben, und das beste für seine Durch
laucht, den Prinzen Zäpfel Kern.“
„Ah!“ sagte der Kellner und verbeugte sich so tief,
daß es aussah, als wollte er sich überzeugen, ob der
Fußboden auch gut genug für einen Prinzen röche.
„Und nun rufen Sie schnell den Koch, Herr Ober
kellner! Wir möchten eine Kleinigkeit speisen“, be
fahl in gräflichem Ton die Gräfin auf und zu Dach
hausen.
„Gleich! Sofort! Augenblicklich!“ rief der Kellner
und stürzte ab, daß die Frackschöße flogen.
Nach fünf Minuten, während sich die drei an
einem gedeckten Tisch niedergelassen hatten, er
schien er wieder, aber diesmal ganz weiß angezogen
und eine Kochmütze auf.
„Was befehlen die Herrschaften?“ fragte er mit
äußerster Höflichkeit.
„Ich für mein Teil“, antwortete der Fuchs und
leckte sich die Nase, „habe nur mangelhaften Ap
petit. Für mich wird das folgende genügen: Eine
Terrine voll Hahnenkammsuppe; zwei mittelgroße
gebackene Karpfen in polnischer Tunke; drei or-
76


dentliche Beefsteaks, möglichst roh, mit etwa zwölf
Bratkartoffeln; drei junge Hühner, gebacken, mit
Eiersalat (es genügen acht Eier); zwei Portionen Reh
rücken, mit etwas Kirsch-, Pflaumen-, Pfirsich- und
Aprikosenkompott, und zum Schluß zwei kleine
Napfkuchen, jeder etwa zu einem Pfund.“
„Und was für Käse?“ fragte der Koch, ohne im
mindesten über die Reichhaltigkeit des Menüs zu
erstaunen.
„Bringen Sie, was Sie haben“, sagte der Fuchs.
„Ich habe, wie gesagt, keinen Appetit. Aber Obst
können Sie reichlich bringen. Ein Dutzend Äpfel,
zwei Pfund Kirschen, zwölf Apfelsinen und natürlich
einen Korb voll Rosinen und Krachmandeln.“
„Und was befehlen die gnädige Frau?“
Madame Miaula antwortete mit nachlässigem
Ton: „Ich habe mir leider den Magen verdorben und
werde Ihrer Küche deshalb wenig Ehre antun. Aber
eine Kleinigkeit können Sie mir immerhin bringen:
Zuerst einen Liter frische Milch, das bin ich so ge
wöhnt; dann zwölf gebackene Goldfische, jeder eine
Hand groß; dann zwei Pfund rohes Beefsteak; dann
sechs Täubchen; dann ein gutes Mäuseragout in Bal
driansauce.“
„Aus wieviel Mäusen?“
„Sagen wir: drei Dutzend. Dann noch einen Liter
Milch, aber fett muß sie sein! Und zum Schluß fünf
Portionen Schweizerkäse, mit möglichst viel Rinde.
Obst mag ich keines.“
Zäpfel Kern, der jetzt deutlich sah, mit was für
vornehmen Leuten er es zu tun hatte, war viel zu
sehr von Sehnsucht nach dem Schlaraffenland ein
genommen, als daß er an ein so umfangreiches Me-
77


nii hätte denken können. Er bestellte einfach, weil
er an nichts als Nüsse dachte, eine Handvoll Nüsse.
Das Mahl dauerte ziemlich lange, weil seine bei
den Begleiter von jeder Speise doppelt nahmen; als
sie aber endlich alle Teller und Schüsseln geleert
hatten (wobei es auffiel, daß die Gräfin Mietsinsky
eigenzüngig alle Teller ableckte), erklärte Baron Alo-
pex, daß jetzt sein Appetit angenehm erregt und nun
der Augenblick gekommen sei, wo man die Spe
zialität des Hauses genießen könnte: gespickte Heu
schrecken in Knoblauchsauce. Und richtig, sie aßen
ein jedes noch davon sechs Portionen. Madame Mi-
aula aber ließ aus Gräflichkeit eine Heuschrecke
liegen.
Dann aber sagte der rote Baron: „Nun zu Bett!
Genau um Mitternacht wünschen wir geweckt zu
sein, Herr Oberkellner. Sagen Sie es dem Haus
knecht!“
„Ich werde es nicht vergessen ihm auszurichten“,
antwortete der Kellner, als handelte es sich wirklich
um eine andere Person.
Wer genau beobachtete, konnte aber sehen, daß
er dabei das eine Auge etwas zukniff und mit dem
anderen einen sonderbaren Blick auf Zäpfel Kern
warf.
Der aber bemerkte natürlich gar nichts, denn er
war im Geist schon im Schlaraffenland und memo
rierte unablässig den Zauberspruch:
Erde und Salz!
Wasser und Schmalz!
Pinkus!
Gold und Quark!
78


Hunderttausend Markl
Pink us!
Mit diesem Spruch, anstatt eines Abendgebetes,
schlief er dann in seinem Zimmer auf der Stelle ein
und war sofort im Schlaraffenland des Traumes. Auf
einmal sah er sich in einem Wald, aber es war kein
Tannenwald, sondern ein Wald aus riesigen Nuß
bäumen, die voll goldener Nüsse hingen. Wehte ein
Wind durch die Kronen dieser Baumriesen, so schlu
gen kling-ping-ling die goldenen Nüsse aneinander,
und das deuchte Zäpfel Kern eine wunderbare Mu
sik, schöner noch als die des Kasperletheaters. Manch
mal fiel auch eine Nuß herunter. Dann platzte die
goldene Nuß auf, und an Stelle des Kernes fiel ein
blitzblankes neues Zwanzigmarkstück heraus, auf
dem aber nicht der Kopf des Kaisers, sondern der
Kopf unseres Kasperle gemünzt zu sehen war. Kurz:
Zäpfel Kern träumte so angenehm, daß er im Traum
fortwährend lächelte.
Da klopfte es plötzlich dreimal laut an die Tür,
und Zäpfel Kern fuhr aus Schlaf und Traum steif in
die Höhe.
Eine Stimme an der Türe rief: „Aufstehen! Es ist
Mitternacht!“
„Ich komme gleich!“ sagte Zäpfel Kern, zog sich
schnell an, wusch sich hastig und ging hinunter ins
Gastzimmer, wo jetzt der Wirt, der den Koch, den
Kellner und den Hausknecht in einer Person verei
nigte, mit einer trüb brennenden Laterne auf ihn
wartete.
„Sind meine Kameraden noch nicht aufgestan
den?“ fragte Zäpfel Kern.
79


„Die?“ antwortete der Wirt, „die sind schon vor
zwei Stunden aufgebrochen.“
Unserm Kasperle fiel im Schreck die Kinnlade
auf den Bauch.
„Aber“, stotterte er, „wir wollten doch zusam
men . .
„Madame Miaula hat eine Depesche erhalten, daß
ihr jüngster Sohn das Obermäusejägermeisterexa
men mit Note Eins bestanden hat, und diese Nach
richt hat ihr mütterliches Herz so in Entzücken ver
setzt, daß sie auf der Stelle abgereist ist. Da sie aber
wegen ihrer Blindheit allein nicht reisen kann, hat
Baron Alopex sie begleitet.“
„Ja, aber, wir wollten doch zusammen...?“greinte
Zäpfel.
„Baron Alopex sagte, daß er Sie morgen auf dem
bewußten Feld, das mit guten Vorsätzen gedüngt ist,
erwarten werde. Sie möchten nur vorausgehen: Erst
dreitausendzweihundertsiebenundzwanzig Schritte
geradeaus, dann links über den verfaulten Baum
stamm bis zu dem großen Stein aus Katzengold, dann
rechterhand am Unkenteich vorbei über das Irrlich
termoor bis zu der Trauerweide mit dem gespalte
nen Stamm, dann wieder links . . . nein . . . rechts . . .
nein: doch links bis zu dem Wegweiser (wenn er
noch da ist), auf dem geschrieben steht: Ins Schla
raffenland, fünfzig Kilometer, Radfahren verboten.“
„Ach Gott! werde ich mich denn zurechtfmden?Es
ist ja stockfinstere Nacht!“ seufzte Zäpfel.
„Nur Mut!“ meinte der Wirt und grinste dazu; „es
sind hier immer allerhand Leute unterwegs, und die
werden Sie schon irgendwohin bringen.“
80


„Also dann adieu!“ sagte Zäpfel, hob seinen Hut
und wollte gehen.
Aber der Wirt packte ihn an seiner Krause aus
rotem Seidenpapier und rief nicht ganz leise: „Halt!
Erst zahlen! Hier ist meine Rechnung!“ Und er ent
faltete ein Papier, lang wie eine Flagge bei Kaisers
Geburtstag.
Zäpfel Kern machte Krebsaugen und sagte: „Ha
ben denn meine Kameraden ihre Zeche nicht be
zahlt?“
„Da kennen Sie die Herrschaften schlecht! Die sind
viel zu gut erzogen, als daß sie einem jungen Prinzen
wie Euer Durchlaucht eine solche Beleidigung an
tun würden.“
„Ich wollte ihnen diese Beleidigung sehr gern ver
ziehen haben“, erklärte Zäpfel Kern. „Aber ich wer
de natürlich die Rechnung bezahlen. Wieviel macht
es denn?“
„Bitte zu lesen und nachzurechnen“, sagte der
Wirt und wies auf die lange Flagge.
Zäpfel Kern war in schrecklicher Verlegenheit,
da er ja nicht lesen und rechnen konnte, aber, frech
wie er war, sagte er: „Bei diesem Licht ist es un
möglich zu lesen. Sagen Sie mir einfach, was ich
schuldig bin.“
Der Wirt aber merkte wohl, wie die Sachen stan
den, und nannte statt dreißig Mark sechzig Mark.
„Sechzig Mark?!“ stöhnte Zäpfel.
„Ja, ohne das Trinkgeld für den Hausknecht, den
Kellner und den Koch.“
Da wurde unser Kasperle aber wütend. Er warf
dem Wirt drei Goldstücke an den Kopf und sagte:
„Schicken Sie, bitte, den Hausknecht, den Kellner
B Zäpfel Kern
81


und den Koch her zu mir, daß ich ihnen das Trink
geld in die Hand geben kann, Sie — Verwandlungs-
künstlerl Und nennen Sie Ihre Schenke lieber zur
gespickten Rechnung!“ Sprach’s, warf die Tür hinter
sich zu und schritt in die dunkle Nacht hinaus.
Vierzehntes Kapitel
Es spukt
In der furchtbaren Finsternis, die ihn umgab,
fiel unserem Kasperle das Herz sofort in die Lösch
papierhosen, und er wäre gern wieder in das Haus
zurückgekehrt, wenn er sich nicht hätte sagen müs
sen, daß nach seinen Grobheiten ihm der Wirt gewiß
nicht die Tür aufmachen würde.
So tastete er sich denn vorwärts von Baum zu
Baum, stolperte hier, stolperte da und fuhr bei jedem
Geräusch erschreckt zusammen.
Auf einmal war ihm, als hörte er deutlich vor
sich lachen.
„Wer da?!“ rief er entsetzt.
„Wer da?! Wer da?! Wer da?!“ antwortete ein
dreifaches Echo schrecklich hohl.
Zäpfel stolperte weiter.
Patsch! lag er der Länge lang da, und seine Nase
bohrte sich in etwas Weiches, das er zum Glück in
der Dunkelheit nicht erkannte. Wohl aber hörte er
deutlich wieder das höhnische Gelächter.
Er erhob sich, wischte sich das Gesicht ab und
rief: „Wer lacht da?“
82


„Lacht da?I lacht da?! lacht da?I“ antwortete das
Echo.
Zäpfel lehnte sich an einen Baumstamm und
seufzte: „Wenn doch nur ein Licht da wäre!“
In demselben Moment schwirrte etwas Helles
vor ihm auf und setzte sich auf einen Zweig. Wie
Zäpfel Kern näher hinsah, war es ein Ding von der
Form eines Maikäfers, aber körperlos, durchsich
tig. Die zwei Fühler glimmerten rot, die Augen
funkelten schwarz, alles übrige war wie ein grüner
Lichtschleier.
„Bist du eine Laterne?“ fragte Zäpfel Kern.
„Nein, ich bin der Geist des seligen Professors
Doktor Maikäfer, den du erschlagen hast“, antwor
tete das Ding mit einer dumpfen, bebenden Stimme.
Wie Zäpfel Kern das hörte, wurde er nicht etwa
von Reue und Entsetzen ergriffen, wie es doch zu er-
«•
83


warten gewesen wäre, sondern es erwachte seine
ganze Abneigung gegen gute Lehren in ihm, und er
schrie ganz frech: „Schon wieder? Was willst du
denn?“
„Ich will dir einen Rat geben“, antwortete das
Käfergespenst.
„Brauch’ keinen!“ trotzte Zäpfel Kern.
„Doch, mein Sohn! Kehr um, sag’ ich dir, kehr
augenblicks um und geh nach Iiause. Dein armer
Papa verzehrt sich in Sorge um dich.“
„Morgen bring’ ich ihm zehntausend Goldstücke,
dann ist alles in Ordnung.“
„Merkst du denn nicht, daß du Schwindlern in die
Hände gefallen bist? Ach, Zäpfel Kern, warum
glaubst du nicht denen, die es gut mit dir meinen,
sondern denen, die Übles gegen dich sinnen?“
„Beleidige meine Freunde nicht, leuchte mir lie
ber!“
„Ja, wenn du nach Hause gehst!“
„Fällt mir nicht ein!“
„Siehst du nicht, wie schwarz die Nacht ist?“
„Sie wird schon wieder weiß werden.“
„Es ist eine gefährliche Gegend! Es gibt hier Räu
ber!“
„Bei uns in Deutschland gibt’s keine Räuber, son
dern nur Gendarmen!“
„Aber jetzt sind wir an der Grenze!“
„Gott sei Dank! An der Grenze des Schlaraffen
landes!“
„Zäpfel! Zäpfel! Laß dich nicht verlocken! Denk
an das, was ich dir gesagt habe, ehe du mich er
schlugst.“
„Das weiß ich schon auswendig.“
84


„So bleibt mir denn nichts anderes übrig, als mein
Haupt zu verhüllen über deine Torheit und Unfolg
samkeit. Gehab dich wohll“
Bei diesen Worten nahm der Geist des seligen
Professors Doktor Maikäfer mehr und mehr an Licht
ab, bis er gar nicht mehr zu sehen war, und wiederum
umgab unsern Zäpfel Kern dichte, undurchdring
liche Finsternis.
Fünfzehntes Kapitel
Schrecken über Schrecken
In seinem Ärger über die guten Lehren des Mai
käfergespenstes vergaß Zäpfel Kern ganz, sich wei
ter zu fürchten. Er tastete sich tapfer durch Busch
und Dickicht und murmelte dabei vor sich hin:
„Angst hat er mir machen wollen, das war das Ganze.
Weil ich nicht folgen wollte, soll es nun gleich Räu
ber hier geben. Unsinn! Räuber! Wo wir soviel Poli
zisten haben! Es ist zum Lachen! Und wenn es wirk
lich Räuber gäbe, wäre es auch noch nicht ausge
macht, wer gewinnt: ich oder die Räuber. Ich würde
einfach sagen: Packt euch, oder ich packe euch.“
In diesem Augenblick raschelte es hinter ihm im
Gebüsch, Zäpfel fuhr schlotternd zusammen, drehte
sich um und gewahrte trotz der Dunkelheit zwei Figu
ren, die noch schwärzer waren als die Nacht. Die
Angst gab seinen Augen die Kraft, die Finsternis zu
durchdringen, und er sah, daß es zwei in Kohlen
säcke vermummte Gestalten waren, die sich die Ge
sichter schwarz angestrichen hatten.
85


Schlau wie Zäpfel war, brachte er zuerst seine
ihm übriggebliebenen zwei Zwanzigmarkstücke in
Sicherheit: unter die Zunge. Dann setzte er zu einem
Seitensprung ins Gebüsch an, um zu entfliehen.
Zu spätl Er fühlte sich an einem Arm gepackt
und hörte zwei furchtbare Stimmen dicht an seinem
Ohr: „Das Geld oder das Leben!“
Da Zäpfel Kern wegen der beiden Goldstücke un
ter der Zunge nicht reden konnte, kehrte er seine
Hosentaschen um, um zu zeigen, daß er kein Geld
hätte.
Die beiden Räuber aber riefen: „Wird’s bald!?
Wo hast du das Geld?“
Zäpfel fuhr mit den Armen in der Luft herum,
zuckte mit den Achseln, schüttelte mit dem Kopf
und wollte mit allem nochmals beteuern, er habe
kein Geld.
Da schrie der größere der beiden Räuber: „Gibst
du nicht augenblicklich dein Geld her, so bist du ein


Kind des Todes!“ Und der kleinere wiederholte: „Des
Todes!“ Und wiederum der größere: „Erst schlach
ten wir dich, dann deinen Vater!“
Und im Echo der kleinere: „Deinen Vater!“
Da konnte Zäpfel Kern nicht an sich halten und
wimmerte: „Neinl nein! nein! Nur meinen guten Papa
nicht!“
Durch das Sprechen klimperten aber die Gold
stücke aneinander, und nun hatten es die Räuber
heraus, wo das schlaue Zäpfele seine Sparbüchse
hatte.
„Ha“, schrien sie, „seht doch den Schurken! Hat
Gold im Munde, wie die Morgenstunde.“
Und der größere rief: „Spuck es aus auf der
Stelle!“ Und der kleinere schrie: „Spuck!“
Wer aber nicht spuckte, war unser Kasperle.
„Du willst also nicht?“ sagte der größere. „So wirst
du müssen!“
„Müssen!“ wiederholte der kleinere.
Und nun versuchten sie, Zäpfel Kerns Sparbüchse
zu öffnen. Der eine stemmte ein Knie gegen die Nase
und suchte sie so nach oben zu drücken. Der andere
hing sich an den Unterkiefer und wollte ihn so nach
unten zerren. Ein angenehmes Gefühl war es nicht,
aber Zäpfel ließ nicht locker.
„Alsomüssen wir den Geldschrank mit dem Stemm
eisen öffnen“, rief der größere. „Ich werde ihm das
Maul aufstemmen, und du fährst dann fix hinein und
holst das Geld heraus.“
Das mit dem Stemmeisen ging nach Wunsch.
Zäpfel Kern mußte den Mund öffnen, als ihm mit
wuchtigen Hammerschlägen ein Stemmeisen zwi-
87


sehen die Lippen und gegen die Zähne getrieben
wurde. Als aber der andere mit der Hand hineinfuhr,
biß er zu wie ein Nußknacker und: tschig! — hatte
er einen abgebissenen Finger im Mund.
Einen Finger? Nein, es war eine Katzenpfote.
Zäpfel Kern hatte indessen keine Zeit, sich über
dieses Wunder Gedanken zu machen. Er benutzte
das kreischende Zurückfahren des kleineren der Räu
ber dazu, dem größeren einen Stoß gegen die Brust
zu geben, und sprang davon.
Hei, wie er sprang! Da zeigte es sich, wie gut Mei
ster Zorntiegel die Gelenke ineinander gefügt hatte.
Es war eine rasende Jagd durch die Finsternis.
Zum Glück kam Zäpfel bald auf freies Feld, und nun
sauste er erst recht wie der Wind dahin über die
Furchen eines Kartoffelackers, setzte jetzt über einen
Zaun, nun über eine Hecke, klapp — klapp — klapp
den steinigen Berg hinauf, jupp, den Berg wieder
hinab und huisassa über eine Wiese hin. Aber jetzt,
nach drei Meilen, wurde er müde, und der Atem ging
ihm aus. Auch bemerkte er einen brenzlichen Geruch
von seinen Fuß- und Beingelenken her, die sich wie
die Achsen eines Wagens heißgelaufen hatten und
notwendig etwas Öl oder Schmierfett benötigten.
Und dabei kamen seine Verfolger näher und näher,
der größere voran, der kleinere wegen seiner Wunde
hinterdrein.
Schon glaubte sich Zäpfel Kern verloren, da sah
er eine Tanne vor sich, die ihm brüderlich die Äste
entgegenstreckte. Ein Sprung, und er ergriff den nie
dersten Ast, ein Schwung, und er saß auf dem höch
sten. Aber im nächsten Augenblick waren auch die
beiden Raubgesellen da.
88


„So klettere doch!“ rief der größere, „du weißt
doch, ich kann nicht klettern.“
„Und ich kann’s jetzt auch nicht“, flüsterte der
kleinere. „Ja, wenn mir der Schuft nicht meine Pfote
abgebissen hätte!“
„Verdammt! Was machen?“ flüsterte der größere.
„Feuer an den Baum legen!“ zischte der kleinere.
Und so geschah’s. Nach wenigen Minuten hatten
die Schurken ein Feuer angezündet, das an der Tanne
heiß hinaufleckte. Wollte Zäpfel Kern nicht bei le
bendigem Leibe gebraten werden, so mußte er hin
unter. Schon der Qualm, der ihm die Augen beizte,
war unerträglich. Er hatte gerade nur noch Zeit, sich
mit etwas Tannenharz, das er mit Tannennadelöl
geschmeidig gemacht hatte, die Gelenke etwas zu
schmieren, dann gab er sich mit dem schwankenden
Ast einen tüchtigen Schwung und machte den
schönsten und weitesten Kasperlesprung, den je die
Welt gesehen hat. Gottlob! er kam, ohne zu fallen,
auf die Füße und floh aufs neue davon.
Der Tag begann schon zu grauen und sah Zäpfel
Kern immer noch vor seinen Verfolgern dahinfliehen
wie einen Hasen vor zwei Jagdhunden. Wer weiß,
ob sie ihn nicht doch erwischt hätten, wenn jetzt
nicht zum Glück ein breiter Wassergraben gekommen
wäre. Er war zwar entsetzlich breit, und es war noch
gar nicht ausgemacht, ob Zäpfel Kern nicht doch mit
seinem schmierigen Lehmwasser Bekanntschaft ma
chen würde, das wie Milchkaffee aussah, aber gewiß
nicht so schmeckte; doch unser Kasperle ließ sich
nicht bange machen, nahm sich ein Herz, zählte:
„Eins! zwei! drei!“ und hupp! war er drüben.
89


Seine beiden Verfolger aber, denen beim Sprin
gen die Kohlensäcke höchst hinderlich waren, fielen
patsch! klatsch! mitten hinein, daß nur noch ihre
schwärzen Köpfe aus dem Milchkaffee heraus
guckten.
„Wohl bekomme das kühle Morgenbad!“ rief Zäp-
fel, indem er seine Zunge lang herausstreckte, und
jagte weiter.
Einen guten Vorsprung hatte er ja nun. Die Räu
ber aber nahmen doch in ihren triefnassen Kohlen
säcken die Verfolgung auf.
Sechzehntes Kapitel
Es geht ihm an den Kragen
Es ist unmöglich, mit zwei Beinen schneller zu
laufen, als das Kasperle lief, aber seine Verfolger,
obwohl sie auf zwei Beinen vor ihm gestanden wa
ren, hatten zum Laufen jeder vier Beine zur Ver
fügung. So geschah es, daß sie immer näher und
näher kamen.
Zäpfel Kern glaubte sich bereits verloren, da sah
er in der Ferne einen wunderschönen Wald, lauter
hohe Eichen und Buchen, und aus dem saftigen Grün
des Waldes leuchtete weiß mit Zinnen und Türmen
ein Schloß hervor.
Dieser Anblick gab ihm neue Hoffnung. Und mit
der Hoffnung neue Kraft.
„Dort oder nirgends finde ich Rettung!“ sagte er
zu sich selber und sprang nun wieder so schnell da
hin, daß die acht Beine hinter ihm zurückblieben.
90


Näher und näher kam er dem Schloß, aber o
wehl — Jetzt stand vor ihm ein schrecklich hohes,
schmiedeeisernes Gitter, und es war ganz mit Kletter
rosen umwachsen.
Hilft nichts, dachte sich Zäpfel und kletterte hin
auf, von Dornen zerstochen und zerritzt,und rutschte
auf der anderen Seite hinab, nochmals von Dornen
zerstochen und zerritzt. Von Hose und Jacke und
Krause blieb gar viel an Gitter und Dornen hängen,
und sein schöner Kasperle-Anzug bestand jetzt mehr
aus Löchern als aus Papier. Wie Zäpfel weiterlief,
war es, als ob er überall mit kleinen Fahnen besteckt
wäre, so wimpelte es um ihn herum von roten, blauen
und grünen Fetzen. Nur der schöne Zuckertütenhut
war noch heil, denn er war aus dickem Kartonpapier.
Das Kasperle nahm ihn, wie es weiterlief, zwischen
die Zähne, damit nicht etwa sein einziges ganz ge
bliebenes Kleidungsstück auch davonflöge, denn die
Baumrindenschuhe, so fest sie auch gewesen waren,
waren doch schon längst durchgelaufen, und Zäpfel
hatte sie schließlich ausgezogen und in die Hände
genommen. So, den Hut zwischen den Zähnen, in
jeder Hand einen Schuh, langte er endlich vor dem
Schloßtor an. Er hatte nicht Zeit, über die Schönheit
dieses Tores zu staunen, das über und über mit
Schnitzerei bedeckt und zwischen der Schnitzerei
vergoldet war, so daß es aussah,als säßen diese vielen
geschnitzten Vögel auf einem goldenen Geäst. Er sah
nur eins: mitten am Tor hing ein silberner bau
chiger Schild und an diesem silbernen Schild her
unter an einem vergoldeten Seil ein Klöppel
Zäpfel Kern griff hastig den Klöppel und haute
damit, so stark er nur konnte, auf den Schild.
91


Päng-gong! erklang es mit starkem und doch sü
ßem Laut.
Aber es rührte sich in dem Schloß, dessen Fen
ster sämtlich mit goldenen Läden verdeckt waren,
keine Menschenseele.
Zäpfel Kern ließ seine Augen an der weißen Fläche
hinauf- und hinabschweifen, ob sich nicht doch ein
Fenster ölfnen wollte, aber das Schloß blieb in seiner
glänzenden marmornen Pracht stumm und verschlos
sen liegen. Dennoch war Zäpfel Kern fest überzeugt,
daß es Leben enthielte, denn er hörte deutlich ein
wundersames Brausen und Rauschen hinter der Türe,
als ob das Schloß atmete wie ein lebendiges Wesen.
Aber sein Atem war Musik.
Zu jeder anderen Zeit würde Zäpfel Kern mit an
dächtigem Schweigen dieser Musik gelauscht haben,
denn es war, als ob Engel zu einer Orgel sängen, die
so wunderstark und hold erbrauste, daß jedes Herz
davon still und glücklich wurde, aber ein in Todes
angst dröhnendes Herz wie das unseres gehetzten
Freundes kann nicht lauschen und still sein. Zäpfel
Kern ergrilf zum zweitenmal den Klöppel und bear
beitete Schlag auf Schlag den silbernen Schild so hef
tig, daß ein unaufhörliches päng-gong, päng-gong,
päng-gong erscholl, vor dessen Gelöne die Musik hin
ter den Mauern erstarb.
Und da tat sich über dem Tor, wie von unsicht
barer Hand geöffnet, ein goldener Fensterladen auf,
und ein goldenes Licht fiel schräg auf Zäpfel Kern her
ab, und goldener, leuchtender noch als dieses Licht
erschien ein wunderbares Antlitz am Fenster, das Ant
litz der schönsten Frau auf Erden. Braun, aber mit
einem goldenen Schimmer darum, waren die Haare,
92


braun, aber mit einem goldenen Leuchten darin, wa
ren die Augen. Gelblich-rosa wie Rosenblälter und
wie Rosenblätter samten und frisch war die Haut.
Die Lippen der Frau hatten die Röte von Walderd
beeren und waren schwellend und zarthäutig wie
Himbeerfleisch — und so war alles an diesem Ant-
93


litz zart und mild. Und jede Linie des lieben Gesich
tes tat wohl dem, der es anschauen durfte. Die schlan
ken Hände aber hatte die Frau über der Brust ge
kreuzt, an der eine große in Gold gefaßte Spange aus
Mondstein das mildgrüne seidene Gewand zusam
menhielt.
Und die Frau sprach mit einer Stimme, die aus
einer anderen Welt zu kommen schien: „Was willst
du, Kind?“
„Mach doch das Tor auf!“ schrie Zäpfel, aber seine
Stimme kam deutlich aus dem hölzernen Brust
kasten.
„Kannst du nicht bitten?“ fragte die Frau.
„Ich hab’ keine Zeit zum Lamentieren!“ schrie
Zäpfel, der ja immer gleich frech wurde, wenn er
glaubte, das Schlimmste hinter sich zu haben.
„Das tut mir leid, mein Kind“, sagte die Frau,
„denn ich bin es gewöhnt, daß man mich bittet und
nicht anschreit.“
Und die goldenen Fensterladen schlossen sich
wieder, und das goldene Licht verschwand
und an jedem Ohr fühlte Zäpfel Kern eine kräftige
Faust.
„Au, au, au“, schrie er, „das ist unverschämt.“
„Lange noch nicht so wie du“, schrie der größere
Räuber und gab ihm von links eine so kräftige Ohr
feige, daß Zäpfel Kern taumelte.
Und da der kleinere Räuber, wie wir wissen, im
mer das Echo des größeren machte, so gab auch er
unserm Kasperle eine nicht minder gewaltige Back
pfeife, aber von rechts. Damit war das Gleichgewicht
wieder hergestellt, aber nicht Zäpfels Wohlbehagen.
„Huhuhu!“ heulte das Kasperle.
94


„Jawohl, huhuhu“, äffte ihn der große Räuber
nach. „Heraus mit dem Geld, oder es geht dir
schlimm!“
„Schlimm!“ bestätigte der kleinere.
Aber Zäpfel Kern stopfte beide Hände in die
Hosentaschen, blieb breitbeinig voller Trotz stehen
und sagte nicht maff.
„Also gut dennl Schlachten wir ihnl“ sagte der
große.
„Schlachten!“ echote der kleinere.
Und beide zogen aus ihren Kohlensäcken entsetz
lich lange und entsetzlich scharfe Messer.
Und der große, das Messer schwingend, sprach:
„Wir wollen dich erst ein bißchen kitzeln.“
„Kitzeln!“ wiederholte der kleinere und schwang
gleichfalls das Messer.
Zäpfel sagte nicht maff.
Da kommandierte der größere: „Eins, zwei,drei!“
und wie er „drei“ gesagt hatte, stürzten beide zu
gleicher Zeit auf unser Kasperle los.
Sie trafen gut, das muß man sagen: beide in die
Herzgegend; aber Zäpfel war aus viel zu gutem Kern
holz gemacht, als daß ihm zwei Messer etwas hätten
antun können.
Knack! brachen beide Klingen ab, und die beiden
hatten nur noch jeder seinen Messergriff in der Hand.
Zäpfel Kern zog die Augenbrauen hoch und mek-
kerte vor Vergnügen wie ein Ziegenbock.
Die Räuber aber standen da wie begossene Pudel
und machten dumme Gesichter (soweit man das un
ter dem schwarzen Anstrich sehen konnte). Dann
schmissen sie ihre Messergriffe wütend weg, und der
95


größere sprach: „Der Bursche kommt uns verdammt
teuer zu stehen.“
„Geschäftsunkosten!“ sagte der kleinere.
„Aber einen Strick wollen wir doch noch an ihn
wenden? Ja?“ fragte der größere.
„Wahrlich, einen Strick“, wiederholte sein Echo.
Darauf banden die Räuber unserm Kasperle die
Hände auf dem Rücken zusammen, warfen ihm eine
Schlinge um den Hals, schleppten ihn tief in den
Wald zu einer großen Eiche, hängten ihn an einem
Ast auf, leierten ihn in die Höhe und setzten sich
gemütlich ins Gras, zu warten, bis er ausgezappelt
haben würde.
Zäpfel Kern zappelte in der Tat wütend, denn
die Halsschmerzen, die er jetzt bekam, waren nicht
von schlechten Eltern; wenn aber die beiden Räuber
glaubten, daß er bald ausgezappelt haben würde, so
irrten sie sich.
Zwei, drei, vier Stunden vergingen, und Zäpfel
zappelte immer noch. Auch fiel es ihm gar nicht ein,
den Mund aufzumachen und die Goldstücke heraus
fallen zu lassen.
„Der Kerl hat ein zähes Leben wie eine Katze“,
sagte der größere.
Diesmal aber machte der kleinere nicht das Echo,
sondern fauchte: „Ich verbitte mir solche Vergleiche!“
Und der größere sprach: „Nichts für ungut! Aber
das Warten wird mir langweilig. Setzen wir uns ir
gendwo im Gebüsch auf die Lauer. Vielleicht fällt
uns was Eßbares in die Hände.
„Ja, lauern wir!“ stimmte der kleinere bei.
Aber ehe sie gingen, sangen beide das folgende
anmutige Duett:
96


Zappel, zappel, Zäpfel Kern,
Schwinge deine Beinei
So ging’s schon manchem hohen Herrn,
So geht’s dir nicht alleinel
Zappel, zippel, zappel, zum,
Links herum und rechts heruml
Zappel, zappel an dem Ast,
Zappel auf und niederl
Wenn du ausgezappelt hast,
Sehen wir uns wiederl
Zappel, zippel, zappel, zum,
Links herum und rechts heruml
Dann machten sie eine tiefe höhnische Verbeu
gung und verschwanden im Dunkel des Waldes.
Zäpfel Kern hatte viel zu viel mit sich zu tun, als
daß er vom Spott dieses Liedes und dieser Verbeu
gung hätte angegriffen werden können. Dafür griff
ihn der entsetzliche Strick um so mehr an, der sich
immer enger und enger um seinen Hals schloß. Und
als sich nun gar ein heulender Wind erhob und ihn
wie eine Glocke im Turm hin- und herschwang, daß
ihm nun auch davon der Atem verging, da fühlte un
ser Kasperle, daß, wenn nicht bald jemand käme, ihn
zu retten, es aus wäre mit seinem Kasperledasein.
Die Augen begannen ihm herauszutreten, der
Mund, den er fest geschlossen hatte, wollte sich von
selber öffnen; alles drehte sich in einem schreck
lichen Kreis um ihn herum, und in seinen wirr wer
denden Gedanken sah Zäpfel Kern alle Abenteuer
seines kurzen Lebens um ihn herum Ringelreih tan
zen: Den Schutzmann auf der Straße, den Waldvater,
Professor Doktor Maikäfer, das Hühnchen, den Mann
7 Zäpfel Kern
97


mit der Zipfelmütze, das Abcbuch, den Harlekin,
Kasperle, Pimpinella, Hanswurst, Pickelhering, den
Direktor Fürchterlich, Baron Alopex, Madame Mi-
aula, den Hausknecht, den Kellner, den Koch, den
Wirt, das Käfergespenst, die Räuber, die schöne Fee
und vor allem und immer wieder seinen guten Papa.
„Lieber guter, herziger Papa, ach, wärst doch du
bei mir“, schrie er noch einmal laut schluchzend auf.
Dann machte er seine Augen zu, sein Mund öffnete
sich, seine Glieder wurden steif, er hing starr da,
wie tot.
Siebzehntes Kapitel
Wer die schöne Frau ist, und
was die schöne Frau tut
Es ist kein Zweifel, daß Zäpfel Kern jetzt gestor
ben wäre, wenn sich nicht jene schöne Frau seiner
erbarmt hätte, die ihn gewiß schon im vorigen Ka
pitel aufgenommen haben würde, wäre unser Kas
perle etwas artiger gewesen.
Wer mochte die schöne Frau wohl sein, die im
Schloß von Marmor wohnte, umatmet von Musik,
umleuchtet von Gold? War es eine Prinzessin, eine
Königin, eine Kaiserin gar?
Sie war mehr noch, war eine Fee.
Was ist das: eine Fee?
Ja, wenn man das sagen, wenn man das Wesen
einer Fee beschreiben könnte wie ein schönes Kleid,
ein Bild, ein Stück Kuchen!
Nein, man kann es nicht. Es muß uns genug sein,
zu sagen, wie eine Fee entsteht.


Das aber geht so zu: Jedes Jahr einmal: am Hei
ligen Abend, wenn auf Erden alles fröhlich und lieb
reich ist, gönnt sich der liebe Gott, der sonst immer
wacht, ein Viertelstündchen Schlummer. Und in die
sem Viertelstündchen träumt er eine Fee. Was aber
der liebe Gott träumt, verweht und vergeht nicht wie
Menschentraum, sondern wird Leben und bleibende
Erscheinung. Der liebe Gott sieht im Traum alle
Schönheit, Güte und Milde einer lieben Frau, und all-
sogleich nimmt diese Frau in seinem Herzen Gestalt
an und schwebt aus Gottes Herzen auf und senkt
sich nieder auf die Erde mit all ihrer Herrlichkeit,
Klarheit und Lieblichkeit aus dem Herzen Gottes.
Anzusehen ist sie wie andere schöne, milde, gütige
Frauen, und mancher hat schon eine Fee gesehen,
ohne es zu wissen; aber sie besitzt Kräfte und Fähig
keiten, die den Menschenfrauen versagt sind. Zuerst:
sie ist unsterblich und bleibt immer jung. Sodann:
sie ist imstande, jede Gestalt anzunehmen, die sie
gerade annehmen mag. Ferner: jeder ihrer Wünsche
erfüllt sich augenblicklich, aber sie hat immer nur
Wünsche für andere. Weiter: alle ihre Sinne: Gesicht,
Gehör, Gefühl, Geruch sind so fein, daß, wenn sie
will, nichts auf Erden ihr fremd bleibt. Aber, da sie
nicht Gott selbst, sondern nur ein Traum Gottes ist,
so will sie gar nicht alles wissen, sondern beschränkt
sich darauf, nur die Geschicke der Wesen zu verfol
gen, denen sie die Gnade ihrer Anteilnahme schenkt.
Das aber sind alle Wesen, die mit ihr in Berührung
kommen: nicht bloß Menschen etwa, sondern auch
Tiere, Pflanzen, Steine, ja auch Gebilde der Kunst
des Menschen. Und schließlich: Sie vermag das Leben
dieser Wesen zwar nicht zu lenken, — denn Gott hat
P 99


allem, was lebendig ist, selber die Lenkung anver
traut, — aber doch gelinde zu beeinflussen, so etwa,
wie eine Mutter ihr Kind zum Guten leitet. Doch
nicht bloß mit ihrer Gegenwart und durch Worte
und sichtbare und fühlbare Handlungen, sondern
auch, wenn sie fern ist, durch Kräfte, die uns Men
schen unbegreiflich sind.
Ein Traum Gottes also, eine gute Fee war jene
schöne Frau. Ihr Name war Dschemma, und das
heißt aus dem Himmlischen ins Irdische übersetzt
zweierlei. Einmal: Träne des Weinstocks, und das
bedeutet innerste lebendigste Güte des treibenden
Lebens, und dann: Gestalt, geschnitten aus einem
Edelstein, und das bedeutet: Edelste Schönheit aus
köstlichster Reinheit.
Nicht leicht ist der Sinn dieses Namens zu fassen,
nicht leicht das Wesen einer gottgeträumten Fee zu
begreifen. Wer sich aber Mühe dazu gibt, wird füh
len, was beides bedeutet, und dieses Gefühl wird
seinem Herzen wohltun und ihn durchs Leben hin
begleiten wie die helfende Sorge einer Fee selber.
Doch wir müssen nun wieder zu unserem Kas
perle kommen, sonst stirbt er am Ende wirklich.
Aber nein, das ließ die gute und schöne Fee
Dschemma nicht zu.
Das Zappeln am Baum und die Todesangst durfte
sie ihm freilich nicht ersparen, denn seine, wie wir
alle wissen, außerordentliche Frechheit mußte einmal
was recht Bitteres zu schlucken bekommen; aber als
sie fühlte, daß sein Leben in Gefahr war, beschloß
sie sogleich ihm zu helfen.
Sie klatschte, sich zum Fenster hinausbeugend,
dreimal in ihre wunderschönen Hände und rief:
100


Falke, mein Bote,
Errette vom Tode,
Falke mit der schnellen Schwinge,
Löse aus der engen Schlinge
Zäpfel Kern, mein Kasperlein.
Laß dir’s wohl befohlen seinl
Und augenblicklich schwang sich ein schneewei
ßer Falke durch die Luft, brauste zur großen Eiche,
an der Zäptel Kern hing, durchbiß mit scharfem
Schnabelhieb den Schlingenknoten, packte sogleich
Zäpfel Kern und legte ihn sanft ins grüne Moos.
Daun flog er eilig zu seiner Gebieterin, setzte sich
101


ihr auf die Schulter und sagte gar höflich,wenn auch
mit etwas schnarrender Stimme:
Was mich meine Herrin geheißen,
Tät ich zu tun mich treulich befleißen.-
„Schön, mein Herr Ritter“, entgegnete die Fee,
„und wie steht es um das arme Kerlchen?“
Und Ritter Falke sprach:
Als ich scharfen Schlags den Knoten
Schnabelglatt durchsäbelte,
Sah ich nichts als einen Toten.
Aber als
Frei der Hals,
Hört’ ich, wie er schwäbelte:
,Bei meinem blauen Kamisol!
Jetzscht isch mir wieder knödelewohlT
„Frech ist das Kasperle, das muß ich sagen“,
meinte die Fee, „aber ich fürchte doch, wir müssen
ihn ins Bett bringen und die Ärzte rufen. — Ihr seid
entlassen, mein lieber Ritter, aber Ihr könnt mir noch
schnell Löcklich, den Kutscher, bestellen.“
Der Falke neigte sein Haupt und flog davon.
Keine Minute verging, und es erschien, artig auf
den Hinterpfoten herbeitrippelnd, ein außerordent
lich großer Pudel, von dessen Pudeltum aber außer
der schwarzen Schnauze' nicht viel zu sehen war,
denn er steckte ganz in einer höchst prächtigen Kut
scherlivree.
Ohne Übertreibung gesagt: Die kaiserlichen Kut
scher sind nicht halb so schön angezogen. Auf dem
Kopf hatte er auf der weiß gepuderten Perücke
einen Dreimaster mit himmelblauen Straußenfedern.
102


Seine Weste war aus kirschrotem Samt mit goldenen
Borten. Sein Frack, gleichfalls mit Goldborten ein
gesäumt und überdies mit Goldlitzen geschmückt,
war aus dunkelblauem Tuch — aber was für Tuch!
Die Elle kostete gewiß zwanzig Mark. Kniehosen
hatte er an aus kanariengelbem Samt, von einer
Weichheit, daß Kanarienvogelfedern daneben hart
erschienen wären. Seine weißen Strümpfe waren na
türlich aus Seide und seine kleinen Schühchen aus
bestem Pariser Lackleder. Die Absätze aber waren
rot, und vorn auf den Schleifen waren silberne
Schnallen. Das Lustigste aber und nach des Pudels
felsenfester Überzeugung das Schönste war das aus
schottisch gemusterter Seide gemachte Futteral, in
dem er seinen Schwanz trug. Fast ebensohoch schätzte
er aber die beiden an seinem Rock angebrachten
Seitentaschen, die dazu bestimmt waren, die Kno
chen aufzunehmen, die ihm seine gute Herrin reich
lich zukommen ließ.
Der Pudel machte eine Verbeugung, um die ihn
ein Tanzmeister hätte beneiden können, und sprach
in einem zwar etwas bellenden, aber doch angeneh
men Bariton: „Was steht der gnädigen Frau zu
Diensten?“
„Mein lieber Löcklich“, antwortete Frau Dschem-
ma, „wir brauchen die himmelblaue Galakutsche. Sie
ist doch instand?“
Löcklich machte ein beleidigtes Gesicht und sagte
fast ärgerlich: „Sie ist immer instand.“
„Also schön“, entgegnete die Fee, „dann spann
gleich an und fahr zur großen Eiche. Dort liegt ein
krankes Kasperle im Moos. Das heb fein behutsam
auf und leg’s sanft in die Kutsche. Und daß du mir
103


dann schön langsam fährst und nicht wie es deine
Art ist: heidi über Stock und Steinl“
„Ich werde so langsam fahren wie ein Leichen
wagen“, antwortete Löcklich, bewegte sein geliebtes
Futteral mit Inhalt schwänzelnd hin und her und
ging ebenso würdig ab, wie er gekommen war.
Es dauerte keine zehn Minuten, und die blaue
Galakutsche fuhr die Lindenallee hinab zum Wald
hinein. Man kann sagen, es war ein großer gläserner
Schmuckkasten auf Federn und Rädern. Die blaue
Kutsche wurde sie genannt, weil die ganze Polste
rung aus himmelblauem Samt war; außen aber, wie
schon angedeutet, war alles aus geschliffenem Glas,
das zwischen schön geschweiftem, reich geschnitz
tem und vergoldetem Rahmenwerk saß. Bekrönt war
das Ganze von einer großen silbernen Lilie, denn das
war das Wappen der Fee Dschemma. Auf einem
Ebenholzbrett hinter dem Kutschkasten standen die
zwei Söhne Löcklichs, Wuff und Waff, die beinahe
ebenso schön angezogen waren wie ihr Papa, doch
nicht ganz, denn sie waren erst Unterlakaien. Neben
Löcklich auf dem Bock saß Lumpsack, der Leib
jäger, ein sehr verwegenes Foxl, gleichfalls wunder
bar, aber ganz in Grün gekleidet. Gezogen wurde die
Kutsche von acht schneeweißen Katern, von denen
nicht verschwiegen werden darf, daß sie etwas wild
waren und nur ungern in einem anständigen Trab
gingen.
Frau Dschemma konnte es kaum erwarten, bis
die Kutsche mit dem Kasperle zurück war, denn beim
Gutestun sind auch die sonst himmlisch geduldigen
Feen ungeduldig. Es dauerte aber nicht lange, und
die Kutsche kam zurück.
104


Recht passend nahm sich Zäpfel Kern in seinem
zerfetzten Kasperlekostüm auf dem himmelblauen
Samt nicht aus, aber die Fee hatte keinen Blick für
den zerrissenen Anzug und sah nur das schmerzlich
verzerrte Gesicht und die steifen Glieder unseres
Freundes. So schnell, wie es bei der notwendigen
Behutsamkeit möglich war, mußten ihn WufT und
Wall in das schönste Fremdenzimmer des Schlosses
tragen, das das Perlmutterzimmer heißt, weil alle
Wände aus Perlmutter waren, und in das gelbseidene
Himmelbett legen.
Das tat dem Kasperle wohl. Aber er war so
schwach, daß er nicht einmal die Augen öffnen
konnte.
Frau Dschemma setzte sich ans Bett und machte
ihm kalte Umschläge um den Hals, bis die inzwir
sehen herbeigerufenen besten Ärzte der Umgebung
kamen.
Es waren der Sanitätsrat Rabe, der Medizinalrat
Eule und Professor Doktor Maikäfer, den die Fee
eigens zur Heilung Zäpfel Kerns wieder ins Leben
zurückgerufen hatte.
Und Frau Dschemma sprach: „Meine hochgeehr
ten und tiefgelehrten Herren! Vor allem möchte ich
von Ihnen eines wissen: Ist mein Kasperle tot oder
lebendig?“
Steifbeinig und würdevoll trat zuerst Sanitätsrat
Rabe ans Bett heran, legte den linken Zeigefinger
krumm über den Schnabel, fühlte dem Kasperle mit
der rechten Hand den Puls, klopfte ihm dann auf
die Nase und pickte schließlich mit dem Schnabel
auf dem Brustkasten herum.
105


„Hm!“ sagte er, „hm, ein schwieriger Fall! Der
Patient ist meiner Meinung nach gar kein Patient
mehr, denn er ist nach meiner Meinung tot wie ein
abgetretener Stiefelabsatz. Indessen, gesetzt den Fall,
daß er nicht tot wäre, müßte wohl der Mutmaßung
Raum gegeben werden, daß er noch lebendig ist.“
Machte eine Verbeugung und trat zurück.
Nun wackelte Medizinalrat Eule ans Bett, putzte
sichseine große runde Brillemiteinem roten Schnupf
tuch, zog ein Höhrrohr aus der Fracktasche und be
horchte das Kasperle sehr eingehend an allen Teilen
des Körpers, sogar an den Fußsohlen. Da Zäpfel Kern
dort kitzlig war, zuckte er zusammen, und das war
wohl der Grund, daß Medizinalrat Eule folgendes
Urteil abgab: „Ich, äh, muß, äh, zu meinem Bedau
ern, äh, erklären, daß ich, äh, anderer, äh, Meinung
bin als mein, äh, berühmter Herr Kollege. Denn, äh,
angesehen den Umstand, äh, daß das Kasperle, äh,
106


noch zuckender Bewegungen fähig ist, muß, äh, ge
schlossen werden, daß es, äh, noch lebt. Indessen, äh,
gesetzt den Fall, daß es, äh, nicht mehr, äh, am Le
ben wäre, äh, müßte wohl, äh, der Mutmaßung, äh,
Raum gegeben werden, äh, daß er, äh, tot ist.“
Ganz matt von den vielen Ähs trat auch er zurück
und ließ nun Professor Doktor Maikäfer vor.
Der sah Zäpfel Kern bloß scharf an und sagte eine
Weile nichts.
„Nun“, fragte Frau Dschemma, „was ist Ihre An
sicht?“
„Meine Ansicht ist“, antwortete der Professor, „daß
dieses Kasperle da ein Lausbub ist.“
Zäpfel fuhr zusammen.
„Ein Tunichtgut!“
Zäpfel drehte sich um.
„Ein ganz infamer Schlingel.“
Zäpfel steckte die Nase unter die Decke.
„Ein undankbares, unfolgsames, faules Kind, das
hinter die Schule läuft und seinem armen Papa nichts
als Sorgen macht.“
Zäpfel heulte unter der Decke wie ein Jagdhund.
Und der Sanitätsrat Rabe sprach: „Der Tote
heult, also ist er auf dem Wege der Besserung.“
„Nein“, entgegnete der Medizinalrat Eule, „der
tote Stiefelabsatz heult nur über Ihre Unwissenheit,
mein sehr verehrter Herr Kollege!“
Die beiden hätten sich sicher geprügelt, wenn
Frau Dschemma es zugelassen hätte.
107


Achtzehntes Kapitel
Zäpfel Kern liefert den Beweis,
daß Professor Doktor Maikäfers
Diagnose richtig war
Die gute Fee Dschemma dachte sich: die Haupt
sachevorderhand ist, daß wir ihn wieder ganz gesund
machen; das andere wird sich später finden. Und so
widmete sich die schöne Frau in ihrer großen Güte
ganz der Pflege dieses garstigen Kasperles.
Da sie wohl bemerkt halte, daß ein böses Fieber
im Anzug war, so halte sie in ihrer Feenapotheke
von ihrem Leibapotheker Pelikan ein Pulver anfer
tigen lassen, das in einem solchen Fall Wunder
wirkte. Nur, freilich, wie Honig schmeckte es nicht.
Das ist aber auch nicht der Zweck der Medizinen,
und wenn sie gleich in einer Feenapolheke bereitet
werden.
Tat also das Pulver in einen rubinroten Kelch,
goß ein wenig Wasser dazu, hielt es Zäpfel Kern
hin und sprach mit einer Stimme, so lieb und milde,
daß ein wilder Bär nicht hätte widerstreben können:
„So, mein Junge, jetzt schluck mal das hinunter!“
Zäpfel Kern sah den Pokal schief an, zog auch
den Mund schief und machte schließlich gar noch
eine schiefe Nase, indem er sprach: „Schmeckt’s süß
oder bitter?“
„Bitter!“ antwortete Frau Dschemma, „aber es
macht dich dafür gesund.“
„Biller mag ich nicht.“
„Aber sei doch gescheit und trink!“
108


„Wenn ich was Bitteres tränke, war’ ich schön
dumm.“
„Pfui, wer wird so sprechen; das ist nicht dein
Ernst.“
„Wetten wir, daß ich’s nicht trinke?“
„Ich weiß ganz genau, daß du’s trinken wirst, und
ich geh’ dir auch, wenn du’s getrunken hast, ein Ana
naskügelchen, damit der schlechte Geschmack ver
schwindet.“
„Zeig erst mal das Ananaskügelchen herl“
Frau Dschemma öffnete eine kleine Dose, die, an
einer goldenen Kette hängend, die Form eines Da
menkopfes mit einer schwarzen Maske vor den Au
gen hatte und die Eigenschaft besaß, allem, was sie
enthielt, den Geschmack und Geruch einer reifen
Ananas zu verleihen. Kaum hatte die Fee die Dose
geöffnet, so war das ganze Zimmer mit dem herr
lichsten Ananasduft erfüllt.
„Das riecht aber fein“, sagte Zäpfel Kern und
schnupperte mit seiner großen Nase.
„Und wie es riecht, so schmeckt es auch“, sagte
die Fee, indem sie mit den Fingerspitzen ein kleines
versilbertes Kügelchen hervorholte.
„Ist das aus Silber?“ fragte das Kasperle.
„Nein, es ist Schokolade, aber versilbert.“
„Und schmeckt nicht wie Schokolade, sondern wie
Ananas?“
„Es schmeckt wie Schokolade und Ananas.“
„Das muß großartig schmecken“, meinte nach
einer kleinen Pause das Kasperle.
„Es ist die neueste und gelungenste Erfindung mei
nes Leibkonditors Honigbär.“
„Was? Du hast einen Bären als Konditor?“
109


„Ja, die Bären verstehen sich am besten auf Sü
ßigkeiten.“
„Frißt er nicht alles selber? Wenn ich Konditor
wäre, ich ließe nicht so viel übrig, wie auf einen
Mückenflügel geht.“
„Das glaub’ ich, aber Meister Honigbär ist auch
kein solcher ... na, du weißt selber, was der Profes
sor gesagt hat, wie du. — Aber nun trink die Medi
zin 1“
„Wenn du mir ein Ananaskügelchen gibst.“
„Nachher!“
„Nein, vorher!“
„Nun gut, ich will dir deinen Willen tun, weil du
krank bist, Zäpfel. Aber du versprichst mir, dann
gleich die Medizin zu nehmen?“
„Ich geb’ dir meine rechte Hand drauf!“ sagte das
Kasperle freudig, und Frau Dschemma steckte ihm
ein Kügelchen in den Mund.
„Duzi, duzi, dizi, dizi, duzi, duzi, dizi, dizi, dum!“
sagte das Kasperle und leckte sich die Lippen.
Frau Dschemma mußte lachen und fragte: „Was
ist denn das für ein Unsinn?“
„Das ist gar kein Unsinn“, sagte Zäpfel Kern,
„sondern Kasperledeutsch.“
„Und was heißt es denn?“
„Es heißt: Sapperment, sapperment, das schmeckt
nach mehr!“
„Nachher kriegst du auch noch ein Kügelchen.
Aber jetzt halt dein Versprechen und trink die Medi
zin!“
Zäpfel Kern zog wieder alles schief, was er in
seinem Gesicht nur schief ziehen konnte, nahm den
Rubinpokal in beide Hände, führte ihn an die Nase,
110


roch hinein, setzte ihn an den Mund und — stellte
ihn auf das Nachttischchen.
„Du hast ja nicht getrunken“, sagte die Fee.
„Das Zeug ist zu bitter“, entgegnete Zäpfel.
„Woher weißt du denn das?“
„Das riecht ja ein blindes Pferd!“
Jetzt wurde Frau Dschemma fast böse und
sprach: „Du, Zäpfel, solche Redensarten gefallen
mir nicht, und noch weniger ein Junge, der sein
Wort nicht hält.“
„Aber ich will’s ja halten“, entgegnete Zäpfel, der
sich nicht gerne an seine Ehre rühren ließ, denn ein
anständiger Bursch war er ja im Grunde. „Aber“,
fügte er hinzu, „ein Kügelchen könntest du mir vor
her schon noch geben, sonst langweilt sich das an
dere in meinem Bauch.“
Frau Dschemma mußte lachen und schob ihm
noch ein Kügelchen in den Mund.
„La p u m sibim, da p u m sibim, la p u m sid u m-
si b u m sibim!“ sagte das Kasperle.
„Das heißt hoffentlich: Jetzt will ich aber schleu
nigst die Medizin haben!“ sagte die Fee.
„Hast du ’ne Ahnung vom Kasperledeutsch!“ sagte
Zäpfel. „Das hat geheißen: Wenn die Medizin so
schmeckte, würde ich den ganzen Tag welche ein
nehmen.“
„Da du aber dein Wort gegeben hast, wirst du
jetzt auch die bittere Medizin trinken, nicht wahr?“
„Ja, natürlich, aber so geht’s nicht!“
„Wieso geht’s nicht?“
„Das Kopfkissen ist zu niedrig.“
Frau Deschemma machte es höher.
111


„Es geht immer noch nicht.“
„Warum nicht?“
„Weil die Tür aufsteht.“
Die Fee machte die Tür zu.
„Es geht überhaupt nicht! Es geht absolut nicht,
weil ich nicht will! will! will!“ schrie Zäpfel Kern
und strampelte mit den Beinen.
„Wenn du nicht ruhig bist, wirst du noch kränker
werden.“
„Meinetwegen!“
„Du bekommst ein ganz böses Fieber.“
„Meinetwegen!“
„Du wirst an dem Fieber sterben!“
„Meinetwegen!“
„Fürchtest du dich denn nicht davor?“
„Das Sterben ist mir ganz egal, bloß das bittere
Zeug mag ich nicht trinken. Brrr! Lieber sterben!“
Da hob die Fee ihre rechte Hand in die Höhe, und
sogleich schlugen lautlos die perlmutternen Türflü
gel auseinander. Eine traurige Musik erklang, als
käme sie aus dem Innern der Erde, und im schwe
ren, langsamen Takte dieser Musik schritten acht
Riesenmaulwürfe herein, die auf ihren Schultern
einen schwarzverhangenen Sarg trugen.
Zäpfel Kern fuhr kerzengerade vor Schreck im
Bett in die Höhe, bekam wieder einmal Krebsaugen
und schrie: „Was wollt ihr hier? Ich brauche euch
nicht!“
„Wir aber brauchen dich“, murmelten dumpf die
Maulwürfe und stellten den Sarg vors Bett.
„Mich?“ schrie das Kasperle, „aber ich bin doch
keine tote Leiche?“
„Wirst aber gleich eine sein, denn du nimmst ja
112


nicht ein!“ sangen wie ein Trauerchor die schwarzen
Tiere.
Da flehte mit Tränen in den Augen Zäpfel Kern:
„Ach, meine liebe, schöne Dame, bitte, bitte, bitte,
lassen Sie mich doch die gute Medizin trinken. Und
wenn ein Glas nicht genug ist, zweie, und wenn
zweie nicht genug sind, dreie. Nur nicht sterben, nur,
huhuhu, ni . . . ni . . . ni . . . nicht sterben!“
Und er trank, wie ihm Frau Dschemma den Po
kal reichte, den ganzen Inhalt mit einem Schluck
aus, während die Maulwürfe den Sarg wieder auf
ihre Schultern hoben und unheimlich murmelnd ver
schwanden.
Da aber dieMedizinenauf Kasperlekonstitutionen
augenblicklich wirken, ward Zäpfel Kern davon so
fort gesund wie ein Fisch im Wasser, sprang aus
dem Bett und rief:
9 Zäpfel Kern
113


Peratze, perütze,
Wo ist meine Mütze?
Perütze, perause,
Wo ist meine Krause?
Perause, peracke,
Wo ist meine Jacke?
Peracke, perose,
Wo ist meine Hose?
Perofel, periefel,
Wo sind meine Stiefel?
„Wo anders werden sie sein als im Kleiderschrank,
wo sie hingehören?“ entgegnete die Fee.
Sofort lief Zäpfel Kern zum Kleiderschrank, riß
die Perlmuttertüren auf und setzte sich vor Schreck
mitten auf den Fußboden, als er die ganz zerrissenen
Sachen sah. Und er jammerte und greinte: „Meine
schönen Sachenl Ach, meine schönen Sachenl Sie
sind ja alle ganz kaputtl“
„Also wollen wir sie reparieren lassen!“ sagte lä
chelnd Frau Dschemma, nahm ein silbernes Pfeif
chen in den Mund, pfiff darauf, und burrr! flügelte
es zum Fenster herein: lauter schneeweiße Tauben.
„Könnt ihr bloß picken oder auch flicken?“ fragte
die Fee.
Die Tauben antworteten:
Reis und Mais picken wir gern,
Was kaputt ist, flicken wir gern.
und flogen in den Kleiderschrank und trugen mit
ihren Schnäbeln die Kasperlesachen heraus undbrei-
teten sie auf den Boden hin und legten aneinander,
was zerrissen war, und strichen mit den Schnäbeln
114


drüber her und klopften und pochten und tippelten
darauf herum, und als zwei Minuten herum waren,
war alles wie neu.
Die Fee kraute die Tauben zum Lohn an den
Köpfen und sprach:
Habt eure Sache gut gemacht,
Drum kriegt ihr alle heut zu Nacht
Doppelten Reis, doppelten Mais
Als der Arbeit Preis.
Hochbeglückt flog der Schwarm auf und ver
schwand am Himmel wie eine weiße Wolke.
Zäpfel Kern aber zog sich vergnügt an, und als er
angezogen war, sprach er: „Schön bin ich, was?“
„Du bist ein nettes Kasperle“, antwortete Frau
Dschemma, „nun erzähle mir aber auch, warum du
eigentlich zu mir gekommen bist.“
Und Zäpfel Kern erzählte alles, was wir bereits
wissen, und erzählte alles, ganz wie es die Wahrheit
war. Nur wegen der zwei Goldstücke log er etwas
hinzu. Er hätte sie verloren, sagte er und wurde
nicht einmal rot dabei.
Aber kaum hatte er die Lüge herausgebracht, da
gab es ihm an der Nasenspitze einen Stoß, und seine
ohnehin lange Nase wurde noch ein Stück länger. Er
aber dachte, er hätte sich selbst gestoßen, und merkte
nichts.
„So, so!“ sagte die Fee, „verloren hast du sie! Wo
denn?“
Und Zäpfel Kern log weiter: „Im Wald.“
Und die Nase wuchs noch ein Stück.
„Im Wald?“ sagte die Fee, „das ist gut, da werden
8 * 115


wir sie gleich finden. Ich will sofort meine Diener
schicken.“
„Ach nein!“ sagte Zäpfel Kern, „bemühen Sie sich
nur nicht. Es war ein kleiner Irrtum. Ich habe sie
nicht verloren, sondern mit der Medizin hinunter
geschluckt.“
Bei dieser unverschämten Lüge fuhr die Nase fast
eine Elle weit vor, und Zäpfel Kern wunderte sich,
daß er jetzt fortwährend mit ihr anstieß, wenn er
sich bewegte.
Frau Dschemma aber mußte herzlich lachen, als
sie das sah.
„Warum lachen Sie denn so?“ fragte ärgerlich
das Kasperle.
„Weil dir deine Lügen zur Nase herausgewach
sen sind, mein Junge“, antwortete die Fee. „Nun sieh
zu, wie du sie wieder los wirst. Ich will dich dabei
nicht stören, aber fall mir nur ja nicht über deine
Nase, mein wahrheitsliebendes Kasperle. Du könn
test dir sonst was brechen.“
Und mit einem Lachen, das wie silberne Glöck
chen klang, ging Frau Dschemma zur Türe hinaus.
Zäpfel Kern aber, außer sich vor Wut über sei
nen Zinken, raste im Zimmer herum, bald an einer
Wand, bald am Bett, bald an einem Tisch, bald an
einem Schrank höchst schmerzhaft anstoßend, jetzt
eine Gardine, jetzt den Bettvorhang, jetzt eine Tisch
decke aufspießend und alle Gläser, Flaschen, Krü
ge, Vasen mit seiner Nasenlanze von ihrem Standort
herunterstoßend.
„Nur hinaus, hinaus, hinausl“ schrie er. „Das ist
ja nicht zum Aushalten. Ich krieg’ ja ein Riesen-
Nasenbluten. Ich spieße mich ja aufl“
116


Aber wie er die Tür öffnen wollte, stellte es sich
heraus, daß er wegen der Größe seiner Nasenlanze
nicht zur Klinke gelangen konnte.
Neunzehntes Kapitel
Frau Dschemma bewährt sich
wieder als gute Fee, und Zäpfel
Kern benimmt sich wieder als
dummer Bub
So sah sich Zäpfel Kern also gefangen, denn zum
Fenster hinunterspringen konnte er nicht, weil es zu
hoch war.
Trauriger war er noch nie gewesen, denn einge
sperrt zu sein, ist für ein Kasperle die größte Qual.
„Und noch dazu mit der unförmlichen Nase“,
schluchzte Zäpfel. „Wenn sie nur wenigstens nicht
so schwer wäre. Aber sie hängt an mir wie ein Ge-
117


wicht aus Blei. Selbst wenn ich hinaus könnt’—weit
käme ich nicht. Und wie soll ich dieses Ungeheuer
von einer Nase ernähren? Sie braucht sicher täglich
allein zwei Pfund Fleisch und einen Schellel Kartof
feln. Ich bin verloren, ich bin ruiniert!“
Und seine Nase in die Ecke eines Kanapees boh
rend, gab sich Zäpfel Kern laut schluchzend seinem
Schmerz hin, dabei unaufhörlich zu sich selber sa
gend: „Ich lüge in meinem Leben nicht mehr! In
meinem Leben lüge ich nicht mehr!“
Wie Frau Dschemma in ihrem Herzen fühlte,
daß ihr Kasperle ganz aufgeweicht vor Reue war, be
schloß sie, es nun genug sein zu lassen mit seiner
Strafe. Ging also zu ihm und sprach: „Du willst also
wirklich nicht mehr lügen?“
„Nie, nie, nie mehr!“ schluchzte Zäpfel.
„Dann wollen wir unsere braven Tauben wieder
kommen lassen“, sagte die Fee, „Schneiderinnen ha
ben Scheren.“
„Was? abschneiden sollen sie sie mir?“ schrie
Zäpfel und versuchte, seine Nase zu schützen, aber
er konnte kaum bis zu ihrer Mitte langen: „Nur das
nicht!“
Aber Frau Dschemma hatte schon ihr Pfeifchen
angesetzt, und wie sie pfiff, waren auch schon die
Tauben da.
Zäpfel Kern, vor Angst zitternd, daß ihm die Nase
abgeschnitten werden sollte, wollte unters Kanapee
kriechen, aber die Nase war ihm im Wege. So mußte
er sich darauf beschränken, mit ihr hin und her zu
fahren, damit nur ja niemand sie packen könnte.
Vergeblich flatterten die Tauben daran herum; es
war nicht möglich der Nase nahe zu kommen.
118


„Sei doch vernünftig!“ mahnte die Fee, „halt still,
es geschieht dir nichts!“
„Danke schön 1“ schrie Kasperle, „auch noch still
halten! Nein, wer mir zu nahe kommt, wird aufge-
spießtl“
„Dann müssen dich also meine Soldaten zur Ver
nunft bringen! Die fürchten sich vor einem Kasperle
nicht“, sagte die Fee. Dann rief sie zum Fenster hin
aus: „Bataillon marsch!“
Sogleich hörte man Trommeln wirbeln, Trom
peten schmettern, und bald kamen laute Schritte die
Treppe herauf.
„Bataillon halt!“ hörte man draußen kommandie
ren.
Dann ging die Tür auf, und es erschien ein wun
derschöner Schnautzel in Generalsuniform. Er salu
tierte mit dem Degen vor Frau Dschennna und sagte
in militärischem Ton: „Mit allen KerntruDpen zur
Stelle! Was befiehlt meine Gebieterin? Soll ich die
Kanonen autTahren lassen?“
„Nein, mein lieber General Bumbautz, so schlimm
ist’s nicht“, antwortete die Fee; „es genügt, wenn Sie
Ihre zwanzig besten Scharfschützen hier aufstellen.
An jede Wand fünf. Sie sollen auf dieses Kasperle
hier anlegen, das wieder einmal nicht folgen will.
Bleibt es ruhig stehen, ohne die Nase zu bewegen,
so ist nichts weiter nötig. Rührt es die Nase aber nur
ein klein bißchen, so müssen Sie, so leid es mir tut,
Feuer kommandieren und den Ungehorsamen tot
schießen lassen.
„Zu Befehl!“ sagte General Bumbautz und verließ
das Zimmer.
119


Frau Dschemma aber wandte sich an Zäpfel und
sprach: „Du hast gehört, was dir bevorsteht, wenn
du die Nase nicht still hältst. Richte dich danach!“
„Gnade! Gnade!“ flehte Zäpfel Kern, aber da
marschierten schon zwanzig bis an dieZähnebewaff-
nete Dackel in Infanterieuniform herein, und Gene
ral Bumbautz kommandierte mit fürchterlicher Stim
me: „In Sektionen zu fünf schwenkt — ab! Erste
Sektion an die Fensterwand — marsch! Zweite Sek
tion an die Türwand — marsch! Dritte Sektion an
die Bettwand — marsch! — Vierte Sektion an die
Schrankwand—marsch! — Ganzes Bataillon kehrt!“
Es klappte alles wundervoll, aber Zäpfel Kern
hatte keinen Sinn für diese militärische Exaktheit.
Er stand in der Mitte des Zimmers und schlotterte
wie ein zusammengeklappter alter Regenschirm,
wenn’s stürmt.
„Soll ich jetzt laden lassen?“ wandte sich der
Schnautzel-General an die Fee. „Tun Sie das, mein
lieber General“, antwortete Frau Dschemma.
Und General Bumbautz von Säbelsaus komman
dierte: „Bataillon soll chargieren — geladen! Legt
— an!“
Es war ein furchtbarer Augenblick. Zwanzig Ge
wehrläufe richteten sich wie zwanzig Fernrohre des
Todes auf Zäpfel Kerns Brust. Der aber hatte kaum
noch die Kraft zu wimmern. „Ich . . . ich . . . rühre
mich . . . ganz gewiß nicht! Lie ... lie ... lieber laß
ich mir die Nase abschneiden, als mi. .. mi . . . mich
to . . . to ... totschießen.“
Dann also, liebe Täubchen mein,
Macht meinem Zäpfel das Näschen klein!
120


rief die Fee, und hurtig schwangen sich die Tauben
auf Zäpfels Nase, der vor Angst die Augen zumachte,
da er nun jeden Augenblick den ersten Schnitt er
wartete. Aber die Tauben wetzten nur sanft ihre
Schnäbel an seiner Nase, und bei jedem Schnabel
strich rutschte der Nasenturm zusammen, und ehe
man bis fünf zählen konnte, war die Nase so klein
wie vor Zäpfels Lügenpetereien. Die Tauben aber
flogen geräuschlos zum Fenster hinaus.
Zäpfel aber stand noch immer mit geschlossenen
Augen und wartete, daß ihm die Nase abgeschnitten
würde.
Zwanzigstes Kapitel
Brüderlein und Schwesterlein
Erst wie Zäpfel das Kommando hörte: „Setzt —
ab!“ wagte er die Augen zu öffnen, und er öffnete
sie wahrhaftig ordentlich, als er bemerkte, daß die
Tauben sowohl wie seine Nasenerweiterung ver
schwunden waren. Und so groß war seine Verblüf
fung, daß er nicht, wie es doch seine Art war, sofort
eine freche Bemerkung auf der Zunge hatte. Erst
nach einer ziemlichen Weile, während die Soldaten
wieder abmarschierten, sagte er: „Hier muß man
wohl krumme Beine haben, wenn man Soldat wer
den will?“
„Du, du!“ entgegnete die Fee und drohte mit dem
Finger. „Ich brauche nur zu rufen, und gleich sind
sie wieder dal“
Aber Zäpfel wehrte hastig ab und sprach: „Nur
121


keine Umstände meinetwegen, schöne Frau; ich bin
viel lieber mit dir alleine. Zumal, da ich eine Bitte
an Sie habe.“
„Warum sagst du denn einmal du und einmal Sie
zu mir Zäpfel?“ fragte die Fee und setzte sich auf
einen goldenen Stuhl.
Zäpfel Kern, ohne viele Umstände zu machen,
setzte sich ihr auf den Schoß, legte die Arme um
ihren Hals, gab ihr einen echten, schallenden Kas
perlekuß und sprach: „Du sage ich, weil du so gut
und lieb zu mir bist wie eine Mutter oder Schwester,
und Sie sage ich, weil Sie so schrecklich reich und
vornehm sind.“
„Was ist dir nun lieber an mir: Mein Gutsein oder
mein Reichsein?“
„Na, aber doch natürlich das Gutsein!“
„Recht geantwortet! Und nun sollst du immer du
zu mir sagen, und ich will dir wirklich eine Schwe
ster sein.“
„Ja, aber da muß ich erst wissen, wer du bist.“
„Ei, so vorsichtig bist du?“
„Na natürlich] Sonst könnte jeder kommen und
Zäpfel Kerns Schwester sein wollen.“
„Also gut denn, ich bin eine Fee.“
„Was für Schnee?“
„Eine Fee.“
„Ach nee?“
„Was soll das heißen?“
„Das soll heißen, daß ich nicht weiß, was für ein
Ding das ist.“
„Lerne lesen und lies Zäpfel Kerns Abenteuer, da
steht’s drin.“
122


„Was? Meine Abenteuer sind schon beschrieben,
und ich habe noch gar nicht alle erlebt?“
„Nein, aber sie werden auf meinen Befehl zum
Vergnügen und zur Belehrung der Kinder geschrie
ben werden.“
„Krieg’ ich Geld dafür?“
„Nein, es ist eine Ehre.“
„Ist das was zum Essen?“
„Nein.“
„Zum Trinken?“
„Nein.“
„Zum Spielen?“
„Nein.“
„Dann tut’s am Ende weh?“
„Nein.“
„Aber man muß vielleicht was dafür tun?“
„Ja.“
„Ich danke für die Ehrel Ich habe so schon genug
zu tun.“
„Sei nicht frech, Zäpfell“
„Na ja doch! Ich habe die Ehre nicht bestellt, und
nun soll ich mich dafür auch noch plagen.“
„Es ist keine Plage; du mußt dich nur immer der
Ehre würdig erweisen.“
„Also meinetwegen dann her mit der Ehre! Aber
ein Ananaskügelchen wäre mir lieber, nach diesem
Nasenabenteuer.“
Frau Dschemma steckte ihm eins in den Mund
und fragte: „Ist das deine ganze Bitte?“
„Nein, Schwesterchen, ich möchte dich bitten,
mich nun wieder fortzulassen. Ich möchte nach
Hause zu meinem guten Papa.“
123


„Ach, und ich dachte, wir wollten jetzt immer bei
sammen bleiben.“
„Geht nicht, Schwesterchen, ichhabe ein Geschäft.“
„Was denn?“
„Ich muß meinem Papa das Geld bringen. Der
Arme hat so schon viel zu lange auf mich warten
müssen.“
„Das ist brav von dir gedacht. Und weil ich das
vorausgesehen habe, habe ich deinem Vater meinen
Eilboten Ritter Falk von Weißenschwingen geschickt
und ihn eingeladen, doch mal herzukommen. Er ist
schon auf dem Weg.“
Wie das Zäpfel hörte, sprang er vom Schoß der
schönen Frau hinab, warf seinen Hut in die Luft und
schrie: „Hurra, hurral Es kommt der Papa! Aber
nicht wahr, ich darf ihm entgegengehen?“ fügte er
hinzu.
„Gerne lasse ich mein unkluges Brüderlein nicht
in den Wald“, antwortete die Fee. „Aber daran hin
dern will und kann ich dich nicht. Vielleicht bist du
doch einmal gescheiter, als du aussiehst.“
„Seh’ ich denn so dumm aus?“
„Das kommt auf den Betrachter an.“
Zäpfel Kern bemühte sich, ein äußerst intelligen
tes Gesicht zu machen, und sagte mit dem Ton
eines Professors: „Nun, Leute, über die man ein Buch
schreibt, brauchen wohl keine Kritik ihres Gesichts
ausdrucks zu fürchten.“
Sprach’s und ging sehr stolz und selbstbewußt
zur Türe hinaus.
Frau Dschemma lächelte.
124


Einundzwanzigstes Kapitel
Zäpfel Kern macht seinem von
Frau Dschemma gekennzeich
neten Gesichtsausdruck alle
Ehre
Von keinem anderen Gedanken erfüllt als dem,
seinem guten Papa recht bald um den Hals fallen zu
können, setzte sich Zäpfel Kern, sobald er das Schloß
verlassen hatte, in Trab und war in wenigen Minuten
schon bei der großen Eiche.
Wie er die sah, fühlte er sich unwillkürlich an
den Hals und murmelte:
Zappel, zippel, zappel, zum,
Links herum und rechts herum.
„Hoffentlich kommt das Zappelabenteuer nicht in
meine Lebensgeschichte“, fügte er hinzu, „Kinder
müssen nicht alles wissen.“
Wie er so zu sich selber sprach, war’s ihm, als ob
etwas im Gebüsch raschelte. Er guckte hin und er
blickte — wen? Baron Alopex und Madame Miaula.
„Welche Überraschung?!?“ rief der Fuchs.
„Welche angenehme Überraschung“, flüsterte die
Katze.
Und beide vereinten ihre holden Stimmen in der
Frage: „Wie kommen denn Sie hierher, Herr Zäpfel
Kern?“
„Das ist eine lange Geschichte“, antwortete der,
„und ich habe jetzt keine Zeit, sie zu erzählen.“
Aber beide baten so angelegentlich, daß er, um
nicht unhöflich zu erscheinen, zu erzählen begann:
125


„Denken Sie sich, ich bin Räubern in die Hände ge
fallen.“
„Räubern?“ sagte der Fuchs im höchsten Er
staunen.
„Gibt es denn das?“ fragte höchst unschuldig die
Katze.
„Allerdings“, antwortete Zäpfel Kern, „sie hatten
es auf mein Vermögen abgesehen.“
„Diese Schurken!“ rief der Fuchs.
„Sollte man es für möglich halten!“ schrie die
Katze.
Zäpfel Kern aber fuhr fort: „Um nur die Haupt
sache zu erwähnen: Hier, an dieser Stelle, haben sie
mich aufgehängt wie einen Überzieher, aber nicht
am Henkel, sondern am Hals.“
„Mir steht der Verstand still!“ sagte der Fuchs.
„Was ist das für eine Welt! Was sind das für Zeiten!
Für unsereins, die wir ehrlich und friedlich dahin
leben, immer nur bedacht, Gutes zu tun, sind solche
126


Ereignisse schmerzlicher als alle Krankheiten des
Leibes.“
In diesem Augenblick bemerkte Zäpfel Kern, daß
die Katze ihr rechtes Vorderbein verbunden trug,
und er fragte teilnahmsvoll: „Ist Ihnen etwas zuge
stoßen, Madame Miaula?“
Die Gräfin auf und zu Dachhausen wollte etwas
antworten, fand aber nicht sogleich das rechte Wort,
weshalb an ihrer Stelle der rote Baron antwortete:
„Meiner alten Freundin ist es peinlich, Sie aufzu
klären. Bescheiden wie sie ist, möchte sie Ihnen nicht
sagen, auf welche Weise sie ihre rechte Vorderpfote
verloren hat. Sie hat sie nämlich nicht eigentlich ver
loren, sondern verschenkt.“
„Was, ihre Pfote?“
„Ja“, fuhr der Fuchs fort, „es klingt unwahrschein
lich, ist aber nichts als die lauterste Wahrheit.“
„Ach, bitte, mach doch kein solches Wesen um
die Kleinigkeit!“ fiel Madame Miaula ein.
„Nein: Ehre dem Ehre gebührt!“ entgegnete der
Fuchs. „Unser Freund soll sehen, daß es auch noch
Opfermut auf Erden gibt! Doch ich will kurz und
schlicht sein und keine großen Worte machen. Also
denn: Madame Miaula ist nicht imstande an einem
Bettler vorüberzugehen, ohne ihm ein Almosen zu
spenden, und so war sie heute früh in großer Ver
legenheit, als wir einem hungrigen Wolf begegne-
ten, der erklärte, seit drei Tagen keinen Löffel Suppe,
geschweige denn Fleisch, gegessen zu haben. Denn,
leider, sie hatte, ebenso wie ich, nichts Eßbares oder
gar Geld bei sich . . .“
„Und da hat sie ...?!“ fragte verwundert das Kas
perle.
127


„Ja, mein Freund, da hat sie sich selbst die rechte
Pfote abgebissen, um damit den Hunger des armen
und elenden, aber offenbar würdigen Wolfes zu
stillen.“
Zäpfel Kern, hingerissen von so viel Nächsten
liebe, beugte sich hinab und küßte ehrerbietig die
nicht mehr vorhandene Pfote der edlen Dame und
sprach: „Wenn alle Katzen so dächten, wäre es ein
Vergnügen, als Maus auf die Welt zu kommen.“
Madame Miaula aber, um dem Gespräch eine an
dere Wendung zu geben, fragte: „Und nun sind Sie
gewiß auf dem Weg nach dem Schlaraffenland?“
„Vorausgesetzt, daß jene Schurken Ihnen nicht
wirklich Ihr Geld abgenommen haben“, fügte lau
ernd der Fuchs hinzu.
Zäpfel Kern aber antwortete: „Drei Goldstücke
hat mir ein nicht minder großer Räuber abgenom
men, der Wirt ,Zum gespickten Heupferd 4 , aber zwei
habe ich noch, und diese werde ich, so Gott will, mei
nem guten Papa überreichen.“
„Lumpige 40 Mark? 44 meinte der Fuchs.
„Das lohnt sich doch nicht der Mühe 44 , lispelte die
Katze.
Und der Fuchs setzte hinzu: „Wo Sie jetzt so nahe
am Schlaraffenland sindl“
„Vielleicht gehe ich morgen mit meinem Papa
hin 44 , erklärte Zäpfel Kern.
„Morgen wird es leider keinen Zweck mehr haben“,
sagte Baron Alopex.
„Wieso? 44 fragte Zäpfel Kern.
„Weil von morgen ab Baron Rothschild das mit
guten Vorsätzen gedüngte Feld gepachtet hat.“
128


„Wie schadel“ meinte Zäpfel Kern.
„Allerdings!“ sagte der Fuchs. „Es sind aber nur
kümmerliche zwei Kilometer bis an die Grenze. Tn
einer halben Stunde können wir dort sein, wenn wir
uns gleich auf den Weg machen. Und in einer weite
ren halben Stunde haben Sie fünfzigtausend Mark.“
Die zwei Worte „Fünfzigtausend Mark“ genüg
ten, unserem Kasperle seinen Holzkopf wieder voll
ständig zu verdrehen. Er tat alle Gegenerwägungen
beiseite und sagte kurz: „Also gut! Gehen wir! Aber
schnell!“
Und sie gingen.
Der Weg zog sich indessen doch mehr in die
Länge, als Zäpfel Kern gedacht hatte. Aber nach
Verlauf von drei Stunden kamen sie wirklich an eine
Landesgrenze, die von einer großen Schar Bluthunde
bewacht wurde, die gar nicht angenehm aussahen.
Doch der Fuchs brauchte nur mit den Augen zu zwin
kern, und die Zollsoldaten ließen die drei durch,
nicht ohne jedem eine dicke Zollplombe angeheftet
zu haben, der Katze und dem Fuchs an den Schwanz,
Zäpfel Kern an die Nase.
„Das ist das Schlaraffenland?“ fragte erstaunt das
Kasperle.
„Jawohl!“ antwortete kurz der Fuchs.
Zäpfel Kern hatte sich das Schlaraffenland ganz
anders vorgestellt: üppig, lustig, voll Scherz und
Tanz und Schmauserei, ein Land der ewigen Kirmes
und Heiterkeit. Statt dessen bot die Stadt, in die sie
nun kamen, ein Bild des Jammers, der Armut, des
bittersten Elends. Halb verhungerte Kaninchen und
Hunde krochen bettelnd in den öden Straßen herum
9 Zäpfel Kern
129


zwischen Hühnern und Gänsen, die vergeblich nach
einem Körnchen, einem Grashalm suchten. Auch ein
paar jämmerliche Fasanen waren zu sehen, aber
ihre bunten Schweife waren ihnen ausgerissen. Des
gleichen humpelten entsetzlich magere Pfauen die
Straßen entlang, die kein Rad mehr schlagen konn
ten, weil auch sie keine Schwanzfedern mehr hatten.
Dagegen fuhren in prächtigen Kutschen große Wölfe
umher, auf deren Mützen die Fasanen- und Pfauen
federn prangten. Aber keiner dieser dicken Fqui-
pagenbesitzer hatte auch nur einen Blick für das
arme Volk.
„DieseStadt ist mirhöchstunsympathisch“,meinte
Zäpfel Kern, „machen wir, daß wir hinauskommen.“
130


„Gleich hinter ihr liegt das berühmte Feldl“ sagte
der Fuchs.
Und richtig, wie sie die Stadt hinter sich hatten,
lag ein weiter, steiniger, kahler Acker vor ihnen.
„Gut gedüngt sieht das nicht aus“, meinte Zäpfel.
„Natürlich, weil gute Vorsätze ein unsichtbares
Düngemittel sind und ihre Wirkungen mehr inner
lich haben. Daß sie aber wirken, wirst du gleich mer
ken, wenn du tust, wie ich dir gestern gesagt habe.“
Und Zäpfel Kern tat treulich nach des Fuchses
Rezept: er grub zwei Löcher in die Erde, schön weit
auseinander, damit die Zwanzigmarkbäume Platz
hätten, sich auszubreiten, tat seine zwei letzten Gold
stücke hinein, warf Erde darauf, streute Salz dar
über, holte in seinem Zuckertütenhut Wasser, goß
es darauf, wackelte ernsthaft wie ein Hexenmeister
mit dem Kopf und sagte höchst feierlich:
Erde und Salzl
Wasser und Schmalz 1
Pinkus!
Gold und Quarkl
Hunderttausend Mark!
„Halt!“ rief der Fuchs. „Jetzt mußt du sagen:
Fünfzigtausend Mark!“
„Schädel“ meinte Zäpfel, aber er wiederholte:
Erde und Salz!
Wasser und Schmalz!
Pinkus!
Gold und Quark!
Fünfzigtausend Mark!
Pinkus!
131


Dann fragte er, ganz rot vor Aufregung: „Und
was muß ich jetzt tun?“
„Spazierengehen“, antwortete der Fuchs und rieb
sich die Pfoten, „ein halbes Stündchen in der Stadt
Spazierengehen. Da wir dort Freunde haben, tun wir
desgleichen. Doch haben wir nicht dieselbe Rich
tung. Wir müssen rechts, du links!“
„Aber hoffentlich sehen wir uns doch wieder, wenn
ich das Geld habe“, sagte Zäpfel Kern. „Ich möchte
euch doch gerne was abgeben, als Dank für den gu
ten Ratl“
„Du beleidigst uns!“ sagte der Fuchs streng.
„Du hältst uns für gemeine Seelen!“ miaute die
Katze empört.
„Wir gehören zu der leider aussterbenden Rasse
der selbstlosen Wesen, die, was sie tun, aus gutem
Herzen und nicht um eines Vorteils willen tun!“ füg
ten beide mit frommem Augenaufschlag gleichzeitig
hinzu und trotteten gemächlich ab, einem kleinen
Wäldchen vor der Stadt zu.
Von weitem aber rief der Fuchs, indem er die
Pfoten an den Mund legte: „Vergiß die Goldsäcke
nicht!“
Und die Katze schrie: „Und die Ochsen!“
„Ochsen!“ schallte es im Echo aus dem Wald.
„Ochsen! Ochsen! Ochsen!“ klang es noch dreimal
dorther.
Zäpfel Kern aber ging nachdenklich in die un
sympathische Stadt zurück.
132


Zweiundzwanzigstes Kapitel
Wie es im Lande Hurrasien Leu
ten geht, die bestohlen worden
sind
Zäpfel Kern ging, da er keine Uhr besaß und seine
Fünfzigtausend-Mark-Ernte um keinen Preis auch
nur eine Minute zu spät beginnen wollte, auf den
Marktplatz der Stadt, wo ein Uhrturm stand, und
behielt die Uhr genau im Auge. Trotzdem sah er
mancherlei, das sein Erstaunen erregte.
Zum Beispiel: Ein sehr böse aussehender Wolf
packte mitten auf dem Marktplatz einen jungen Gold
fasan, der noch seine Schwanzfedern hatte, am Ge
nick und riß ihm die besten Federn aus. Der Fasan
schrie fürchterlich, das Volk: Hühner, Gänse, Hunde,
Kaninchen usw. liefen zusammen und schrien gleich
falls. Da winkte der Wolf einen in der Nähe stehen
den Polizisten herbei, eine entsetzlich aussehende
Bulldogge.
Was? dachte Zäpfel Kern, der Räuber zeigt sich
selber an?
Aber er hatte sich geirrt. Der Wolf knurrte:
„Schaff’ er mir das Gesindel vom Leib. Es belästigt
mich. Und steck’ er diesen unverschämten Fasan
ein. Der Bursche wagt aufzumucken, weil ich mir
kraft meines Rechts des Stärkeren eine an ihm be
findliche Schmuckfeder angeeignet habe. Melde er
das Seiner Gestrengen, dem Herrn Staatsanwalt
Schakal.“
Die Bulldogge nahm den kreischenden Fasan zwi
schen die Zähne und schleppte ihn davon.
133


Zäpfel Kern wandte sich an einen Schäferhund,
dem beinahe die Rippen durchs Fell stachen, so dürr
war er, und fragte: „Entschuldigen Sie, Herr Schä
ferhund, geht das bei Ihnen immer so zu, daß der
Beraubte eingesperrt wird und der Räuber mit seiner
Beute unbehelligt davongeht?“
„Pscht! Pscht!“ antwortete der Schäferhund, „nicht
so laut! Wenn uns wer hörte! Räuber! Beraubte! Nicht
doch! DerHerrWolf hat nur sein Recht ausgeübt,und
der dumme Fasan hätte ihm dafür die Pfote küssen
sollen. So bestimmt es das Gesetz in Hurrasien.“
„Das ist hier also nicht das Schlaraffenland?“
„Pfui! Wie können Sie nur so spotten! Sie befin
den sich im Reiche Hurrasien, das unter der glor
reichen Regierung Seiner Majestät des Kaisers Friß-
all wunderbar blüht und gedeiht, wie Sie sehen.“
„Ihnen sehe ich das nicht an, mein Lieber.“
„Natürlich nicht, ich bin auch kein Raubtier. Und
Hurrasien ist der Raubtierstaat, in dem es nur auf
das Gedeihen der adligen Raubtierrassen ankommt.
Wir anderen sind zum Hungern da, damit die edlen
Herren von Reißzahn und Klaue es erst recht ange
nehm merken, wie lieblich es ist, wenn man den
Bauch voll hat.“
„Das ist aber doch gemein und niederträchtig!“
rief Zäpfel empört aus.
Kaum hatte er dies gesagt, so drückte sich der
Schäferhund scheu davon, wie wenn er fürchtete,
durch die Nähe Zäpfel Kerns eine gefährliche Krank
heit zu bekommen.
Indessen war der Zeiger an der Turmuhr soweit
vorgerückt, daß es Zäpfel an der Zeit fand, auf das
134


Feld zurückzukehren. Die Säcke und Ochsen ge
dachte er sieil später für einige seiner Goldstücke
einzuhandeln.
Je näher er dem Feld kam, um so heftiger arbei
tete seine Phantasie.
„Wer weiß“, sagte er zu sich selber, „ob heuer
nicht ein besonders gules Jahr für Zwanzigmark
stücke ist! Dann könnte es vielleicht doch sein, daß
ich statt fünfziglausend Mark .sechzigtausend Mark
ernte oder gar siebzigtausend Mark? Ach, es könn
ten sogar achlziglausend, ja hunderttausend Mark
sein! Die Witterung ist, wie mir scheint, sehr gün
stig für das Gedeihen von Zwanzigmarkstücken . . .
Hm! Ja! . . . Und was fange ich dann mit dem vielen
Geld an? Natürlich, zuerst Papas Rock! Das ver
steht sich. Und fürs Schwesterchen lasse ich mich
photographieren, denn sonst hat sie alles. Für mich
aber? Ein kleines Auto? Natürlich! Und ein lenk
bares Luftschiff! Und eine Bibliothek! Aber in den
Büchern stall der Blätter lauter Kuchen und Bon
bons!“
Unter diesen angenehmen Vorstellungen war er
auf dem Feld angekommen, und nun sah er sich
sogleich nach seinen Nußbäumen um. Da er mit blo
ßem Auge keine erblickte, so legte er die Hände wie
ein Fernrohr an die Augen, aber auch auf diese ver
schmitzte Weise wollte es ihm nicht gelingen, einen
Nußbaum zu entdecken.
„Vielleicht hin ich zu früh daran, und sie sind
noch ganz klein“, sagte er sich und rannte zu der
Stelle, wo er die Zwnnzigmarkslücke versteckt hatte.
— Aber es war noch nicht das gering>te Triebchen
sichtbar.


Hm! machte er und kraute sich hinter den Ohren,
obwohl er wußte, daß das nicht anständig ist.
Da hörte er deutlich lachen: HihihihihihihiI,dreh
te sich um und sah hinter sich auf einem Galgen
einen Papagei sitzen.
„Lach nicht so dumm!“ schrie er den Papagei an.
„Du hast gerade Ursache, du mit deinen paar strup
pigen Federn.“
„Immer noch mehr als du!“ kicherte der Papagei.
„Das werden wir gleich sehen!“ entgegnete das
Kasperle, lief zum Brunnen, holte eine Hand voll Was
ser und begoß nochmals seine Zwanzigmarkstücke.
„Hihihi! Hilft alles ni-ni-ni-nix!“ lachte wieder
das freche Papchen.
„Wieso?“
„Geld wächst nicht von Wasser, sondern von
Schweiß.“
„Was heißt das?“
„Das heißt: Geld will verdient sein.“
Wer ohne Mühe will Geld gewinnen,
Verfällt oft Schwindlern und Schwindlerinnen,
Kriegt nix dazu, verliert, was er hat.
Hihihihi! die Rechnung ist glatt.
Zäpfel Kern wurde von einer schrecklichen Ah
nung erfaßt. Er stotterte: „De .. . de .. . denkst du
am E .. E .. Ende, mein Ge .. Ge .. Ge .. Geld ist
fu . . fu . . futsch?“
„Ich würde sagen, daß es beim Kuckuck wäre, wenn
ich nicht wüßte, daß es beim Fuchs und bei der
Katze ist.“
136


Zäpfel Kern bekam wieder einmal Krebsaugen,
stürzte sich mit seiner ganzen Länge auf die Erde,
grub zwei Löcher, groß genug, zwei Esel zu begra
ben und sich dazu, fand aber nichts als den Zettel,
der auf der nächsten Seite zu sehen ist, und den sich
das dumme Kasperle von dem gescheiten Papagei
vorlesen lassen mußte, weil es selber ja immer noch
nicht lesen konnte.
„O diese Schurken“, rief Zäpfel Kern aus und
rannte mit dem Zettel in die Stadt, keinen ändern
Gedanken im Kopf als den: sein Recht beim Richter
zu suchen.
Ein düsteres schwarzes, von Bulldoggen bewach
tes Gebäude wurde ihm als das Reichsgericht von
Hurrasien bezeichnet.
„Was will Er?“ bellte ihn eine zähnefletschende
Bulldogge an.
„Mein Recht!“ rief Zäpfel.
„Worum handelt es sich?“
„Um Raub, Betrug, Diebstahl, Schurkerei und
Schufterei —“
„Das ist das Ressort des Obertribunalrats Gorilla.
Drei Treppen links, Zimmer 7896.“
Zäpfel fiel mehr die Treppen hinauf, als er sie
hinaufstieg. An Zimmer 7896 klopfte er an.
„Herein!“ schrie eine heisere Stimme.
137


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Zäpfel Kern, noch ganz keuchend, trat ein. Das,
was er erblickte, war nicht geeignet, ihm Vertrauen
einzuflößen. Auf einem Tisch, der ganz mit abge
nagten Knochen und unzähligen Büchern bedeckt
war, saß in einem ungeheuren Tintenfaß ein kolos
saler rotzottiger und entgegen aller Naturgeschichte
langschwanziger Gorilla, der mit seinem buschigen
Schwanz emsig schrieb. Auf dem Kopf hatte er ein
schwarzes Barett, vor den triefenden Augen eine gol
dene Brille ohne Gläser.
„Was will Er?“ kreischte ihn der Gorilla an.
„Mein Rechtl“ rief Zäpfel und legte den Zettel auf
den Tisch.
„Warum nimmt Er sich’s nicht?“
„Ich bin beraubt, bestohlen, betrogen, hintergan
gen!“
„Bravo!“
„Mein Vertrauen ist auf scheußliche Weise von
Baron Alopex und Gräfin Mietsinsky getäuscht wor
den.“
Der Gorilla nahm respektvoll sein Barett ab und
sprach: „Ehre dem Ehre gebührt! Preise Er sich
glücklich, so vornehmen Leuten Gelegenheit gegeben
zu haben, ihren Witz zu zeigen.“
„Was? Glücklich preisen soll ich mich? Ich ver
lange, daß die Schurken bestraft werden.“
„Einen Monat!“ rief der Gorilla, tunkte seinen
Schwanz in die Tinte und machte eine Notiz.
„Ich verlange, daß die Elenden gehängt werden.“
„Zwei Monatei“ rief der Gorilla und tat wie vor
hin.
„Und mein Geld will ich wiederhaben!“
„Einen Monat!“ rief der Gorilla, machte noch-
139


mals eine Schwanznotiz und sprach dann: „Noch
was?“
„Weiter verlange ich nichts“, antwortete Zäpfel
Kern.
„Macht also zusammen vier Monate“, sagte der
Gorilla, drückte auf einen Knopf und befahl zwei
darauf eintretenden Bulldoggen: „Fesselt diesen Ver
brecher und werft ihn ins Loch! Ich diktiere ihm
vier Monate strengen Kerker wegen Ausstoßung
gröblicher Schimpfnamen und Beleidigungen gegen
zwei Edelleute, sowie wegen unverschämten Begeh
rens, gerichtet auf Zurückerstattung einer Summe,
die ihm rechtmäßig abgenommen worden ist. Im
Namen Seiner Majestät des Kaisers Frißall! Punkt
um! Streusand drauf!“
Zäpfel Kern wollte protestieren, aber die Bull
doggen machten kurzen Prozeß und schnitten ihm
das Wort ab, indem sie ihm einen faustgroßen Kne
bel in den Mund steckten. Dann führten sie ihn in
einen unterirdischen Kerker, in dem er das Vergnü-


gen hatte, vier Monate bei faulem Wasser und
schimmligem Brot in Gesellschaft von Skorpionen,
Spinnen, Tausendfüßlern und zwei ebenso dicken
wie übelriechenden Ratten zuzubringen.
Dreiundzwanzigstes Kapitel
Zäpfel Kern zappelt wieder ein
mal, aber diesmal zu seinem
Glück, doch wird er bald am
Weiterzappeln verhindert
Nach genau vier Monaten (auch um keinen Tag
weniger) erhielt Zäpfel Kern einen Tritt auf den Teil
des Körpers, den er jetzt am meisten benützt hatte,
und einen Ausweisbefehl aus dem Land Hurrasien.
Darüber war er gar nicht böse, denn dieses Land
war ihm schon recht zuwider, und mit einem wah
ren Vergnügen ließ er sich die Zollplombe von der
Nase abnehmen.
Wie immer, wenn er etwas Unangenehmes über
standen hatte, war er jetzt von guten Vorsätzen so
angefüllt, daß es ihm ganz schwer davon im Magen
war. Nichtsdestoweniger lief er schnell und munter
des Wegs dahin, der ihn nach seiner Meinung nach
dem Schloß der Fee führen mußte. Da es offenbar
monatelang geregnet hatte, war dieser Weg fußhoch
mit Schlamm bedeckt. Aber was macht das einem
Kasperle in Holzrindenschuhen!?
Spaß machte es ihm. Je mehr der Schlamm um
ihn herumspritzte, desto tiefer patschte er hinein
und sang dazu:
141


Jetzt geht’s zu meinem Schwesterlein, hurra!
Nun will ich immer artig sein, hurra!
Und hab’ ich auch kein Geld im Sack,
Mein Herz geht dennoch ticketack.
Froh sein wird mein Papa,
Den ich so lang nicht sah.
Hurra! Hurra! Hurra!
Aber das letzte Hurra blieb ihm im Halse stecken,
wie er plötzlich dicht vor sich mitten auf der Straße
eine ungeheure Schlange liegen sah, die durchaus
nicht Miene machte, ihm Platz zu machen. Mit einem
seiner berühmten Kasperlesprünge machte er einen
Satz von drei Metern nach rückwärts.
„So ein Biest“, murmelte er vor sich hin. „Das ist
gewiß der Wappendrache von Hurrasien, der sich
hierher verirrt hat. Diese roten, glühenden Augen!
Pfui Teufel! Und ganz grün ist sie! Ekelhaft. Ich
möchte nur wissen, wozu aus ihrem Schwanz Rauch
kommt? Es stinkt ganz nach Schwefel.“
Und er dachte an den Duft der Ananaskügelchen
von Frau Dschemma, und seine Sehnsucht, zu sei
nem Schwesterchen zu kommen, wurde immer grö
ßer.
Aber die Schlange rührte sich nicht vom Fleck.
Da faßte sich Zäpfel Kern ein Herz und flüsterte:
„Sie, Frau Schlange, gehen Sie doch ein bißchen auf
die Seite! Mein Papa wartet auf mich.“
Die Schlange gähnte und hielt nicht einmal die
Hand vor den Mund, was ihr aber zu verzeihen war,
da sie keine hatte. Einer Antwort würdigte sie aber
das Kasperle nicht, noch weniger ging sie auf die
Seite.
142


Und Zäpfel sprach: „Das ist doch keine Manier,
so den Weg zu versperren! Es ist doch anderswo
Platz genug! Und mein armer guter Papa muß des
wegen vor Warten schwarz werden!“
Die Schlange gähnte nochmals. Dann machte sie
die Augen zu, ringelte sich noch enger zusammen,
blies den Rauch an ihrem Schwanz aus und schien
entweder sterben oder doch wenigstens schlafen zu
wollen.
Das schien Zäpfel Kern das Gescheiteste, was sie
tun konnte, und er beschloß, auf den Fußspitzen
näher zu gehen und dann über den Knäuel wegzu
springen. Schlich also leise herbei und setzte zum
Sprung an.
Da riß die Schlange ihr Maul wie ein Scheunen
tor auf und machte: „Cham!“ und Zäpfel Kern
schlug vor höchstem Entsetzen einen noch nie dage
wesenen Purzelbaum, der zur Folge hatte, daß er


mit dem Kopf in den Schlamm fuhr, während seine
Beine rasend in der Luft herumzappelten.
Dieser Anblick war selbst für eine schlechtge
launte Riesenschlange zuviel. Statt das Kasperle zu
verschlingen, brach sie in ein krampfhaftes Geläch
ter aus.
Zäpfel hielt das für Wutgeheul und strampelte
noch heftiger. Und da konnte die Schlange, so unan
genehm ihr das auch war, nicht anders: sie mußte
sich totlachen. Selbst, wie sie schon tot war, krümm
te sich ihr Leib noch immer weiter.
Zäpfel Kern aber, wie es still geworden war, zog
seinen Kopf, der jetzt nicht wie Mandelmilch aus
sah, aus dem Schlamm und rannte, was ihn seine
Zappelbeine tragen konnten, davon.
Als er endlich wagte, stillzustehen, hatte es schon
zu dunkeln begonnen, aber seine Nase verriet ihm,
daß er sich jetzt in einer angenehmeren Gegend be
fand. Er hob sein Näslein schnüffelnd hoch und
machte: „M! m! m! Täuscht mich meine Nase nicht,
so sind hier Borsdorfer Äpfel in der Nähe.“
Und richtig! Ein ganzer Baum hing voll davon,
nicht zwei Schritte weit weg von ihm.
„Das ist fein!“ dachte sich Zäpfel, und machte sich
kein Gewissen daraus, mit der festen Absicht, ein
paar Äpfel zu mausen, auf den Baum zuzugehen.
Da, au! krack! fühlte er etwas an seinen Füßen
zuschnappen.
Er saß in einem Fußeisen fest, das ein Bauer für
die Marder aufgestellt hatte, die allzuhäufig seinen
Hühnerstall mit ihrem Besuch beehrten.
144


Vierundzwanzigstes Kapitel
Zäpfel Kern erhält ein verant
wortungsvolles Amt, freut sich
aber gar nicht darüber
Das Kasperle schrie, brüllte, grölte, quietschte,
heulte, bis es ganz heiser wurde, aber es schien, als
wäre meilenweit keine menschliche Seele, ihn zu
hören und zu befreien.
Die Nacht kam heran, sonst niemand.
Aber die Nacht ist keine angenehme Gesellschaf
terin für einen, der in eine Marderfalle geraten ist,
und es war noch dazu eine stockfinstere Nacht, denn
der Mond, der hinter einem kleinen Wald aufgegan
gen war und eigentlich die Pflicht hatte zu leuchten,
war in einen großen schwarzen Wolkensack gekro
chen, wo er zu schnarchen begann. Wenigstens hielt
10 Zäpfel Kern
145


Zäpfel Kern das Windgestöhne in den Apfelbäumen
für das Schnarchen des Mondes.
Und Zäpfel Kern wimmerte vor sich hin: „Wenn
ich doch auch schlafen dürftet Diese gequetschte
Stellung zwischen zwei Tellereisen ist furchtbar er
müdend. Und Hunger hab’ ich auch! Und zu den
Äpfeln kann ich nicht. — Ach, Schwesterchen, wenn
du wüßtest, wie es deinem Brüderchen geht!“
„Sie weiß es!“ erklang eine holde Stimme.
„Bist du da, Schwesterchen?“ flüsterte Zäpfel ent
zückt und erschreckt.
„Mein Herz ist immer bei dir.“
„Warum hilfst du mir denn nicht?“
„Weil es gut für dich ist, etwas auszustehen.“
„Danke schön. Das finde ich gar nicht!“
„Und weil du mit Recht in das Eisen geraten
bist.“
„Ich bin nicht bloß mit dem rechten, sondern
auch mit dem linken Fuß hineingeraten.“
„Tu nicht so, als verständest du mich nicht! Du
hast Äpfel stehlen wollen, und dafür sitzt du jetzt
in der Falle.“
„Falsch! Ich stehe darin! Sitzen wäre bequemer.“
„Ich höre mit Vergnügen, daß du noch bei guter
Laune bist, mein witziges Kasperle. Hoffentlich ver
lierst du sie nicht. Gute Nacht!“
Der Ananasgeruch, der während dieser Unterhal
tung die Luft erfüllt hatte, verschwand, und Zäpfel
hörte nichts weiter als das, was er für das Schnar
chen des Mondes hielt.
Doch nein... Kamen da nicht Schritte...?Knack
ten nicht Zweige?
146


Und Zäpfel rief: „Hierher! Hierher! Bitte etwas
schneller!“
„Na, na!“ ertönte eine Stimme, „nur nicht so un
geduldig, Herr Mausehaken! Diesmal scheint es ein
zweibeiniger Marder zu sein.“
„Kein Marder!“ schrie Zäpfel, „ein Kasperle!“
Da fiel das Licht einer Laterne auf ihn, und eine
derbe Faust packte ihn am Schlafittchen.
„Nicht so grob!“ schrie Zäpfel Kern.
„Denkst du, ich ziehe mir Glacehandschuhe an,
wenn ich einen Hühnerdieb packe?“ sagte der Bauer.
„Hühnerdieb? Das müßte ich mir denn doch ver
bitten! Ich hab’ mir bloß ein paar Äpfel nehmen
wollen.“
„Mit Äpfeln fängt man an und mit Hühnern hört
man auf, wenn man nicht noch weiter geht im Steh
len“, erklärte der Rauer.
„So mach doch endlich diese ekelhafte Falle auf!“
schrie Zäpfel, „und laß meinen Hals los! Oben und
unten in der Klemme zu sitzen, ist ein bißchen viel.“
„Du meinst vielleicht, du imponierst mir mit dei
ner Frechheit?“ sagte der Bauer, indem er die Falle
öffnete, „aber da irrst du dich gewaltig. Redensarten
mach' ich nicht viel. Aber kirre kriege ich dich doch.
Heute Nacht wirst du so freundlich sein und meinen
Hühnerstall bewachen.“
„Ich?“
„Ja, du, wenn du nichts dagegen hast!“
„Ich habe sehr viel dagegen.“
„Das freut mich, denn je mehr du dich erzürnst,
um so mehr macht mir’s Spaß.“
Bei diesen Worten nahm der Bauer das Kasperle
untern Arm wie ein Stück Holz und trug es fort.


An seinem Hause angekommen, legte er ihm ein
Hundehalsband um den Hals, das entsetzlich eng
anlag, schloß eine Kette daran, befestigte die Kette
an der Hundehütte und sagte: „So, mein Herr Kas
perle, und hiermit ernenne ich dich zum Nachfolger
meines guten Phylax, der leider heute gestorben ist.
Hoffentlich hast du mehr Glück als er in der Be
wachung des Hühnerhauses. Behalte mir das nur ja
gut im Auge! Und wenn die Marder kommen, so belle
tüchtig. Kannst du bellen?“
„Jawohl: Wau—wau—wau! Wo ff—wo ff—woff!“
„Sehr gut! Ausgezeichnet! — Wenn’s regnet, darfst
du übrigens in die Hundehütte aufs Stroh kriechen!
Aber nicht einschlafen! Sonst. . .!“ Und er machte
eine unangenehme Handbewegung, deren Bedeu
tung dem Kasperle nicht fremd war.
Dann ging der Bauer langsam in sein Haus, und
Zäpfel Kern konnte durch die Fenster sehen, wie er
sich recht gemütlich ins Bett legte.
„Und ich!“ sprach Zäpfel Kern zu sich selber, „und
ich, der Sohn eines Künstlers, der Bruder einer Fee,
ein Kasperle, über das ein Buch geschrieben werden
soll, — ich hänge an einer Hundehütte! Tiefer kann
ein Wesen von Intelligenz nicht sinken. Aber mir
geschieht ganz recht! Nur meine dumme Unfolgsam
keit ist schuld daran, mein ewiges Weglaufen, meine
Habgier, meine Trägheit!“
Und wieder einmal nahm er sich ernstlich vor,
künftighin gescheiter und brav zu sein, so brav, oh so
brav...
148


Fünfundzwanzigstes Kapitel
Phylax der Zweite macht seine
Sache besser alsPhylax der Erste
Obwohl Zäpfel Kern sehr müde war, hielt er es
doch für geraten, nicht zu schlafen. Erstens wegen
dieser deutlichen Handbewegung des Bauersmannes
und zweitens, weil es ihm unmöglich war, im Stehen
zu schlafen wie ein Pferd; sich auf das Stroh in der
Hundehütte zu legen, dünkte ihn aber eines Künstler
sohnes und Feenbruders schlechterdings unwürdig.
Die angemessenste Stellung, die er jetzt einnehmen
konnte, schien ihm die zu sein, daß er sich wie ein
Reiter auf das Dach der Hundehütte setzte. Bequem
war der Sitz ja nicht, da das Dach sehr spitz zulief,
aber er verlieh dem Kasperle doch ein stolzes An
sehen, und Zäpfel Kern konnte sich nun wenigstens
einbilden, eine anständige Stellung innezuhaben. Von
dieser Möglichkeit machte er, da er, wie wir wissen,
von seinem Papa eine reiche Phantasie geerbt hatte,
sofort ausgiebigen Gebrauch. Es dauerte nicht lange,
und er ritt auf seiner Hundehütte in den schönsten
Gegenden einer üppigen Einbildung spazieren, nun
schon nicht der Nachfolger eines Hofhundes mehr,
angelegt an eine Hundehütte, sondern ein herrlicher,
kühner Ritter auf einem kostbaren arabischen
Schimmelhengst. Sein schönstes Abenteuer in der
Einbildung war, wie er Frau Dschemma aus den
Händen des entsetzlichen Obertribunalrats Gorilla
rettete, der sie in seinem ungeheuren Tintenfaß er
säufen wollte. Mit lautem Hurra und nicht zu über
bietendem Genuß rannte er dem verhaßten richter-
149


liehen AlTen seine goldene Lanze in den Bauch und
war eben dabei, das riesige Tintenfaß umzuwerfen.
Da . . . was war das? .. . Hörte er nicht wispern? .. *
raunen? .. . rascheln?
Er kehrte mit äußerster Geschwindigkeit aus dem
bunten Reich der Phantasie in die kohlpechraben
schwarze Wirklichkeit zurück und war durchaus
nicht mehr Ritter, sondern ganz und gar Phylax der
Zweite.
Kein Zweifel: in seiner Nähe wurde geredet! Aber
wer redete? ln dieser Finsternis, bei diesem Mond,
der, statt zu leuchten, schlief, war ja nichts zu sehen.
... Oder doch? .. . Waren da nicht vier Katzen?
Zäpfel Kern, der, wie man sich denken kann, auf
Katzen nicht sehr gut zu sprechen war, hatte ein
150


Gefühl, als wäre er durch das Hundehalsband wirk
lich ein Hund geworden, und er stellte es sich als
eine große Annehmlichkeit vor, allen vieren den
Hals umzudrehen.
Wie sich aber eine der langen, schlanken, dunk
len Gestalten von den übrigen loslöste und auf un-
hörbaren Pfoten zur Hundehütte geschlichen kam,
da merkte er, daß es doch keine Katzen waren, und
es wurde ihm zur Gewißheit, daß er es mit Angehöri
gen der Familie Marder zu tun hatte, also mit den
Dieben, die er erwischen sollte. Die Wichtigkeit des
Moments drückte ihn fast nieder. Jetzt galt es zu be
weisen, wieviel Grütze im Holzkopf und wieviel
Mut im Herzen eines Kasperle steckt.
Zäpfel rührte und regte sich nicht. Es war, als
wäre seine Hundehütte ein Denkmalsroß aus Bronze,
und er ein bronzener Ritter darauf.
Der Marder, mit dem Bauch fast den Boden be
rührend und vorsichtig mit seiner kleinen Nase
schnuppernd, kroch fast bis zum Loch der Hunde
hütte heran, dann pfiff er leise.
Als keine Antwort erfolgte, flüsterte er: „Phylax,
schläfst du?“
„Nein!“ antwortete in demselben Flüsterton Zäp
fel Kern.
Der Marder stutzte, denn er hatte sofort bemerkt,
daß das nicht Phylax war, der geantwortet hatte. Er
fragte: „Bist du nicht Phylax?“
„Nein!“ antwortete das Kasperle.
„Wer bist du denn?“
„Zäpfel Kern.“
„Ah! eine große Ehrel Aber was machst du denn
hier?“
151


„Ich bin zum Nachfolger des Phylax ernannt wor
den.“
„Hat denn Phylax gekündigt?“
„Phylax ist tot.“
„Was? Ach! Wie schade! Er war so ein guter Kerl,
und es ließ sich so gut mit ihm auskommen . .. Hm
. .. Aber du wirst sicher ebenso gescheit sein wie er
und deinen Vorteil einsehen. Nicht?“
„Laß hören.“
„Also: Mit Phylax haben wir folgenden Vertrag
gehabt: wir machten jede Woche einmal dem Hüh
nerhaus einen Besuch, und Phylax tat, als merkte
er nichts. Dafür erhielt er von den acht Hühnchen,
die wir stahlen, jedesmal eins. Wohlgemerkt: Schon
gerupft und ausgenommen, weil Hunde das nicht so
verstehen wie wir.“
„Ein feines Geschäft!“
„Nicht wahr? — Willst du in den Vertrag eintre-
ten?“
Zäpfel Kern überlegte. Dann antwortete er: „Gut!
Ich nehme euern Vorschlag an. Aber wehe euch,
wenn ihr mir kein Hühnchen gebt!“
„Aber, ich bitte dich!“ entgegnete der Marder. „Ein
Vertrag ist doch ein Vertrag! Aber du mußt uns das
Hühnerhaus aufriegeln.“
Zäpfel Kern schwang sich von seinem hölzernen
Roß und hob den Riegel der Hühnerhaustüre zurück.
Schlupp — schlupp — schlupp — schlupp krochen
die vier Marder hinein, unhörbar wie Schatten.
Kaum aber waren sie drin, schob, klapp, das
Kasperle den Riegel wieder vor, hob wie ein Hund,
wenn er bellt, die Nase hoch und durchbrach die
152


Stille der Nacht mit einem meisterhaft echten wau!
waul wau! wau! woff! wolf! wolT! woff!
„Verräter!“ zischten die gefangenen Marder und
versuchten vergebens, die Türe zu durchbeißen.
Schon aber kam mit großen Schritten der Bauer
und rief: „Hast du sie?“
„Ja! Alle viere!“ antwortete stolz Zäpfel Kern und
setzte sich wieder auf den Sattel.
„Das ist brav!“ rief der Bauer „du bist ein Mords
kerl!“ und kroch in den Hühnerstall.
Nach einigem Lärm und Hin und Her darin er
schien er wieder und trug in einem Sack die vier
Diebe, an die er folgende Ansprache hielt: „So geht’s
auf der Welt! Ihr gedachtet meine Hühner zu fres
sen, und nun werde ich euch verspeisen. Meine Frau
Karline versteht sich auf Marderbraten in saurer
Sahnensoße wie keine andere Bäuerin. Und Zäpfel
Kern kriegt zum Lohn eine Pelzjacke aus euren Fel
len für den Winter und einen Schwanz als Schmuck
auf seinen Hut.“
„Die Freiheit wäre mir lieber“, bemerkte Zäpfel
Kern.
„Die kriegst du außerdem, mein Junge. Aber wie
ist dir nur gelungen, was meinem guten Phylax nie
glücken wollte?“
Das Kasperle, das sehr gesprächig war, hätte für
sein Leben gerne erzählt, was er von dem guten Phy
lax wußte, aber seine anständige Gesinnung hinderte
ihn, einem Toten Böses nachzusagen, und so be
schränkte er sich darauf einfach zu erklären, er habe
sich schlafend gestellt und so die Marder in das
Hühnerhaus gelockt. Es war zwar auch gelogen, aber
153


eine anständige Lüge, die niemand wehtat und einem
Verstorbenen den guten Ruf rettete.
Gerührt nahm ihm der Bauer das Halsband ab,
führte ihn in die Äpfelkammer, wo sich Zäpfel alle
Taschen mit den schönsten Borsdorfer Äpfeln voll
stopfen durfte, und ließ ihn dann in einem weichen,
warmen Bett schlafen, bis die Sonne aufging.
Sechsundzwanzigstes Kapitel
Traurige Nachrichten und
schreckliche Geschehnisse
Als Zäpfel Kern erwachte und sich anziehen woll
te, fand er seine Kleider nicht. Er lief in die Neben
stube, sie zu suchen, und gewahrte sie in den Hän
den der Bäuerin, die eben dabei war, die Jacke mit
den Marderfellen zu füttern und mit den Schwän
zen einzusäumen. Ein Schwanz war aber bereits an
seinem Hut befestigt — wie eine Fahne.
Das gefiel dem Kasperle ausgezeichnet, und als
er nun gar spürte, wie warm seine Jacke geworden
war, fiel er der Bäuerin um den Hals und schrie:
Karline, Karline,
Wie warm ist mein Jackett!
Karline, Karline,
Wie ist mein Hut so nett!
Dann kriegte er Kaffee mit viel Zucker, noch
einen Sack voll Äpfel, eine schöne Patschhand vom
Bauern, einen Kuß von der Bäuerin, erkundigte sich
nach dem Weg und lief mit frohem Sinn, jauchzend
und mit den Armen schlenkernd, in den frischen
Morgen hinaus.
154


Es stiegen die Lerchen lustig zur Sonne an, und
es sah aus, als wollten sie in die Sonne lliegen, so
hoch hinauf hoben sie sich ins himmlische Blau, und
rechts und links saßen die Hasen beim Frühstück
im Kraut und stopften sich die runden Bäuchlein an
und riefen: „Grüß Gott, Zäpfell Gute Reise, Zäpfeli
Grüß deinen Papa, Zäpfell“ Und Zäpfel Kern ließ
seinen Marderschwanz im Winde wehen und rannte
und rannte heidi, heidi!
Diesmal war er auf der richtigen Straße. Keine
drei Stunden vergingen, und er stand vor der großen
Eiche, an der er seine Zappelübungen gemacht hatte.
Aber er hielt sich nicht lange dort auf, sondern lief
mit dem Ruf: „Schwesterchen! Ich bin da!“ die Lin
denallee hinab zum Schloß.
Zum Schloß? Ja . . . aber .. . wo war denn das
Schloß?
Keine Spur davon war zu sehen, und nur das Tor
lag da, umgeslürzt, auf der Erde.
„Um Golteswillen, was ist denn passiert!“ schrie
Zäpfel und rieb sich die Augen.
Da sangen die geschnitzten Vögel auf dem Tor:
Tief in die Erde versank das Schloß,
Versank die Fee mit dem Dienerlroß,
Hat alles mitgenommen,
Weil du zu spät gekommen:
Das Kasperle warf sich lang über das Tor hin
und weinte so herzbrechend sechs Stunden lang, daß
sein Schluchzen den ganzen Wald erfüllte. Endlich
fand er Worte und rief: „Ach Schwesterchen, was
soll denn nun aus mir werden? Am Ende hast du
auch meinen guten Papa mitgenommen?“
155


Da hörte er über sich: Päng-gong! Päng-gongl
Päng-gong! und sah den silbernen Schild im Wipfel
einer Linde hängen und den weißen Falken mit dem
Klöppel daranschlagen.
Das gab ihm etwas Hoffnung. Er legte die Hände
an den Mund und rief hinauf: „Gottlob, daß wenig
stens Ihr noch da seid, Herr Ritter Falk von Weißen
schwingen.“
Und der Falke antwortete: „Ich soll dich zu dei
nem Vater bringen.“
„Wo ist er denn? Wo ist er denn?“
Und der Falke rief:
Weil er dich nicht fand
Auf dem festen Land,
Wanderte er weit zum Meeresstrand
Und zimmerte sich mit kunstreicher Hand
Einen kleinen Kahn,
Seinen Sohn zu suchen auf nasser Bahn.
Und Zäpfel rief, indem er an der Linde empor
kletterte:
O bringe mich zu ihm, Falke mein,
Ich will dir ein leichter Reiter sein.
Trage mich, Falke, mein Flügelpferd,
Bring mich zu meinem Vater wert.
Und auf dem Wipfel der Linde angekommen,
schwang er sich auf den Rücken des Falken und rief:
Hü und hopp!
Flieg Galopp!
Eile dich, eile,
Ohne Rast und Weile!
156


■■n
Und der Falke flog, den Schnabel gradaus, die
Flügel weit, gleichmäßigen Schwingenschwunges da
hin, jetzt über Wolken, daß Zäpfel nichts unter sich
sah als weites Grau, dann über Wälder, deren Bäume
so klein aussahen wie Grashalme, dann über Städte,
die so winzig erschienen, als seien sie von Kindern
aus einer Spielwarenschachtel aufgestellt, dann über
Gebirge von Schnee und Eis, von dem eine so grim
mige Kälte aufstieg, daß Zäpfel sehr froh war, eine
gefütterte Jacke anzuhaben. Von seinen Äpfeln gab
er erst dem Falken zu essen, ehe er seinen eigenen
Hunger stillte. Aber es war wahrhaftig gut, daß er
die Äpfel bei sich hatte, denn sie flogen zwei Tage
und zwei Nächte. In den Nächten hatte er schreck
lich Angst, sie könnten an den Mond oder die Sterne
stoßen, aber der Falke wußte seinen Weg selbst
durch die Milchstraße zu finden.
Endlich, als nach der zweiten Nacht der Tag un-
157


ter ihnen graute, und dann die Strahlen der Sonne
aufloderten wie ungeheure Flammen, daß dem Kas
perle die Augen schmerzten, sahen sie, gleich einem
riesigen funkelnden Spiegel, das große Meer, und
der Falke senkte sich sachte, sachte zur Erde nieder.
Es war eine steile Felsklippe am Strand des
Meeres, wo er seinen Reiter absetzte und sprach:
„Weiter kann ich dich nicht tragen, aber ich weiß,
dein Vater ist nicht fern von hier! Leb wohl! Ich
fliege zur Frau Dschemma zurück, denn meine Sehn
sucht, sie zu sehen, ist zu groß, obwohl es für einen
Falken keine angenehme Aussicht ist, unter die Erde
verbannt zu werden. Aber lieber mit Frau Dschem
ma in der Hölle als allein im Himmel!“
„Grüß mir mein Schwesterchen und sage ihr, ich
komme, sobald ich nur meinen lieben Vater wieder
gesehen habe!“ rief unter Schluchzen Zäpfel Kern.
Der Falke hob sich rauschend in die Lüfte und
war, ein weißer Punkt, bald im Blau des Himmels
verschwunden.
Zäpfel Kern aber wandte seine Augen zum Meer.
Da sah er unter sich eine Menge Schiffervolks
am Strand aufgeregt hin- und herlaufen, und er
beugte sich über den Abhang des Felsens und rief:
„Was ist denn geschehen, daß ihr so aufgeregt seid?“
Ein Schiffer antwortete: „Ein armer alter Mann
hat sich nicht abhalten lassen, mit einem kleinen
Kahn auf das Meer hinauszufahren, obwohl wir ihn
gewarnt haben. Denn es gibt Sturm heute, einen
bösen Sturm. Aber er wollte durchaus seinen Sohn
suchen.“
„Er ist es!“ rief Zäpfel, „er ist es! Wo ist der
Kahn?“
158


„Dort unten das Ding, das wie eine Nußschale
zwischen den Wellen treibt.“
Und Zäpfel schwenkte seinen Hut und schrie:
„Papa! Papa! Hier bin ich! Hier!“
Und richtig: Meister Zorntiegel hatte seinen Sohn
an seinem Hut erkannt und bemühte sich, seinen
kleinen Kahn zum Strand zu wenden. Aber wie sehr
er auch ruderte und steuerte, das Meer warf ihn im-


mer wieder zurück. Und mit einem Mal erhob sich
ein entsetzlicher Sturm. Wie von bösen Geistern ge
trieben, jagten schwarze Wolken über den Himmel,
Blitz auf Blitz fuhr in die Wellen, Donner auf Don
ner brüllte hinterdrein, und eine ungeheure Woge
erhob den kleinen Kahn fast bis an die Wolken
dann war nichts mehr von ihm zu sehen, und nichts
als schwarze Wellen wogten durcheinander.
Die Fischer riefen: „Er ist verloren. Wir können
nicht helfen. Wir wußten es ja! Gott sei seiner Seele
gnädig.“
Zäpfel Kern aber rief: „Dann soll er wenigstens
nicht allein sterben! Papa, dein Zäpfel kommt zu
dir!“
Und warf sich kopfüber vom Felsen ins Meer.
Ein Menschenkind wäre wohl sogleich ertrunken.
Nicht so das hölzerne Kasperle, das vom Wasser
getragen wurde, und nur zu streben brauchte, mit
kräftigen Arm- und Beinschlägen die Richtung nach
der Stelle zu gewinnen, wo er zum letzten Mal den
kleinen Kahn gesehen hatte. Und wahrhaftig: Er
brachte sich trotz Sturm und Wogenprall tüchtig
vorwärts.
Aber die Fischer sagten: „Armer Bursche! es ist
alles umsonst.“
160


Siebenundzwanzigstes Kapitel
Zäpfel Kern kommt auf eine In
sel, wo alle Menschen gerade die
Leidenschaft haben, die dem
Kasperle ganz fremd ist
Das entsetzliche Unwetter, statt nachzulassen,
igerte sich immer mehr. Es war, als wollte das
er sich selber verschlingen und den Himmel dazu.
Zäpfel Kern mußte bald einsehen, daß es ein
aerliches Beginnen wäre, mit zwei dünnen Holz-
achen und zwei nicht viel stärkeren Holzbeinchen
en die Kraft des Ozeans anzukämpfen, die an
sem Tag mit Panzerschilfen Fangeball spielte und
ster Zorntiegels kleinen Kahn längst wer weiß
ain geschleudert hatte. Das Kasperle tat das Ge-
eiteste, was es tun konnte: Es erinnerte sich an
le hölzerne Herkunft und benahm sich ganz ein-
a wie ein Stück Holz. Es zog sich seinen Hut mit
i Marderschwanz bis über die Ohren, legte sich
den Rücken und ließ sich treiben. Mochte das
ir machen, was es wollte, das Kasperle kümmerte
i nicht darum und dachte sich: Rumore du nur
ter und schmeiß mich hin, wohin du Lust hast.
Tenehm war es freilich nicht, und das hölzerne
feie wurde zuweilen bös herumgewirbelt. Bald
es wie ein Pfeil (mit seinem Zuckertütenhut als
:ze) gen Himmel, bald sauste es, den Kopf nach
;n, tief in die Tiefe des Meeres, bald rannte es an
m Fisch an, der deshalb wütende Augen machte,
hatte nicht einmal Zeit „Entschuldigen Siel“ zu
>fel Kern
161


sagen, bald verfitzte es sich mit seinem Marder
schwanz in eine Korallenbank. Das Unangenehmste
des Unangenehmen war die Bekanntschaft, die es
gegen seinen Willen mit einem großen Polypen
machte. Eine Sturzwelle warf ihn nämlich direkt in
dessen meterlange Fangarme, wovon das scheußliche
Tier einige hundert hatte, mit denen es unser Kas
perle umschnürte, als wäre Zäpfel Kern ein Paket,
das mit der Post fortgeschickt werden sollte. Es fehlte
auch nicht das Gefühl, als würde es versiegelt, denn
an jedem seiner widerlichen glitschigen Fangarme
hatte der Polyp eine Art Saugpetschaft, mit dem er
sich an Zäpfels Körper festklebte. Zum Glück wurde
die große Qualle von einer neuen Welle gegen einen
Felsen geschleudert und in tausend Stücke zerrissen,
während Zäpfel Kern nur ein Stück seiner Nasen
spitze einbüßte.
Aber es ist ganz unmöglich, alles zu erzählen, was
unser Kasperle während des Sturms im Meer er
duldete, denn dieses Hin und Her und Auf und Ab in
den wilden Wellen dauerte den ganzen Tag und die
162


nächstfolgende Nacht. Kein Wunder, daß Zäpfel
Kern, als er endlich auf den sandigen Strand einer
Insel geworfen wurde, laut ausrief: „Na, das war
aber die höchste Zeitl Wenn ich nur keinen Schnup
fen kriegel“
Nicht ohne Mühe paddelte er sich auf dem ganz
mit Muscheln und kleinen Taschenkrebsen über
säten Sand heraus und seufzte: „Jetzt fehlte nur
noch, daß diese Insel von Kasperlefressern bewohnt
wäre.“
Und er sah sich vorsichtig um. Aber er bemerkte
keinen mit Pfeil und Bogen heranschleichenden Kan
nibalen, wohl aber einen Wegweiser, auf dem etwas
geschrieben stand. Zäpfel Kern trat an ihn heran
und besah sich die Schriftzüge sehr aufmerksam.
Dann schüttelte er den Kopf und sprach zu sich:
„Das Schreiben ist doch eine sehr sinnreiche Erfin
dung. Wenn ich jetzt lesen könnte, wüßte ich ganz
genau, wohin dieser Weg führt .. . Aber ich kann
nicht lesen . . . Und warum kann ich nicht lesen!?
Weil ich nichts als Dummheiten angestellt habe . . .
Verflixte Geschichten! ... Es bleibt dabei, daß Pro
fessor Doktor Maikäfer recht gehabt hat, hundert
mal recht, tausendmal recht. . . Aber was hilft es
mir, daß ich das jetzt erst einsehe! . . . Ich stehe da
wie ein Esel, und wenn niemand kommt, mir das
vorzulesen, werde ich morgen auch noch wie ein
Esel dastehen.“
Da hörte er hinter sich etwas plätschern, drehte
sich um und sah einen großen schönen Delphin, der
den Kopf aus den mittlerweile ruhig gewordenen
Fluten herausstreckte und ihn groß ansah. Rechts
und links aus seinen Nasenlöchern erhob sich ein
ii‘
163


Springbrunnen, und der hatte das Plätschern her
vorgebracht.
Zäpfel Kern nahm höflich seinen Hut ab und
sprach: „Guten Morgen, Herr Delphin! Das trifTt sich
gut, daß Sie gerade hier Ihren schönen Kopf aus dem
Wasser stecken. Möchten Sie mir nicht vorlesen, was
auf dieser Tafel steht?“
„Kannst du denn nicht selber lesen?“ sprach der
Delphin und glotzte ihn erstaunt an.
„Ich kann nur Kasperledeutsch lesen“, log Zäpfel
Kern.
Da hob der Delphin auch seinen Schweif aus dem
Wasser, peitschte ärgerlich die Wellen damit und
schnaubte: „Du willst wohl wieder eine lange Nase
kriegen, he?“
„Nein“, antwortete Zäpfel frech, „es würde mir
genügen, wenn das Stück anwüchse,das ich auf einer
Klippe im Meer aus Versehen habe liegen lassen.
164


Aber ich merke, Sie kommen von meinem Schwe
sterchen.“
„Allerdings!“ antwortete der Delphin, „obwohl du
es nicht verdienst, daß sich Frau Dschemma immer
noch um dich kümmert, denn du lügst noch immer
wie gedruckt. Doch es ist nicht meines Amtes, über
meine Herrin zu urteilen, und so richte ich einfach
aus, was mir auf getragen ist. Hör zu!“
„Schieß los!“ antwortete Zäpfel Kern. In dem
selben Augenblick hatte er eine solche Ladung See
wasser im Gesicht, daß er umfiel.
„Du scheinst mir auch keinen Spaß zu verstehen“,
sagte er, als er aufgestanden war.
„Es ist jetzt nicht die Zeit zum Spaßen!“ knurrte
der Delphin. „Und wenn du noch eine einzige un
passende Bemerkung machst, tauche ich unter. Es
bekommt mir ohnehin nicht, so lange Luft zu
schnappen.“
Und das Kasperle sagte nun ganz artig: „Ich habe
keinen Mund mehr, sondern nur noch Ohren. Ver
zeihen Sie mir, Onkel Delphin.“
Und der Delphin sprach: „Also denn! Ich habe
dir zu melden, daß du dir keine weiteren Sorgen um
deinen Papa machen sollst. Er ist von einem Wal
fisch verschluckt worden und befindet sich in dessen
Bauch den Umständen angemessen wohl.“
„Gott sei Dank!“ rief Zäpfel aus, „aber ich möchte
nun diesen Walfisch töten und meinen Papa retten,
denn immer kann er doch nicht in einer so feuchten
Wohnung bleiben.“
„Du Knirps willst den Walfisch töten?“ knurrte
der Delphin. „Weißt du denn nicht, daß er so groß
ist wie eine kleine Stadt und ein Maul hat von der
165


Ausdehnung eines Bahnhofs, in dem bequem einpaar
Güterzüge Platz haben?“
„Ist das möglich?“
„Es ist nicht bloß möglich, sondern eine Tatsache.“
„Und dieses Ungetüm ist hier in der Nähe?“
„Ja, es macht diese Küsten unsicher.“
„Dann will ich doch lieber ins Innere des Landes
reisen.“
„Das sollst du auch, denn in diesem Land wirst
du, so hofft Frau Dschemma, etwas Gutes lernen.“
„Au Backe!“ rief Zäpfel.
„Was?“ knurrte der Delphin.
„Ich habe nichts gesagt“, stotterte das Kasperle.
Und der Delphin fuhr fort: „Dies ist nämlich die
Insel, die den Namen führt: Goldboden.“
„Ei! Vielleicht wachsen hier die Zwanzigmark
stücke?“
„Unsinn! Sie heißt so, weil hier der Fleiß regiert,
und weil davon hier der Boden goldene Früchte
trägt. Die Bewohner dieser Insel kennen nur eine
Leidenschaft: Arbeit!“
„Man soll sich aber doch vor jeder Leidenschaft
hüten“, meinte Zäpfel.
„Nicht vor dieser! — Aber jetzt habe ich genug ge
redet. Der Wegweiser dort weist auf die Straße nach
der Hauptstadt des Landes. Geh nur immer der Nase
nach, so wirst du zu ihr gelangen. Aber das sage ich
dir gleich: ohne zu arbeiten wirst du dort verhun
gern! Betteln gilt dort nicht!“
„Denkst du denn, ich werde betteln!? Ich? Da
kennst du mich schlecht!“
„Um so besser! Leb wohl!“ Und mit einem ge
waltigen Prusten tauchte der Delphin ins Meer.
166


Zäpfel Kern aber machte sich eiligst auf den Weg
zur Hauptstadt des Landes, wo der Fleiß regiert.
Daß dem so war, merkte er bald. Die sauberen
Straßen, an denen schöne Häuser mit herrlichen Lä
den standen, waren angefüllt mit Leuten, die alle
samt offenbar ihrer Arbeit nachgingen. Nirgends ein
Müßiggänger. Nirgends ein Bettler. Und alle Leute
waren anständig angezogen, obwohl es immer die
Tracht der Arbeit war; und jede Arbeit schien ge
ehrt; keine galt für unvornehm.
Bei aller Tätigkeit, die hier herrschte, war aber
kein Hasten in der Stadt, kein Rennen, Schreien, Sto
ßen. Alles hatte einen ruhigen, fröhlichen Gang, und
wenn es der Fleiß war, der hier regierte, so gab es
eine Nebenregierung: die Freude.
Das gefiel dem Kasperle ganz gut, denn es ist
immer ein Labsal, lachende Gesichter bei tüchtigem
Schaffen zu sehen.
Nur: er hatte Hunger.
Und der Hunger macht ein bös’ Gesicht.
Darum fragte ihn ein Mann, der fröhlich einen
Handkarren mit Kohlen hinter sich herzog: „Na,
mein Junge, warum schaust du so sauer drein?“
„Weil ich Hunger habe“, antwortete Zäpfel.
Und der Kohlenmann sprach: „Du sollst gleich
keinen Hunger mehr haben. Hilf mir die Kohlen
ausfahren, und ich gebe dir Lohn genug, dafür Brot
und Wurst zu kaufen.“
„Was?“ schrie Zäpfel und rümpfte die Nase, „ich
und Kohlen ausfahren!? Ich danke bestens.“
„Bitte! bitte!“ antwortete der Mann, „entschul
digen Sie nur! Schneiden Sie sich eine tüchtige Schei
be von Ihrem Stolz ab und verderben Sie sich den
167


Magen nicht daran!“ Sprach’s und zog lachend seinen
Karren weiter.
Zäpfel Kern, ganz schwach vor Hunger, überlegte
sich, was tun.
Da kam ein Maurer, der in jeder Hand einen
Eimer voll Kalk trug. Wie er das Kasperle müßig
stehen sah, empfand er Mitleid mit ihm und sprach:
„Ich seh’ dir’s an, du bist traurig, daß du keine Ar
beit hast. Ist’s so?“
„Nein“, antwortete Zäpfel, „ich bin traurig, weil
ich Hunger habe.“
„Das kommt auf eins raus“, entgegnete der Mau
rer, „da, nimm den kleineren Eimer und trag ihn
mir zum Bau. Es ist nur, weil du mir leid tust. An
Lohn soil’s nicht fehlen!“
Zäpfel Kern aber rümpfte wieder die Nase und
sprach: „Damit ich voll Kalk werde und mir die
Hände weh tun? Nein, zu solcher Arbeit bin ich zu
fein.“
„Auch gut!“ antwortete lachend der Maurer, „dann
fang Fliegen und iß sie in Essig und öl. Fliegen
fangen ist ein piekfeines Geschäft“ und ging pfeifend
weiter.
„Der infame Hunger!“ murmelte Zäpfel Kern.
„Au! au! Es ist genau wie damals, wie mir das Hühn
chen wegflog. Soll ich vielleicht wieder an einem
Hause klingeln? . . . Aber nein, pfui, nicht betteln!“
Da sah er vor sich ein Schaufenster, in dem lau
ter schöne Sachen zum Essen lagen: Schinken, Wür
ste, Obst.. . Das Wasser lief ihm im Mund zusam
men.
Kurz entschlossen ging Zäpfel Kern in den La
den.
168


„Ich ... ich ... möchte eine Leberwurst und einen
Apfel.“
„Für wieviel?“
„Für . . . für . . . ich habe kein Geld.“
„Dann verdien dir welches und komm dann wie
der.“
„Ich schlag’ dafür einen Purzelbaum.“
„Das ist keine Arbeit.“
„Ich ... ich ... ich schneid’ komische Gesichter.“
„Das ist erst recht keine.“
„Ach Gott! Ach Gott! Huhuhuhu!“ Und das Kas
perle weinte.
Da beugte sich eine junge Frau, die zwei Hand
körbe neben sich stehen hatte, zu ihm nieder und
sprach: „Weißt du was, Kleiner? Trag mir den einen
Handkorb nach Hause und du kriegst ein Stück
Brot.“
169


„Ist er schwer?“ frag Zäpfel und musterte den
Korb.
„Leicht ist er nicht, aber du kriegst auch Honig
aufs Brot.“
Zäpfel hob den Korb etwas, stöhnte „uff“ und
setzte ihn wieder hin.
„Ein Stückchen Streuselkuchen ist auch noch da.“
Zäpfel seufzte. Zäpfel überlegte. Zäpfel seufzte
wieder. Zäpfel dachte an Honigsemmeln. Zäpfel
seufzte nochmals. Zäpfel dachte an Streuselkuchen.
Zäpfel war überwunden.
Zäpfel nahm den Korb und trug ihn, als wäre er
mit Blei und Eisen gefüllt, ächzend neben der jungen
Frau her, die mit einem liebenswürdigen Lächeln
auf ihn herabsah.
Achtundzwanzigstes Kapitel
Zäpfel Kern bekommt nicht nur
Streuselkuchen, sondern auch
eine Mama
Der Weg bis zur Wohnung der jungen Frau, d. h.
also: der Weg bis zu den Honigsemmeln und dem
Streuselkuchen, war recht hübsch weit, und wie sie
endlich am Hause angekommen waren, mußten sie
auch noch vier Treppen steigen.
Zäpfel meinte bei jeder Treppe: „Ist das die letz
te?“ und war todunglücklich, daß er erst dort auf
hören durfte zu steigen, wo überhaupt keine mehr
war.
„Zu dumm, daß die Leute die Häuser so hoch bau-
170


en, ich zieh’ einmal in den ersten Stock, wenn ich
groß bin, das ist gewiß!“
„Aber dort hast du keine so schöne Aussicht wie
hier“, entgegnete die junge Frau. Und sie ließ ihn
auf einen kleinen Balkon treten, der wirklich einen
herrlichen Überblick über die Stadt und weit übers
Land hin bis zum Meer gewährte. „Ist das nicht
wunderschön?“
„Ja“, antwortete Zäpfel. „Aber eine Honigsemmel
ist noch wunderschöner, und Streuselkuchen ist am
wunderschönsten“, und er wollte durchaus in die
Küche.
Aber die junge Frau sagte: „Ei, wie werde ich
einen so höflichen Herrn, der mir meinen Korb ge
tragen hat, in der Küche speisen lassen, das wäre
ja gegen alle gute Lebensart. Nein, mein junger
Freund, du wirst hier auf dem Balkon tafeln! Meine
kleine Dienerin Täubele wird gleich decken!“
„Erst decken?“ maulte Zäpfel.
„Das versteht sich! Wir sind doch gesittete Leute!
Nicht?“
Zäpfel, um die Wahrheit zu sagen, legte augen
blicklich wenig Wert darauf, zu den gesitteten Leu
ten gezählt zu werden, aber darauf wurde durchaus
keine Rücksicht genommen. Fräulein Täubele, ein
kleines, zierliches Persönchen, das nur einen merk
würdig unbeholfenen Gang und ein ganz, ganz
kleines Kröpfchen am Hals hatte, brachte ein rot
lackiertes Tischchen herein, deckte eine weiße Ser
viette darüber, stellte einen gleichfalls rotlackierten
Stuhl daran, lud Zäpfel ein, sich darin niederzulas
sen, und erst, als alles dies geschehen war, brachte
die junge Frau selber ein zierliches Brotkörbchen
171


voll knusperiger Semmeln, eine Büchse Honig und
einen Kuchenteller herbei, auf dem sich ein wahres
Gebirge von Streuselkuchen erhob.
Zäpfel wollte sogleich mit allen zehn Fingern
über das Streuselkuchengebirge herfallen, aber er
mußte sich erst noch eine Serviette umbinden lassen
und wurde dann zwar höflich, aber bestimmt einge
laden, gemäß der Ausmachung mit den Honigsem
meln zu beginnen. Einen nicht geringen Trost ge
währte ihm dafür, daß während dieser ihm sehr un
nötig erscheinenden Vorbereitungen Fräulein Täu-
bele eine gewaltige Kanne voll dampfender Schoko
lade und eine höchst angenehm wirkende Schüssel
Schlagsahne zu dem übrigen stellte.
Nun war das Kasperle aber durchaus nicht mehr
zu halten. Von den Semmeln, die er dick mit Honig
lackierte, nahm er nur zwei; dafür ließ er das Streu
selkuchengebirge bis auf den letzten Rest in seinen
Magen verschwinden und sorgte angelegentlich da
für, daß es auf diesem in seinen Magen verpflanzten
Gebirge nicht an Feuchtigkeit fehlte. Er trank fünf
Tassen Schokolade. Die Schlagsahne aber nahm er
zuletzt, damit das Gebirge im Magen auch schön mit
Schnee und Gletschern versehen sei.
Während dieser wichtigen Handlung verlor er
kein Wort und hatte auch durchaus keinen Sinn für
seine nähere und weitere Umgebung. Aber als er
Teller, Tassen, Schüssel, Kannen geleert hatte, lehnte
er sich in seinen Stuhl zurück und sah seine Wohl
täterin mit dankbaren Kasperleaugen an, indem er
sprach: „Wenn Sie wieder einmal einen Korb zu
tragen haben: hier ist ein Packträger.“
Die junge Frau sah ihm seltsam tief in die Au-
172


gen und lächelte dazu so unbeschreiblich lieb und
sanft, daß es dem Kasperle, das ja keine Mutter hatte
zum ersten Mal in seinem Leben zumute war, als
müsse er recht aus Herzensgründe sagen: „Mama!
Mama!“
Und er tat’s. Er rief: „Mama!“ und setzte sich der
jungen Frau auf den Schoß und — gab ihr einen
Kuß? — umarmte sie? — nein —: er hob seine Kas
perlenase hoch und schnüffelte wie ein Jagdhund,
der Fährte gefunden hat, und — fuhr plötzlich mit
der Hand in den Halsausschnitt der jungen Frau und
zog . .. was zog er hervor? —: das kleine Döschen
mit den Ananaskügelchen, das die Form eines Frau
enkopfes mit einer schwarzen Maske hatte!
Und nun küßte und umarmte er die junge Frau
erst recht und schrie: „Natürlich bist du es! Mein
Schwesterchen! Die schöne Frau Dschemma! Oh ich
Esel, daß ich es nicht gleich gemerkt habe! Es kann
ja auch gar niemand so lieb und gut sein wie du!“
Und er wollte seine alte Freundin schier auf-
173


fressen vor Liebe. Die aber ließ sich seine Lieb
kosungen herzlich gern gefallen, bis er einfach nicht
mehr konnte und wie ein Telegraphenapparat taü-
tak-tak-tak ungeheuer schnell hintereinander fragte:
„Ja, aber das Schloß? .. . Ich denke, du bist in der
Erde? . . . Und wo ist Löcklich? . . . Und General
Bumbautz? .. . Und die Tauben? . .. Und die Dackel
soldaten? ... Und die Kutschierkatzen? ... Und die
Ananaskügelchen? . .
Er bekam eines in den Mund gesteckt, und dann
antwortete Frau Dschemma: „Es ist alles wieder in
schönster Ordnung, mein liebes Zäpfele: Das Schloß
steht wieder, wie früher, weiß und leuchtend im
Wald, bewacht von General Bumbautz mit seiner
Dackelarmee, umschwirrt von den Tauben und flei
ßig inspiziert von Löcklich und seinen beiden Söh
nen. Ich ließ es nur verschwinden, um dir einen ge
hörigen Schrecken einzujagen für dein Weglaufen.
Auch wollte ich erst sehen, wie du dich bei der Nach
richt von dem Unternehmen deines Papas betragen
würdest. Nun: da hast du dich recht wacker als ein
guter Sohn und tapferer Junge benommen, und des
halb bin ich dir hierher gefolgt, nur begleitet von
meinem Lieblingstäubchen, das ich zu einem Fräu
lein Täubele gemacht habe. Nur das Kröpfchen und
den wackelnden Taubengang habe ich ihr nicht weg
zaubern können.“
„Gurr! Gurr!“ bemerkte hierzu Fräulein Täubele,
„das hätte mir auch sehr leid getan, denn es gibt
nichts Niedlicheres als einen kleinen Kropf und
nichts Graziöseres als meinen Gang.“
Frau Dschemma aber fuhr fort: „Natürlich kann
ich hier, wo alles fleißig ist, nicht als Fee leben. Das
174


würde bei den braven Einwohnern der Insel Gold
boden Ärgernis erregen. Deshalb lebe ich hier als
Gold- und Silberstickerin und arbeite allerhand
schöne Sachen zum Verkauf. Wenn du, wie ich hof
fe, hier recht fleißig und folgsam sein wirst, sticke
ich dir eine goldene Kasperlemütze und eine silberne
Schultasche.“
„Schultasche?“ wiederholte argwöhnisch Zäpfel
Kern.
„Du gehst doch natürlich gleich morgen in die
Schule!“ sagte Frau Dschemma, als wäre das etwas
ganz Selbstverständliches.
Zäpfel Kern aber hatte allerlei Bedenken.
„Ich bin doch jetzt eigentlich zu alt dazu“, meinte
er, „zu erfahren, zu weit gereist.“
„Aber kannst trotzdem noch nicht einmal lesen
und schreiben!“ entgegnete Frau Dschemma. „Er
innere dich an das, was du vor dem Wegweiser dach
test! — Und überdies: Bin ich jetzt nicht dein Müt
terchen? Hast du nicht Mama zu mir gesagt? Und
muß ein gutes Kind nicht seiner Mama folgen?“
Da warf Zäpfel Kern alle seine dummen Ein
wendungen in den Wind, flog seinem Mütterchen an
den Hals und rief: „Ja, Mama, ja, mein gutes, schö
nes, liebes Mamachen! Morgen geh’ ich in die Schu
ld“
Neunundzwanzigstes Kapitel
Das Kasperle in der Schule
Frau Dschemma und Fräulein Täubele hatten
die halbe Nacht zu tun, Zäpfel Kerns Kleider in Ord-
175


nung zu bringen, die vom Seewasser natürlich
schrecklich zugerichtet worden waren.
Bei dieser Beschäftigung machten sie merkwür
dige Entdeckungen. So fand Frau Dschemma in der
linken Hosentasche ein Seepferdchen, und Fräulein
Täubele förderte aus den Schuhen eine ganze Mu
schelbank zutage. Die Löschpapierhosen mußten als
fürderhin unbrauchbar durch neue ersetzt werden.
Sie hatten so viel Seewasser aufgesaugt, daß sie,
nachdem das Wasser weggetrocknet war, Salzstein
röhren glichen, in denen es unmöglich war, ein
Glied zu rühren. Die neuen Hosen waren aus wirk
lichem Samt, aber genau von derselben Farbe wie
die papiernen. — Auch die Krause war durch das
Wasser vollständig zerstört. Es war keine Krause
mehr, sondern eine Papierwurst. Frau Dschemma
ersetzte sie durch eine seidene, der man es wahrhaf
tig ansah, daß sie von Feenhänden gemacht worden
war. Fast war sie zu fein für einen Jungen. — Die
Jacke aus blauem gelbgesternten Packpapier mit
Marderfellfutter und -säumen hatte alle Sturzwellen
ohne wesentliche Einbuße an Schönheit überstanden,
desgleichen der Zuckertütenhut. Nur waren beide et
was eingegangen. Am besten aber hatten sich die an
lackierten weißen Strümpfe bewährt. An denen war
überhaupt nichts zu bemerken, so viel Abenteuer sie
auch schon milgemacht hatten. Dagegen erschien es
ratsam, die Schuhe aus Baumrinde durch solche aus
schwarzlackiertem Kork (der ja auch eine Art Baum
rinde ist) zu ersetzen, weil sie zu viel Lärm mach
ten, was in der Schule störend gewesen wäre. Gemäß
ihrem Versprechen stickte die Fee ihrem Schützling
einen Überzug über den Zuckcrlülenhut aus lauter
17G


kleinen Goldblättchen. Den Marderschwanz ließ sie
natürlich dran.
Man kann sich wohl vorstellen, welches Aufsehen
Zäpfel Kern in diesem Anzug mit seinem Kasperle
gesicht in der Schule machte.
Die Jungen waren rein närrisch, als sie ihn er
blickten.
„Hurrah! Ein Kasperle!“ riefen sie und tanzten
um ihn herum. „Jetzt wird’s lustig.“ Zäpfel Kern
aber erklärte bestimmt, er sei keineswegs in die
Schule gekommen, um hier Unsinn und Späße zu
treiben, und er ersuche seine Kameraden ebenso
entschieden wie höflich, ihn ernst zu nehmen.
Diese Anrede stimmte die Schlingel nur noch hei
terer, und der Anführer der Tunichtgute sprang auf
das Katheder und hielt folgende Ansprache: „Meine
geehrten Herrn Kollegen! Habt ihr’s gehört? Habt
ihr diesen ausgezeichneten Witz gehört? Das Kas
perle will kein Kasperle sein, sondern ein Muster
knabe! Vielleicht will es gar hier Anstand und Folg
samkeit und Fleiß einführen. Sollen wir uns das ge
fallen lassen?“
„Nein!“ riefen die bösen Buben.
„Also gut!“ fuhr der Oberschlingel fort, „so wollen
wir’s ihm sogleich zeigen, wie es einem Kasperle er
geht, das sich herausnimmt, stramme Jungens, wie
wir sind, in ihren Angewohnheiten zu stören! Ich
zähle bis drei, und bei drei gebe ihm jeder einen
Willkommensgruß als Denkzettel.“
Und so geschah’s.
Es ist aber ganz unmöglich, alles aufzuzahlen,
was diese Frechdachse mit unserm Zäpfel Kern jetzt
12 Zäpfel Kern -j nn


anstellten, der sich wahrhaftig von Schuljungen eine
andere Vorstellung gemacht hatte.
Der eine goß ihm Tinte auf den Hut.
Ein anderer schüttete Streusand auf seine Krause.
Ein dritter putzte ihm mit einem nassen Schwamm
die Nase.
Ein vierter stach ihn mit dem Federhalter am
Hals.
Ein fünfter versuchte, seine Packpapierjacke zu
zerreißen (aber sie war Gott sei Dank zu fest).
Ein sechster wollte ihm die Beine mit Bindfaden
zusammenbinden.
Mit wahrer Lammsgeduld ließ sich Zäpfel Kern
alles gefallen. Als aber ein siebenter die Unver
schämtheit so weit trieb, ihm mit dem Lineal ins
Gesicht zu fahren, da verabreichte ihm das Kasperle
eine derartig gesalzene Ohrfeige, daß sich der Line
alheld dreimal um sich selber drehte und schrie:
„Au! der kann’s noch besser als der Herr Lehrer 1“
178


Auf die übrigen machte die Kasperlebackpfeife
gleichfalls starken Eindruck. Alle bis auf den Ober
schlingel traten respektvoll einen Schritt zurück.Der
Oberschlingel aber schrie: „Ihr Memmen! Paßt auf,
wie ich ihn jetzt zusammenboxe!“ — Und er ging
in Boxerstellung auf das Kasperle los, mit der festen
Absicht, ihm seinen berühmten Faustschlag unter
die Nase beizubringen. Aber, o weh! Noch ehe er zu
geschlagen hatte, erhielt er von Zäpfel Kern einen
solchen Wirbel von Faustschlägen auf alle Teile
seines Körpers, daß er glauben konnte, kein Laus
bub, sondern eine Regimentspauke zu sein.
Er flehte um Gnade und reichte seinem Überwin
der mit den Worten die Hand: „Du bist ein Haupt
dachs! Mit dir box’ ich nicht wieder! Sei mein Freundl
Ich hab’ dich furchtbar lieb!“
Diese Worte rührten das Kasperle, und es sprach:
„Ich habe euch alle furchtbar lieb und wünsche
nichts sehnlicher als eure Freundschaft. Denn ich bin
bloß ein Kasperle, und ihr seid richtige Jungens. Aber
ich will auch ein richtiger Junge werden, deshalb
hat mich meine gute Mama in die Schule geschickt.
Und da dürft ihr mich nun nicht stören. Sonst haue
ich euch alle mit meinen Tannenholzfäusten so zu
sammen, daß ihr glauben sollt, es regnet Backpfei
fen, es hagelt Faustschläge und es schloßt Rippen
stöße. Auch mache ich darauf aufmerksam, daß ich
für schlimmste Fälle Fußtritte auf Lager habe, die
sehr dauerhafte blaue Flecken hinterlassen. Was ihr
heute kennengelernt habt, war noch gar nichts. —
Im übrigen wird es mein Bestreben sein, euch nicht
durch Hiebe, sondern durch Fleiß zu überwinden.“
Diese schöne Rede setzte unsern alten Freund bei
179


seinen neuen Freunden noch mehr in Respeht als die
Beweise seiner Fertigkeit im Ohrfeigen und Boxen,
und es ließ sich keiner wieder die Lust anwandeln,
ihm einen Schabernack zu spielen.
Was aber die Hauptsache war: Der „Holzkopf“
(wie sie ihn nämlich nannten), dem sie eigentlich
gar keinen Verstand zugetraut hatten, bewies, daß
er davon mehr besaß als sie, und das zeigte sich
schon darin, daß er fleißiger war als sie alle zusam
mengenommen. Er war ihnen ja auch an Erfahrung
weit voraus, und dann hatte er zu Hause eine gute
Fee, wie wir wissen, die ihn leitete.
So war denn sein Lehrer recht zufrieden mit ihm,
obgleich manchmal die Kasperlenatur zum Vor
schein kam und komische Zwischenfälle herbei
führte.
Zum Beispiel wurde Zäpfel Kern einmal gefragt:
„Wieviel ist drei mal drei?“ Und was antwortete
er? — „Nix!“
„Wieso denn nix?“ fragte der Lehrer.
Und Zäpfel Kern antwortete: „Drei mal drei ist
neun, neun ist nein, und nein ist nix.“
Da mußten alle lachen, und der freundliche Leh
rer lachte mit, obwohl er sich für künftig solche Kas
perlewitze verbat.
Ein andermal, in der Naturlehre, fragte der Leh
rer unsern Zäpfel Kern: „Zu welcher Klasse von Tie
ren gehört der Fuchs?“ und er erwartete natürlich
die Antwort: zur Klasse der Säugetiere. Unser Kas
perle aber antwortete: „Der Fuchs gehört zur Klasse
der Räuber, Schufte, Diebe und Schurken.“
„Was sagst du da für dummes Zeug“, rief der
Lehrer.
180


Aber Zäpfel Kern erwiderte: „Das ist gar kein
dummes Zeug, ich kann es beweisen.“
„Da bin ich doch neugierig“, war die Antwort des
Lehrers, und Zäpfel Kern begann: „Es war einmal
ein Fuchs, der hieß Alopex Opex Pix Pax Pox Pux
Fuchs Freiherr von Gänseklein auf Hühnersteig“,
und erzählte die uns längst bekannte Geschichte, die
aber natürlich seinen Kameraden neu war und da
her viel Interesse fand.
Trotz dieser und ähnlicher Kasperliaden war
aber, wie schon gesagt wurde, der Lehrer recht zu
frieden mit Zäpfel Kern, ja, er stellte ihn den ande
ren oft zum Muster hin, und keiner der zwanzig
Schüler konnte so viel Fleißzettel und gute Zensuren
mit nach Hause bringen wie Zäpfel Kern.
Die Folge davon war, daß die besseren Schüler
in unserm Kasperle wirklich ein gutes Beispiel er
blickten, ihm nacheiferten und gleichfalls Fortschrit
te machten, die schlechten aber immer mehr zurück
blieben und deshalb ärgerlich und zugleich neidisch
auf Zäpfel Kern wurden.
181


Und sie beschlossen daher, ihn auf ihre Seite zu
gewinnen, damit er endlich aufhörte, das unbequeme
gute Beispiel zu sein.
Es war eine richtige Verschwörung.
Dreißigstes Kapitel
Die Verschwörung und ihr
schlimmes Ende
Die sieben bösen Buben der Klasse (denn es wa
ren gerade jene sieben, die ihm bei seinem Eintritt
so mitgespielt hatten), wußten aus Äußerungen Zäp-
fel Kerns, daß er sich sehr für Walfische interessier
te. Und darauf gründeten sie ihren Plan. Sie wähl
ten sich einen recht schönen, klaren, sonnigen Tag
aus, der aber noch nicht zu warm war, weil ein lei
ses Windchen vom Meer kam, und lauerten alle sie
ben dem Kasperle an einer Straßenecke auf, an der
es auf dem Weg zur Schule bestimmt vorüber muß
te. Und richtig, zur pünktlichen Zeit kam Zäpfel
Kern stolz herbeimarschiert, in seinem Kopf die Auf
gaben wiederholend, über die der Lehrer an diesem
Tag seine Fragen stellen würde.
Fast hätte er seine Kameraden übersehen, aber
die machten sich mit einem lauten „Hurra“ bemerk
bar.
„Das ist nett, daß ich euch treffe“, sagte das Kas
perle. „So können wir zusammen in die Schule ge
hen.“
„Wir gehen heute nicht in die Schule“, erwiderte
Hans, der Hauptverschwörer.
182


Zäpfele machte seine großen Kasperleaugen und
rief erstaunt: „Na, das wird euch gut bekommenl
Schwänzen, wo heute Prüfung im Rechnen ist.“
„Ach was!“ entgegnete Hermann, der auch ein üb
les Früchtchen war. „Die Prüfung schenkt uns der
Lehrer doch nicht. Prüft er nicht heute, so prüft er
morgen.“
„Heute bloß mit dem Mund“, erwiderte Zäpfel
Kern, „morgen auch mit dem Rohrstock.“ Worauf
ein dritter Verschwörer, namens Eduard, mit einem
großartigen Zurückwerfen des Kopfes bemerkte:
„Nur eine feige Memme fürchtet sich vor diesem
dünnen Stäbchen.“
„Und doch“, entgegnete Zäpfel, „habe ich einen
gewissen dicken Eduard schon furchtbar brüllen
hören, als sich das gewisse dünne Stäbchen mit ihm
beschäftigte.“
„Ich habe bloß immer so getan“, log der dicke
Eduard, „damit der Lehrer doch auch etwas von sei
ner Anstrengung hätte.“
Die sieben Verschwörer fanden diese Bemerkung
höchst witzig und schrien vor Lachen.
Als sie sich etwas beruhigt hatten, sagte Hans:
„Übrigens wird der Rohrstock gar nicht in Tätig
keit treten, denn wir schwänzen nicht aus Faulheit,
sondern aus Wißbegierde.“
„Jawohl“, riefen die ändern im Chor, „es ist gar
kein eigentliches Schwänzen.“
Und ein ebenso kleines, wie verschmitztes Kerl
chen, das auf den Namen Max hörte, fuchtelte mit
den Händen in der Luft herum und grölte: „Über
haupt fragt es sich noch sehr, ob wir nicht eine Be
lobigung dafür kriegenl“
183


Zäpfel Kern, der immer noch allzusehr geneigt
war, alles zu glauben, fragte ernsthaft: „Ja, aber,
wieso denn? Schwänzen ist doch unbedingt ver
boten!?“
„Ja“, entgegnete der abgefeimte kleine Bursche,
„wenn man aus Faulheit schwänzt! Aber nicht, wenn
man aus Lernbegierde hinter die Schule geht.“
„Wie w i r heute“, rief der Chor der Verschwörer.
„Aber was wollt ihr denn lernen?“ fragte das tö
richte Kasperle.
„Wir wollen“, antwortete Hans, „einen Anschau
ungsunterricht genießen, aber nicht bloß vor einer
Bildertafel, sondern vor der Natur.“
„Jawohl! Anschauungsunterricht vor der Natur!“
riefen die sieben kleinen Lügenbälge.
„Und was wollt ihr denn anschauen?“ fragte Zäp
fel Kern.
„Einen Walfisch!“ riefen die sieben wie aus einem
Mund und sahen das Kasperle erwartungsvoll mit
blitzenden Augen an.
Das Wort hatte in Zäpfels Holzkopf eingeschla
gen wie ein Blitz. Zäpfel sah in seiner Phantasie
einen Fisch von der Größe einer kleinen Stadt, mit
einem Maul so groß wie ein Bahnhof und — er
dachte an seinen Papa, der vielleicht gerade in die
sem Ungetüm eingesperrt war.
„Einen Walfisch?“ . . . wiederholte er leise.
„Ja, den größten, den es überhaupt gibt“, schrie
der kleine Max, „mein Vater hat mir sein Bild in der
Zeitung gezeigt.“
„Ist er wirklich so groß wie eine kleine Stadt?“
fragte Zäpfel.
184


„Noch größerI Er ist so groß wie eine mittlere
Residenzstadt!“ beteuerte Max.
„Und sein Maul ist wirklich wie ein Bahnhof?“
„Wie ein Rangierbahnhof!“ schrie Max.
„Hat vielleicht auch in der Zeitung gestanden, daß
er Menschen verschlungen hat?“
„Ganze Schilfe voll Menschen hat er verschlun
gen“, brüllte wiederum der nichtswürdige kleine
Bengel, dem es ein Mordsvergnügen machte, das
Kasperle aufzuregen. — Und Zäpfel Kern war wirk
lich sehr aufgeregt. Nach einer kurzen Überlegung
erklärte er: „Aus Gründen, die euch nichts angehen,
muß ich den Wallisch unbedingt sehen. Aber erst
nach der Schule.“
Diese Erklärung kam den sieben recht in die
Quere, aber der verschmitzte kleine Max wußte
gleich die rechte Antwort darauf : „Ja, wenn der Wal
fisch so freundlich wäre zu warten, bis unsere Schule
aus ist! In der Zeitung steht aber, daß er sich an un
serer Küste bloß zwei Stunden aufhält.“
„Woher weiß denn die Zeitung das?“ fragte das
Kasperle.
„Die Zeitung weiß alles!“ antwortete kurz der
kleine Max.
„Es ist die höchste Zeit“, riefen die ändern.
„Wie lange brauchen wir denn hin zur Küste?“
fragte Zäpfel.
„Hin und zurück eine Stunde“, antwortete Hans.
„Dann lauf’ ich noch schnell und frag’ meine Ma
ma“, erklärte das Kasperle.
„Seine Mama! Seine Mama! Hahaha! Seine Ma
ma! So ein Muttersöhnchen! Hahaha!“ lachten und
185


höhnten die sieben, — und Hohn konnte Zäpfel
Kern gar nicht vertragen.
„Hört auf zu wiehern, oder ihr kriegt’s mit mei
nen Händen zu tun! Wir wollen doch sehen, wer von
uns am wenigsten verzärtelt, am wenigsten Mutter
söhnchen ist! Versucht doch, mich einzuholen, ihr
Prahlhänse!“
Und Zäpfel Kern lief mit wahren Känguruh
sprüngen los, die Straße zur Küste entlang, dann
aufs freie Feld und schließlich über die weiten Sand
flächen hin, die dem Meere vorgelagert waren. Sein
Marderschwanz wehte wie eine Fahne den übrigen
voran, die aber, so sehr sie sich bemühten ihm auf
den Fersen zu bleiben, ihn bald aus dem Gesicht ver
loren.
Zäpfel Kern war schon eine Viertelstunde lang
am Meere umherspaziert, vergeblich nach dem Wal
fisch ausspähend, als endlich die übrigen atemlos
herangekeucht kamen.
„Nun, ihr Schwächlinge“, rief er ihnen entgegen,
breitbeinig mit eingestemmten Armen dastehend,
„wer ist jetzt das Muttersöhnchen?“
„Das Muttersöhnchen nehmen wir zurück“, rief
unter Zustimmung der übrigen Hans, der Oberver
schwörer, „aber dafür haben wir die Ehre, dich
jetzt für unsern Klassengimpel zu erklären.“
„Für was?“ schrie Zäpfel Kern.
„Für unseren Klassengimpell“ heulten die ande
ren triumphierend.
„Denn du bist uns auf den Leim gegangenl Bähl“
grölte der kleine Max.
„Bäh!“ schrien alle übrigen und streckten die Zun
gen heraus.
186


„Was ... für ... ein ... Leim?“ sagte mit drohen
der Stimme Zäpfel Kern.
„Der Walfisch war ein Leim!“ schrien die sieben
Nichtsnutze.
„Es ... es ... ist also gar kein Walfisch da!?“ rief
das Kasperle aus.
„Er ist bloß für einen Augenblick in die Wein
stube zum fidelen Hering gegangen“, höhnte der
kleine Max.
„Nein“, schrie Hans, und wollte sich biegen vor
Lachen, „er hat eine entfernte Base getroffen und
tanzt mit ihr auf einer Sandbank Polka.“
Und die infamen Schlingel faßten sich an den
Händen und tanzten selber Polka um das ganz ver
blüffte Kasperle herum.
Als Zäpfel endlich etwas zu sich kam, fand er nur
das eine Wort: „Lügner!“
„Gimpel! Gimpel! Trallala!“ sangen die sieben.
„Schweigt! Oder . . .!“ drohte Zäpfel Kern.
„Was oder?!“ rief Hans, „willst du uns vielleicht
drohen?“
„Ja, sieben lahme Heuschrecken seid ihr!“
„Was sagt er?“ schrien die Verschwörer.
„Sieben Jammerhühnerl“
„Was?l“
„Sieben erbärmliche Flöhe in meinen Augen!“
„Was?l Heuschrecken? . . . Jammerhühner? . . .
Flöhe . . . Willst du das sofort zurücknehmen?“
kreischte es durcheinander.
„Ich etwas zurücknehmen vor solchen Memmen,
wie ihr seid?“ höhnte Zäpfel Kern. „Lächerlich!
Kommt doch her, wenn ihr Mut habt, ihr Feiglinge!“
187


Und er stellte sich mit vorgehaltenen Fäusten
höchst kriegerisch hin.
Die sieben aber stellten sich ihrerseits in Schlacht
ordnung auf und stürmten dann unter wildem Hurra
auf Zäpfel Kern los, ihren Anführer Hans an der
Spitze.
Infolgedessen war es auch Hans, der zuerst einen
Faustschlag vor die Brust erhielt und sich heulend
im Sand wälzte. Aber den übrigen war auch nichts
geschenkt. In weniger als einer Minute hatte jeder
der Nichtsnutze den Lohn für seine Untat ohne Ab
zug ausbezahlt erhalten, sei es in Form einer Ohr
feige, eines Faustschlages oder eines Fußtrittes, wie’s
gerade kam, und Zäpfel Kern hatte das große Ver
gnügen, das Heer seiner Feinde im Sand herum
zappeln zu sehen wie Fische, die aufs Land geraten
sind.
Aber trotz ihrer Beulen und blauen Flecke gaben
die sieben den Kampf noch nicht auf. Zwar, das sa
hen sie ein, im Nahkampf waren sie dem Kasperle
nicht gewachsen, aber im Krieg werden ja die Ent
scheidungen durch Fernkämpfe herbeigeführt, durch
Wurfgeschosse. Wozu hatten sie ihre Bücher bei
sich?
Und sie griffen in ihre Büchertaschen und be
gannen ein Bombardement auf Zäpfel Kern mit
ihren Schulbüchern. Lesebücher, Rechenbücher, bib
lische Geschichten, Geschichtstabellen, Zeichenmap
pen sausten durch die Luft, aber Zäpfel Kern war
ebenso gewandt, wie er stark war, und wußte sich
so geschickt zu wenden, zu drehen, zu bücken, daß
sämtliche Bücher an ihm vorbei und über ihn weg
flogen ins Meer.
188


Zahllose Fische kamen sofort mit offenen Mäu-
lern herbei, hoffend, einen fetten Brocken zu er
wischen, aber sie fanden, dumm und den Wissen
schaften abhold, wie Fische nun einmal sind, diese
gelehrten Bücher ungenießbar und spuckten sie wie
der aus.
Auch ein riesiger Hummer war, durch den Spek
takel aus seiner Ruhe gestört, herbeigelockt worden.
Er stützte sich mit seinen meterlangen Scheren auf
eine Klippe und glaubte zur Vernunft raten zu sol-
189


len, indem er Laute von sich gab, die da klangen, als
würden dicke Bretter zersägt.
Die sieben verstanden natürlich nicht, was das
bedeuten sollte, aber Zäpfel Kern vernahm sehr
wohl diesen Sinn der Sägetöne: „Welch ein Unfugl
Welch eine Schändlichkeit! Muß euch ein alter Hum
mer lehren, daß Kinder sich nicht balgen sollen!
Wißt ihr nicht, welch schlimme Folgen bisweilen
daraus entstehen? Oh, ihr Nichtsnutze! Sind dazu die
Bücher da, die eure Eltern so viel Geld gekostet ha
ben? Wahrlich ich sage euch: meine Hummerkinder
sind vernünftiger als ihr.“
Statt aber dem ehrwürdigen Schaltiere recht zu
geben, rief ihm Zäpfel Kern höhnisch zu: „Lassen
Sie sich lieber Umschläge um den Hals machen, statt
uns Ihre Meinung zu sagen, um die wir Sie nicht
gefragt haben. Sie sind ohnehin heiser. Trinken Sie
eine Kanne Kamillentee! Legen Sie sich zu Bett und
versuchen Sie zu schwitzen!“
Die Strafe für diese Frechheit folgte ihr auf dem
Fuße. Während Zäpfel Kern sich mit diesen Worten
an den ehrwürdigen Hummergreis wandte, schli
chen die sieben herbei, erwischten seine Schultasche
und entnahmen ihr neue Munition.
Darunter war ein sehr schweres Geschoß: An-
dree’s großer Schulatlas.
Ehe es Zäpfel Kern verhindern konnte, nahm
Hans das gewichtige Buch und schleuderte es gegen
ihn. Zu seinem Glück bückte sich das Kasperle auch
diesmal rechtzeitig, aber dafür traf der Atlas mit
voller Wucht den kleinen Max so heftig an den Kopf,
daß der Junge, bleich wie ein Käse werdend, um-
190


fiel und mit den Worten: „Mama! ich sterbe!“ die
Glieder von sich streckte.
Bei diesem Anblicke rannten die sechs anderen,
von Schrecken und Entsetzen gejagt, davon, und
Zäpfel Kern sah sich mit dem starr und steif da
liegenden Max allein.
Einunddreißigstes Kapitel
Gepackt, gehetzt, entwischt
Eigentlich hätte sich das Kasperle mit besserem
Recht entfernen können als die sechse, die schließ
lich angefangen hatten und die Schuld an dem gan
zen Unglück trugen, aber es zeigte sich auch hier
wieder, daß er in seinem Brustkasten aus Tannen
holz ein ehrliches, gutes und tapferes Herz hatte.
Er lief ans Meer, befeuchtete sein Taschentuch
und legte es dem kleinen Max auf Stirn und Schläfen,
indem er mit klagendem Tone sprach: „Max! Max!
Mach doch die Augen auf! Ich bin’s ja nicht ge
wesen! Gewiß nichtl Und es tut mir so furchtbar
leid!..
Aber Max rührte und regte sich nicht. Zäpfel
erhob seine Stimme und fuhr fort:
„Sieh mal, Max, wenn ich gewußt hätte, daß das
draus würde, hätte ich mich ruhig von euch aus
spotten lassen. Aber wer konnte auch das denken und
voraussehen! ... Ach wie schrecklich sind wir ge
straft für unsere Schwänzerei und Balgereil ... Ach
hätte ich doch meine gute Mama gefragt, die mir
immer gesagt hat: Wenn dich die bösen Buben lok-
ken, so folge ihnen nicht. Damit will ich aber nichts
191


gegen dich gesagt haben, armer, kleiner Max! Du
bist ja am schlimmsten bestraft . . . Mach doch die
Augen endlich auf . . . Sag doch ein Sterbenswört
chen! .. . Mir wird schrecklich angst, wenn du dich
gar nicht rührst.“
In diesem Augenblick hörte er zu seiner Freude
Schritte hinter sich, — zu seiner Freude, denn er
hoffte, es seien die anderen, die sich nun doch auf
ihre Pflicht besonnen hätten.
Wie erschrak er aber, als er sah, daß es zwei
Strandpolizisten mit ihrem Fanghund waren, die
in eiligem Lauf herbeikamen.
„Was machst du da!“ schrie der eine.
„Was ist hier geschehen!“ rief der andere, und
beide zogen ihr Notizbuch aus dem Waffenrock.
„Ich ... ich“ ... antwortete Zäpfel Kern ... „ich
bin’s nicht gewesen.“
„Natürlich!“ rief der eine.
„Das sagen alle Verbrecher!“ schrie der andere.
„Aber ganz gewiß bin ich’s nicht gewesen“, er
klärte Zäpfel Kern. „Wir haben uns ein bißchen ge
balgt und da .. .“
„Und da . . . und was da . . .?“ rief der eine.
„Ich will es dir sagen“, schrie der andere: „und
da hast du deinem Kameraden einen Stein an den
Kopf geworfen.“
„Nein: Andree’s Schulatlas!“ erklärte Zäpfel.
„Noch schlimmer!“
„Und nicht ich hab ihn geworfen!“
„So! Also hat er ihn sich selber an den Kopf ge
worfen?“
„Nein, der Hans war’s.“
„Ah, der Hans! Wo ist denn dieser Hans?“
192


„Fortgelaufen ist er.“
„Ach, was du nicht alles zu erzählen weißt. Weißt
du noch mehr solcher Märchen?“
„Es ist die WahrheitI“
„Nun, das werden wir auf der Polizeiwache sehenl
Marsch! Aufgestanden! Du kommst mit unsl“
„Aber der kleine Max! Ich kann doch den kleinen
Max nicht so daliegen lassen!“
„Das laß unsere Sorge sein! Hättest du ihm nicht
das dicke Buch an den Kopf geworfen, so läge er
nicht halbtot hier.“
„Aber ich bin’s ja doch nicht gewesen! Ich bin ja
doch unschuldig!“
„Genug! Das wird sich herausstellen! Und nun
nochmals: Marsch auf die Polizeiwache! Den Ver
wundeten bringen wir einstweilen in einer Fischer
hütte unter.“
Sie pfiffen einen Fischer herbei, übergaben ihm
den kleinen Max, nahmen Zäpfel Kern in die Mitte
und zogen mit großen Schritten der Stadt zu.
Zäpfel Kern war mehr tot als lebendig, und je
näher er der Stadt kam, um so entsetzlicher kam ihm
seine Lage vor. Er und auf die Polizeiwache ge
schleppt! Womöglich des Mordes angeklagt! Er sab
sich schon zum zweiten Mal gehängt, aber es gab
keine Fee mehr, die ihn rettete, denn seine gute
Mama würde gewiß vor Trauer und Schmerz über
den ungeratenen Sohn sterben.
Er war so voller Trübsinn und Grausen, daß er
nicht einmal weinen konnte, und ließ seinen Kopf
so tief sinken, daß sein schöner goldener Hut mit
dem Marderschwanz auf das Straßenpflaster fiel.
13 Zäpfel Kern ^93


Da kam ein Windstoß nnd trieb den Hut huij!
vor sich hin und huhuij! in eine Nebengasse.
Bei diesem Anblick vergaß das Kasperle alles
und sprang mit seinen berühmten Gewaltsätzen hin
ter dem davonrollenden Hut her.
„Haltet den Mörder!“ riefen die Strandpolizisten,
die das für eine List hielten.
Aber die Leute auf der Straße der Stadt, wo der
Fleiß regierte, hatten mehr zu tun, als Ausreißer zu
fangen. Sie sagten einfach: „Jeder soll sein Geschäft
besorgen. Zum Verbrecherfangen ist die Polizei da.“
Da blieb den Polizisten nichts anderes übrig, als
ihren berühmten Fanghund Schnapps auf das Kas
perle zu hetzen, und nun begann eine Jagd, von der
heute noch auf der Insel Goldboden die unglaublich
sten Geschichten erzählt werden.
Wahr ist, daß Zäpfel Kern, seinen Hut, nachdem
er ihn erwischt hatte, im Mund tragend und mit
den Armen so schlenkernd, daß man glauben konnte,
eine Windmühle komme daher gerannt, drei Stun
den lang vor dem furchtbar bellenden Schnapps her
floh, wobei er zweimal durch sämtliche Straßen der


Stadt kam. Die Gewandtheit im Laufen und Aus
weichen, die er dabei bewies, machte die Flucht zu
einem Schauspiel, das selbst die fleißigen Goldboden
leute verlockte, von ihrer Arbeit aufzusehen und die
Kasperlejagd zu beobachten. Zäpfel Kern sprang
über Droschken, ja über Trambahnwagen weg, eilte
durch Markthallen, Passagen, Alleen, kletterte an
Bahndämmen hinauf, sprang über den Stadtbach,
kroch durch neu gelegte Wasserleitungsröhren durch
— aber der entsetzliche Schnapps war ihm immer
auf den Fersen.
Da, endlich, gelang es ihm, das Freie zu gewin
nen, und nun rannte er in noch gewaltigeren Sätzen
zum zweiten Mal an diesem Tag dem Meer zu und
kurz entschlossen direkt ins Wasser.
Das war seine Rettung. Schnapps konnte zwar
wundervoll laufen, aber nicht schwimmen, und das
Gelungenste war, daß der berühmte Fanghund, der
sich in seinem Amtseifer auch ins Wasser gestürzt
hatte, plötzlich zu wimmern anfing und rief: „Hilfe!
Zäpfel! Mein Herzenszäpfell Rette mich, oder ich
muß ersaufen.“
Und wirklich: es war nur noch seine Nasenspitze
zu sehen, während er jammerte.
„Siehst du wohl?!“ rief Zäpfel, der ganz vergnügt
auf dem Wasser hin- und herschoß, „das kommt
davon!“
„Hilfe!“ heulte Schnapps nochmals, „mir wird
schon schwarz vor den Augen“, und auch die Nasen
spitze sank unters Wasser.
Wie das Zäpfel sah, regte sich sein gutes Herz in
ihm und er dachte sich: Das ist, so scheint es mir,
einer von den Fällen, die mir meine gute Mama vor-
& 195


gestellt hat, wenn sie sagte, man soll Böses mit Gu
tem vergelten.
Und er schwamm auf die Stelle zu, wo Schnapps
verschwunden war, tauchte geschickt unter, ergriff
den bereits unbeweglich am Meerboden liegenden
Fanghund am Schwanz, lud ihn auf den Rücken
und schwamm mit ihm ans Land, wo er ihn behut
sam niederlegte.
„Na, alter Junge, wie geht’s“, sagte er zu ihm, wie
Schnapps die Augen aufschlug.
„Naß, Zäpfel, naß inwendig und auswendig. Statt
dich zu kriegen, hab’ ich, glaub’ ich, die Wassersucht
gekriegt. Aber soviel weiß ich, ein Kasperle jag’ ich
nimmer.“
„Und danke schön sagst du gar nicht?“ meinte
Zäpfel.
196


„Ich bin noch zu schwach dazu“, antwortete
Schnapps. „Du mußt mit einem stummen Zeichen
meiner Erkenntlichkeit fürliebnehmen.“ Und er
wackelte dankbar mit dem Schwanz.
Aber nach einer Weile fügte er hinzu: „Ich bin
eine treue Hundeseele und vergesse keine Wohltat,
Zäpfel. Vielleicht ist es mir einmal vergönnt, dir das
zu beweisen.“
„Schon gut, alter Schnapps!“ antwortete Zäpfel
Kern, „es ist mir ein Vergnügen gewesen, und damit
Schluß!“
Dann gab ihm Schnapps noch eine zärtliche
Pfote, und Fanghund und Verbrecher schieden als
gute Freunde.
Zweiunddreißigstes Kapitel
Gefangen, geschuppt, in Mehl
gewälzt und...
Um nur ja nicht wieder in die Hände der Polizei
zu fallen, warf sich Zäpfel Kern neuerdings ins Meer
und schwamm eine gute Strecke um die Insel herum,
aber immer dem Land nahe genug, um an einem
günstig erscheinenden Ort das Wasser mit festem
Land zu vertauschen.
Diesen Ort glaubte er gefunden zu haben, als er
eine Grotte erblickte, aus der ein rauchender Schorn
stein emporragte.
Wo Rauch ist, ist Feuer, dachte sich Zäpfel, und
wo Feuer ist, ist’s warm, und wo’s warm ist, ist’s gut
für einen, der durch und durch naß ist.
Also schwamm er munter auf die Grotte zu und
197


befand sich bald zwischen zwei Klippen, die ihr wie
Wände vorgelagert waren.
Schon wollte er sich an einer dieser Klippen in
die Höhe schwingen, da hatte er das sonderbare Ge
fühl, gehoben zu werden, ohne zu sehen, von wem
und wodurch. Erstaunt blickte er über sich und sah
etwas Schreckliches: einen ganz grünen, dicken, run
den Kopf, die Haut grün, die Augen grün, die Haare
grün; und an diesem Kopf saß ein ebenso grüner
Oberkörper mit zwei gleichfalls grünen Armen, und
diese zwei Arme wippten eine Netzstange in die Höhe
und mit der Stange ein Netz und mit dem Netz Zäp-
fel Kern.
Das scheint mir doch nicht der richtige Ort zu
sein, dachte sich Zäpfel Kern und wollte zum Netz
hinaus, aber das wollten die mit ihm gefangenen
198


Hunderte von Fischen auch, und sie konnten es
ebensowenig wie er.
Ein Zappeln und Zucken und Zerren war um ihn
herum, und ein Blinken und Blitzen und Blenden
von Flossen und Schwänzen — es ist nicht zu sagen.
Noch ein Schwung, und das Netz war aus dem
Wasser. Dann wurde es gemächlich in die Grotte
hineingezogen, und Zäpfel Kern hatte nun die beste
Gelegenheit, sich durch Augenschein zu überzeugen,
daß auch Unterkörper und Beine des Ungetüms
durchaus grün waren. Der Mensch (denn ein Mensch
schien es nach seinem Körperbau doch zu sein) war
wirklich grün wie eine Eidechse, nur lange nicht so
hübsch. An Stelle von Kleidern hatte er gelblich-
grünen Seetang um sich herumgeschlungen, und auf
dem Kopf trug er als eine Art von Schmuck einen
dicken Wulst von glitschigem Seemoos. Alles an ihm
tropfte und triefte und roch nach Fisch.
Wie das Netz mit den zappelnden Fischen auf
dem etwas trockeneren Boden im Hintergrund der
Grotte lag, wo auf einem rohen Herd ein qualmen
des Feuer ein wenig Licht gab, murmelte der Grüne:
„Ein schöner Fangl Ein guter Fangl Will sehn, was
mir im Netz zappelt.“
Und er sortierte die Fische in verschiedene Ei
mer, indem er vor sich hin murmelte: „Seelachse! —
Gut! Gut! Seehechte! — Schön! Schön! Knurrfische!
— Bravo! Bravo! — Seezungen! — Wohl! Wohl! —“
Und dann sang er mit einer unangenehmen, schmat
zenden Stimme:
Gut und schön und brav und wohl:
Alles kommt ins Kasserol!
199


Da fiel sein Blick auf Zäpfel Kern, der auf dem
Grund des Netzes lag und sich ganz still verhielt,
und er packte ihn an den Beinen und hob ihn hoch,
indem er schnalzte: „Ha! Wat ’n det vor’n Fisch?“
„Ich bin kein Fisch!“ rief beleidigt Zäpfel Kern.
„Versteh, min Jung! Du bist ’n Hummer!“
„Nein, doch!“ protestierte Zäpfel Kern und schlen
kerte die Arme, „ich bin ein Kasperle.“
„Also ’n Kasperlefisch! So ’n Viech hab ich noch
nie fretten!“
„Du sollst mich auch nicht fressen, du grünes
Ekel du! Merkst du nicht, daß ich ein mit Sprache
und Verstand begabtes Wesen bin?“
„Du bist also ’n Quatschfisch!? Woll! Dafür sollste
mit deinem Verstände wählen dürfen, ob ich dich
kochen, backen oder braten soll.“
„Fort will ich! Weg will ich! Hier stinkt’s!“
„In meinem Magen riecht’s um so besser nach
Seehecht, Seezunge, Seelachs, Knurrfisch!“
Jetzt kriegte es Zäpfel Kern aber mit der Angst,
und er verlegte sich aufs Bitten, und wie das nichts
half, aufs Betteln. Aber auch das half nichts.
Der grüne Kerl breitete ihn einfach wie einen
Fisch aufs Knie und fing an, ihn mit einem Messer
zu schuppen.
„Aber ich habe ja gar keine Schuppen! Du schabst
mir ja bloß meine Kleider vom Leib!“
„Schuppen oder Kleeder, alles ejal. Ick frette bloß
det nackichte Fleesch. Aber ’n Kleed kriegste doch,
min Jung, und noch dazu ’n sehr scheenet!“
Mit diesen Worten warf er Zäpfel Kern in eine
Mulde voll Mehl und wälzte ihn darin so herum, daß
das Kasperle um allen Atem kam.
200


„Jetzt“, so sprach Zäpfel Kern zu sich selbst (aber
ohne den Mund aufzutun, denn sonst wäre ja auch
dahinein Mehl gekommen), „jetzt ist alles aus und
vorbei, jetzt werde ich zum Backen hergerichtet, und
dann komme ich in die Pfanne mit Butter oder
Schmalz, und das alles, weil ich mich habe verführen
lassen zu schwänzen. Ach Mama, Mama, wie recht
hast du gehabt, wenn du sagtest: Der Weg hinter die
Schule führt in des Teufels Küche. Ach, welch gräß
liches Los!“
Weiter konnte das Kasperle nicht mit sich reden,
denn es fühlte sich am Kopf gepackt und über eine
Pfanne mit brodelnder Butter gehalten, deren Ge
ruch ihm zu jeder anderen Zeit wohlgetan haben
würde, nur nicht jetzt, wo er dazu bestimmt war,
selbst darin zu brotzeln . ..
Dreiunddreißigstes Kapitel
...gerettet. Aber dann geht nicht
alles so fix, wie es Zäpfel Kern
gern haben möchte
Das grüne Scheusal wollte gerade unser Kasperle
in die kreischende und zischende Butter legen, da
fühlte es sich hinten an seiner Seetangschürze ge
packt und gezogen. Der Grüne drehte sich wütend
um und sah, daß es ein großer Hund war, der ihn
auf so unverschämte Weise merken ließ, daß auch
in ihm der Geruch der bratenden Butter Appetit
gefühle erweckt hatte.
201


„Gehst du gleich weg, Bestie?!“ schrie der Eidech-
serich und gab ihm einen Tritt.
Aber Zäpfel Kern, der mit seinen Todesangst
tränen Löcher in seine Mehlhaut geweint hatte und
durch diese Schlitze Schnapps, den Fanghund, er
kannte, rief, soweit es ihm in dem mehlverpappten
Zustand seines Mundes möglich war: „Bleib da,
Schnapps, und rette mich!“
„Wo bist du denn?“ bellte Schnapps.
„In den Händen dieses grünen Übels!“ schrie Zäp
fel Kern und streckte wie ein Ausrufezeichen seine
Zunge aus dem Mehlkleister.
„Wu — wu — wu — wulf!“ brüllte mehr, als daß
er bellte, Schnapps, sprang den Grünen an und ent
riß ihm das Kasperle.
Es ist wahr, er hinterließ dabei ein paar Zahn
eindrücke im Sitzholze Zäpfel Kerns, aber derlei
Schönheitsflecken müssen mitgenommen werden, wo
es Sein oder Nichtsein gilt, und unser Kasperle, das
soeben im Rachen des Todes gewesen war, kam sich
in Schnappsens Rachen wie auf einem Kanapee vor.
Fürs erste mußte er noch eine Weile darin blei
ben, denn es galt jetzt, vor dem Fischfresser zu flie
hen, der unter greulichem Fluchen hinter Schnapps
herrannte. Aber schon nach ein paar Minuten konnte


der Fanghund seinen mehligen Freund in den Sand
legen, denn das grüne Ungetüm hatte sich einen viel
zu dicken Seelachs-, Seehecht-, Seezungen- und
Knurrfischbauch angefressen, als daß es imstande
gewesen wäre, einen ordentlichen Dauerlauf auszu
halten.
„Wer hätte das gedacht“, nahm zunächst Zäpfel
Kern das Wort, „daß du so bald Gelegenheit finden
würdest, mir die kleine Gefälligkeit zu vergelten, die
ich dir erwiesen habel Ich danke, danke, danke dir!“
Und das glückselige Zäpfele schloß zärtlich seine
Arme um Schnappsens Hals und drückte ihm einen
der herzhaftesten Küsse auf die Nase, die je auf
irgendeinen Körperteil eines Menschen oder Tieres
gedrückt worden sind.
„Mach doch keinen solchen Kram wegen der Ba
gatelle“, entgegnete Schnapps und leckte sich den
Kuß von der Nase weg (denn es war ein mehliger
Kuß) „wir sind jetzt quitt, und damit punktum! —
Übrigens, um es dir zu gestehen, ich habe schon wie
der eine Bitte an dich.“
„Was denn?“
„Erlaubst du, daß ich dir das Mehl ablecke? Ich
habe nämlich gräßlichen Hunger.“
„Aber bitte, bediene dich ungeniert! Ich bin sogar
froh, wenn ich diese ekelhafte Kruste los werde.“
„Sie ist keineswegs ekelhaft, sondern schmeckt
vorzüglich. Allerdings würde sie noch besser schmek-
ken, wenn sie erst in die Butter gekommen wäre.“
„Hör auf! Hör auf! Mir wird schlimm, wenn ich
daran denke! — Hast du gesehen, daß mich der
grüne Schuft gerade in die Butter schmeißen wollte!?
Es ist kein Zweifel: wenn du nicht gekommen wärst,
203


lag’ ich jetzt zermalmt und zerhaut als Speisebrei im
Bauch dieses Salatmenschen. Ich bin überzeugt, daß
selbst das Innere seines Bauches grün ist. Be
greifst du, wie man so grün sein kann?“
„Es sind doch auch eine Menge Raupen grün.“
„Ja, aber als Mensch grün zu sein, ist doch
ekelhaft geschmacklos. Ich werde zeit meines Lebens
eine Abneigung gegen diese Farbe behalten und ge
wiß nie mehr Spinat und Salat essen können.“
„Nun, das ist das Schlimmste noch nicht. Ich habe
mich nie für diese Gemüse erwärmen können. —
Aber da fällt mir ein: ich habe mir hinter der Polizei
wache einen Kalbsknochen vergraben. Nimm mir’s
nicht übel, aber die Sehnsucht nach diesem Anden
ken an mein letztes Mittagbrot ist so groß, daß ich
sie kaum ertragen kann: ich m u ß zu meinem ge
liebten Knochen. Wenn du willst, kannst du auf-
sitzen.“
„Ja, aber nur bis in die Nähe der Stadt, beileibe
nicht bis zur Polizeiwache!“
„Also dann reit auf mir bis zur Fischerhütte; von
dort aus kannst du, da es bald Nacht ist, ohne Gefahr
in die Stadt schleichen.“
Und Zäpfel Kern setzte sich auf Schnappsens
wolligen Rücken und ritt im Galopp durch die Abend
dämmerung bis zur Fischerhütte, wo sich die beiden
aufs allerfreundschaftlichste mit Kuß und Umar
mung verabschiedeten.
Schnapps war kaum in der Dämmerung ver
schwunden, da öffnete sich die Tür, und ein alter
Fischer trat aus der Hütte.
Zäpfel Kern erkannte sogleich, daß es derselbe
war, dem die beiden Polizisten den kleinen Max
204


übergeben hatten. Und er fragte mit einem Beben in
der Stimme: „Wißt Ihr nicht, was aus dem kleinen
Jungen geworden ist, den Euch heute früh zwei Po
lizisten übergeben haben?“
„Freilich weiß ich’s“, antwortete der Fischer.
„I.. . i... ist er to ... to ... tot?“ stotterte vor
Angst Zäpfel Kern.
„Nein, tot ist er nicht, aber er hat Fieber und liegt
im Bett.“
„Hurra!“ schrie Zäpfel Kern und machte einen
Luftsprung, „hipp, hipp, hurra! Wenn er nur nicht
tot ist.“
„Ja, aber es hätte nicht viel gefehlt! Dieser böse
Bengel, der Zäpfel Kern, hätte beinahe sein Leben
auf dem Gewissen.“
„Wer?“
„Na, dieser Kasperlebursch, dieser Vagabund und
Tunichtgut.“
„Ich bitte um Entschuldigung: Zäpfel Kern ist
ein ausgezeichneter, braver, fleißiger, ordentlicher
Junge.“
„Was nicht gar! Du kennst ihn offenbar nicht per
sönlich.“
„Doch, ich kenn’ ihn ganz gut. Es gibt keinen
besseren Schüler, keinen gehorsameren Sohn, und
sein Papa sowohl wie seine Mama haben alle Ur
sache, auf ihn stolz zu sein.“
In diesem Augenblick gab’s einen Knax in sei
nem Gesicht, und wutsch! fuhr die Nase um eine
Handlänge nach vorn.
„Halt!“ rief Zäpfel Kern und hielt seine Nase fest,
„ich habe gelogen! Zäpfel Kern ist der dümmste aller
dummen Jungen! Ein Schlingel! Ein Bengel! Ein
205


Lümmel! Ein Lausbub! Ein Schulschwänzer! Ein
Raufbold! Seine Eltern haben nichts als Ärger mit
ihm und täten recht, wenn sie ihm die Hosen stramm
zögen. — Aber ach —: er hat ja keine Hosen mehrl
Keine Hosen, keine Jacke, keine Krause, keinen Hut
und keine Schuhe. Denn seht: ich, ich, ich bin Zäpfel
Kern, ich, der nackt vor Euch steht und nicht mehr
wagen kann nach Hause zu gehen.“
Bei dieser Selbstanklage rutschte die Nase ruck
weise wieder zurück; dafür aber wurden die Augen
vor Weinen immer größer.
„Nu, nu, nu!“ tröstete ihn der alte Fischer. „Wo
so herzliche Reue ist, wird auch Hilfe und Verzeihung
sein. — Hätt’ ich eine alte Hose, einen alten Rock,
eine alte Mütze — weiß Gott, ich gäbe sie dir gern,
aber ich habe nichts als den Kartoffeisack dort, deine
Blöße zu bedecken. Indessen: besser ein Kartoffel-
sack als nichts.“
„Wird er mir denn aber auch stehen?“ meinte das
eitle Kasperle.
„Für das Elend wird keine Modezeitung gedruckt“,
antwortete der Fischer. „Kriech nur in den Sack!
Ich schneide oben ein Loch für den Kopf und rechts
und links zwei Löcher für die Arme hinein, und fer
tig ist der Sonntagsrock.“
Und so geschah’s. Schön war’s nicht, das Ge
wand, und warm war’s auch nicht, aber Zäpfel Kern
war schließlich doch froh darum, und schnell frech
werdend, wie es seine Art war, nannte er es sein
Reformkostüm.
Übrigens hatte es einen Vorteil: es stach nicht von
der grauen Farbe des Abends ab, und das war un*-
206


serm Zäpfel sehr lieb, der am liebsten unsichtbar in
die Stadt gegangen wäre.
Zum Glück waren die Straßen ganz leer, denn die
fleißigen Bewohner der Insel Goldboden hatten nicht
die Angewohnheit, nachts in den Straßen herumzu
bummeln. Sie lagen alle längst zu Bett, und die Stadt
schien ausgestorben zu sein. Kein Licht, keine La
terne; alles dunkel, alles still.
Nur mit Mühe und Not fand sich Zäpfel Kern zu
Frau Dschemmas Haus.
„Ob mich Mama wohl rein läßt?“ dachte er für
sich, als er vor der Türe stand. — „Ach ja! Sie wird
schon! Sie ist ja so gut!“ — Und er klingelte.
Aber es rührte sich nichts.
Er klingelte wieder.
Aber es rührte sich wiederum nichts.
Er klingelte nochmals.
207


Und es rührte sich nochmals nichts.
„Ach Gott! Ach Gott!“ weinte er vor sich hin, „sie
macht nicht auf.“
Er klingelte aber doch nochmals und starrte zum
vierten Stock hinauf, ob nicht endlich, endlich je
mand am Fenster erschiene.
Nach einer halben Stunde öffnete sich das Fen
ster wirklich, und ein Lichtlein blinzte ins Dunkel.
Zäpfel Kern strengte seine Augen an und er
kannte den Kopf einer ungeheuren schwarzen Wald
schnecke, die zwischen ihren Fühlern eine bren
nende Laterne trug.
An erstaunliche Dinge im Hauswesen der Fee
gewöhnt, wunderte er sich nicht weiter darüber, son
dern rief: „Ist Frau Dschemma da?“
„Ja“, antwortete etwas verschleimt die Schnecke.
„Ist sie noch auf?“
„Nein!“
„So weck sie!“
„Darf nicht!“
„Warum nicht?“
„Hat’s verbotent“
„Aber ich bin doch .. .*■*
„Wer?“
„Na, ich!“
„Wer ich?“
„Zäpfel.“
„Was für ’n Zäpfel?“
„Zäpfel Kern! Das Kasperle!“
„Was für ’n Kasperle?“
„Der Frau Dschemma ihr Kasperle.“
„Herrje! Ach nee! Ei, ei! Ach so! Ja, dann! Nu ja!
208


Da werd’ ich gleich kommen! Gleich! Wart nur ein
Augenblickchen!“
„Gott sei Lob und Dank!“ dachte sich Zäpfel Kern.
„Nun wird mich bald mein gutes Mamachen ins Bett
bringen.“
Ja — Schnecken! Es dauerte eine Stunde, es dau
erte zwei Stunden, und nichts rührte sich.
Das Kasperle klingelte wieder, und an einem
Fenster des dritten Stockes erschien das Lichtchen.
Die Schnecke beugte sich gemütlich vor und rief
noch verschleimter als vorhin: „Was ist?“
„Naß ist’s“, rief wütend Zäpfel Kern, „und kalt
ist’s, und langweilig ist’s, und zwei Stunden sind kein
Augenblickchen!“
„Bei einer Schnecke schon“, antwortete ruhig das
gemütvolle Wesen und schloß das Fenster.
Zäpfel Kern aber begann zu rechnen: „Wenn die
Schnecke vom vierten Stock zum dritten zwei Stun
den gebraucht hat, so braucht sie vom dritten zur
Haustüre sechs Stunden. Das ist reizend! Das wird
eine angenehme Nacht!“
Und Zäpfel Kern begann wütend hin- und her
zutrippeln und die Schläge der Turmuhr zu ver
folgen. Herrgott, wie langsam liefen die Stunden!
Um so schneller lief Zäpfel Kern in seinem Sack
Und er fing an, die Fenster an den Häusern zu zählen
und die Bürgersteigplatten zu zählen und die Pflaster
steine zu zählen. — Half alles nichts. Die Zeit kroch
wie eine Schnecke.
Endlich, endlich waren sechs Stunden vorüber
Jetzt mußte diese langweilige Schnecke doch
kommen 1
14 Zäpfel Kern
209


Fiel ihr aber gar nicht ein. Die siebente
Stunde war vorbei, und sie war noch nicht da.
Da wurde das Kasperle aber wild; es zog nicht;
es r i ß an der Klingel.
Kam deshalb die Schnecke? — Nein! — Aber der
KlingelgrifT riß ab, und Zäpfel Kern kugelte in die
Gosse, mitten zwischen zwei verfaulte Kohlstrünke.
Er wischte sich mit einem Zipfel seines Sack
paletots die Brühe vom Gesicht und nahm sich vor
geduldig zu sein. Es konnte ja nur noch Minuten
dauern.
210


Aber es ging wieder eine Stunde vorbei,
und immer noch rührte sich nichts.
Und Zäpfel Kern vergaß seinen vernünftigen Vor
satz und trampelte, da er nicht mehr klingeln konn
te, mit beiden Füßen wie verrückt gegen die Tür.
Daraufhin kam nun wohl die Schnecke sofort?
— Keine Spur. — Aber der linke Fuß des Kasperle
durchbrach das Holz der Türe und klemmte sich
darin fest.
Und nun konnte Zäpfel Kern nicht einmal mehr
trampeln, sondern lag höchst unbequem auf der Tür
schwelle, das eine Bein in der Türe, das andere auf
dem Bürgersteig.
Und just da erschien die Schnecke und sprach
ebenso freundlich wie pomadig: „Na,. .. bin ich ...
nicht schnell. .. gekommen? ... In meinem Leben...
bin ich ... nicht. . . so . .. gelaufen! .. . Ich habe . ..
eine ganze ... Schweißspur ... hinter ... mir ... ge
lassen. ... — Aber ... wie ... komisch ... liegst...
du .. . denn . . . da?“
„Komisch?“ ächzte Zäpfel Kern, „das kann auch
bloß eine Schnecke komisch finden. Es ist vielmehr
entsetzlich unbequem, und ich muß dich sehr ent-


schieden bitten, meinen linken Fuß gefälligst los
zumachen.“
„Ich?“ rief die Schnecke verwundert aus. „Bin ich
... ein . . . Zim . . . mer . . . mann? Ich . . . bin ... eine
. . . alte . . . ehrliche . .. Schnecke.“
„Das merk’ ich an deiner Langsamkeit.“
„Wie ungerecht du bist! Ich . .. bin . . . geflogen!“
„Geflogen nennt sie das! Aber einerlei: du siehst
doch wohl ein, daß ich so nicht liegen bleiben kann.“
„Warum . . . denn . . . nicht?“
„Es wird ja gleich Tag, und die Leute fallen über
mich weg.“
„Da . . . brauchst du . .. nur . . . immer .. . zu ...
rufen: Ob .. . acht! Hier ... liegt. . . jemandl“
„Mach keine Witzei“
„Ich . . . hab’ ... in meinem Leben . . . noch ...
nie .. . Witze . . . gemacht. . . . Wir . . . Schnecken . ..
sind . . . ein ernst . . . haf . . . tes ... Geschlecht.“
„Ja, und ein langweiliges!“
„Ach so!? .. . Du willst . . . mich ... be ... lei ...
di. . . gen? Da . . . kann . . . ich . . . ja . .. wieder zu ...
Be . . . be . . . bett. . . geh . . .he . . . he . . . heh ... en.“
Und die Schnecke machte ruhig die Türe zu und
verschwand.
Zäpfel Kern aber verlor die Besinnung.
212


Vierunddreißigstes Kapitel
Zäpfel Kern führt den Beweis,
daß ihn das Schicksal noch lan
ge nicht genug gezwiebelt hat,
indem er wiederum einem Ver
führer Gehör schenkt. Diesmal
aber ist der Verführer genau so
dumm — wie er
Als Zäpfel Kern wieder zu sich kam, wagte er
kaum, die Augen aufzuschlagen, denn die vielen
schrecklichen Erlebnisse des vergangenen Tages und
der vergangenen Nacht hatten in seinem Kopf eine
dumpfe Angst zurückgelassen, und er war sich gar
nicht sicher, ob er sich beim Erwachen nicht auf
einer Polizeiwache oder im Magen des Grünen oder
angeheftet an die Haustüre finden würde. Indessen,
als er die Augen aufschlug, hatte er den schönsten
Anblick von der Welt: Frau Dschemma, die sich lieb
lich über sein Bett beugte und sprach: „Na, wie fühlt
sich mein Zäpfele?“
„Oh, so gut!“ rief das Kasperle, „denn ich bin bei
dir!“ Und er schlang seine Arme um ihren schönen
Hals und küßte sie auf ihren lieben Mund und fühlte
sich selig, geborgen und froh.
Aber Frau Dschemma sprach: „Eigentlich sollte
ich dir nicht mehr gut sein, Zäpfel; du weißt schon,
warum!“
„Ach ja“, sagte kleinlaut das Zäpfele.
„Aber ich will’s doch nochmal mit dir versuchen,
obwohl ich beinahe fürchte, du wirst mir’s wieder
schlecht vergelten.“
213


„Nein, nein, nein!“ rief Zäpfel und war voll der
schönsten und besten Vorsätze.
„Nun, wir wollen sehen“, unterbrach ihn die Fee,
als er all diese guten und schönen Vorsätze aufzäh
len wollte, „und wir wollen die Sache diesmal anders
anfassen. Da du als Kasperle durchaus nicht gut tun
willst, so werde ich mit Hilfe meiner Feenkraft mor
gen einen richtigen Jungen aus dir machen. Das
freut dich hoffentlich.“
Zäpfel Kern wackelte nachdenklich eine Weile
mit dem Kopf, dann sprach er: „Ich habe es mir im
mer gewünscht, das ist wahr; aber, seit ich die Schul
jungen kennengelernt habe, scheint es mir beinahe,
als sei ein Kasperle gerade so viel wert wie die mei
sten unter ihnen, und vielleicht mehr.“
„Ich sag’ ja nicht, daß du ein böser Bube, sondern
daß du ein richtiger braver Junge werden sollst. Es
ist auch wirklich nötig, daß mit dem Kasperletum
Schluß gemacht wird, denn ins Gymnasium kann ich
dich schließlich nicht mit dem Zuckertütenhut
schicken.“
„Was ist denn das wieder?“ rief Zäpfel argwöh
nisch, — „Gimpelnasium? Ich habe keine Gimpel
nase, und wegen dem Namen Gimpel war ja die
große Schlacht am Meer.“
„Gymnasium ist die Anstalt, wo die Jungen noch
mehr lernen als in der gewöhnlichen Schule.“
„Noch mehr? Wozu denn noch mehr? Hat denn
das Lernen nie ein Ende?“
„Ein Mensch lernt nie aus.“
„Dann will ich kein Mensch werden.“
„Auch nicht, wenn i c h dich bitte?“
Frau Dschemma sagte das so sanft und gütig,
214


daß Zäpfel Kern nicht widerstehen konnte und rief:
„Wenn du’s willst, Mama, geh’ ich aufs Gimpel-
nasium und Finkennasium und Amselnasium und
überhaupt auf jedes Nasium, was es gibt, und werde
ein Mensch, der nie auslernt, obwohl das schrecklich
langweilig sein muß.“
„Dann ist heute also dein letzter Kasperletag, mein
liebes Zäpfel“, sagte Frau Dschemma, „und diesen
Tag wollen wir durch einen großen Schokoladen
schmaus mit Makronentorte und Schlagsahne feiern,
zu dem du all deine Schulkameraden einladen darfst.
Da es Sonntag ist, werden sie sicher alle kommen
dürfen. Gleich nach Tisch kannst du gehen, sie ein
zuladen, und während du das tust, koche ich mit
Fräulein Täubele hundert Liter Schokolade und
backe fünfzig Makronentorten und schlage hundert
Liter Schlagsahne.“
„Mit recht viel Vanillezucker, nicht wahr, Mama?“
rief Zäpfel Kern und sprang aus dem Bett.
Kaum, daß das Mittagessen vorüber war, machte
er sich in einem neuen Kasperleanzug (denn heute
mußte er ja noch als Kasperle gehen), der genau
dem alten nachgebildet war, auf den Weg, nur mit
halbem Ohr auf die Mahnung Frau Dschemmas
hörend: „Aber Punkt fünf mußt du zurück sein.“
Ah, wie kam er sich in einer grünen Hose, sei
ner blauen gelbgesternten Jacke, seiner roten Krause
und seinem goldenen Zuckertütenhütchen, das auch
wieder einen Marderschwanz hatte, schön vor. Ah,
wie herrlich klang ihm das Klipp-Klapp seiner Kork
schuhe. Ah, wie tat es ihm wohl, daß alle Leute sich
umdrehten und zueinander sagten: „Guck mal: ein
Kasperle I“
215


„Eigentlich ist es doch schade, daß ich nun so
langweilig angezogen gehen soll wie die richtigen
Jungen!“ dachte er sich: „schwarz oder grau, höch
stens blau mit einem weißen Kragen und einem bun
ten Schlips. Und meine entzückende krumme Nase
wird gewiß auch geopfert werden, die mir ein sol
ches Ansehen gibt. . . Hm. Hm. Schade. Wirklich
schade . . . Aber, Mama will’s, und also ist’s gut!
Punktum! Streusand drauf! Fertig!“
Daß seine Einladung überall mit Hailoh aufge
nommen wurde, versteht sich. Auch auf der Insel
Goldboden können sich die Kinder nicht alle Tage in
Schokolade baden und mit Schlagsahne einseifen.
Man fand die Idee einfach großartig. Selbst der klei
ne Max erklärte zu kommen, und wenn man ihn im
Bett hinfahren müßte.
Nur einer machte Schwierigkeiten, und gerade an
dem war unserm Kasperle gelegen, obgleich der Leh
rer ihm oft gesagt hatte, er möge sich vor keinem
Mitschüler so hüten wie vor ihm.
„Er macht keine dummen Streiche mit den ande
ren“, hatte der Lehrer gesagt, „aber man sieht es
ihm an, daß er fortwährend welche auf eigene Faust
plant, und ich bin überzeugt, eines Tages macht er
den allerdümmsten von allen. Ihr nennt ihn ganz
treffend Spinnifax, denn er spinnt immerfort Faxen
und Pläne, mit denen sich ein Kind nicht abgeben
soll. Natürlich hält er sich deswegen für besonders
gescheit — aber gerade das ist seine Dummheit. Hüte
dich vor ihm, Zäpfel!“
Infolgedieser Warnunghatte sich das Kasperlemit
Spinnifax wenig abgegeben, aber zu seinem Schoko-
216


lade-Schlagsahne-Makronentortenfest wollte er ge
rade ihn gerne haben.
Spinnifax aber erklärte rundweg: „Nein, ich kom
me nicht.“
„Warum denn nicht?“
„Weil ich Besseres vorhabe.“
„Was denn?“
„Eine große Sache!“
„Was für eine große Sache?“
„Nichts für Kasperles.“
„Aber ich bin ja schon morgen keins mehr.“
„Um so schlimmer für dich!“
„Wieso denn?“
„Weil es immer noch besser ist, ein Kasperle zu
sein als ein gewöhnlicher Junge.“
„Wirklich?“
„Ganz gewiß! Denn: Was steht einem gewöhn
lichen Jungen bevor, wenn er sich nicht rechtzeitig
frei macht? — Eine Schule nach der andernl Gym-


nasium, Universität, — was weiß ich! Es hört nie
auf.“
„Allerdings! Der Mensch lernt nie aus.“
„Ja, wenn er so dumm ist, sich von einer Schule
in die andere schicken zu lassen.“
„Was soll er denn tun?“
Spinnifax drehte sich nach allen Seiten um, ob
auch kein Lauscher in der Nähe wäre, und sagte
dann leise: „Sich dem Verein ,Auskneifia‘ anschlie
ßen.“
„Was ist das für ein Verein?“
„Das ist eine geheime Verbindung von lauter fixen
Jungen, die Grütze im Kopf und Mut in der Brust
haben, und die das verbotene Buch des Doktor Schlau
meier kennen, das den Titel hat: ,Die ewige Ferien
kolonie Spielimmerland 1 .“
„Geheime Verbindung“, „Verbotenes Buch“, —
dem Kasperle lief ein angenehmes Gruseln den Rük-
ken hinunter.
„Was . . . was steht denn in dem Buch?“
„Wundervolle Kunde von einem wundervollen
Land, genannt Spielimmerland, wo es keine Schu
len gibt und die Kinder die Herren sind! Wo jeder
Tag Sonntag ist! Wo die großen Ferien am ersten
Januar anfangen und am letzten Dezember enden!“
„Großartig!“ rief Zäpfel Kern mit aufrichtiger Be
wunderung aus. „Dieses Land wäre durchaus nach
meinem Geschmack! Und was macht man denn in
dem Land, wenn nie Schule ist?“
„Was soll man machen? Spielen! — Haschen,Ver
stecken, Räuber und Dragoner, Fuchs aus dem Loch,
Ball werfen, Pritschball, Fußball, Faustball, Blinde
kuh —, na, kurz, was es überhaupt gibt.“
218


„Auch Wettrennen? Darin bin ich nämlich groß.“
„Selbstverständlich! Das ist sogar das Staatsspiel
in Spielimmerland, und wer darin gewinnt, wird Kö
nig, bis ein andrer kommt, der noch besser rennen
kann.“
„Dann werd’ ich König auf Lebenszeit“, rief Zäp-
fel Kern mit blitzenden Augen aus. „Ich gehe mit!
Ich gehe mitl“
„Famos!“ sagte Spinnifax. „Heut’ abend fahren
wir ab.“
Aber Zäpfel Kern kraute sich hinter den Ohren
und sprach: „Neinl Es geht nicht. Morgen werde ich
ja, meiner Mama zuliebe, ein Junge.“
„Und gehst wieder in die Schule? Prost Mahlzeit!“
„Mir wird wohl nichts anderes übrig bleiben.“
„Doch! Dir bleibt noch was übrig!“
„Was denn?“
„Fünfundzwanzig gesalzene vom Lehrer, wegen
der Sache mit dem kleinen Max.“
„Bitte sehr! Das bin ich nicht gewesen!“
„Schwindle nur nicht! Die ändern haben’s ja ge
petzt!“
„Wann denn?“
„Na, gestern! Plötzlich kamen alle sechs in die
Klasse gelaufen und erzählten, daß du ihnen was von
einem Walfisch vorgelogen und sie zum Schwänzen
verleitet hast.“
„Ah, diese Lügenbeutel!“
„Ja, und dann hast du sie ausgelacht, und wie sie
dich höflich und artig getadelt haben, hast du dem
kleinen Max deinen Atlas an den Kopf geworfen.“
„Ah! Ah! Ah!“ stöhnte Zäpfel Kern. „Diese nie-
219


derträchtigen Verleumderl Und ich soll ein Junge
werden wie die? Niemalsl Niemalsl“
Er war außer sich.
Spinnifax fuhr fort: „Natürlich hat unser lieber
Herr Lehrer, gescheit wie er ist, alles geglaubt und
das spanische Röhrchen für dich in Bereitschaft ge
stellt. Das wird ein Fest morgen werden für die Klas
se, wenn du übergelegt wirst und das Stöckchen dir
fünfundzwanzigmal etwas zuflüstert.“
„Hör auf!“ schrie Zäpfel Kern. „Es ist entsetzlich!“
„Und ich“, sagte Spinnifax, „werde indessen mit
den anderen Auskneifianern unter Leitung des Dok
tor Schlaumeier nach Spielimmerland fahren, wo es
keine Schule, also auch keine Ungerechtigkeit und
keine spanischen Röhrchen gibt.“
„Und ich fahr’ mit!!!“ schrie Zäpfel Kern ganz
wild. „Ich fahr’ mit! Ich will kein Junge werden
wie diese kleinen Scheusale. Und ich will nicht ins
Gimpelnasium! Ich kann schon lange genug! Ich
will, will, will und will nicht! Nein, nein, nein, nein!
König will ich werden im Wettrennen! Ich mit mei
nen erprobten Beinen! König in Spielimmerland!
König Zäpfel der Erste!“
„Also, dann mach und komm mit! Ich weiß, wo
der Wagen hält, den Doktor Schlaumeier kutschiert!“
erklärte Spinnifax.
Und die beiden dummen Jungen liefen zur Stadt
hinaus ins Freie.
220


Fünfunddreißigstes Kapitel
Zäpfel Kern bewährt sich wie
der einmal als Reiter, vernimmt
eine Stimme, ohne auf sie zu
hören, sieht einen Esel weinen
und kommt durch ein Land, das
ihm (zu seiner Ehre) gar nicht
gefällt
Sie mußten eine gute Weile laufen, bis sie an
einen waldigen Holzweg zwischen zwei Bergen ka
men, wo nach Spinnifaxens Erklärung der von Dok
tor Schlaumeier kutschierte Wagen der Auskneifia
halten würde, um sie aufzunehmen. Mehr als ein
mal wurde Zäpfel Kern dabei von Gewissensbissen
befallen, mehr als einmal war er fest entschlossen
und auch schon im Begriff umzukehren, aber wenn
Spinnifax ihm die Prügel ausmalte, die ihn am Mon
tag in der Schule erwarteten, und dann die, wie er
sagte, fabelhafte Überbürdung mit Schularbeiten, die
ihm im Gymnasium bevorstände, und im Gegensatz
dazu das wonnige Leben in der ewigen Ferienkolonie
Spielimmerland —, dann ließ sich das dumme Kas
perle immer wieder bewegen, weiter mitzugehen.
Und wie er dann den Wagen der Auskneifia heran
kommen hörte und ihn in seiner Pracht erblickte, da
waren alle guten Vorsätze, alle Gewissensbisse und,
ach, auch alle Gedanken der Liebe und Dankbarkeit
zu Frau Dschemma aus seinem wankelmütigen Kas
perlekopf weggeblasen, und er begrüßte den Aus-
kneifianerwagen mit einem Purzelbaum der Bewun
derung und des Entzückens.
221


Gewiß, so fürstlich prachtvoll wie Frau Dschem-
mas blaue Galakutsche war der Wagen nicht, aber
er hatte etwas Lustiges, wie er so herangeglöckelt
kam, gezogen von vierundzwanzig Eseln und besetzt
mit vierundzwanzig Jungen zwischen sechs und
zwölf Jahren. Es war eine Art offener Omnibus, des
sen Bänke aber so angeordnet waren, daß immer die
nächsthintere etwas höher war als die vordere. So
sah der Wagen aus wie ein kleiner Kasperletheater
saal auf Rädern, und die Jungen auf den sechs Bän
ken (denn auf jeder Bank saßen vier, die kleinsten
auf der untersten und so weiter nach der Höhe hin
auf), — die Jungen machten wahrhaftig auch den
Eindruck, als hätten sie das lustigste Kasperlethea
ter vor sich: so lachten und kreischten und jauchz
ten sie und schwenkten die Arme vor unbändigem
Vergnügen. Die Esel waren köstlich angeschirrt mit
silbernem Zaumzeug und weißledernen Riemen und
hatten rosarote Schleifen an den Schwänzen und ro
sarote Stutze auf den Köpfen. Am putzigsten aber
nahm es sich aus, daß sie in der Zeichnung von Ze
bras himmelblau und weiß angemalt waren und —
gelbe Stulpstiefel trugen. Nun aber erst der Kutscher,
das heißt Herr Dr. Schlaumeier, — wie lustig sah der
erst aus! Er hatte einen roten Frack mit goldnen
Knöpfen, eine kanariengelbe Weste, weiße Leder
hosen und einen veilchenblauen Zylinder. Seine Ka
nonenstiefel aber glänzten so, daß man sich drin
spiegeln konnte. Doch das alles war nichts gegen
sein Gesicht. An diesem Gesicht lachte alles: die
Augen, die Lippen, die Stirn, das Kinn, die Nase, die
Ohren — ja, selbst die Nasenlöcher lachten . . .
Kein Zweifel, es gab keinen fideleren, freund-
222


licheren, gutmütigeren Menschen als Doktor Schlau
meier. Jedes Wort von ihm war eine Zärtlichkeit,
jede Bewegung ein Streicheln —, der reine Zucker
mann!
Als er Zäpfel Kern und Spinnifax erblickte, brachte
er sofort durch ein lautes Brr die Esel zum Stehen,
sprang vom Bock und küßte beide ab, indem er
sprach: „Grüß euch Gott, meine geliebten jungen
Freunde, grüß euch Gott! Ich bin überglücklich, daß
ich noch zwei weitere junge Herren nach Spielim-
merland fahren darf, und gar so besonders hübsche
und gescheite. Freilich ist nur noch ein Platz neben
mir auf dem Bock frei, den ich für Herrn Spinnifax
freigehalten habe, aber es soll mir ein Vergnügen
sein, zu Fuß nebenherzulaufen, wenn der andere
junge Herr („mein Name ist Zäpfel Kern“, stellte
sich das Kasperle artig vor), also wenn Herr Zäpfel
223


Kern die Güte haben wollte, meinen Platz einzu
nehmen.“
„Davon kann durchaus keine Rede sein“, entgeg-
nete höflich unser Freund. „Wenn der Herr Doktor
gestatten, so setze ich mich auf den rechten der hin
tersten beiden Esel. Es ist nicht das erstemal, daß
ich reite.“
„Oh, das sieht man Ihnen an, Herr Zäpfel Kern“,
rief der zuckersüße Doktor Schlaumeier aus, „Sie
sind der geborene Reitergeneral.“
Das Kasperle, für Schmeicheleien allzu zugäng
lich, zweifelte nicht einen Augenblick an der Ehr
lichkeit dieser Äußerung und wollte sogleich zeigen,
daß er ihrer würdig sei; nahm also einen Anlauf, um
auf den Rücken des Esels zu springen, gelangte aber
sonderbarerweise nicht dorthin, sondern in den Stra
ßengraben, von dessen Rand aus er seinen schönen
Anlauf genommen hatte.
Sämtliche sechs Parkettreihen des fahrenden The
atersaales schwankten unter dem heulenden Ge
lächter ihrer Inhaber.
Nur Doktor Schlaumeier, der ewig lächelnde,
lachte nicht. Wer genauer hinsah, hätte merken kön
nen, wie sein zuckersüßes Gesicht plötzlich einen
grausam bösen Ausdruck annahm. Er sprang plötz
lich auf den Esel zu, der Zäpfel abgeworfen hatte,
tat so, als sagte er ihm etwas ins Ohr, und biß ihm
dabei wütend die ganze Ohrspitze ab.
Indessen hatte sich Zäpfel Kern aus dem Stra
ßengraben erhoben, nahm einen zweiten Anlauf und
gelangte diesmal wirklich auf den Rücken des Esels,
aber nur, um im nächsten Augenblick in einem
mehr eleganten als angenehmen Schwung wieder
224


abgeworfen zu werden. t)!e Auskneifianer fanden
das wiederum unendlich komisch, aber Doktor
Schlaumeier bekam ein noch böseres Gesicht. Und er
biß, indem er sich wieder anstellte, als sage er dem
Esel nur etwas ins Ohr, ihm die linke Ohrspitze ab.
Dann sprach er: „Jetzt wird’s gehen, mein lieber
junger Freund. Dieses Eselchen hat seine Mucken,
aber ich habe ihm nun nochmals gut zugeredet, und
jetzt wird er keine Sperenzchen machen.“
Und so war es: Zäpfel Kern nahm seinen dritten
Anlauf und gelangte fest in den Sitz.
Doktor Schlaumeier schnalzte mit der Zunge,
rief: ,,Hü!“, und die vierundzwanzig Esel setzten sich
in Bewegung.
Zäpfel Kern fühlte sich hoch zu Esel unendlich
erhaben und wußte vor Eitelkeit nicht, wie er sich in
seinen Hüften wiegen und seinen Kopf im Reiten
wippen lassen sollte.
Da . . . wessen Stimme war denn das, die jetzt zu
ihm sprach? Er hörte deutlich die Worte: „Armes
Kasperle! Ich hab’s gut mit dir gemeint.“
Zäpfel Kern kehrte sich um, ob vielleicht einer
der Jungen . . .? Aber nein, die waren alle eingeschla
fen, und Doktor Schlaumeier sang vor sich hin:
Alle meine Eselchen,
Eselchen, Eselchen,
Alle meine Eselchen
Laufen im Trab.
Oh wieviel Eselchen,
Eselchen, Eselchen,
Oh wieviel Eselchen
Bei mir ich habl
15 Zäpfel Kern
225


Ich habe wohl geträumt, dachte Zäpfel Kern.
Aber nach einer Weile klang dieselbe Stimme an
sein Ohr: „Wenn ich nur sagen dürfte, was ich weiß,
ich Unglücklicher . . . Ach Kasperle, Kasperle, was
steht dir bevor!... Wie konntest du nur so dumm
226


sein und glauben, es sei gut der Schule zu entfliehnl
Ach! ach! ach! Daß es doch immer wieder Jungen
gibt, die den Verführern glauben.“
Dieletzten Worte gingen bereits in einem Schluch
zen unter, und nun sah Zäpfel Kern deutlich, daß
sein Reitesel dicke Tränen weinte.
Das Kasperle drehte sich um und rief: „Herr
Doktorl Herr Doktor! Mein Eselchen weint.“
„Laß den dummen Esel weinen, wenn er nichts
Besseres zu tun hat“, antwortete der Doktor, „wer
wird sich um jeden Esel kümmern...“
„Aber er tut mir leid.“
„Das mußt du dir abgewöhnen, mein lieber Jun
ge. In Spielimmerland braucht man kein Mitleid,
weil dort nichts als Freude ist.“
„Ja, aber . . , das arme Eselchen ..
„Unsinn! Wer weiß, vielleicht weint es vor Freu
de, einen so schönen Reiter zu haben .. . Laß ihn! ...
Hör lieber zu, was ich dir jetzt sage ... Weißt du, wo
wir jetzt sind?“
„Nein!“
„Sieh dich um! Was da im Mondschein rechts und
links glänzt, ist das Meer. Wir sind auf der großen
Brücke, die von der Insel Goldboden zu dem Land
der Wanstphalen führt.“
„Ach ja!“ rief Zäpfel Kern, froh, seine Weisheit zu
zeigen, „mit der Hauptstadt Münster!“
„Nicht doch! Nicht Westfalen, sondern Wanst
phalen. Das ist das Land der Dickwänste, die nichts
tun, als Knödel essen und dickes braunes Bier trin
ken. Glückliche Leute, kluge Leute. Nicht so dumm
wie die Bewohner von Goldboden. Wir werden
15*
227


durch alle Städte dieses gesegneten Landes kommen,
denn es liegt vor Spielimmerland. Die beiden Länder
gehören gewissermaßen zusammen, denn, wenn die
Kinder in Spielimmerland groß und des Spielens
müde werden, so ziehen sie nach Wanstphalen und
setzen sich bei Knödel und Bier zur Ruhe, fürderhin
nichts weiter treibend, als die Pflege ihrer Bäuche,
die denn auch, wie du sehen wirst, bei der ausge
zeichneten Kost und dem Fehlen jeglicher Arbeit
und Sorge herrliche Ausdehnung annehmen. Der
erste Ort, durch den wir kommen werden, heißt
Wänsten. Dort sind die Bäuche noch kümmerlich.
Es genügt, Reifen um sie zu schlagen und zu ihrer
Stütze kleine eiserne Streben an den Füßen anzu
bringen. Aber in Wanstersheim, dem nächsten Ort
bereits, muß schon ein Rad unter dem Bauch an
montiert werden. In Wanstlingen zwei, in Wanst
münster drei Räder. In Wanstantinopel aber, der
prächtigen Hauptstadt von Wanstphalen, sind vier
Räder nötig.“
„Ist das nicht unbequem?“
„Keineswegs, denn die Räder sind mit einer elek
trischen Batterie verbunden und ziehen somit Bauch
und Mann ganz nach Wunsch. Es ist wie bei einem
Automobil. Der betreffende Wanstphale drückt auf
einen Knopf, wenn er gehen will, und sofort zieht ihn
sein beräderter Bauch vorwärts, ohne daß er selbst
die geringste Mühe hat. Will er dann stehen bleiben,
so drückt er einfach auf einen anderen Knopf.“
„Und wenn sie schlafen wollen?“
„Ein Ruck an einem Hebel, und die Räder legen
sich an die Seite des Bauches, der Bauch sinkt lang
sam nieder, der Wanstphale sinkt in die Knie (als
228


ob er seinen Bauch anbetete) und legt seinen Kopf
auf den Bauch wie auf das weichste Federkissen.“
„Also schlafen die WanstphalennichtinHäusern?“
„In Wanstphalen gibt es nur Wirtshäuser, und das
sind einfach lange Hallen, in denen rechts Knödel
schüsseln und links Bierfässer stehen. Dort spielt
sich das ganze Leben der Wanstphalen ab, und dort
schlafen sie auch.“
„Keine Theater ? Keine Kirchen ? Keine Geschäfte ?“
„Wozu denn? Wer bloß seinen Bauch pflegt,
braucht keine Theater, keine Kirchen, keine Ge
schäfte.“
„Und keine Gerichte? Keine Amtsgebäude?“
„Nichts Gerichte! Nichts Amtsgebäude! Die Wirts
häuser sind die Amtsgebäude. Die Wanstphalen ha
ben einige dumme Kerle aus Goldboden angestellt,
die ihnen Bier brauen und Knödel kochen. Das sind
ihre einzigen Beamten.“
„Ich kann mir das aber doch eigentlich nicht nett
vorstellen, immer bloß essen und trinken und seinen
Bauch spazieren fahren.“
„Weil du noch zu jung und nicht weise genug bist,
mein Sohn! Die Weisheit der Wanstphalen beruht
auf ihrer Faulheit, und ihre Faulheit beruht darauf,
daß ihr Gehirn zu Fett geworden und in den Bauch
gerutscht ist. Doch, wie gesagt, um das zu begreifen,
bist du noch zu jung.“
„Offen gestanden, lieber Herr Doktor, danke ich
für diese Weisheit“, entgegnete Zäpfel Kern ver
nünftiger, als man es ihm Zutrauen sollte, „denn ein
Leben ohne Kopf ist gar kein Leben.“
„Abwarten, mein Junge, abwarten!“
229


„Und wie steht es denn mit dem Herzen bei den
Wanstphalen?“
„Auch verfettet! Auch in den Bauch gerutscht!“
„Pfui Teufel!“ rief Zäpfel Kern aus, „dann haben
sie also nichts lieb auf der Welt?“
„Doch! Ihren Bauch!“
„Pfui Teufel noch einmal!“
„Nicht so laut! Wir werden gleich in Wanstphalen
sein, und es schickt sich nicht, die Gebräuche eines
Landes zu schmähen, in dem man Gast ist.“
In der Tat hatten sie jetzt, als eben die Sonne auf
ging, die Brücke hinter sich und kamen auf das
Festland. Die übrigen Jungen wachten nun auch auf,
und es wurde sofort in einer der langen Bier- und
Knödelhallen von Wänsten das Frühstück einge
nommen, das natürlich aus Bier und Knödeln be
stand.
Hier sowohl als auch in den übrigen Städten von
Wanstphalen kümmerte sich übrigens kein Mensch
um den Wagen der Auskneifia. Alle diese Bauch
menschen waren vollkommen teilnahmslos für alles
und glotzten nur immerzu mit ihren kleinen blöden
Augen in den aufgedunsenen öligen Gesichtern auf
ihren Bauch.
Und wie die Gesichter der Menschen war die
Landschaft: blöd, leer, langweilig, unschön und
dumm. Den gescheitesten Eindruck machte das Rind
vieh auf der Weide, und die vielen Schweine, die in
dem überdies schmutzigen und ganz verwahrlosten
Land herumliefen, machten einen viel klügeren
Eindruck als die Bauchmenschen, denen übrigens
offenbar auch die Sprache verloren gegangen war,
230


denn sie konnten bloß wonnig grunzen, wenn sie
Bier schluckten oder Knödel schlangen.
„Müssen wir noch lange durch dieses ekelhafte
Land fahren?“ fragte Zäpfel Kern.
„Bis gegen sechs Uhr abends, dann kommen wir
an die Grenze von Spielimmerland“, antwortete der
Doktor.
Und Zäpfel Kern, angewidert von diesen Bauch
tieren (denn für Menschen wollte er sie nicht gelten
lassen), machte die Augen zu, um nichts mehr von
ihnen zu sehen. So ritt er in freiwillig gewählter
231


Blindheit stunden-, stunden-, stundenlang auf sei
nem Eselchen, bis fröhliches Lachen, Singen und
Jauchzen seinen Ohren verkündete, daß sie das Land
der stummen und stumpfen Bauchknechte hinter
sich hatten.
Er machte die Augen auf und sah mit Entzücken
die Grenze von Spielimmerland vor sich.
Sechsunddreißigstes Kapitel
Zäpfel Kern findet, daß die ewige
Ferienkolonie Spielimmerland
durchaus sein Fall ist, und es
sieht ganz so aus, als habe er recht
gehabt, mit Spinnifax dorthin
auszuwandern
Als Zäpfel Kern die Augen auf machte, glaubte er
zu träumen.
War das Wirklichkeit? Konnte das Wirklichkeit
sein?
Hinter einer Grenzschranke, die über und über
mit rosa Fahnen besteckt war und an der sich eine
Tafel mit der Aufschrift befand: „Erwachsenen mit
Ausnahme des Herrn Doktor Schlaumeier ist der
Zutritt streng verboten!“, dehnte sich ein unabseh
barer Spielplatz aus. Soweit das Auge reichte, war
alles eine große Festwiese mit tausenden Karussels,
Kasperletheatern, Schießbuden, Schaukeln, Zirkus
sen, Rennbahnen, Rutschbahnen, Menagerien, Affen
theatern, Hundetheatern, Zaubertheatern, Panopti
kums. Limonadezelten, Zuckerbäckereien, Schmalz-
232


bäckereien, Kokosnußbuden, Pfeft'erkuchenbuden,
Spielwarenbuden —; kurzum: alles, was man sich
nur denken kann an Schau- und Spielgelegenheiten,
war in ungeheurer Masse da. Hunderttausende von
Leierkasten, so mußte man glauben, waren es, die
diesen unsäglichen lustigen Radau verübten, der die
Luft mit Marsch- und Walzer- und Polkamelodien
erfüllte. Aber damit noch nicht genug, hörte man
unablässig Büchsen knallen, Kegelkugeln rollen,
Hoch! und Hurra! und Heisasa! schreien und lachen
und kreischen und Beifall rufen. Und mit diesen
Tönen zogen durch die Luft höchst angenehme Düfte
von Hühnerbratereien und Schmalzbäckereien und
Konditoreien. Es war für die Augen, für die Ohren,
für die Nasen gleichmäßig gesorgt, und Augen, Na
sen und Ohren brauchten eine gute Weile, sich an
diese Fülle von Darbietungen zu gewöhnen.
Das erste, was auffiel, war der Umstand, daß nur
Jungen diese ungeheure Festwiese bevölkerten, Jun
gen zwischen sechs und zwölf Jahren. Nicht ein
Mädchen war zu sehen, und nicht ein Ewachsener,
mit Ausnahme des Doktor Schlaumeier,der von allen
Seiten mit Hurra begrüßt wurde, sich aber schnell
entfernte, nachdem er die Auskneifianer vor ein sehr
233


hübsches, rosarot angestrichenes Haus gefahren hatte,
auf dem eine Fahne mit der Aufschrift wehte: Aus-
kneifia Goldboden!
Er hielt nur noch folgende kurze Ansprache:
„Meine teuren jungen Freunde! Nun sind wir also
im gelobten Land der Jungenfreiheit, im Jungen
staat Spielimmerland angekommen, und ich ver
lasse euch, um aus anderen Gegenden die Blüte der
Jungenschaft hierherzufahren. Was eure Bestim
mung, euer einziger Zweck, eure einzige Pflicht hier
ist, wißt ihr: Spielen und euch amüsieren. Um etwas
anderes kümmert euch nicht! Es ist für alles ge
sorgt. In keiner Bude kostet es Eintrittsgeld, alle
schönen Sachen, die euer Herz begehrt, kriegt ihr
umsonst. Die einzelnen Einrichtungen des Jungen
staates werdet ihr von den bereits früher Angekom
menen erfahren. Bestraft wird hier nur eins: Ar
beiten und lernen. Ja, schon der Gedanke daran ist
strafbar. (,Gibt’s nicht! 4 riefen die Auskneifianer wie
aus einem Mund). Ihr werdet merken, daß von Zeit
zu Zeit Kameraden, mit denen ihr gespielt habt, ver
schwunden sind, ohne daß ihr ahnt, wieso und wo
hin. Macht euch keine Gedanken darüber! Das sind
eben solche, die an Arbeit und Lernen gedacht
haben und deswegen als Staatsverbrecher der Strafe
der Ausweisung verfallen sind. Wohin sie kommen,
ist Staatsgeheimnis. Nun, ich hoffe, von euch wird
keiner zu diesen verbrecherischen Eseln gehören.“
Als er dies gesagt hatte, erhoben die vierund
zwanzig Esel im Gespann ihre Schnauzen und stie
ßen ein Jammergeheul aus, das durch Mark und
Bein ging.
Zäpfel Kern, der, wie wir wissen, die Gabe besaß,
234


die Sprache der Tiere zu verstehen, erfaßte wohl den
Sinn dieses Jammergeschreis, aber sein Kopf war
viel zu sehr von den lustigen Dingen, die er hier sah
und hörte, erfüllt, als daß er darauf achtgegeben
hätte. Der Sinn des Eselsgeschreis aber war der: Das
Gegenteil ist wahr! Schreckliches Unheil ist allen
denen gewiß, die hier den Gedanken an Arbeit und
Lernen vergessenl ...
*
Die nächsten Tage verbrachten Zäpfel Kern und
Spinnifax damit, das gesamte Gebiet vonSpielimmer-
land zu durchstreifen, weil sie sich vor allem einen
BegrilT des Ganzen verschallen wollten.
Aber das war völlig unmöglich, obwohl sie sich
zu diesem Zweck jeder eines der vielen Fahrräder
nahmen, die überall zur freien Verfügung dastanden.
Nach welcher Himmelsrichtung und wieweit sie auch
radeln mochten, überall sahen sie dasselbe Bild: ent
weder eine riesige Vogelwiesenstadt mit Buden und
Zelten oder ungeheure Spielplätze der verschieden
sten Art: zum Ballschlagen mit Hand oder Fuß; zum
Rennen, Jagen, Verstecken; zum Schaukeln, Wip
pen, Tanzen; zum Theaterspielen, Zirkusspielen; —
kurz, was es an Spielen für Jungen überhaupt nur
gibt: für alles war gesorgt, für alles waren Gelegen
heit und Gerät reichlich vorhanden.
Mit einem Feuereifer, wie er ihn in seinem Leben
noch nicht an den Tag gelegt hatte, warf sich Zäpfel
Kern in diesen lustigen, bunten, lauten Trubel, und
es dauerte nicht lange, so galt er in ganz Spielimmer-
land als der beste Spielkamerad der ewigen Ferien
kolonie. Wo er sich nur immer sehen lassen mochte,
235


überall wurde er mit Hurra empfangen, denn überall
wußte ein jeder von diesen kleinen Tagedieben, daß
er der unermüdlichste Tagedieb von allen war, im
mer den Kopf voll von neuen Spielen, neuen Ein
fällen, neuen Tollheiten.
Nach einem Vierteljahr war er der unbestrittene
Haupthahn von Spielimmerland, und nur der Jun
genkönig stand über ihm. Aber nun kam der große
Staatsfesttag der ewigen Ferienkolonie, das Preis
wettrennen, bei dem es sich entscheiden sollte, ob
der bisherige König auch König bleiben sollte oder
von einem anderen besiegt werden würde, der dann
an seiner Stelle den Thron von Spielimmerland be
steigen durfte.
Tausende und Tausende von Jungen, jeder eine
kleine rosafarbene Fahne in der Hand (denn rosa
war die Staatsfarbe des Faulpelzlandes), versammel
ten sich auf einer ungeheuren Waldwiese, die rings
herum von rosa angestrichenen Tribünen umzogen
war, an denen entlang die Rennbahn lief. In der
Mitte aber stand das Königszelt, das, ganz aus Rosa
seide, über und über mit Kronen aus Goldpapier be
klebt war. Vor dem Zelt ragten zwei riesige vergol
dete Masten auf, an denen zwei große rosarote Staats
flaggen im Wind wehten, und im Zelt selber stand
der goldene Königsthron. Nachdem sich alle Jungen
auf die Tribünen verteilt hatten, erschien durch eine
Triumphpforte aus hellen Rosen, sehr feierlich ein
marschierend, der Zug des Königs.
Zuerst kamen die allerkleinsten Staatsangehö
rigen von Spielimmerland, denen noch ein rosa
Hemdzipfelchen aus himmelblauen Höschen heraus-
wimpelte, gar niedliche Bürschchen mit dreieckigen
236


Hüten aus Zeitungspapier auf dem Kopf, die ihre
rosa Fähnchen höchst lebhaft schwenkten und un
ausgesetzt dazu riefen: „Vivat hoch! Der König
kommt!“
Aber der kam eigentlich noch nicht, denn nun er
schienen erst die Herolde, die ganz wie alte Ritter
angezogen waren: mit Harnischen aus Pappe und
Helmen aus Pappe und Schilden aus Pappe. Ihre
Schwerter aber waren aus silberpapierbeklebtem
Holz. Mit diesen Schwertern schlugen sie auf die
Schilde, indem sie laut riefen: „Seine Majestät! Seine
Majestät!“
Ihre Rufe aber wurden übertönt von der nun
folgenden königlichen Musikkapelle, die auf weißen
Eseln ritt, voran der Paukenschläger, der seinen Esel
mit den Füßen lenkte, weil er mit den Händen auf
die breiten Kesselpauken schlagen mußte, die rechts
und links vom Sattel hingen. — Ah, wie der pauken
237


konnte! Wenn er wirbelte, so klang es, als wenn ein
Gewitter im Anzug wäre. Schlug aber der hinter
ihm reitende Beckenschläger die Becken aufein
ander, so krachte es nicht anders, als hätte irgendwo
der Blitz eingeschlagen. — Dazu die übrigen Instru
mente: Triangeln, türkisches Klingelwerk, Trom
peten, Posaunen, Hörner und Pfeifen. Es war eine
höchst gewaltige Musik mit sehr viel Tsching und
Bum und Tschingteretäh.
Nun aber kam die Leibgarde zu Fuß, mit weißen
Hosen, roten Fräcken und hohen Grenadiermützen
aus Messing, auf denen auch noch rosarote Feder
büsche steckten. Alle diese Grenadiere hatten sich
schwarze, nach oben gedrehte Schnurrbärte ange
klebt und trugen richtige kleine Flinten geschultert.
Die Offiziere kommandierten unausgesetzt: „Rechts!
Links! Rechts! Links! Vorwärts! Marsch! Gerade —
aus! Augen — rechts!“ Nur der General, auf einem
schwarzen Esel reitend, kommandierte nicht, weil
sein Esel sehr wild war und fortwährend bald mit
den vorderen, bald mit den hinteren Füßen in die
Luft schlug. Da vergeht einem das Kommandieren.
Die nun folgenden Eselkürassiere konnten natür
lichbesser reiten. Sie saßen kerzengerade und stramm
auf ihren gescheckten Eseln, hielten ihre Lanzen mit
den Rosafähnchen vorschriftsmäßig senkrecht und
blickten kriegerisch und stolz geradeaus. Zum Unter
schied von der Garde zu Fuß hatten sie rote Schnurr
bärte angeklebt. Ihre Kürasse blitzten nur so in der
Sonne, und ihre silbernen Helme mit goldenen Ad
lern taten desgleichen.
Hinter ihnen kamen in rosarot lackierten, von
weißen Ziegenböcken gezogenen Staatskutschen die
238


näheren Freunde des Königs, die er zu seinen Hof
beamten ernannt hatte. Ihre Uniformen waren sehr
bunt und prächtig. Der höchste Beamte aber trug
einen gelbseidenen Zylinderhut, an dem eine außer
ordentlich lange Pfauenfeder steckte. Er verneigte
sich fortwährend nach rechts und links, als ob er
selbst der König wäre.
Dieser aber saß in einem Wagen, der wie eine
rosarote Muschel aussah und von nicht weniger als
vierzig riesigen, weiß und gelb gefleckten Bernhar
dinern gezogen wurde, die vor lauter Stolz, daß sie
den König von Spielimmerland ziehen durften, fort
während bellten.
Das Gewand des Königs bestand aus einer
rosaseidenen Kniehose über himmelblauseidenen
Strümpfen und Goldkäferschuhen, einem gelbsamt-
nen Wams, das über und über mit Orden bedeckt
war, und einem Krönungsmantel aus Hermelin, wie
sich’s gehört. In der rechten Hand hielt er das Zepter
von Spielimmerland, das die Form eines Ballschlä
gers hatte, und in der linken den Reichsapfel der
ewigen Ferienkolonie, der aber eigentlich eine gol
dene Kegelkugel war. Daß er eine goldene Krone
aufhatte, versteht sich von selbst. — Im übrigen war
er ein sehr hübscher, für seine Jugend sehr großer
Junge, der sich seiner Würde entsprechend sehr
majestätisch benahm und fortwährend huldvoll
lächelte.
Trotz dieses Lächelns aber wurde er längst nicht
mit so brausenden Hurrarufen begrüßt wie unser
Kasperle, das als erster der Wettrenner direkt hinter
ihm herschritt und dietollsten Luftsprünge zum Dank
für die laute Begrüßung machte. Eine Weile lief
239


Zäpfel Kern sogar auf den Händen, und dieses Kunst
stück entfesselte ein so ungeheures Beifallsgetöse,
daß der König ganz ärgerlich wurde und ausrief:
„Wer ist hier eigentlich König: ich, Felix der Lange,
oder dieses alberne Kasperle!“
Aber die Jungen ließen sich dadurch keineswegs
abhalten, ihrem Liebling Zäpfel Kern weiterhin zu
zujubeln, und der hörte nicht auf, immer neue Faxen
zu machen. Als er schließlich fünfzig Meter lang rad
schlug, erhoben sich sämtliche Jungen, warfen die
Mützen in die Luft und schrien: „Kasperle hoch!
Kasperle hoch! Kasperle hoch!“
Einige aber meinten: „Zäpfel Kern ist doch ein
dummes Kasperle! Statt sich für das Wettrennen zu
schonen, bringt er sich durch seine vielen Kapriolen
ganz außer Kraft und Atem, und die Folge wird sein,
daß er nicht gewinnt.“
So kam es, daß keineswegs alle auf ihn wetteten
(denn es wurde natürlich, wie bei jedem Wettrennen
so auch hier, eifrig gewettet). Die Hälfte wettete auf
Felix den Langen, weil er viel längere Beine hatte
als Zäpfel Kern, aber die andere Hälfte wettete auf
diesen, weil er schon oft Proben von großer Ge
schwindigkeit und Ausdauer gegeben hatte.
Jedenfalls war die Spannung ungeheuer, als die
Wettrenner antraten.
Es waren außer dem König und dem Kasperle
noch fünfzig Jungen, die es sich zutrauten, dreimal
um die ganze lange Bahn herumlaufen zu können,
was wahrhaftig keine kleine Sache war. Denn abge
sehen davon, daß die Bahn sich weithin dehnte, wa
ren innerhalb der langen Strecke auch noch Hinder
nisse zu nehmen. Da war
240


Spitt-
immer-
land
©
Trockener
Gra6cn
Gebüsch
\
Wasser
Straße.
Königszugs
©
graben
Stein-
mauer
König szdt
Domen
hecke
Hier blieb
Zapfet Kern
siehen
£ie dicke.
Umrahtnungsliniz
bezeichnet die Lage
dcr2uschaueritibünt
erstens ein trockener Graben von zwei
Meter Breite,
dann ein Gebüsch von dreiviertel Meter
Höhe,
dann ein Wassergraben von einundeinem
halben Meter Breite,
dann eine Steinmauer, einen Meter hoch,
einen halben Meter breit,
dann eine schiefe sehr steile H o 1 z w a n d von
fünf Meter Länge, von der der Absprung drei
Meter in die Tiefe ging,
16 Zäpfel Kern
241


und schließlich mußten die Renner gar ein
Dornendickicht überwinden, das aus
zehn, je einen Meter hohen Weißdornbüschen
bestand, die in Abständen von zwei und drei
Meter hintereinander gepflanzt und besonders
gefürchtet waren, weil von einem zum anderen
kein richtiger Anlauf möglich war.
Als der König sich seines Mantels, seiner Krone
sowie auch seiner vielen Orden entledigt hatte,
welche Dinge zwar schön, aber zum Rennen hinder
lich waren, und sich sämtliche Renner nebenein
ander gestellt hatten, gab die Garde zu Fuß eine Ge
wehrsalve ab, und auf dieses Zeichen hin liefen alle
zweiundfünfzig Weltrenner gleichzeitig los.
Ah, — war das ein Anblick, als die hundertund-
vier Jungenbeine durch die Luft säbeltenl
Anfangs blieben alle ziemlich nahe beieinander,
und auch den trockenen Graben (1) nahmen alle un
gefähr in einer Linie, aber schon kurz nach diesem
setzte sich Felix der Lange an die Spitze, so daß er
als erster über das Gebüsch (2) sprang. Indessen
kamen auch die anderen ziemlich bald über dieses
Hindernis —, bis auf Zäpfel Kern, der kläglich davor
stehen blieb und sich hinter den Ohren kraute, als
wäre ihm das Gebüsch zu hoch.
Wie erschraken da die, die auf ihn gewettet
hatten. „Pfuil“ schrien sie, ,,pfui! Jetzt schon fällt
er ab!“
Indessen war der König schon über den Wasser
graben (3) gesetzt, und hinter ihm dann die übrigen.
Doch plumpsten von ihnen schon zehn in das Was
ser und gaben das Rennen auf.
2-12


Und Zäpfel Kern stand noch immer vor dem
Gebüsch und kraute sich hinter den Ohren.
„Feigling!“ brüllten die, die auf ihn gewettet hat
ten! „Welche Schande! Pfui! Pfui! Pfui!
Und jetzt war der König schon über der Stein
mauer (4), und von den übriggebliebenen vierzig ge
lang es noch fünfundzwanzig, auch dieses Hindernis
zu nehmen, während fünfzehn andere vergeblich
versuchten, darüber hinwegzukommen. Einer blieb
mit den Füßen hängen und fiel so auf die Nase, daß
man ihn wegtragen mußte.
Die Aufregung wurde immer größer. „Der König
siegt“, riefen schon die meisten. Und die auf ihn ge
wettet hatten, schrien: „Bravol Vorwärts! Weiter
s o ! Bravo! Bravo!“
Und Zäpfel Kern stand noch immer vor dem Ge
büsch (2) und kraute sich hinter den Ohren.
„Werft ihn mit faulen Äpfeln“, riefen einige.
„Nein, mit faulen Eiern!“ riefen andere. Und: „Feig
ling! Jammerlappen! Trauerschneckei“ klang es wü
tend auf ihn zu.
Indessen sauste mit langen Schritten Felix der
Lange, allen übrigen voran, die steile Holzwand (5)
hinauf und mit einem prächtigen Sprung hinab.
Von den fünfundzwanzig, die ihm folgten, gelang
nur noch fünfen der Sprung; die übrigen purzelten
wie Kegelkugeln durcheinander und hielten es für
geraten, die wilde Jagd aufzugeben.
Und immer noch stand das Kasperle mit trauri
gem Gesicht hinter dem Gebüsch (2) und guckte
sich um und mußte es mit ansehen, wie der König,
den fünfen wohl zwanzig Meter voran, bereits durch
das Dornendickicht (6) hüpfte. Kein Zweifel: in we
is*
243


nigen Minuten mußte Felix der Lange bei ihm sein,
die ganze Bahn bereits einmal hinter sich, die Zäpfel
Kern noch vor sich hatte.
„Geh nach Hause, Elender!“ riefen die Jungendem
Kasperle zu. „Laß dich in Watte einwickeln, Mutter
söhnchen! Kriech in ein Mauseloch, Faultier!“
Und es begannen einige wirklich, faule Eier und
faule Äpfel nach ihm zu werfen.
Währenddessen blieben die fünf, die noch hinter
dem König hergelaufen waren, jetzt zwischen den
Dornen stecken. Die einen hingen direkt wie ange
spießte Schmetterlinge an den Weißdornbüschen,die
anderen drückten sich beiseite.
„Der König hat schon gesiegt. Hurra! Hoch Felix
der Lange!“ riefen alle Jungen, und da war auch
wirklich der langbeinige Felix an Zäpfel Kern vor
über und zum zweiten Mal über das Gebüsch ge
sprungen, vor dem das faule Kasperle noch immer
unschlüssig stand, nicht ohne ihm eine recht un
königliche lange Nase gedreht zu haben.
Da aber, holla, nahm Zäpfel Kern einen Anlauf
und setzte mit einem Sprung, dreimal so hoch wie
das Gebüsch, flutschtewitsch über dieses weg und fing
nun an zu laufen, daß es wahrhaftig eher ein Fliegen
zu nennen war. Der König hatte die kleine Strecke
zwischen dem Gebüsch (2) und dem Wassergraben
(3) noch nicht halb durchmessen, da war Zäpfel
schon über Nummer 4, 5, 6 und zum zweiten Mal
über Nummer 1 und 2 gesprungen und machte über
den Kopf des erstaunten Felix einen so gewaltigen
Satz weg, daß der König vor Schreck stehenblieb. So
kam es, daß Zäpfel Kern bereits zum dritten Mal
die steile Holzwand übersprang, als Felix erst zum
244


zweiten Mal an ihr hinaufkeuchte. Und als der Kö
nig zum zweiten Mal durch das Dornendickicht
hüpfte, da lief das Kasperle, ihm zum Spott, ganz
gemütlich auf den Händen durch das Ziel.
Er hatte also Felix den Langen um eine ganze
Bahnstrecke geschlagen.
Der Beifall, der sich schon erhoben hatte, als
Zäpfel Kern über den König weggesprungen war,
und der, je weiter das Kasperle den König überflü
gelte, immer an Stärke zugenommen hatte, wurde
zum Sturm, zum Toben, zum Orkan, und als Zäpfel
Kern auf den Händen durchs Ziel lief, da war kein
Halten mehr: alle Jungen sprangen über die Schran
ken und wälzten sich wie ein brüllendes Meer zum
Königszelt, und alles schrie, johlte, jubelte: „Es lebe
Zäpfel der Erste, der König von Spielimmerland!“
Und ehe noch der abgesetzte König herbeikeu-


chen konnte, von gellendem Pfeifen und höhnischem
Gelächter begrüßt, saß das Kasperle bereits auf dem
Thron, die Krone auf dem Kopf, den Königsmantel
um die Schultern gelegt, in den Händen Zepter und
Reichsapfel von Spielimmerland.
Und er erhob sich und sprach: „Ruhe, wenn ich
bitten darf! Ruhe und Anstand! Was ist das für eine
Art, einen ehemaligen König mit Pfeifen und Lachen
zu begrüßen? Das gefällt mir schlecht! Denn auch
einer gefallenen Größe gebührt Achtung! — Komm
zu mir, langer Felix! Der König von heute wünscht
den König von gestern zu umarmen, als ein Zeichen,
daß er nicht sein Feind ist, sondern sein Freund!
Und euch, Bürger von Spielimmerland, fordere ich
auf, während ich unsern verehrten Exkönig in meine
königlichen Arme schließe, zu rufen: Hoch lebe Felix
der Lange, der ruhmreiche König a. D.! Was man
mit Beinen aus Fleisch und Knochen leisten kann,
hat er geleistet. Daß er gegen Tannenholz nicht auf-
kommen konnte, ist keine Schande für ihn. Sein An
denken wird in der Geschichte von Spielimmerland
in Ehren und Ruhm dauern!“
Diese Rede machte den denkbar besten Eindruck,
nicht zum wenigsten auf Felix den Langen, der vor
Rührung weinte, während ihn Zäpfel Kern umarm
te und die Jungen ihn hochleben ließen.
Und das Kasperle duldete es nicht anders: Felix
mußte neben ihm in der Muschelkutsche sitzen, als
er in das Königsschloß fuhr.
¥
Am Abend dieses denkwürdigen Tages war na
türlich Fackelzug und Zapfenstreich, und es gab
246


das berühmte Krönungsbier, das genau wieHimbeer-
limonade schmeckte. Ein Chor, gebildet aus den be
sten Sängern, sang die neue Königshymne, die Spin-
nifax, der neue Reichskanzler, gedichtet hatte. Sie
hatte folgenden Wortlaut:
Heil, König Zäpfel, dir,
Spielimmerlandes Zier,
Heil, Zäpfel, dirl
König aus Tannenholz,
Spielimmerlandes Stolz,
Dir huld’gen wir!
Ruhm sei und Ehre dein!
Tannenholzwunderbein
Holt niemand ein!
Drum soll das Königsbier
Voller Verehrung dir
Dargebracht seinl
Trinkt es, o trinkt es aus!
Setzt euch zum Krönungsschmaus,
Ruft mit Gebraus:
„Heil, König Zäpfel, dir,
Spielimmerlandes Zier,
Kasperle, raus!“
Auf diesen tausendstimmigen Ruf hin erschien
Zäpfel Kern auf dem Balkon und hielt, wie es in
Spielimmerland Sitte war, gleich seine Thronrede.
Sie lautete, oft von Zustimmung unterbrochen,
folgendermaßen:
„Meine Lieben und Getreuen! Ich danke euch für
eure gute Gesinnung und trinke auf euer Wohl den
Königsbecher voll Krönungsbier aus. (Bravo!) Möge
247


euch meine Regierung so süß sein wie dieses vor
treffliche Getränk, von dem, nebenbei gesagt, hun
dert Tonnen zur allgemeinen Verfügung stehen. (Bra
vo! Sehr gut! Es lebe der König!) Sodann habe ich
euch um Entschuldigung dafür zu bitten, wenn ich
jetzt die Krone ab- und meinen Kasperlehut wieder
aufsetze. Aber, seht, diesen Hut hat mir meine gute
Mama selber gemacht, und von dem möchte ich mich
nicht trennen. (GroßeRiihrungauf allen Seiten.) Auch
ist ein Marderschwanz daran, der mich an eine zwar
unkönigliche, aber nicht unwürdige Situation in mei
nem Leben erinnert. Ich bin nämlich, wie ihr wißt,
nicht immer König gewesen, und ich glaube, es ist
für einen König ganz gut, sich daran zu erinnern.
(Sehr richtig!) Indessen, jetzt bin ich König, und so
will ich mich auch als König benehmen. — Alle eure
Rechte bestätige ich euch in Huld und Gnaden. (Bra
vo! Es lebe der König!) Auch künftighin wird es
keine Schulen, keine Lehrer, keine Arbeit in diesem
Lande geben. (Tosender Beifall und Rufe: Nieder die
Schule! Nieder die Lehrer! Nieder die Arbeit!) Wir
sind und bleiben ein freies Volk überzeugter Faulen
zer und Tagediebe. (Es lebe die Freiheit! Es lebe die
Faulheit!) Aber, meine lieben Spielkameraden, auch
das Spiel hat seine Grenzen! (Gemurmel und Fußge
trampel: Nein! Nein! Nein! Nein!) Doch! Da ihr jetzt
ein Kasperle zum König habt, müßt ihr auch auf
das Kasperletum Rücksicht nehmen! (Wieso?)
Es geht fürderhin nicht an, daß beim Kasperlethea
terspielen das Kasperle eine komische Figur ist. Von
jetzt ab muß jedes Kasperle als König dargestellt
werden. Das seid ihr meiner Herkunft schuldig. (Das
ist richtig! Jawohl!) Ich sehe mit Vergnügen, daß ihr
248


vernünftig seid, und will euch deshalb nicht weiter
mit einer langen Rede mopsen. (Bravo! Es lebe der
König!) Wir wollen jetzt lieber alle zusammen or
dentlich Ananaseis mit VanillewalTeln schnabulie
ren! Wer lieber Vanilleeis mit Ananaswaffeln essen
will, hat meine königliche Erlaubnis dazu. In mei
nem Reich darf sich jeder nach seinem Geschmack
satt essen.“ Dieser Schluß wurde allgemein für das
Beste an der ganzen Thronrede gehalten und entfes
selte gewaltigen Beifall. Mit Musik und unter Ent
zündung zahlloser bengalischer Flammen begab man
sich in ein ungeheures Zelt, wo ganze Berge von
Ananas- und Vanilleeis und ganze Wagenladungen
von Waffeln in der heitersten Stimmung verzehrt
wurden.
249


Erst gegen Mitternacht wurde König Zäpfel Kern
von seinen getreuen Untertanen mit einem noch
maligen Fackelzug zum Schloß zurückgebracht, und
noch als er einschlief, tönte es in seinen Ohren:
Heil, König Zäpfel, dir,
Spielimmerlandes Zier,
Heil, Zäpfel, dirl
Siebenunddreißigstes Kapitel
Mit welcher sonderbaren Zierde
der König von Spielimmerland
erwacht
Am nächsten Morgen wurde seine Majestät Zäp
fel der Erste durch die Klänge der YVachtparade ge
weckt, und er wollte schon seinen Kammerdiener
herbeiklingeln, daß er ihn anzöge, da fiel sein Blick
auf den großen Spiegel, der an der Seitenwand des
königlichen Bettes angebracht war, und er ließ so
gleich vor Schrecken das seidene Klingelband fallen.
An seinem Kopf war eine Veränderung vor sich
gegangen, die fürchterlich war.
Man erinnert sich wohl noch, daß Meister Zorn
tiegel anfangs vergessen hatte, dem Kasperle ein
paar Ohren anzusetzen. Das war ein Mangel gewe
sen, dem aber aufs anständigste abgeholfen worden
war. Zäpfel Kern hatte, wie wir wissen, ein paar
nette, sehr niedliche Ohren erhalten, und er war im
mer etwas eitel auf seine kleinen öhrchen gewesen.
Und nun, entsetzlich, erblickte er an deren Stelle
zwei ungeheure haarige Ungetüme, von denen er
250
i


nichts anderes sagen konnte, als daß es zwei ausge
wachsene Eselsohren waren.
„Hoffentlich träume ich das bloß“, sagte Zäpfel zu
sich selber; „ich habe zu viel Krönungsbier getrun
ken, und die Folge davon ist, daß ich so abge
schmackt träume.“ Und er kniff sich in die Ohren,
um zu sehen, ob er wirklich wach wäre. Hilf Him
mel! wirklich! es tat weh! Er träumte also nicht!
Sein Schreck war furchtbar. Ein König mit Esels
ohren! Das war ja ganz unmöglich! Was tun!? Was
tun!?
„Ah! Ich werde meinen Leibarzt rufen! Er soll sie
mir abschneiden!“
251


Und er rief zur Tür hinaus, ohne sie zu öffnen
(denn es durfte ja niemand sehen, wie entstellt er
war): „Holt meinen Leibarzt!“
Eine Stimme antwortete: „Majestät geruhen zu
scherzen. Wie sollte es unter uns einen Arzt geben,
da es unser Stolz ist, nichts gelernt zu haben. Befeh
len Eure Majestät lieber, welches Spielzeug ich brin
gen soll.“
„Geh zum Kuckuck mit deinem Spielzeug!“ schrie
Zäpfel Kern, dem jetzt eine Ahnung aufstieg, welche
Folgen es hat, wenn Kinder nichts lernen wollen.
„Oh! Oh! Oh!“ tönte es mißbilligend von draußen.
Zäpfel Kern aber sah, daß seine Ohren noch
länger wurden, und immer haariger, und immer stei
fer, und es ergriff ihn Verzweiflung.
Laut weinend und den Kopf in den Kissen des
Bettes vergrabend, schluchzte er: „Ach! wäre jetzt
doch Frau Dschemma bei mir, meine liebe Mama,
oder wenigstens Fräulein Täubele, die damals meine
lange Nase klein gemacht hat, oder meinetwegen
auch Professor Doktor Maikäfer, der ein so gelehr
ter Arzt ist.
„Der ist da“, ertönte eine summende Stimme, und
richtig, als Zäpfel aufsah, erblickte er den gelehrten
Maikäfer in der Tracht eines Arztes, wie damals in
Fee Dschemmas Schloß, an seinem Bett.
„Ach, lieber Herr Professor, sehen Sie nur! Was
ist denn das?“ jammerte unser Kasperle.
„Das sind ein paar Eselsohren“, antwortete trok-
ken der Maikäfer.
„Ja, aber was soll ich denn damit?“
„Wackeln.“
252


„Wa ... wa ... wa ... rum denn?“
„Weil du als Esel gehandelt hast, indem du fort
gelaufen bist, und nun auch äußerlich nach und nach
ganz und gar ein Esel werden wirst.“
„Ich, der König . ..?“
„Ja, du, der König dieser Esel von Jungen, die auch
alle miteinander einmal richtige Esel werden. Denkst
du denn das geht ewig so fort, das Spielen und Un
sinn treiben? Dabei vereselt erst das Innere, dann
die Ohren und schließlich alles übrige. Zu keinem
ändern Zweck hat euch ja dieser Doktor Schlau
meier hierhergebracht! Dieses ganze Land ist nichts
als eine Gründung von ihm, der der größte Schlau
meier und Eselhändler der Welt ist. Von ihm wird
hier alles unterhalten, ihm gehören alle diese Buden
und Spielplätze, und er führt aus allen Ländern die
dümmsten Jungen hierher, daß sie zu Eseln werden,
die er dann teuer genug verkauft.“
„Das ist nicht wahr!“ schrie Zäpfel Kern auf. „Geh
oder fliege hinaus, oder ich schmeiße dir meine Krone
an den Kopf wie damals den Hammer.“
„Bemühe dich nicht!“ antwortete der Maikäfer,
„ich gehe schon von alleine! Du wirst zeitig genug
merken, wie recht ich habe.“
Und er wurde kleiner und kleiner und kleiner,
und schließlich so klein, daß er zum Schlüsselloch
hinauskriechen konnte.
Zäpfel Kern aber, wie von einem Fieber geschüt
telt, zog sich hastig an (aber nicht als König), stülpte
seinen Kasperlehut über die Ohren, so daß sie ganz
verdeckt wurden, und ging stracks zur Tür hinaus
und einen Korridor entlang bis zu einer zweiten
253


Tür, an der geschrieben stand: Fürst Spinnifax,
Reichskanzler.
Zäpfel Kern klopfte heftig, und von drinnen er
klang eine weinerliche Stimme: „We . . . we .... wer
ist da?“
„Ich, der König.“
„Ei . . . ei . . . einen Augenblick“, antwortete die
Stimme.
Dann öffnete sich die Türe, und Spinnifax wurde
sichtbar, mit einer großen Zipfelmütze auf dem
Kopf.
„Empfängst du deinen König in der Schlafmüt
ze?“ herrschte ihn Zäpfel an. ,
„Ich bitte um Verzeihung, Ma . . . ma .. . ma ...
jestät, ich habe Rheu .. . Rheu .. . Rheumatismus.“
„An den Ohren?“
„J—a.“
„An beiden?“
„J—a.“
„So zeig mir deine Ohren!“
„Da . . . da . . . das geht nicht.“
„Warum nicht?“
„Wei. .. wei... weil ich sie verbunden habe.“
„Womit denn?“
„Mi . . . mi . . . mit Pelz.“
„Aha! ich weiß schon ... Ach Spinnifax! Spinni
fax! Was für Esel sind wir gewesen.“
„I—a, i—a, i—a!“
Und plötzlich mußte auch Zäpfel Kern schreien:
„I—a! I—a! I—a!“
Man hätte wirklich glauben können, nicht in
einem Königsschloß, sondern in einem Eselsstall zu
sein.
254


Plötzlich rief Zäpfel Kern: „Du, Spinnifax! Was
machst du denn? Du gehst ja auf allen vieren!“
„Und du, Majestät, du kriegst ja lauter graue
Haare?!“
„Herrje! Spinnifax, du hast ja einen Esels
schwanz?!“
„Und du eine Eselsschnauze!“
„Du bist überhaupt ein Esel!“
„Und du mein Bruder!“
Und der König und der Reichskanzler fuhren mit
wildem I—a! I—a! aufeinander los und bissen sich
mit ihren großen Eselszähnen und schlugen gegen
einander aus und peitschten einander ihre Esels
schwänze um ihre Eselsohren.
Da erklang von draußen eine rauhe Stimme und
rief: „Ruhe, ihr Bestien! Oder ich lasse euch meine
Peitsche kosten!“ Es war die Stimme Doktor Schlau
meiers.
255


Achtunddreißigstes Kapitel
Was der große Esel Zäpfel Kern
alles ausstehen muß
Doktor Schlaumeier, nicht mehr so lustig ange
zogen wie früher, auch nicht mehr so freundlich
lächelnd, trat ein und knallte heftig mit einer langen
Peitsche. Dann sprach er: „So! Nun sind wir soweit!
Nun seid ihr reif! Marsch hinaus und über die Hin
tertreppe hinunter auf den Markt!“
Spinnifax und Zäpfel Kern, störrisch, wie Esel
nun einmal sind, klemmten die Schweife zwischen
die Beine und rührten sich nicht.
„Ihr wollt nicht?“ brummte Doktor Schlaumeier,
„das hab ich mir gedacht! Freilich, wenn man ein
König ist und ein Reichskanzler! Hahahaha! Aber
vielleicht geht’s, wenn ich Seiner Majestät einen
Fußtritt gebe und Seiner Durchlaucht einen saftigen
Peitschenhieb über die Ohren.“
Kaum gesagt, so auch schon getan.
Au! wollte Zäpfel Kern schreien, aber es kam nur
ein schreckliches Eselsgebrüll aus seinem Mund, —
ich wollte sagen seiner Schnauze.
Dann setzten sie sich in Trab, nicht ohne weh
mütig die noch nicht zu Eseln gewordenen Jungen
ihre Spiele treiben zu sehen.
Aber Doktor Schlaumeier tröstete sie: „Denen
geht’s allen einmal so wie euch. Jeder Faulpelz kriegt
einen Eselspelz. Es gibt kein besseres Geschäft als
meines.“ Und er trieb sie über die Grenze von Spiel-
immerland zum Eselsmarkt.
Spinnifax wurde von einem Müller gekauft, dem
256


sein Mehlsackesel gestorben war, aber für Zäptel
Kern fand sich ein Käufer in der Person eines Zirkus
direktors. Der warf ihm ein Seil um den Hals und
schleppte ihn in die Stadt.
„Hast du Hunger, Zäpfel?“ fragte er ihn (denn
Doktor Schlaumeier hatte ihm Zäpfel Kerns Namen
gesagt).
„I—a!“ antwortete Zäpfel.
„Also, dann friß die Disteln da! Es gibt nicht
immer so was Feines.“
„Disteln?“ sagte Zäpfel Kern auf eselisch (denn er
konnte nicht mehr wie ein Mensch reden, aber der
Direktor verstand die Eselsprache). „Disteln? Die
stechen mich ja im Mund!“
„Also dann friß Heu, du Feinmaul!“
„Heu? Das ist ja labberig.“
„Na, also dann Stroh, das ist kerniger.“
„Stroh? Das kann ich nicht verdauen.“
„Dann werde ich dich verhauen, denn Hühner
frikassee habe ich nicht.“
Und er zog ihm eins mit der Peitsche über, daß
Zäpfel Kern glaubte, er müsse vor Schmerz hinfallen.
Dann aber machte er sich sogleich über die Disteln
her, und merkwürdig — er fand sie gar nicht übel,


und auch das Heu schmeckte ihm ganz gut, — nur
durfte er dabei nicht an Schlagsahne denken.
Aber viel schlechter als Disteln und Heu, ja
schlechter selbst als Streu und Häcksel schmeckte
die Arbeit, die dem armen Esel Zäpfel Kern nun zu
gemutet wurde, und mehr als einmal dachte er sich:
„Ach wie war dagegen das Lesen und Schreiben und
Rechnen süß.“
Denn er mußte lauter Dinge tun und lernen, die
für Esel bitter schwer und unangenehm sind: durch
Reifen springen, auf den Hinterfüßen stehen und
Walzer und Polka tanzen.
Unzählig viele Hiebe waren nötig, ehe er dies er
lernte, und manchmal hatte er mehr Schwielen auf
seinem Rücken als Strohhalme in der Krippe.
Böse, böse, böse Zeit! Und sie dauerte furchtbar
lange: bis er endlich so weit war, daß er in einer
Vorstellung auftreten konnte.
Aber eines Tages klebten an allen Straßenecken
bunte Zettel, auf denen zu lesen stand:
Aditungl Achtung!
Heute zum ersten Male
der berühmte Esel aller Esel:
ZÄPFEL KERN,
genannt der Uber-Esel.
Kommt, seht und staunt!
258


Und am Abend dieses Tages war der Zirkus fest
lich erleuchtet, und es schien, als ob alle Kinder der
Stadt, Jungen und Mädchen, gekommen wären, Zäp-
fel Kern, den Überesel, zu bewundern, denn alle
Plätze von oben bis unten waren voll besetzt mit
Kindern, deren Augen vor Erwartung fast noch mehr
leuchteten als die festliche Beleuchtung.
Mit welchen Empfindungen das vereselte Kas
perle diese fröhliche Kinderschar betrachtete, als es
in den Kreis geführt wurde, wo es seine Kunst zeigen
sollte, läßt sich denken. „Ach“, dachte sich Zäpfel,
während er durch einen Peitschenhieb über die Beine
veranlaßt wurde niederzuknien, „da könnte ich nun
auch sitzen, wenn ich brav und fleißig gewesen wäre
wie diese Kinder, und könnte den Kunststücken von
Pferden und Eseln zusehen, statt selbst ein Esel sein
und tanzen zu müssen. Welche Schande und welche
Quall Wie mir die Knie wehtun! Und diese schreck
liche Angst vor der Peitsche und all den schreck
lichen Sachen, die nun noch kommen. Achl Achl
Ach!“
Da knallte dicht an seinen Ohren ein Pistolen
schuß, den der Direktor abgefeuert hatte, und zu
Tode erschrocken sprang der Überesel auf, um mit
gesträubten Haaren zu entfliehen, aber da fühlte er,
wie sich das Gebiß auf seine Zunge klemmte, und er
blieb mit schlotternden Beinen stehen.
Und nun begann die Vorstellung.
Der Direktor machte eine Verbeugungund sprach:
„Meine Herren Jungen und Fräulein Mädchen! Sie
sehen, welchen Respekt der berühmte Überesel Zäp
fel Kern vor Ihnen hat. Nur deshalb schlottert er
mit den Beinen. Gleich aber wird er Ihnen zeigen, daß
17*
259


er mit seinen talentvollen Gehwerkzeugen mehr kann
als schlottern.Hoppla! Auf,Herr Überesel! Jetzt wird
der Herr Kapellmeister eine Polka spielen, und Sie
werden zeigen, daß auf der Welt niemand besser
Polka tanzen kann als der Esel aller Esel, der Über
esel Zäpfel Kern.“
„Wenn er nur wenigstens meinen Namen nicht
nennen wollte“, dachte Zäpfel Kern. „Es könnte
doch ein Bekannter von mir da sein ..Und er ver
suchte sich umzusehen, aber schon begann die Mu
sik die Melodie zu spielen:
Siehste wohl, da kimmt er,
Große Schritte nimmt er,
Große Schritte nimmt er schon
Der verrückte Schwiegersohn.
Und nach diesem Gassenhauer mußte der ehe
malige König von Spielimmerland Polka tanzen!
Er tat es mit blutendem Herzen, und das allge
meine Beifallklatschen, das ihn belohnte, als er fer
tig war, hatte gar keinen Reiz für ihn.
Nun sprang ein Clown mit einer himmelblauen
Nase im kreideweißen Gesicht herein, mit Hosen so
breit wie Frauenkleider und einem großen grünen
Regenschirm in der Hand. Diesen Clown, den die zu
schauenden Kinder sehr lustig fanden, haßte Zäpfel
Kern, denn keiner quälte ihn so wie dieser. Gleich
bei seinem Auftreten stach er ihn mit dem Regen
schirm, dann sprang er auf seinen Rücken und be
gann auf ihm herumzutanzen, daß Zäpfel Kern
glaubte, alle seine Rippen würden brechen. Und da
zu verhöhnte ihn der Kerl noch fortwährend, indem
er sang:
260


Hüh, mein Eselchen, hüh, mein Eselchen, hüh!
Du bist so wunderschön, wie man noch nichts gesehn,
Du bist das aller-, allerschönste Eselsvieh.
Und dabei hagelte es Hiebe mit dem grünen Re
genschirm auf Zäpfels Rücken. — Nein, das war un
erträglich! Mochte kommen, was wollte: Zäpfel Kern
beschloß, sich zu rächen. Er hob plötzlich beide Hin
terbeine in die Luft und ließ den Clown über seinen
Kopf weg einen unfreiwilligen Luftpurzelbaum in
den Sand machen.
Die Kinder lachten laut auf und klatschten Bei
fall, denn sie glaubten, das gehöre zur Vorstellung,
aber der Clown und der Direktor begannen wie wild
auf Zäpfel Kern loszuschlagen, so daß sich dieser
nun vor Schmerz vorn aufbäumte und mit den
Vorderbeinen in der Luft herumfuhr, als schlüge er
auf eine unsichtbare Trommel los. Das sah sich
schon gefährlich genug an, aber es kam noch schlim-


Als Zäpfel Kern so mit erhobenem Kopf und mit
in der Luft herumwirbelnden Vorderfüßen dastand,
drang plötzlich Ananasgeruch in seine Nüstern; er
blickte geradeaus und sah dicht vor sich in einer
Loge Frau Dschemma sitzen, die eben ihr Masken
döschen geöffnet hatte. Dies sehen und einen Satz
machen, um in die Loge zu springen, war eins.
Aber in demselben Augenblick wurde er am Ge
biß zurückgezogen, so daß er sich in der Luft über
schlug und einen furchtbaren Fall tat.'
Er hörte nur noch den durchdringenden Schrei
einer Frauenstimme, dann verlor er das Bewußtsein
und wurde an den Beinen aus der Manege gezogen.
Neununddreißigstes Kapitel
Ein feuchtes Abenteuer
Erst am nächsten Morgen erwachte Zäpfel Kern
aus seiner Ohnmacht, aber es war ein böses Er
wachen. Seine beiden Hinterbeine schmerzten ihn
furchtbar, und er hörte, wie der Direktor zum Clown,
der gleichzeitig sein Stallknecht war, sprach:
„Mit der Kunst ist’s futsch bei dem. Beide Hinter
beine gebrochen. Wir wollen froh sein, wenn wir
sein Fell bezahlt bekommen.“
„Recht ist der Bestie geschehen, der heimtücki
schen“, knurrte der Clown. „Das Genick hätt’ ich
beinahe gebrochen! Na wart!“ Und der rohe Kerl
gab dem armen leidenden Zäpfel Kern noch einen
Tritt und trieb ihn, dem jeder Schritt ein Schmerz
durch Mark und Bein war, auf den Markt.
262


„Wer kauft einen lahmen Esel?“ rief er dort aus.
„Für drei Mark ist er zu haben. So viel ist’s Fell wert.“
Ein schmutzig aussehender Mensch kam herbei,
fühlte Zäpfel Kerns Fell an und sprach: „Schlechtes
Fell! Hat zuviel Prügel gekriegt! Gehn ihm die Haare
aus! Geb ich bloß zwei Mark!“
„Also fort mit Schaden“, sagte der rohe Stall
knecht, gab Zäpfel Kern noch einen Tritt, nahm die
zwei Mark und ging ab.
Und der Käufer murmelte in seinen Bart: „Will
ihn gleich ersäufen und das Fell abziehen.“
„Habt doch Mitleid“, stöhnte Zäpfel Kern, „mit
einer armen Kreatur! Laßt mich gesund werden,und
ich will euch dienen, wozu ihr wollt! Nur nicht er
säufen! Nur nicht ersäufen!“
Aber der schmutzige Mensch verstand die Esels
sprache nicht, und auch wenn er sie verstanden
hätte, würde er sich nicht viel um Zäpfels Bitten ge
kümmert haben, denn sein ganzes Denken war auf
nichts gerichtet, als ein Geschäft zu machen.
Und er trieb ihn zum Strand des Meeres, band
ihm einen Strick um den Hals und an den Strick
263


einen Stein und warf ihn ins Wasser. Dann setzte er
sich auf einen Felsen, nahm eine Wurst aus der Ta
sche und aß sie. Und als er die Wurst gegessen hatte,
nahm er eine Schnapsflasche aus der Tasche und
trank sie aus. Und als er sie ausgetrunken hatte, legte
er sich hintenüber und schlief ein. Und als er eine
Stunde geschlafen hatte, wachte er auf und mur
melte: „Jetzt wird der Esel wohl tot sein.“ Und leierte
den Stein, an den er Zäpfel Kern gebunden hatte,
herauf. Als er aber genug geleiert hatte, — wer er
schien an der Oberfläche? Ein toter Esel?
Nein! Ein lebendiges Kasperle!
„He!“ rief der schmutzige Kerl: „Bist du mein
Esel?“
„Ich war’s!“ rief Zäpfel Kern.
„War’s! Darauf pfeif ich! Mein Eselsfell will ich!“
„Hol dir’s doch!“
„Wo denn?“
Und Zäpfel Kern, der seine ganze gute Laune mit
seiner Kasperlegestalt wiedergewonnen hatte, sang:
Seelachs, Seehecht und Seeforelle
Fressen alle gern Eselsfelle,
Schlingen alles in ihren Bauch
Und das Fleisch natürlich auch.
Jetzt vollführen sie einen Tanz
Um den letzten Zipfel vom Eselsschwanz.
Mich aber haben sie übrig gelassen:
Tannenholz tät ihnen wenig passen.
Spuckte mich aus eine Haifischfresse,
Sagte, ich sei keine Delikatesse,
Sollte mich eilig zum Teufel scheren —
Tu drum Herrn Schmutzian beehren.
264


„Davon verstehe ich bloß das eine“, erwiderte der
verblüffte Fellhändler, „daß du ein ganz frecher
Kerl bist, und daß meine zwei Mark beim Teufel
sind.“
„Also will ich’s Ihnen erklären“, entgegnete Zäp-
fel Kern. „Jawohl: Ich war ein Esel, und zwar war
ich, als ich noch kein Esel war, ein viel größerer Esel
als später, als ihr mich gekauft habt. Ich war sogar
der Eselkönig! Daß mir dabei Eselsohren gewachsen
sind und alles übrige dazu, damit geschah mir ganz
recht. Hoffentlich geht’s allen kleinen zweibeinigen
Eseln so, die nichts lernen und nur spielen wollen!
Trotzdem war es eine große Gemeinheit, mich er
säufen zu wollen, und Euch geschieht es ganz recht,
daß Ihr um Eure zwei Mark kommt.“
„Ich will nicht wissen, was du von meinem Ge
schäftsgebaren hältst, sondern wie es kommt, daß
ich statt eines Esels ein Stück Holz am Seil habe.“
„Daran ist Frau Dschemma schuld, meine liebe,
gute, einzige Mama, die, wie alle Mamas, ein gütiges,
verzeihendes Herz hat und es nicht zuließ, daß ich
so elend zugrunde gehen sollte. — Als Ihr mich ins
Wasser warft, rief sie sofort ihren Leibdelphin an
Ort und Stelle, und er rief seine Freunde aus der Fa
milie Lachs, Hecht und Forelle herbei, daß sie das
Eselhafte an mir wegfräßen. Ein unverschämter Hai
fisch wollte, wie ich bereits andeutete, auch meinen
eigentlichen Kern, nämlich den richtigen Zäpfel
Kern, nämlich mich, das berühmte Kasperle, fressen,
aber wie ich schon die Ehre hatte, Ihnen vorzusin
gen: er hat mich ausgespuckt, und nun bleibt mir
bloß noch übrig, Ihnen adieu zu sagen.“
„So? Meinst du? Ich nicht! Jetzt verkauf ich dich
265


als Brennholz“, rief der üble Kerl und wollte Zäpfel
Kern an sich heranleiern. Der aber warf ihm das
Seil ins Gesicht und schwamm ins Meer hinaus.
Als er weit genug war, rief er: „Lassen Sie sich
doch das Eselsfell als Mantel machen. Es muß Ihnen
sehr gut stehen. Einen Eselskopf haben Sie sowieso
schon.“
Wütend lief der Fellhändler davon und verlangte
von dem Stallknecht seine zwei Mark zurück. Der
wollte sie ihm nicht geben, und nun verprügelten die
beiden scheußlichen Kerle einander so rasend, daß
ein jeder sein wohlgemessenes und reichliches Teil
empfing.
Indessen schwamm Zäpfel Kern tapfer auf die
hohe See hinaus, glücklich, kein Esel mehr zu sein,
und fest entschlossen, auch niemals wieder einer zu
werden. Sein Hauptgedanke aber war: „Wie mach
ich’s nur, daß ich wieder zu meiner guten Mama
komme?!“
Und laut rief er aus: „Mama! Mama! wo bist du?“
Da sah er in der Ferne etwas Weißes. Das war
266


eine Klippe, die aus dem Meer aufragte. Und auf
der Klippe saß noch etwas viel Weißeres. Das war,
hurra, hurra, ja: das war der Ritter Falk von Wei
ßenschwingen, Frau Dschemmas getreuer Bote.
„Mach schnell! Mach schnell!“ rief der, „fühlst du
nicht, daß hinter dir das Unheil jagt?“
Zäpfel Kern drehte sich um. Entsetzlich! Ein
furchtbares schwarzes Ungetüm schwamm wie ein
Berg hinter ihm her.
„Was ist das?“ schrie Zäpfel Kern.
„Der Walfisch. Mach! Mach!“
Und Zäpfel Kern schwamm aus Leibeskräften.
„Schneller! Schneller!“ rief der Falke. „Du mußt
alle Kraft zusammennehmen, sonst bist du verloren.“
Zäpfel Kern schoß wirklich wie ein Pfeil durchs
Wasser. Kein Torpedoboot kann schneller fahren.
„So ist’s recht. So ist’s gutl“ rief der Falke. „Nur
noch ein paar Stöße.“
Und wirklich: Zäpfel Kern ergriff schon die
Klippe mit den Händen ,— da, ein Schnapp! und es
wurde dunkel um ihn: Der Walfisch hatte ihn ver
schlungen.
Vierzigstes Kapitel
Licht im Dunkeln
„Was ist denn das?“ schrie Zäpfel Kern. „Gibt’s
denn hier keine Straßenbeleuchtung? Wo dreht man
denn hier das elektrische Licht an?“
„O! O! 0! Rrrr!“ knurrte etwas in der Nähe, das
an ihn anstieß.
„Bitte, schubsen Sie nicht, Herr Rrrr! Stellen Sie
sich lieber vor“, sagte das Kasperle.
267


„Mein Name ist Knurrhahn, Seefisch und Bauch
redner“, knurrte die Stimme. „Sie sind offenbar
fremd hier, sonst hätten Sie mich an meinem Organ
erkannt. Auch scheinen Sie nicht zu wissen, was Ihnen
bevorsteht, sonst würden Sie nicht nach Licht ver
langt haben. Seien Sie froh, daß Sie im Dunkeln
verdaut werden.“
„Verdaut? Wieso?“
„Ja, glauben Sie denn, der Walfisch hat uns ver
schluckt, bloß damit wir in seinem Maul spazieren
schwimmen? Mit seinem nächsten Atemzug saugt
er uns in seinen Magen, und dann Prosit die Mahlzeit
— für ihn! Wir werden dann keine Gelegenheit mehr
bekommen, zu Mittag zu essen. Wir werden uns in
seinem Magensaft auflösen. Höchst unangenehm das!“
„Das wollen wir erst mal sehen, ob er Tannenholz
verdauen kann!“ bemerkte Zäpfel Kern. „Aber was
Sie betrifft, Kerr Knurrhahn, so sollten Sie froh sein,
in den Bauch des Walfisches zu kommen, wo Sie Ge
legenheit haben, sich nun in doppeltem Sinn als
Bauchredner zu produzieren.“
„Sie sind ein frivoler Geselle“, knurrte der Knurr
hahn und schoß in eine andere Straße des Walfisch
maules, das heißt, er bog um den nächsten Zahn des
Ungetüms.
Zäpfel Kern aber kletterte an einem hohlen Zahn
in die Höhe, der ihm hoch wie ein Kirchturm zu sein
schien, und er setzte sich an den Rand dieses Kra
ters, denn es war ein wahrer Kraterschlund, der die
Höhlung dieses Zahnes bildete.
„Zahnärzte scheint es hier auch nicht zu geben“,
sagte Zäpfel Kern vor sich hin, „sonst hätte sich das
268


Seeungeheuer wohl diesen hohlen Zahn plombieren
lassen.“
In diesem Augenblick ertönte aus der Tiefe des
hohlen Walfischzahnes eine ihm bekannte Stimme.
Es war der Leibdelphin der Fee Dschemma, der also
sprach: „Es ist doch unglaublich! Statt vor Angst zu
sterben, machst du faule Witze!“
„Grüß Gott!“ rief Zäpfel in den Abgrund hinab.
„Ich wußt’ es ja, daß ich hier Bekannte treffen
würde. — Aber du irrst dich, wenn du meinst, daß
mir vergnügt zumute ist. Weißt du, ich tu’ bloß so,
als wäre ich lustig. Soll ich etwa weinen und heulen?
Scheußlich genug ist es ja hier, und wenn ich an den
Magensaft denke, in dem ich mich auflösen soll,
269


wird mir übel, aber was ein richtiges Kasperle ist,
stellt sich wenigstens fidel, wenn es auch nicht fidel
ist, und dann, — siehst du: im Vergleich zu meiner
Verbannung in die Eselshaut ist es hier im Grunde
ganz erträglich. — Die Hauptsache aber ist: ich bin
voll Vertrauen auf die Hilfe unserer guten Frau
Dschemma! Ich weiß es ganz gewiß, meine gute
Mama verläßt mich nicht.
„Das ist ein gutes Wort, mein Junge!“ rief der
Delphin aus, „und zur Belohnung dafür will ich dir
etwas Schönes sagen. Ja, Zäpfel Kern, unsere liebe
Frau Dschemma, deine gute Mama, will dich nicht
verlassen, doch mußt du dich erst als einen tapferen
Burschen und guten Sohn beweisen. Wisse: dies ist
der Walfisch, der deinen Vater verschlungen hat,
und heute, jetzt noch lebt der gute Alte im Innern
dieses Ungetüms. Willst du ihn retten?“
„So wahr ich ihn und meine liebe Mama von Her
zen liebe!“
„Sehr schön, mein Junge, aber bedenke wohl: es
kann dich dein Leben kosten!“
„Von wem habe ich denn mein Leben, wenn nicht
von meinem guten Papa, dem großen Meister Zorn
tiegel? Gerne setze ich es aufs Spiel für ihn.“
„Sehr löblich, liebes Kasperle. Aber ich darf es
dir nicht verhehlen: es ist nicht sehr wahrscheinlich,
daß du mit dem Leben davon kommst, wenn du dich
dorthin wagst, wo jetzt dein Papa ist. Dagegen kannst
du augenblicklich die Freiheit gewinnen, wenn du
darauf verzichtest, ihn retten zu wollen. Du brauchst
dich nur auf meinen Rücken zu setzen, und ich
schwimme mit dir hinaus aus dem Rachen des Un
tiers ins Meer und bringe dich zur Insel Goldboden.“
270


„Pfui! Wie kannst du mir so was anbieten! Das
hat dir unsre gute und schöne Herrin gewiß nicht
aufgetragen! Nein! Lieber mit meinem lieben Papa
tot, als ohne ihn lebendig!“
Wie das Frau Dschemmas Leibdelphin hörte,
peitschte er so vergnügt in dem hohlen Zahn des
Walfisches herum, daß der ganz locker wurde; dann
rief er aus: „Glück auf den Weg! Gleich wird der
Augenblick kommen, wo der Walfisch das Wasser
einzieht, um die Tausende von Fischen in seinen
Magen zu befördern, die jetzt mit uns in seinem Maul
sind. Du könntest dich retten, indem du zu mir in
die Zahnhöhlung sprängest; so aber, da du ein guter
Sohn und tapferer Junge bist, machst du, wenn das
große Rasseln des Einatmens ertönt, einen Hecht
sprung kopfüber in die Strömung und läßt dich mit
in das Innere des Ungeheuers saugen. Vielleicht ist
es dir bestimmt, dort mit den Fischen zugleich zu
verderben. Dann bist du als ein Held gestorben, Zäp-
fel Kern! Vielleicht aber gelingt es dir, ein kleines
Licht zu erblicken. Auf dies schwimm mutig los! Du
wirst dann ein Schiebefensterchen sehen. Dies schieb
in die Höhe und kriech in die Öffnung hinein! Mehr
kann ich dir nicht sagen. Behüt’ dich Gott, mein tap
ferer Bursch! Ich hoffe, daß wir uns Wiedersehen!“
Kaum hatte der Delphin seine Rede beendet, da
kündete auch schon ein furchtbares Gurgeln und
Rasseln an, daß der Walfisch das Geschäft des Ein
atmens begann. Sofort stürzte sich Zäpfel Kern vom
Rand des Zahnes in die Strömung, von der er sich
augenblicklich, umdrängt von einer ungeheuren An
zahl zappelnder Fische, rasend schnell fortgezogen
fühlte, einer noch dunkleren Höhlung zu, die sich im-
271


mer mehr und mehr verengte, bis es so enge wurde,
daß Zäpfel zu ersticken glaubte. Denn er wurde jetzt
mit den ihm zunächst befindlichen Fischen zu einer
Masse zusammengequetscht. Indessen, während die
Fische, deren weiches Fleisch keinen Widerstand
leisten konnte, dabei zugrunde gingen, gelangte Zäp
fel Kern dank seiner tannenholzenen Leiblichkeit
glücklich durch die Schlundenge des Walfisches in
den Walfischbauch und: Hurra! sofort sah er in
dessen Hintergrund das gemeldete Lichtchen flim
mern. Mit gewaltigen Stößen seiner Arme und die
Beine mit der Gewandtheit eines Frosches ausein
anderschnellend schwamm er drauf zu und war in
weniger als fünf Minuten bei dem Fensterchen an
gelangt, das er sofort in die Höhe schob, um dann
sogleich durch die Fensteröffnung in den Raum zu
kriechen, den jenes Lichtchen spärlich genug er
leuchtete.
Einundvierzigstes Kapitel
Auf welche ebenso schlaue wie
heldenmütige Weise Zäpfel Kern
seinen guten Vater Zorntiegel
und sich selbst aus dem Bauch
des Walfisches rettet
Ah, wie herrlich! In diesem Raum war es trok-
ken! Schleunigst ließ Zäpfel Kern das Schiebefenster
wieder fallen und sprang auf den Boden. Merkwür
dig: es war hölzerner Boden!
Aber Zäpfel Kern hatte keine Zeit, sich zu wun
dern. Jetzt mußte er zuerst seinem guten Papa um
den Hals fallen.
272


Ach, wie sah er ausl Ein unendlich langer Bart
wallte an ihm herab, und selbst die gelbe Nudelhaar
perücke war weiß geworden.
So saß er hinter einem brennenden Licht an
einem kleinen Tisch und las die Bibel. Fast wäre er
vor glückseligem Entzücken gestorben, als sich sein
Zäpfele an ihn hängte und dann vor ihn hinkniete
und sprach: „Verzeih! Ich habe so unrecht an dir
gehandelt, und meine Schuld ist es, daß deine Haare
weiß geworden sind.“
Aber Meister Zorntiegel beugte sich über ihn, gab
ihm einen langen Kuß auf die Stirn und einen län
geren auf den Mund und sprach: „Du bist da, und so
ist alles gut und alles verziehen. — Ach, mein Zäp
fele, wie glücklich bin ich, daß meine alten Augen
dich noch einmal sehen, ehe sie sich für immer
schließen. Denn nun muß bald gestorben sein.“
18 Zipfel Kern
273


„Nicht doch, Papa! Nicht gestorben!“ rief Zäpfel
aus. „Ich bin gekommen, dich zu retten!“
Aber Meister Zorntiegel schüttelte den Kopf:
„Nein, es ist zu spät, und fast reut mich meine
Freude, dich wiedergesehen zu haben, denn nun
mußt du ja mit mir sterben. Denn es ist kein Ausweg
von hier, und alle Vorräte sind aufgezehrt.“
„Wo man hineinkommt, kommt man auch her
aus“, sprach Zäpfel Kern. „Aber du sagtest: Vorräte.
Hat der Walfisch eine Vorratskammer im Bauch?“
„Das nicht“, sagte Meister Zomtiegel, „aber ich
habe in meinem Unglück ein wunderbares Glück ge
habt, dem allein ich es verdanke, daß ich heute noch
lebe. Denn, denke doch: ich bin ja seit einem Jahr
im Bauch dieses Fisches.“
„Ja richtig, wie war denn das nur möglich?!“ rief
Zäpfel aus und sah sich um.
„Was du hier siehst, mein Zäpfele“, begann Mei
ster Zorntiegel langsam zu erzählen, „ist nicht das
Innere eines Fisches, sondern das Innere der Kajüte
eines Kriegsschiffes, das unser Gastwirt, denn so
möchte ich den Walfisch nennen, gleichzeitig mit mir
verschlungen hat. Ein glücklicher Zufall wollte es,
daß bei diesem schrecklichen Verschlungenwerden
mein armseliges Kähnchen im Tauwerk des großen
Schiffes hängen blieb, und zwar just an einer Luke,
die ich sogleich verschloß. Was aus der Bemannung
des Schiffes geworden ist, weiß ich nicht. Ich weiß
nur, daß ich alle Fenster und Türen fest verschlossen
hielt und es so verhinderte, daß Wasser zu mir ge
langen konnte. Dort die Tür hinter dir führt in die
Vorratskammer des Schiffes, die Tür aber da vor uns
führt zu einem Panzerturm mit einer Riesenkanone.
274


Nun, mit der Kanone konnte ich nichts anfangen,
aber die Vorratskammer war meine Rettung, denn
sie war voll von Konserven, Schiffszwieback, Wein
und auch versehen mit Lichtern und Zündhölzern.
Und was nicht weniger als Glück zu preisen ist: auch
diese Bibel fand sich dort und allerlei Handwerks
zeug. So brauchte auch meine Seele nicht zu hun
gern, und auch meine Hände konnten sich beschäf
tigen. — Weißt du, was ich zuerst gemacht habe?“
„Nun, was denn?“ fragte Zäpfel Kern neugierig.
„Einen Anzug für dich“, antwortete Meister Zorn
tiegel.
„Famos! Famos!“ rief Zäpfel aus, „den kann ich
brauchen, denn ich bin, wie du siehst, fiserfaser-
nackt. Hurra! HurraI Gleich zieh’ ich einen schönen
Kasperleanzug an! Schade nur, daß kein Marder
schwanz am Hut ist.“
„Marderschwanz? Wieso ein Marderschwanz?“
fragte Meister Zorntiegel.
Und nun erzählte Zäpfel Kern, während er sich
anzog, die Geschichte vom Marderschwanz und über
haupt seine ganze Geschichte.
Aufmerksam hörte der Alte zu, dann sprach er:
„Wunderbar hat dich Gott durch seine Fee, die gute
Frau Dschemma, geleitet, die ja auch ich kennen
lernen durfte. Nun aber, lieb Zäpfele, werden wir
uns wohl an den Gedanken gewöhnen müssen, daß
das Ende nahe ist. Du ja könntest vielleicht aus die
ser Finsternis, wo wir nicht bleiben können, weil ich
alles aufgezehrt habe, wieder ans Licht gelangen,
obwohl ich das nicht zu glauben wage, aber ich —
ich bin zu alt und zu schwach.“
„Nichts da!“ rief Zäpfel aus. „Du wirst gerettet,
18"
275


und heute noch! — Ist Pulver bei der Kanone?“
„Was meinst du?“
„Pulver! Zum Schießen!“
„Gewiß! Eine ganze Kammer voll!“
„Und auch Geschosse?“
„Freilich! Ungeheuer große Zuckerhüte ausStahl.“
„Na also. Dann schießen wir einfach ein Loch
durch unseren Gastwirt. Dann nehme ich dich auf
meinen Buckel und schwimm’ mit dir ans Land.“
Meister Zorntiegel schüttelte den Kopf: „Du bist
wahrhaftig mein echter Sohn, denn du hast Phanta
sie. Das aber, fürcht’ ich, wird doch nicht gehen.“
Aber es ging! Zäpfel Kern lud eine Kanone mit
dem größten Stahlzuckerhut, schoß los und, pitsch!
bum! krach! sauste der Zuckerhut durch den Leib
des Walfisches.
Durch das dadurch entstehende Loch aber sprang
Zäpfel Kern ins Meer, seinen guten Papa auf dem
Rücken tragend.
276


Zweiundvierzigstes Kapitel
Zäpfel Kern zeigt, daß er kein
dummes Kasperle mehr ist
Draußen waren sie nun also, aber in Sicherheit
deswegen lange noch nicht, und es wäre ihnen viel
leicht doch noch übel ergangen, wenn nicht wieder
zur rechten Zeit der gute Delphin aufgetaucht wäre,
der gerade in dem Augenblick den Rachen des Wal
fisches verlassen hatte, als dieser, durch das Loch in
seiner Seite wild geworden, höchst ärgerlich seinen
Rachen auf riß und brüllte: „Was ist denn das für
ein niederträchtiger Unfug? Hier zieht es ja!“
Hätte jetzt der Delphin unsere beiden Freunde
nicht auf seinen Rücken genommen, so wärensie wahr
scheinlich in dem fürchterlichen Aufruhr zugrunde
gegangen, den das ungeheure, wütende Tier durch
seine heftigen Bewegungen im Wasser verursachte.
Auf dem Rücken des Delphins aber gelangten sie,
wenn auch erst nach vielen Stunden und einigen An
fällen von Seekrankheit des guten Alten, glücklich
ans Land, und es versteht sich von selbst, daß sie
ihrem lebendigen Wasser automobil den herzlichsten
Dank aussprachen. Zäpfel Kern gab dem Delphin
sogar einen kräftigen und, wie man sich denken
kann, saftigen Schmatz, obwohl das gute Schuppen
tier etwas tranig aus dem Schlund roch. Dann
fragte er: „¥nd kannst du mir auch diesmal den
Weg sagen, wie damals auf der Insel Goldboden?“
„Ei natürlich!“ antwortete der Delphin: „Immer
der Nase nach, mein Zäpfele! Immer deiner schönen
Kasperlenase nach!“
277


„Na also, dann adieu, Onkel Delphin I Grüß deine
liebe Frau Delphinin und alle deine Herren Söhne
und Fräulein Töchter recht herzlich von mir und laß
dich wieder mal sehen“, rief zum Abschied Zäpfel
Kern, und der Delphin antwortete: „Werd’s aus-
richten, gutes Kasperle, und Wiedersehen werden wir
uns gewiß — das heißt, wenn du jetzt endlich wirk
lich gescheit geworden bist. Sonst siehst du mich nie
wiederl“
„Wenn’s auf nichts weiter ankommt als auf meine
Gescheitheit, dann habe ich sicher noch das Ver
gnügen“, antwortete das Kasperle, „denn gescheit
bin ich jetzt kolossal.“
Dann wanderten Vater und Sohn tapfer drauf los
ins Land hinein, wobei unser Zäpfel unausgesetzt
darauf bedacht war, dem Alten das Gehen zu er
leichtern.
So mochten sie etwa eine Stunde Weges hinter
sich haben, als sie zwei elende Gestalten am Wege
stehen sahen, die bettelnd die Hüte hinhielten und
murmelten: „Ein Almosen, liebe Herren, bitte, bitte
ein Almosen für einen alten lahmen Mann und eine
alte blinde Frau.“
„Euch kenne ich doch?!“ sagte Zäpfel Kern. „Du
bist der nichtswürdige Fuchs, der mich bestohlen
hat, und du die nicht weniger nichtswürdige Katze,
die ihm dabei half. Es scheint also, das Sprichwort
ist wahr: .Unrecht Gut gedeiht nicht', und ,Wer an
deren hat einen Rock genommen, ist meist ohne
Hemde umgekommen'.“
„Es ist nur zu wahr“, antwortete der Fuchs.
„Nur zu wahr“, wiederholte die Katze.
„Und nicht nur, daß wir alles verloren haben, was
278


wir dir und anderen stahlen, ich bin auch für meine
Verstellung bestraft und wirklich lahmgebissen wor
den von einem schrecklichen Fanghund, namens
Schnapps“, fügte der Fuchs hinzu.
„Daran erkenne ich meinen wertgeschätzten
Freund Schnapps“, sagte einfach Zäpfel Kern.
„Und ich“, jammerte die Katze, „wurde vor lauter
Sotun in der Tat auch wirklich blind.“
„Das kommt davon“, meinte Zäpfel Kern. „Leid
tut mir’s ja, aber ich kann weder dir das Hinken
noch dir das Blindsein wegkurieren. Ich habe jetzt
mit meinem guten alten Papa zu tun, der mehr An
spruch auf meine Hilfe hat als ihr zwei Schufte. Euch
kann ich nichts geben als den guten Rat: Packt euch
weg und schert euch nach Hurrasien, wo man aus
Räubern große Herren macht.“
„Ja, so lange einer Kraft hat zu rauben. Wir aber
sind dort ausgewiesen worden, weil wir jetzt ge
brechlich sind“, antworteten die zwei. „Bitte, bitte
hilf uns doch! Nimm uns zu deinen Dienern an,
wenn du sonst nichts für uns tun kannst. Wir wollen
dir gewiß treu ergeben sein.“
Fast hätte ihnen Zäpfel Kern geglaubt, aber in
dem er sich alles überlegte, wie sich die beiden ihm
gegenüber benommen hatten, mußte er doch zu der
Überzeugung kommen, daß an ihnen Hopfen und
Malz verloren war, und er sprach: „Wenn ich ein
großer Herr wäre, dem’s nicht darauf ankommt,
vorn und hinten bestohlen und betrogen zu werden,
würde ich tun, was ihr von mir möchtet; schon, da
mit ihr seht, daß ich nicht rachsüchtig bin. Aber so:
Nein! Ich kann mir den Luxus nicht leisten, Diebe
270


als Diener zu nehmen. Fahrt ab, ihr Schufte! Zäpfel
Kern ist klug geworden!“
Und die beiden drückten sich, indem sie mur
melten: „Der ist wahrhaftig gescheit geworden!“
Meister Zorntiegel gab seinem Kasperle ganz
recht: „Mitleid“, sprach er, „ist eine Tugend, aber es
kann auch eine Dummheit sein und ein Unrecht an
solchen, die es wirklich bedürfen. Wenn du einen
ändern im Elend siehst, und du kannst ihm helfen,
so tu es, auch wenn er möglicherweise deiner Hilfe
nicht würdig ist. Indessen, wenn du ganz genau
weißt, er ist ein Schurke, so heb deine Hilfe lieber für
andere auf, die nicht jeden Augenblick bereit sind,
sich selbst durch Schurkereien zu helfen.“
So gingen sie weiter und weiter, bis Meister Zorn
tiegel vor Müdigkeit nicht mehr gehen konnte.
„Ach, das Alter“, sprach er, „ist ein Elend! Ich
kann nicht mehr! Hunger, Durst und Müdigkeit sind
für einen alten Mann schlechte Weggesellen. Geh
280


allein, Zäpfel Kern, und laß mich am Weg warten,
ob jemand kommt, der mir hilft.“
Zäpfel Kern aber sprach: „Weißt du, Papa, du
hast wohl recht, mich für einen Windbeutel und
Leichtfuß zu halten; daß du mich aber für einen
schlechten Kerl hältst, ist nicht recht von dir. — Mag
kommen, was will, ich bleibe bei dir ... Übrigens
sehe ich dort im Feld Rauch aufsteigen. Gewiß ist
dort ein Bauernhaus. Ich spring’ schnell hin und
schau’ nach.“
Und wie der Wind eilte er davon.
Keine drei Minuten vergingen, und er war wieder
da, mit freudestrahlendem Gesicht. „Komm“, rief
er schon von weitem, „es ist wirklich ein Bauern
haus, und eine Stimme hat mir geantwortet, daß wir
eintreten dürfen. So findest du wenigstens einen
Stuhl, dich zu setzen.“
Als sie aber an das Haus kamen, fanden sie es
verschlossen, und als Zäpfel Kern klopfte, rief eine
dünne Stimme: „Ich hab’ mir’s anders überlegt. Für
Zäpfel Kern ist hier kein Eintritt.“
„Kennst du mich denn?“ fragte Zäpfel Kern.
„Wie sollte ich meinen Mörder nicht kennen“,
antwortete die Stimme.
„Erlaube mal“, antwortete Zäpfel, „wenn ich dein
Mörder bin, wie kommst du denn dazu, zu leben?“
„Das ist nicht dumm gefragt“, entgegnete die
Stimme, „und für gescheite Fragen habe ich eben
soviel übrig wie für gescheite Antworten. Darum will
ich dich wirklich hereinlassen, obwohl du es eigent
lich nicht wert bist.“
„Meinetwegen kannst du mich gleich wieder hin-
281


auswerfen“, antwortete Zäpfel Kern, „wenn du nur
meinen guten Papa beherbergen willst.“
Die Tür ging auf, sie traten ein. Niemand war
zu sehen.
„He! Wirtschaft“, rief Zäpfel Kern. „Wohnt hier
der unsichtbare Herr Luft?“
„Nein!“ kam eine Stimme von der Wand. „Hier
wohnt Professor Doktor Maikäfer, ermordet an
einem stürmischen Maiabend von Zäpfel Kern und
zum Leben wieder aufgeweckt an einem schönen
Maimorgen von Frau Dschemma.“
„Dacht’ ich mir’s doch“, sagte Zäpfel Kern. „Der
gelehrte Maikäfer, an dem ich so häßlich gehandelt
habe, hört nicht auf, mir Böses mit Gutem zu ver
gelten. Aber ich verstehe jetzt die Mahnung, die darin
liegt, Herr Professor.“
„Das wollen wir hoffen“, entgegnete der und stieg
eine Treppe herunter, indem er einer langen Tabaks
pfeife dichte Dampfwolken entsaugte. Aber diese
Wolken rochen nicht nach Tabak, sondern nach
Ananas.
„Diesen Tabak haben Sie sicher von Frau Dschem
ma geschenkt bekommen“, sagte Zäpfel Kern.
„Allerdings“, antwortete der gelehrte Maikäfer.
„So ist also meine liebe Mama hier in der Nähe“,
sagte Zäpfel Kern.
„Diese Folgerung ist nicht ganz richtig“, antwor
tete der gelehrte Maikäfer.
„Ach, sagen Sie mir doch, wo sie ist“, bat Zäpfel
Kern.
„Sie wird sich dir zeigen, wenn sie es für gut be
findet“, antwortete der gelehrte Maikäfer.
282


„Ach“, meinte Zäpfel Kern, „wer weiß, ob sie mich
noch mag.“
„Wer weiß“, sagte der Maikäfer und wackelte mit
seinen Fühlern. „Aber“, fuhr er fort, „Meister Zorn
tiegel bedarf, wie ich sehe, der Stärkung. Es ist deine
Pflicht, Zäpfel, ihm eine Labung zu verschaffen. Ich,
der ich mich von Blättern und Tau nähre, habe na
türlich nichts im Haus, aber nebenan, ein Viertel
stündchen weit, wohnt ein Müller namens Klapper
rad, der hat eine Kuh, und diese Kuh gibt Milch. Lauf
hin und hol einen Topf voll.“
Und Zäpfel lief. Und er lief pfeilschnell, so
daß er statt einer Viertelstunde nur fünf Minuten
brauchte.
,,n’ Abend, Herr Klapperrad“, begrüßte er den
Müller, der, über und über mit Mehl bestaubt, vor sei
ner Mühle stand, deren großes Rad, von einem klei-


nen Bach getrieben, sich fleißig drehte, ,,n’ Abend,
n’Abend, bitte geben Sie mir einen Topf Milch.“
„Gerne, mein Sohn“, antwortete der Müller, „willst
du einen Topf für fünf oder für zehn Pfennige?“
„Ach“, antwortete Zäpfel Kern, „am liebsten einen
für zwanzig Pfennige, — nur habe ich leider kein
Geld.“
„Hm ...“, meinte der Müller, „kein Geld ... das
ist dumm . . ., aber mir scheint, du hast einen kräf
tigen Rücken, nicht?“
„0 ja! Ich glaube schon, daß er kräftig ist.“
„Na, dann kann uns beiden geholfen werden“, ant
wortete der Müller. „Ich habe noch zehn Säcke Mehl
drüben abzuliefern beim Bäcker Winzigbrot, und
mein Esel ist am Ende seiner Kräfte. Schlepp mir
die Säcke, und du kriegst dafür einen großen Topf
Milch.“
„Furchtbar gerne“, antwortete Zäpfel Kern.
„Na, na“, antwortete der Müller, „so furchtbar
gerne wirst du das kaum tun, denn die Säcke sind
schwer. Mein Eselchen liegt nicht umsonst im Ster
ben, und ein Esel hat mehr Kräfte als ein Junge.“
„Was ein Esel kann, kann ich auch“, sagte Zäpfel
Kern und dachte mit Schrecken an seine Eselserleb
nisse.
„Woll’n sehen!“ meinte der Müller.
Aber Zäpfel Kern schleppte richtig alle zehn
Säcke zum Bäcker, und der Müller mußte ihn loben,
denn das Kasperle brach fast zusammen unter der
Last, und der Schweiß rann ihm in Strömen.
Als er den letzten Sack abgeliefert hatte und da
für einen großen Topf Milch in Empfang nahm, hörte
284


er ein Stöhnen aus der Ecke und vernahm die auf
eselisch gesprochenen Worte: „Zäpfel Kern! Zäpfel
Kern! Siehst du mich denn nicht?“ Zäpfel ging der
Stimme nach und erblickte ein armes, krankes Esel
chen, das auf einer Schütte Stroh in der Ecke lag
und kaum noch zum Gruß mit dem Schwanz we
deln konnte.
„Mein Gott!“ rief Zäpfel Kern und kniete an seiner
Seite nieder, „du bist doch nicht
„Ja, ich bin Spinnifax“, antwortete der Esel, „ich
bin der unselige Spinnifax, der nicht lernen wollte
und sich dafür hat zu Tode arbeiten müssen als Esel.
Ich sterbe, Zäpfel, ich sterbe! Ist das nicht ein trau
riges Los? Wer mir das gesagt hätte, daß ich als Esel
enden würde!?“
„Ach, du Armer“, sagte Zäpfel und schlang seine
Arme um den Eselskopf. „Ich fühle, wie du leidest,
aber ich kann dich trösten. Du endest nur als E s e 1.
glaube mir. Auch ich habe als Esel geendet und noch
dazu als Esel mit gebrochenen Hinterbeinen im Meer,
angefressen von Fischen. Dann aber bin ich wieder
i c h geworden! Glaube mir. so wird es auch mit dir
sein. Du bist nur am Ende deiner Prüfungszeit als
285


Esel. Ist dann das Eselhafte in dir tot, so wirst du
wieder Spinnifax sein, aber nicht der alte dumme,
sondern ein neuer gescheiter. Freue dich! Bald ist
deine schlimme Zeit vorüber 1“
„Hoffentlich“, hauchte Spinnifax und legte sich
schwach auf die andere Seite. Der Müller, der die
Eselsprache nicht verstand, hatte mit Staunen ge
hört, wie Zäpfel mit dem Esel in Esellauten gespro
chen hatte, und er sagte: „Was war denn das? Es
scheint, du kannst nicht bloß wie ein Esel arbeiten,
sondern auch wie ein Esel reden!“
„Ich bin“, antwortete Zäpfel, „ein Schulkamerad
dieses Esels.“
„Was der Daus“, rief der Müller, „du bist also mit
Eseln in die Schule gegangen!? Da wirst du nicht
viel gelernt haben.“
„Reden wir nicht darüber!“ entgegnete Zäpfel, der
sich schämte. „Versprecht mir lieber, den Esel zu
begraben wie einen Menschen. Ich will dafür noch
mehr Säcke tragen und überhaupt an seine Stelle
treten, wenn ich dafür immer einen Topf Milch
kriege.“
„Abgemacht!“ sagte der Müller.
Und so geschah’s. Tag für Tag schleppte Zäpfel
Kern Sack für Sack zum Bäcker und erhielt dafür
zum Lohn für seinen guten Vater einen Topf gute
Milch.
Da Meister Zorntiegel aber auch essen mußte,
galt es, auch Brot und Fleisch zu kaufen, und so ar
beitete Zäpfel Kern, um das Geld dafür zu verdienen,
auch beim Bäckermeister Winzigbrot.
Eines Tages traf er dort einen neuen Lehrjungen
— und wer war das? — Spinnifax! „Siehst du wohl“,
286


sagte Zäpfel Kern zu ihm, „das kommt davonl Wir
wollten nicht ins Gimpelnasium gehen und sind da
für Bäckerjungen geworden.“
„Aber immer noch besser als Esel“, meinte Spin-
nifax.
„Sehr richtig!“ antwortete Zäpfel. „Und überhaupt:
Arbeit ist keine Schande, und ein richtiger Bäcker-
junge wird ein tüchtiger Bäckergeselle, und ein tüch
tiger Bäckergeselle wird mal ein tüchtiger Bäcker
meister, und ein tüchtiger Bäckermeister braucht
sich vor keinem König zu schämen.“
„Am wenigsten vor einem König der Tagediebe“,
lachte Spinnifax.
„Schweigen wir davon, Herr Reichskanzler“, lachte
Zäpfel Kern.
*
So ging Monat auf Monat in fleißiger Arbeit lustig
dahin, und eines Tages fand Zäpfel Kern, daß er ge
nug Geld erspart hatte, um sich das einzige zu kau
fen, was ihm zu seinem Glück noch fehlte: einen
Marderschwanz auf seinen Hut, denn das muß ge
sagt werden: Eitel war unser Kasperle noch immer.
Und so bat er seinen guten Papa um die Erlaub
nis, in die Stadt gehen und sich diese haarige Zierde
kaufen zu dürfen.
Meister Zorntiegel, der eine rechte Freude über
sein fleißiges Zäpfele hatte, erlaubte es ihm, und das
Kasperle machte sich munter auf den Weg.
Da hörte er es plötzlich neben, unter sich flü
stern: „Zäpfel! Zäpfel! Warum so schnell?“
Und als er auf den Boden sah, erblickte er eine
Waldschnecke, die den Kopf nach ihm erhob.
287


„Bist du’s oder bist du’s nicht?“ sagte er.
„Freilich bin ich’s“, antwortete die Schnecke, de
ren Stimme immer noch verschleimt war.
„Und bist du noch bei Frau Dschemma im Dienst?“
„Ach, unsere gute Frau Dschemma wird bald keine
Dienerin mehr brauchen.“
Zäpfel Kern erschrak furchtbar und fragte: „Sie
... sie ist doch nicht etwa krank? Sie . . sie wird
doch nicht etwa sterben?“
Die Schnecke antwortete: „Ach, leider, leider
geht es ihr schlecht, sehr schlecht. Sie ist aus Gram
über dich krank geworden, und es fehlt ihr an Geld
für die Medizin.“
„Da nimm“, rief Zäpfel Kern aus, „nimm, was
ich habe. Gib es meiner lieben Mama und sag ihr:
Morgen komme ich selbst! Denn ich muß jetzt gleich
nach Hause, mit meinem Papa zu reden, was wir
tun können.“
„Aber, dein Marderschwanz!“
„Ach, laß doch den Unsinn! Denkst du, ich will
mich schmücken, während es meiner guten Mama
schlecht geht!? Mach! mach! mach doch, du —
Schnecke du!“ Da nahm — die Schnecke? — nein:
da nahm — Fräulein Täubele? — nein: da nahm eine
schneeweiße Taube Zäpfel Kerns Börse in den Schna
bel und flog davon. Zäpfel Kern schaute ihr erstaunt
nach und lief nach Hause.
„Schon zurück?“ fragte Meister Zorntiegel. „Und
der Marderschwanz?“
„Nichts Marderschwanz, Papa! Morgen muß ich
in die Stadt, unserer guten Frau Dschemma helfen.“
288


Dreiundvierzigstes Kapitel
Wie Zäpfel Kern zu träumen
glaubt und beim Erwachen nicht
weiß, ob er geträumt hat — und
damit Schluß
Als Zäpfel Kern am Abend dieses Tages sein
Schlaflager aufsuchte, das nur aus einer Schütte Heu
bestand und einem Bund Stroh als Decke darüber,
da klopfte sein Herz heftiger denn je, und das Blut
summte in seinen Schläfen, und das ganze Kasperle
war wie im Fieber der Aufregung bei dem Gedanken:
„Morgen gehe ich zu meiner Mama und helfe ihr,
daß sie gesund wird!“
Aber da er auch an diesem Tag sich müde gear
beitet hatte, schlief er schließlich doch ein. Das Letzte
was er sah, war die silberne Scheibe des Mondes, der
durch sein Dachfenster zu ihm in seine kahle, ärm
liche Kammer guckte. Wie er aber die Augen ge
schlossen hatte, sah er mehr:
Es rollte sich vom Mond eine silberne Strick
leiter herunter, und auf dieser Strickleiter stieg gravi
tätisch Herr Löcklich herab in der ganzen Pracht
seiner Leil)kutscherlivree. Und Herr Löcklich sprach:
„Ich habe die Ehre, Ihre Feeliche Hoheit Frau
Dschemma zu melden/ 4
Und es kam ein Glanz in die Kammer wie golde
nes Morgenrot und ein Duft wie aus Ananasgärten,
und in dem Glanze schwirrten schneeweiße Tauben,
die sich überall hinsetzten, daß die ganze Kammer
erfüllt war von Taubenflügeln im Morgenglanz.
Mitten unter den Tauben aber saß Frau Dschemma.
19 Zäpfel Kern
289


Und Frau Dschemma sprach: „Grüß dich Gott,
mein liebes Kasperle, wie geht’s?“
„Gut geht mir’s, schöne Frau, aber meiner lieben
Mama, der du ganz gleich siehst, geht’s schlecht, und
daher geht es auch mir nicht gut.“
„Ei, Zäpfele, was redest du da! Ich sehe nicht bloß
aus wie deine Mama, — ich bin es selbst!“
290


„Und bist nicht krank?“
„Dein gutes Herz hat mich wieder gesund ge
macht!“
„Und hast mich lieb?“
„Wie nur eine Mama ihr Kind lieb haben kann!“
„Mich böses Kasperle?“
„Bist ja kein böses Kasperle mehr, bist ein bra
ves, tüchtiges, gutes Kasperle, und wenn du willst,
wirst du überhaupt kein Kasperle, sondern ein Men
schenkind sein.“
„Ich will, was du willst, Mama.
„Nein, Zäpfele, es soll ganz so sein, wie d u willst.
Überleg dir’s rechtl“
Und Zäpfel Kern warf sich im Schlaf herum, un
ruhig, unsicher, hin- und hergewendet von ungewis
sen Gefühlen.
Endlich sprach er langsam und leise: „Mir scheint,
Mama, es wäre besser, ich bliebe ein Kasperle.
Mir ist, es wäre besser so. Ich bin ein Bäumchen im
Wald gewesen, und der Waldvater, der uralte, der
auch kein Mensch ist, hat mich in die Stadt gebracht
als ein Stück Wald, und mein lieber Menschenvater
hat mir vom Menschlichen nur die Kunst gegeben. —
Nicht war, Mama, so ist’s?“
„Ja, mein Kasperle.“
„So hab’ ich also die Natur vom Wald, und die
müßt ich doch verlieren, wenn ich ein Menschen
kind würde?“
„Ja, das müßtest du.“
„Und wäre auch kein Kunstding mehr, kein Werk
von Menschenkunst?
„Nein, denn ein Menschenkind ist kein Werk der
Menschenkunst!“
291


„So verlor’ ich ja alles, was ich bin, Mama: meine
Natur und mein Kunstwesen?“
„Freilich!“
„Ach, Mama, — dann würde ich ja was ganz an
deres!? Soll ich das wirklich wollen?“
„Du sollst nur, was du willst.“
„Und du bist nicht böse, wenn ich kein Menschen
kind werden will?“
„Nicht im geringsten! Hör bloß auf dich! Denk
nicht an mich!“
„Ich höre auf mich, Mama, und denke an dich!
Und mir ist: das ist ganz das Gleiche. Oh, Mama,
jetzt weiß ich’s: Auch du bist wie ich! Deine Natur
ist zwar nicht aus dem Wald, aber sie ist aus dem
Himmel, und auch du bist ein Wesen aus der Kunst
der Menschen, wenn auch aus einer anderen Kunst.“
„Du fühlst etwas Richtiges, mein liebes Kasperle.“
„Und darum bist du wirklich und wahrhaftig
meine Mama und wirst mir nicht böse sein, wenn
ich, ein Kasperle, dein Kasperle bleibe!“
„Recht gesprochen, mein Kind!“ sprach die Fee
und küßte Zäpfel Kern auf den Mund. „Bleib, was
du bist: kein Menschenkind, aber ein Bild für Men
schenkinder, von dem sie lernen mögen, indem sie
darüber lachen!“
In diesem Augenblick kam der weiße Falke ge
flogen und schlug an die silberne Scheibe des Mon
des mit dem Klöppel aus dem steinernen Palast der
Fee, und der Mond wurde zu dem klingenden Schild
an Frau Dschemmas Schloß, und dieses selbst baute
sich im Himmel leuchtend auf, und. der Garten mit
dem hohen Gitter aus eisernen Lilien rückte heran,
und die Lindenallee schob sich herbei, und die große
292


Eiche kam und der grüne Wald. Und in der Allee
fuhr die himmelblaue Kutsche herbei mit den wei
ßen Katzen, und Herr Löcklich saß auf dem Bock,
und auf dem Ebenholzbrett hinten standen seine
beiden Söhne. Und jetzt saß die Fee im Wagen und
neben der Fee Meister Zorntiegel und ihnen gegen
über Zäpfel Kern. Und die Dackel-Soldaten standen
am Tor und präsentierten, und General Bumbautz,
der Schnauzei, senkte den Degen, und Schnapps war
Portier und Kastellan, und Fräulein Täubele stand
neben ihm am Tor. Und, als die Kutsche vorfuhr,
schrien alle Hurra!
Und als Zäpfel Kern aufwachte, war alles wirk
lich so, wie er geträumt hatte. Und so ist es heute
noch.


Inhalt
Was dem Tischlermeister Gottlieb, genannt Pflaume, mit
einem Stück Holz passierte 9
Meister Pflaume wird das gefährliche Stück Holz auf gute
Weise an seinen Freund Meister Zorntiegel los, der eine
gelbe Perücke und davon einen Spitznamen hat 14
Meister Zorntiegel macht sich sogleich an die Arbeit, erlebt
aber wenig Freude daran 20
Wohin Zäpfel Kern von seinen Beinen getragen wurde, und
was ihm später der gelehrte Maikäfer sagte, für dessen
Lehren er sich auf eine schändliche Weise bedankte 28
Zäpfel Kern, der nichts lernen wollte, lernt doch etwas:
hungern. Da ihm diese Kunst nicht gefällt, möchte er sich
einen Eierkuchen backen, aber es kommt nicht dazu 34
Fortsetzung der bösen Erlebnisse Zäpfel Kerns 38
Was für ein guter Kerl der Meister Zorntiegel, und was für
ein frecher Bengel Zäpfel Kern ist 41
Meister Zorntiegel hört nicht auf, seinem Kasperle Gutes
zu tun 45
Wie schnell Zäpfel Kern seine guten Vorsätze vergißt 50
Welchen Eindruck Zäpfel Kern auf die anderen Kasperle
und auf den Kasperletheaterdirektor macht 55
Was es bedeutet, wenn Direktor Fürchterlich fürchterlich
niest 61
Zäpfel Kern will seinem guten Papa wiederum einen neuen
Rock kaufen, kommt aber wiederum nicht dazu, weil er
vorher eine merkwürdige Begegnung hat 66
In der Schenke zum gespickten Heupferd 74
Es spukt 82
Schrecken über Schrecken 85
Es geht ihm an den Kragen 90
294


Wer die schöne Frau ist, und was die schöne Frau tut 98
Zäpfel Kern liefert den Beweis, daß Professor Doktor Mai
käfers Diagnose richtig war 108
Frau Dschemma bewährt sich wieder als gute Fee, und
Zäpfel Kern benimmt sich wieder als dummer Bub 117
Brüderlein und Schwesterlein 121
Zäpfel Kern macht seinem von Frau Dschemma gekenn
zeichneten Gesichtsausdruck alle Ehre 125
Wie es im Lande Hurrasien Leuten geht, die bestohlen
worden sind 133
Zäpfel Kern zappelt wieder einmal, aber diesmal zu seinem
Glück, doch wird er bald am Weiterzappeln verhindert 141
Zäpfel Kern erhält ein verantwortungsvolles Amt, freut
sich aber gar nicht darüber 145
Phylax der Zweite macht seine Sache besser als Phylax
der Erste 149
Traurige Nachrichten und schreckliche Geschehnisse 154
Zäpfel Kern kommt auf eine Insel, wo alle Menchen gerade
die Leidenschaft haben, die dem Kasperle ganz fremd ist 161
Zäpfel Kern bekommt nicht nur Streuselkuchen, sondern
auch eine Mama 170
Das Kasperle in der Schule 175
Die Verschwörung und ihr schlimmes Ende 182
Gepackt, gehetzt, entwischt 191
Gefangen, geschuppt, in Mehl gewälzt und ..» 197
... gerettet. Aber dann geht nicht alles so fix, wie es Zäpfel
Kern gern haben möchte 201
Zäpfel Kern führt den Beweis, daß ihn das Schicksal noch
lange nicht genug gezwiebelt hat, indem er wiederum einem
Verführer Gehör schenkt. Diesmal aber ist der Verführer
genau so dumm — wie er 213
295


Zäpfel Kern bewährt sich wieder einmal als Reiter, ver
nimmt eine Stimme, ohne auf sie zu hören, sieht einen Esel
weinen und kommt durch ein Land, das ihm (zu seiner
Ehre) gar nicht gefällt 221
Zäpfel Kern findet, daß die ewige Ferienkolonie Spiel-
immerland durchaus sein Fall ist, und es sieht ganz so aus,
als habe er recht gehabt, mit Spinnifax dorthin auszu
wandern 232
Mit welcher sonderbaren Zierde der König von Spielimmer-
land erwacht 250
Was der große Esel Zäpfel Kern alles ausstehen muß 256
Ein feuchtes Abenteuer 262
Licht im Dunkeln 267
Auf welche ebenso schlaue wie heldenmütige Weise Zäpfel
Kern seinen guten Vater Zorntiegel und sich selbst aus dem
Bauch des Walfisches rettet 272
Zäpfel Kern zeigt, daß er kein dummes Kasperle mehr ist 277
Wie Zäpfel Kern zu träumen glaubt und beim Erwachen
nicht weiß, ob er geträumt hat — und damit Schluß 289
GESAMTHERSTELLUNG! DUTZON K BERCKER • KEVELAER




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Zapfel Kerns abenteuer.
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